Update Piraterie — Stand 04.03.2012

Auch diese Mon­sun­zeit geht allmäh­lich zu Ende, und dementsprechend leben die Aktiv­itäten soma­lis­ch­er Pirat­en wieder deut­lich auf. Für große Teile des Indik gilt bere­its die Bedro­hungsstufe „rot“ (siehe Karte). Lediglich vor der soma­lis­chen Küste sowie im südlichen Soma­li­abeck­en und im südlichen Indik (östlich Mada­gaskar) wer­den Kaper­fahrten noch durch Wind und Wellen beein­trächtigt.

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Piratenbedro­hung (Karte: gcaptain.com)

So wur­den in der abge­laufe­nen Woche denn auch eine ganze Rei­he ver­suchte Über­fälle gemeldet. Am 25. Feb­ru­ar grif­f­en Pirat­en im Ara­bis­chen Meer vor der oman­is­chen Küste das kleine sin­ga­pursche Con­tain­er­schiff KOTA ARIF an. Ein eingeschifftes bewaffnetes Sicher­heit­steam kon­nte den Angriff abwehren. Als die sofort ins Gebi­et beorderte ital­ienis­che Fre­gat­te GRECALE (NATO) vor Ort ein­traf, fand sich von den Pirat­en keine Spur mehr.

Am gle­ichen Tag will die iranis­che Marine (eingeschifftes Sicher­heit­steam?) im südlichen Roten Meer knapp nördlich der Meerenge des Bab el Man­deb einen Über­fall auf einen iranis­chen Tanker vere­it­elt haben. Gle­ich sechs Skiffs seien „in die Flucht geschla­gen“ wor­den. Möglicher­weise waren es nur harm­lose Fis­ch­er, die auf dem Kurs des Tankers ihrer Arbeit nachgin­gen. Pirat­en sind aber defin­i­tiv in der Region auch am Werk, denn drei Tage später grif­f­en im gle­ichen Seege­bi­et zwei Skiffs ein anderes Han­delss­chiff an, beschossen dieses auch, kon­nten aber nicht an Bord gelan­gen.

Am 27. Feb­ru­ar waren Pirat­en im äußer­sten nördlichen Golf von Oman aktiv, fast schon im Südein­gang zur Straße von Hor­muz. Drei Skiffs ver­fol­gten ein Con­tain­er­schiff, gaben nach Warn­schüssen eines eingeschifftes bewaffnetes Sicher­heit­steam ihr Vorhaben aber schnell auf. 120 sm südöstlich von Salalah (Oman) näherten sich mut­maßliche Pirat­en mit einem Skiff (Enter­leit­ern an Bord) einem Frachter, dreht­en dann aber unver­mutet wieder ab.

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BERLIN Board­ing Team bringt Skiff auf (Foto: EU Nav­For)

In Medi­en­mel­dun­gen der abge­laufe­nen Woche find­et sich gle­ich mehrmals auch der deutsche Ein­satz­grup­pen­ver­sorg­er BERLIN (EU Nav­For). Das Schiff hat nicht nur zur bloßen Unter­stützung der in Oper­a­tion „Ata­lan­ta“ einge­set­zten Zer­stör­er und Fre­gat­ten an das Horn von Afri­ka ver­legt, son­dern führt (mit seinen zwei Bor­d­hub­schraubern Sea King) Auf­gaben eines „voll­w­er­ti­gen Kampf­schiffes“ durch. Schon in der Vor­woche hat­te die BERLIN nach dem Angriff auf den Tanker NORTH STAR (22 Feb) ein Skiff gestellt und acht mut­maßliche Pirat­en in Gewahrsam genom­men. Für eine Strafver­fol­gung reicht­en die Beweise allerd­ings nicht aus, und so mussten die Män­ner am 25. Feb­ru­ar wieder an der soma­lis­chen Küste abge­set­zt wer­den.

Drei Tage später grif­f­en im Golf von Aden Pirat­en mit einem Skiff den Frachter SPILIANI (Flagge: Mar­shall Islands) an, wur­den durch ein eingeschifftes bewaffnetes Sicher­heit­steam aber erfol­gre­ich abgewehrt. Frus­tri­ert kaperten sie daraufhin die zufäl­lig in der Nähe fahrende kleine Fracht­d­hau ALASMA. Nach Notrufen nahm die BERLIN Kurs auf den Ort des Geschehens. Ein Bor­d­hub­schrauber ent­deck­te die gekaperte Dhau und ein Skiff, musste aber Abstand hal­ten, als die Pirat­en die Ermor­dung der Besatzung der ALASMA andro­ht­en. Ein Board­ing ver­bot sich also, aber die BERLIN blieb nun in unmit­tel­bar­er Nähe der gekaperten Dhau, die damit für die Pirat­en nicht zu weit­eren Über­fällen genutzt wer­den kon­nte. Immer eng beschat­tet von der BERLIN steuerten sie die soma­lis­che Küste an, wo sie am 2. März an Land gin­gen und die ALASMA samt Besatzung wieder frei gaben.

Unverän­dert sind am Horn von Afri­ka einge­set­zte Kriegss­chiffe auch bemüht, Kaper­fahrten schon im Ansatz zu unterbinden und mut­maßliche Pirat­en möglichst schon beim Ver­lassen der soma­lis­chen Küste abz­u­fan­gen. Am 28. Feb­ru­ar ent­deck­te das dänis­che Mehrzweckschiff ABSALON (NATO) eine Dhau, die ger­ade von der Küste ablegte und Kurs auf die offene See nahm. Funkan­rufe blieben unbeant­wortet, auch auf Warn­schüsse reagierte das Fahrzeug nicht. Nach Genehmi­gung durch den zuständi­gen Kom­man­deur wurde die Dhau schließlich durch gezielte Schüsse gestoppt und durch ein Board­ingteam unter Kon­trolle gebracht. Erst jet­zt stellte sich her­aus, dass es sich um ein gekapertes Fahrzeug han­delte, dessen 18 Mann Besatzung (Iran­er, Pak­istani) als Geiseln mit an Bord waren. Zwei dieser Geiseln waren so schw­er ver­let­zt (Ursache unklar), dass sie wenig später ver­star­ben; die anderen 16 waren unversehrt. Ins­ge­samt 17 mut­maßliche Pirat­en wur­den an Bord der ABSALON fest­ge­set­zt. Nach dänis­chem Recht kön­nen sie nicht strafrechtlich belangt wer­den. So begin­nt denn ein­mal mehr die Suche nach einem regionalen Land, das bere­it ist, sie vor Gericht zu stellen. Sollte dies nicht gelin­gen, müssen die Ver­brech­er unbeschadet wieder frei gelassen wer­den.

West­afri­ka

Zwei Über­fälle wur­den am 29. Feb­ru­ar vor der Küste Nige­rias gemeldet. Auf See, etwa 80 sm vor der Küste des Nigerdeltas, ver­fol­gten mut­maßliche Pirat­en einen nige­ri­an­is­chen Tanker, der durch Auswe­ich­manöver aber ein­er Kape­rung ent­ge­hen kon­nte. Direkt an der Küste enterte eine bewaffnete Gang einen vor Port Har­court ankern­den Frachter, raubte Wert­sachen und set­zte sich dann mit drei Besatzungsmit­gliedern als Geiseln schnell wieder ab. Die drei Geiseln wur­den wenig später der Rebel­len­gruppe MEND (Move­ment for the Eman­ci­pa­tion of the Niger Delta) „ange­boten“.

Der Vor­fall verdeut­licht ein­mal mehr die Unter­schiede zur Pira­terie am Horn von Afri­ka. Vor West­afri­ka geht es in der Regel „nur“ um Raubüber­fälle. Mit ganz weni­gen Aus­nah­men sind vor der Küste oder auf Reede ankernde Schiffe Ziel von Ban­den, die es nur auf Wert­sachen an Bord abge­se­hen haben. Schiffe wer­den nur sehr sel­ten ent­führt, und dann auch nicht zur Erpres­sung von Lösegeld, son­dern um ihre Ladung zu stehlen. In der Regel kom­men sie nach weni­gen Tagen wieder frei. Es gibt an der west­afrikanis­chen Küste kein „Sank­tu­ar­i­um“, wo Pirat­en unbe­hel­ligt durch regionale Sicher­heit­skräften von ihnen gekaperte Schiffe wei­thin sicht­bar monate­lang fest hal­ten kön­nen. Dies ist – weltweit – derzeit nur vor Soma­lia möglich.

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Sal­is­bury Island im Hafen von Dur­ban (Quelle: Google Earth)

Kurzmel­dun­gen

  • Die Außen­min­is­ter der EU haben eine Ver­längerung der Oper­a­tion „Ata­lan­ta“ bis 2014 beschlossen. Forderun­gen zur Ausweitung der Oper­a­tion auch auf aktive Bekämp­fung der Pirat­en in ihren Land­stützpunk­ten an der soma­lis­chen Küste blieben ein­mal mehr unberück­sichtigt, auch wenn Res­o­lu­tio­nen des UN Sicher­heit­srates dies aus­drück­lich zulassen.
  • Die hohe Präsenz inter­na­tionaler Seestre­itkräfte ver­an­lasst die soma­lis­chen Pirat­en zunehmend zum Auswe­ichen in bish­er nicht patrouil­lierte Seege­bi­ete. Ein solch­es Auswe­ichge­bi­et sind die Küsten­re­gio­nen vor Tansa­nia und Mosam­bik, bis hinein in die Straße von Mosam­bik. Diese Entwick­lung ver­an­lasst die südafrikanis­che Marine, über eine Reak­tivierung ihres in den let­zten Jahren weit­ge­hend ungenutzten, kleinen Stützpunkt Sal­is­bury Island im Hafen von Dur­ban nachzu­denken. Abstützung auf diese Basis würde die Anmarschwege der bish­er von Simon’s Town (bei Kap­stadt) zu Patrouillen in die Straße von Mosam­bik ver­legen­den Kriegss­chiffe um immer­hin fast 1.500 km verkürzen.
  • Großbri­tan­nien und die Nieder­lande wollen gemein­sam den Auf­bau eines regionalen Nachrichten­zen­trums finanzieren. Das „Region­al Anti-Pira­cy Pros­e­cu­tions Intel­li­gence Coor­di­na­tion Cen­tre“ (RAPPICC) soll auf den Sey­chellen ein­gerichtet wer­den. Es soll Aufk­lärungsergeb­nisse und nachrich­t­en­di­en­stliche Erken­nt­nisse bün­deln und koor­dinieren und vor allem dabei helfen, gerichtlich ver­w­ert­bare Beweise zu sam­meln und den regionalen Strafver­fol­gungs­be­hör­den ver­füg­bar zu machen.

Aktuelle Entwick­lun­gen bei Ein­satzkräften

Am 26. Feb­ru­ar hat sich die spanis­che Korvette INFANTA ELENA (DES­CU­BIER­TA-Klasse) in Dschibu­ti der EU Nav­For bei der Oper­a­tion “Ata­lan­ta” angeschlossen. Die franzö­sis­che Fre­gat­te LA MOTTE PICQUET hat dage­gen mit Rück­kehr in den Heimath­afen Brest am 28. Feb­ru­ar ihre vier­monatige Ein­satz­fahrt im Indik been­det. Zeitweise war das Schiff auch der EU Nav­For angegliedert.

In Qing­dao hat sich am 28. Feb­ru­ar die 11. Ein­satz­gruppe der chi­ne­sis­chen Marine auf den Weg ans Horn von Afri­ka gemacht. Zu ihr gehören der Zer­stör­er QINGDAO (LUHU-Klasse), die Fre­gat­te YANTAI (JIANGKAI-II-Klasse) sowie der Flot­ten­ver­sorg­er WEISHAN HU. Die drei Schiffe wer­den für die Ver­legung ins Ein­satzge­bi­et mehrere Wochen benöti­gen. Eben­falls mehrere Wochen unter­wegs sein wird der US-Zer­stör­er McFAUL. Das Schiff der ARLEIGH BURKE-Klasse lief am 26. Feb­ru­ar aus seinem Heimath­afen Nor­folk an der US Atlantikküste aus und wird sich wahrschein­lich der multi­na­tionalen Ein­satz­gruppe CTF-151 anschließen.

Die deutsche Fre­gat­te LÜBECK hat sich vorüberge­hend aus der EU Nav­For abgemeldet. Das Schiff ver­legt nach Südafri­ka, wo die bilat­erale Übung „Good Hope“ mit der südafrikanis­chen Marine auf dem Pro­gramm ste­ht. Die erste Phase (bis 10. März) find­et gemein­sam mit der südafrikanis­chen Fre­gat­te ISANDLWANA in der Straße von Mosam­bik statt; Schw­er­punkt sind hier Anti-Pira­terie Oper­a­tio­nen. Diese Übungsphase sollte eigentlich schon am 29. Feb­ru­ar begin­nen, scheint sich aber etwas zu verzögern. Bei einem Zwis­chen­stopp in Mom­basa (Kenia) kam es zu ein­er leicht­en Kol­li­sion der LÜBECK mit ein­er Fähre. Per­so­n­en kamen nicht zu Schaden.

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LÜBECK (Foto: Michael Nitz)

In der zweit­en Übungsphase (11.–25. März) wird sich die LÜBECK dann vor der südafrikanis­chen Küste gemein­sam mit der südafrikanis­chen Fre­gat­te AMATOLA und dem U‑Boot QUEEN MODJADJI tra­di­tionellen Seekriegsszenar­ien wid­men. Neben den Übun­gen in See plant die LÜBECK noch Hafenbe­suche in Simon’s Town und Dur­ban, bevor sie dann wieder zur EU Nav­For vor die soma­lis­che Küste zurück kehrt.

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