Update Piraterie — Stand 23. Oktober 2011

Als Faz­it des aktuellen Quar­tals­bericht­es des Inter­na­tion­al Mar­itime Bureau ste­ht die Erken­nt­nis, dass es weltweit noch nie so viele Piratenüber­fälle gegeben hat wie in diesem Jahr; mit in den ersten neun Monat­en ins­ge­samt 352 gemelde­ten Kaper­ver­suchen sei ein neuer Reko­rd erre­icht wor­den. Pos­i­tiv sei allerd­ings zu ver­melden, dass die Erfol­gsquote soma­lis­ch­er Pirat­en deut­lich zurück gegan­gen sei. Nur noch rel­a­tiv sel­ten gelänge es ihnen, ein Schiff tat­säch­lich in ihre Gewalt zu brin­gen. Grund dafür seien zum einen die zunehmend koor­dinierten Ein­sätze zahlre­ich­er inter­na­tionaler Mari­nen, vor allem aber auch effek­ti­vere Eigen­schutz­maß­nah­men (bewaffnete Sicher­heit­steams, Schutzräume) an Bord von Han­delss­chiffes. Immer weniger Kapitäne und Reed­ereien ver­traut­en bei der Pas­sage von pirat­en-gefährde­ten Seege­bi­eten auf ihr „Glück“.

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Karte: gcaptain.comgcaptain

Die abge­laufene Woche unter­stre­icht dies nach­drück­lich. Unter weit­er verbessertem Wet­ter hat es eine ganze Rei­he von Über­fällen gegeben, die allerd­ings sämtlich scheit­erten. Die Orte der ver­sucht­en Kape­run­gen — vom West­ein­gang zum Golf von Aden, über das Ara­bis­che Meer und die Seege­bi­ete nördlich der Sey­chellen bis ins Soma­li­abeck­en östlich von Tansa­nia – zeigen, dass die soma­lis­chen Pirat­en nach dem Ende der Mon­sun­zeit nun wieder in der ganzen Region aktiv werden. 

Am 15. Okto­ber grif­f­en sie im nördlichen Ara­bis­chen Meer einen mala­y­sis­chen Frachter an, kon­nten aber wegen effek­tiv­er Schutz­maß­nah­men (u.a. Stachel­drahtver­haue) nicht an Bord gelan­gen. Am gle­ichen Tag ver­suchte eine andere Bande nord­west­lich der Sey­chellen ihr Glück nacheinan­der bei drei Fis­chereifahrzeu­gen, blieb aber auch hier erfol­g­los. Im Ostaus­gang des Golfs von Aden grif­f­en Pirat­en am 16. Okto­ber mit zwei Skiffs den türkischen Frachter BURAK A an, beschossen diesen auch mit Panz­er­faust­granat­en. Der Kapitän befahl die Besatzung in den Maschi­nen­raum (einen speziell gesicherten Schutzraum gab es nicht; ein Sicher­heit­steam war nicht an Bord). Nur drei Mann blieben auf der Brücke, und diese kon­nten die Pirat­en mit hefti­gen Auswe­ich­manövern am Entern hin­dern bis sie schließlich auf­gaben. Vor der Küste von San­si­bar näherten sich am gle­ichen Tag Pirat­en mit einem Skiff dem Frachter GAS BALI, dreht­en aber schon nach dem ersten Warn­schuss eines eingeschifften Sicher­heit­steams ab. 

Mit­ten auf dem von Kriegss­chif­f­en gesicherten Tran­sitweg (IRTC) durch den Golf von Aden ver­sucht­en Pirat­en, eine Fracht-Dhau zu kapern, ver­mut­lich mit der Absicht, sie als Mut­ter­schiff für weit­ere Über­fälle zu nutzen. Im Ara­bis­chen Meer wurde ein Frachter von drei Skiffs „gejagt“, kon­nte aber entkom­men. Zwei Zwis­chen­fälle gab es am 17. Okto­ber vor der Küste Tansa­nias. Zunächst meldete ein Frachtschiff die „verdächtige Annäherung“ eines Skiffs, kon­nte sich aber mit Auswe­ich­manövern einem möglichen Angriff entziehen. Näch­stes Ziel der ver­mut­lich gle­ichen Bande war das Con­tain­er­schiff EMIRATES ZAMBESI, das in der Nacht etwa 35 sm vor San­si­bar ange­grif­f­en wurde. Hier war man vor­bere­it­et. Die Besatzung wurde in den Schutzraum befohlen, Auswe­ich­manöver ein­geleit­et, und als dann auch noch ein eingeschifftes Sicher­heit­steam die Schüsse der Pirat­en erwiderte, brachen diese ihr Vorhaben schnell wieder ab. 

Zwei weit­ere Angriffe wur­den schließlich am 19. Okto­ber gemeldet. Knapp nördlich der Meerenge des Bab el Man­deb ver­sucht­en Pirat­en, den Mas­sen­gut­frachter MSC KALINA (Flagge Pana­ma) zu kapern, brachen ihr Vorhaben aber ab, als die pak­istanis­che Fre­gat­te BABUR (CTF-151) am Schau­platz des Geschehens erschien. Nördlich der Sey­chellen ver­sucht­en Pirat­en an einem weit­eren Fis­chereis­chiff ihr Glück, scheit­erten aber auch hier. Nur ein­mal wären die Ver­brech­er fast erfol­gre­ich gewe­sen. Vor Süd­so­ma­lia kon­nten sie ein keni­an­is­ches Fis­cher­boot kapern, durften sich allerd­ings nur kurz über die Beute freuen. Die Fis­ch­er kon­nten ihre Ent­führer über­wälti­gen und sich in den Hafen von Mogadis­chu retten. 

Nicht nur dass in der abge­laufe­nen Woche kein einziger Über­fall mit der tat­säch­lichen Ent­führung eines Schiffes endete: ins­ge­samt neun von Kriegss­chif­f­en aufge­brachte und „neu­tral­isierte“ Pirate Action Groups (PAG) ver­stärk­ten noch die aktuelle „Neg­a­tiv­bi­lanz“ soma­lis­ch­er Pirat­en. Am 16. Okto­ber war die britis­che Fre­gat­te SOMERSET (NATO) erfol­gre­ich. 100 sm vor der soma­lis­chen Küste traf sie auf die pak­istanis­che Fis­ch­er-Dhau HIBID FIDI. Das Fahrzeug ver­suchte die Flucht, wurde aber durch Warn­schüsse des Bor­d­hub­schraubers gestoppt. Bei der Durch­suchung stellte sich her­aus, dass Pirat­en die Dhau einige Tage zuvor gekapert hat­ten und seit­dem als Mut­ter­schiff nutzten. Unter anderem war die HIBID FIDI auch Basis für den Über­fall auf die ital­ienis­che MONTECRISTO (11 Okto­ber) gewe­sen. Nun wurde die pak­istanis­che Besatzung befre­it, die Pirat­en in Gewahrsam genom­men, ihre Waf­fen und Aus­rüs­tung konfisziert. 

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HIBID FIDI wird aufge­bracht (Foto: NATO

Am 18. Okto­ber bracht­en Kriegss­chiffe unmit­tel­bar vor der Küste Zen­tral­so­ma­lias zwei Dhaus auf, die sich offen­bar ger­ade auf den Weg zu ein­er Kaper­fahrt machen woll­ten. Zwei Tage später kon­nte vor Süd­so­ma­lia eine weit­ere PAG mit einem offe­nen Mut­ter­boot (Whaler) abge­fan­gen wer­den. Details zu diesen Vor­fällen wer­den in Medi­en nicht genan­nt. Üblicher­weise wer­den Waf­fen und Aus­rüs­tung kon­fisziert, „überzäh­lige“ Boote (Angriffs-Skiffs) versenkt oder unbrauch­bar gemacht und die mut­maßlichen Pirat­en, denen zu diesem Zeit­punkt ja noch kein spez­i­fis­ches Ver­brechen nachzuweisen ist, dann an die Küste zurück geschickt. So auch am 18. Okto­ber geschehen, als das Wach­schiff SUKANYA der indis­chen Marine im Golf von Aden eine Dhau mit einem Skiff im Schlepp abfing. 

Auf der inter­na­tionalen poli­tis­chen Bühne gibt es weit­ere Vorstöße, die zahlre­ichen Anti-Pira­terie Oper­a­tio­nen von multi­na­tionalen Ver­bän­den oder einzel­nen Mari­nen unter einen Hut zu brin­gen. Auf dem zur Zeit am US Naval War Col­lege in den USA stat­tfind­en­den 20. Inter­na­tionalen „Seapow­er Sym­po­sium“ erneuerte Indi­ens Marinebe­fehlshaber Admi­ral Ver­ma die Forderun­gen nach ein­er gemein­samen, von den Vere­in­ten Natio­nen man­datierten, koor­dinierten und auch geführten Oper­a­tion. Ägyptens Marinechef stieß in das gle­iche Horn: seine Marine würde sich erst dann in inter­na­tionale Anti-Pira­terie Oper­a­tio­nen ein­brin­gen, wenn diese „unter einem Man­dat“ der Vere­in­ten Natio­nen stün­den. Wahrschein­lich meint der Admi­ral wie sein indis­ch­er Amt­skol­lege allerd­ings „Führung“ durch die Vere­in­ten Natio­nen. Ein umfassendes Man­dat für Anti-Pira­terie Oper­a­tio­nen am Horn von Afri­ka (und zwar bis in soma­lis­che Hoheits­gewäss­er hinein) haben die Vere­in­ten Natio­nen mit den Res­o­lu­tio­nen Nr. 1816, 1846 und 1851 des UN Sicher­heit­srates näm­lich bere­its 2008 erteilt. Die größeren am Horn von Afri­ka operieren­den Mari­nen ste­hen ein­er UN-geführten Oper­a­tion eher skep­tisch gegenüber, befürcht­en u.a. eine Ver­wässerung der oper­a­tiv­en Rah­menbe­din­gun­gen (u.a. Rules of Engage­ment) auf den kle­in­sten gemein­samen Nenner. 

Aktuelle Entwick­lun­gen bei Ein­satzkräften

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Indis­che Do-228 (Foto: ind. Marine) 

Die iranis­che Fre­gat­te JAMARAN (Teil der 16. iranis­chen Anti-Pira­terie Ein­satz­gruppe) ist am 17. Okto­ber zu einem Ver­sorgungsstopp in Salalah, Oman, ein­ge­laufen. Für das erst im ver­gan­genen Jahr in Dienst gestellte, neue iranis­che Kampf­schiff ist es der erste Besuch in einem aus­ländis­chen Hafen. Die iranis­che Mil­itär­führung hat noch ein­mal Absicht­en zu „Oper­a­tio­nen im Roten Meer“ betont. Möglicher­weise macht die JAMARAN im Rah­men ihres derzeit­i­gen Anti-Pira­terie Ein­satzes dem­nächst einen „kleinen Aus­flug“ nach Norden. 

Der rus­sis­che Hochsee-Bergeschlep­per MB-304 (SORUM-Klasse) hat seinen drei­monati­gen Ein­satz im Golf von Aden been­det und den Rück­marsch zur Schwarzmeer­flotte ange­treten. Der Schlep­per hat­te u.a. den Ein­satz des Nord­flot­ten­z­er­stör­ers SEVEROMORSK unter­stützt, der inzwis­chen in seinen Heimath­afen zurück gekehrt ist. 

Wie schon in den let­zten zwei Jahren, wird die indis­che Marine während der „Piraten­sai­son“ erneut Ein­heit­en „vorgeschoben“ auf den Male­di­v­en sta­tion­ieren. Neben eini­gen (unge­nan­nten) Schif­f­en und Booten soll ein Seeaufk­lärungs­flugzeug Dornier 228 nach Male ver­legen und in den kom­menden drei Wochen von dort aus Ein­sätze über dem südlichen Ara­bis­chen Meer und dem Soma­li­abeck­en fliegen. In den let­zten Jahren hat­ten soma­lis­che Pirat­en ihre Raubzüge mehrfach bis direkt vor die Male­di­v­en und die indis­chen Lakkadi­v­en ausgedehnt. 

Immer mehr Reed­er heuern offen­bar bewaffnete Sicher­heit­steams für ihre Schiffe an, und damit wächst natür­lich auch die Nach­frage bei zivilen Fir­men, die entsprechende Dienst anbi­eten. So will die britis­che Inter­na­tion­al Pro­tec­tion Ves­sel, die bere­its 750 ehe­ma­lige Sol­dat­en (meist frühere Ange­hörige der Roy­al Marines oder ander­er britis­ch­er Spe­cial Forces) unter Ver­trag hat, weit­ere 250 Mann einstellen. 

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