Südostasien rüstet auf

Chi­nas Auf­stieg stellt die macht­poli­tis­che Architek­tur im West-Paz­i­fik in Frage. Kon­flik­te im Süd­chi­ne­sis­chen Meer bere­it­en Südostasiens Eliten Unbe­ha­gen. Mil­liar­den wer­den in Rüs­tung investiert. Neben zwis­chen­staatlichen Rival­itäten gefährden auch innen­poli­tis­che Kon­flik­te die Sta­bil­ität der Region.

Der glob­ale Waf­fen­han­del boomt. USA, Rus­s­land und Deutsch­land waren 2010 die gröβten Waf­fen­liefer­an­ten. Zu den Abnehmern mod­ern­er Waf­fen­sys­teme zählt auch Südostasien. Dort ver­dop­pel­ten sich die Mil­itäraus­gaben im Zeitraum 2005–2009. Der Trend hält an: 2010 und 2011 wur­den wieder Mil­liar­den­sum­men in mil­itärische Rüs­tung investiert. Indone­sien, Sin­ga-pur und Malaysia sind die gröβten Waf­fen­im­por­teure in der Region.

Südostasiens Rüs­tungs­dy­namik wird als Antwort auf aktuelle Kon­flik­te im Süd­chi­ne­sis­chen Meer begrün­det. Chi­nas wirtschaftlich­er Auf­stieg, von Mod­ernisierung und Aus­bau sein­er Stre­itkräfte begleit­et, sowie die macht­poli­tis­che Rival­ität zwis­chen Bei­jing und Wash­ing­ton, die sich im West-Paz­i­fik man­i­festiert, haben in Südostasien, aber auch in Japan und Süd­ko­rea Ner­vosität aus­gelöst.

Jen­seits auβen­poli­tis­ch­er Bedro­hun­gen bein­hal­tet Sicher­heit auch innen­poli­tis­che Sta­bil­ität. Südostasiens Wirtschaftswach­s­tum wird von ungle­ich­er Einkom­mensverteilung und sozialer Polar­isierung bes­timmt, Verteilungskon­flik­te haben sich ver­schärft. Soziale Span­nun­gen, sep­a­ratis­tis­che Gueril­l­abe­we­gun­gen und regionaler Ter­ror­is­mus sind ihr sicht­bar­er Aus­druck. An sozialem Zünd­stoff man­gelt es somit nicht. Vor diesem Hin­ter­grund stellt sich die Frage: dient die mil­itärische Aufrüs­tung in Südostasien nur poten­tiellen auβen­poli­tis­chen Gefahren oder ist sie auch Antwort auf innen­poli­tis­che Krisen?

Chi­na wird als Bedro­hung wahrgenom­men

Chi­na strebt eine Revi­tal­isierung als Groβ­macht an, die es bis Anfang des 19. Jahrhun­derts in Asien gewe­sen war. Mit seinem Auf­stieg beansprucht Chi­na auch eine Neu­verteilung der Macht in Ost- und Südostasien. Die bish­erige Hege­mo­ni­al­stel­lung der USA wird damit her­aus­ge­fordert und bedro­ht. Chi­na will die USA als raum­fremde Macht aus seinem Ein­fluss­bere­ich hin­aus­drän­gen, die mil­itärstrate­gis­che Bal­ance zu seinen Gun­sten verän­dern. In diesem geopoli­tis­chen Kon­text ste­hen Chi­nas Rüs­tungsaus­gaben, die offiziell von 78 Mil­liar­den US-Dol­lar (2010) auf 91,5 Mil­liar­den US-Dol­lar (2011) deut­lich gestiegen sind.

Mar­itime Kon­flik­te zwis­chen Chi­na und seinen Nach­barn wer­den in Südostasien als Bere­it-schaft Bei­jings inter­pretiert, Besitzansprüche im West-Paz­i­fik auch gewalt­sam durchzuset­zen. Ein­seit­ige Sou­veränität­sansprüche Chi­nas im Süd­chi­ne­sis­chen Meer haben Kon­flik­te mit ins­ge­samt fünf Anrain­ern provoziert, ins­beson­dere mit Viet­nam und den Philip­pinen. Stre­it­igkeit­en im Ostchi­ne­sis­chen Meer belas­ten Chi­nas Ver­hält­nis auch zu Japan. Schlieβlich hält sich Bei­jing in der Tai­wan-Poli­tik für eine Wiedervere­ini­gung auch die mil­itärische Option offen. Mar­itime Her­aus­forderun­gen hat Chi­na inzwis­chen mit ein­er Anpas­sung sein­er Marines­trate­gie beant­wortet: durch Ver­lagerung des oper­a­tiv­en Aktion­sra­dius von küsten-nahen Seege­bi­eten auf das offene Meer. Damit unter­stre­icht Chi­na seine Absicht, eine mil­itärische Dom­i­nanz im Süd­chi­ne­sis­chen Meer zu etablieren.

Macht­poli­tis­che Rival­ität zwis­chen Chi­na und USA

Ein mil­itärisch­er Rück­zug aus Ost- und Südostasien ste­ht für die USA nicht zur Debat­te. Im Gegen­teil. Der offen artikulierte Mach­tanspruch Chi­nas wird von Wash­ing­ton offen­siv beant-wortet. Im neuen AirSea-Bat­tle (Luft/See-Kampf) ‑Konzept des Pen­ta­gon for­mulieren die USA Anspruch auf unge­hin­derten Zugang zu inter­na­tionalen Gewässern und Luftraum auch im Süd­chi­ne­sis­chen Meer. Eine Strate­gie der Einkreisung soll Chi­nas Auf­stieg eindäm­men. US-Mil­itärstützpunk­te (Okinawa/Japan, Guam, Süd­ko­rea) und mil­itärische Nutzungsrechte (Philip­pinen, Indone­sien, Sin­ga­pur, Thai­land) bilden den Kern der Strate­gie. Atom­ar bewaff-nete Flugzeugträger­grup­pen und hochmo­bile Ein­satzver­bände des US-Paz­i­fik-Kom­man­dos PACOM sich­ern bere­its die Kon­trolle strate­gis­ch­er Seewege in Südostasien.

Auf der Insel Guam entste­ht der gröβte US-Mil­itärstützpunkt im West-Paz­i­fik (Kosten: rd. 12 Mil­liar­den US-Dol­lar). In Darwin/Australien sollen ab 2016 rd. 2.500 US-Mari­nesol­dat­en und B‑52 Langstreck­en­bomber sta­tion­iert wer­den. Indi­ens Ein­bindung als “strate­gis­ch­er Part­ner” und Amerikas Mil­itär­präsenz in Zen­tralasien ver­voll­ständi­gen den präven­tiv­en “Feuer­ring” um Chi­na. Gemein­same Flot­ten­manöver von USA, Japan und Süd­ko­rea vor der Haustür Chi­nas wer­den von Bei­jing als Pro­voka­tion scharf verurteilt. Steuern Chi­na und USA auf einen mil­itärischen Kon­flikt zu?

Kon­flik­teskala­tion nicht in Chi­nas Inter­esse

Chi­nas weit­er­er wirtschaftlich­er Auf­stieg bedarf eines sicheren regionalen und inter­na­tionalen Umfeldes. Somit hat Chi­na kein Inter­esse an ein­er Eskala­tion auβen­poli­tis­ch­er Kon­flik­te oder eines ruinösen Rüs­tungswet­t­laufs. Zudem liegt Chi­na tech­nol­o­gisch weit hin­ter den USA zurück, ein miltärisch­er Schlagab­tausch mit dem Konkur­renten USA wäre somit illu­sorisch. Bei­jing beteuert seine Bere­itschaft, Kon­flik­te im Süd­chi­ne­sis­chen Meer friedlich (bilat­er­al!) zu regeln — ohne Ein­mis­chung der USA. Doch gel­ten Chi­nas Staat­spräsi­dent Hu Jin­tao und dessen desig­niert­er Nach­fol­ger Xi Jin­ping als Poli­tik­er mit eher schwachen Beziehun­gen zum Mil­itär. Sind Chi­nas mar­itime Kon­flik­te mit Japan, Viet­nam und den Philip­pinen von kon-fronta­tions­bere­it­en Mil­itärs provoziert wor­den?

Innen­poli­tisch sieht sich Chi­nas KP-Führung mit einem ganzen Bün­del Her­aus­forderun­gen kon­fron­tiert. Von exis­ten­zieller Bedeu­tung: die Sicherung sozialer Sta­bil­ität durch Kon­soli-dierung von Wirtschaft und Gesellschaft. 2012 ste­ht in Chi­na ein poli­tis­ch­er Führungswech­sel an, 2012–13 auch im Mil­itär. Ide­ol­o­gis­che Machtkämpfe zwis­chen Kon­ser­v­a­tiv­en und Reformern gewin­nen an Kon­turen. Kor­rup­tion und öffentliche Proteste gegen die Parteipoli­tik sor­gen für poli­tis­chen Zünd­stoff. Auch Umwelt­be­las­tun­gen und eine Über­al­terung der Gesell-schaft stellen Bei­jing vor Prob­leme. Schlieβlich basiert Chi­nas Wirtschaftsmod­ell auf ein­er starken Abhängigkeit von Energie- und Rohstof­fliefer­un­gen, die Hin­ter­grund der Ressourcen-kon­flik­te mit seinen Nach­barn sind.

Machtver­schiebun­gen in Südostasien

Nir­gend­wo lassen sich die tek­tonis­chen Machtver­schiebun­gen zwis­chen den bei­den neuen strate­gis­chen Rivalen Chi­na und USA deut­lich­er able­sen als in Südostasien. Im Zuge neolib­eraler Glob­al­isierung ist diese Region zu einem bedeu­ten­den Pro­duk­tion­s­stan­dort und Wach­s­tum­szen­trum entwick­elt wor­den. Mil­liar­den­schwere Investi­tio­nen transna­tionaler Konz­erne sorgten nicht nur für eine über Jahrzehnte anhal­tende Export­dy­namik, zugle­ich wurde auch eine struk­turelle Abhängigkeit Südostasiens von Absatzmärk­ten in Japan, EU und USA zemen­tiert. Im Han­del mit Südostasien haben die USA inzwis­chen einen deut­lichen Posi­tionsver­lust hin­nehmen müssen. Die USA rutscht­en als Han­delspart­ner der ASEAN-Staat­en (Han­dels-vol­u­men 2010: 178 Mil­liar­den US-Dol­lar) nach Chi­na, Japan und EU auf Platz vier. Chi­na kon­nte seine Posi­tion in Südostasien als Han­delspart­ner, Kred­it­ge­ber und Investor dafür deut­lich aus­bauen. Seit 2010 beste­ht eine Frei­han­del­szone Chi­na-ASEAN. 2010 betrug das Han­delsvol­u­men 293 Mil­liar­den US-Dol­lar, 2011 bere­its rd. 400 Mil­liar­den US-Dol­lar.

Gegen vehe­menten Wider­stand der USA wurde ein Asi­atis­ch­er Währungs­fond gegrün­det, den ASEAN+3 (Chi­na, Japan, Süd­ko­rea) mit 120 Mil­liar­den US-Dol­lar Ein­lage aus­ges­tat­tet haben. Speku­la­tive Angriffe auf eigene Währun­gen sollen damit kün­ftig ver­hin­dert und eine finanzpoli­tis­che Unab­hängigkeit vom Inter­na­tionalen Währungs­fond (Wash­ing­ton ver­fügt im IWF über ein Vetorecht) abgesichert wer­den.

Rüs­tungs­fieber am Süd­chi­ne­sis­chen Meer?

Kein Zweifel: der wirtschaftliche Auf­stieg Chi­nas, Bei­jings selb­st­be­wusster Anspruch auf Anerken­nung als Groβ­macht und aktuelle Kon­flik­te im Süd­chi­ne­sis­chen Meer — all dies wird (nicht nur) in Südostasien mit gemis­cht­en Gefühlen beobachtet. Rüs­tung­spro­gramme der ASEAN-Staat­en lassen dabei deut­lich einen starken mar­iti­men Akzent erken­nen. Neben der Anschaf­fung von Korvet­ten, Fre­gat­ten und Patrouil­len­booten ste­hen Mod­ernisierung und Aus­bau kon­ven­tioneller U‑Boot-Flot­ten im Zen­trum mar­itimer Rüs­tungs­pla­nun­gen.

Viet­nam bestellte 2009 sechs rus­sis­che U‑Boote der Kilo-Klasse (1,8 Mil­liar­den US-Dol­lar). Malaysia ver­fügt über mod­erne franzö­sis­che Scor­pène-U-Boote (eine Mil­liarde US-Dol­lar), die an der Nord­küste von Sabah/Kalimantan sta­tion­iert sind. Sin­ga­pur operiert mit schwedis­chen Chal­lenger-U-Booten. Thai­land beg­nügte sich mit der Anschaf­fung von sechs aus­ge­musterten deutschen U‑Booten der Bau­rei­he 206 für 257 Mil­lio­nen US-Dol­lar.

Noch schwim­men mehr Haie als U‑Boote im Süd­chi­ne­sis­chen Meer. Das kön­nte sich schon bald ändern. Die US-Marine soll bere­its achtzehn Atom-U-Boote in der Paz­i­fikre­gion sta­tion­iert haben. Mit Inbe­trieb­nahme sein­er neuen Marineba­sis auf der Insel Hainan wird Chi­nas U‑Boot-Flotte eben­falls ver­stärkt in der Region präsent sein. Prog­nosen erwarten bis 2025 ins­ge­samt rd. 150 diesel­be­triebene U‑Boote im Süd­chi­ne­sis­chen Meer.

Mar­itime Wirtschaft­szo­nen erfordern mil­itärische Präsenz

Südostasiens Aufrüs­tung kann nicht allein als Vor­sichts­maβ­nahme gegen Chi­na inter­pretiert wer­den. Auch mit einem Dutzend mod­ern­er U‑Boote ver­fügt ASEAN kaum über mil­itärische Schlagkraft, um Chi­na die Stirn bieten zu kön­nen. Rüs­tung­spro­gramme Viet­nams und der Philip­pinen mögen von aktuellen Kon­flik­ten mit Chi­na begrün­det sein. Südostasiens Aus­bau sein­er Marine-Stre­itkräfte set­zt vielmehr Akzente auf Schutz und Kon­trolle der eige­nen mar­iti­men Wirtschaft­szo­nen und richtet sich damit auch gegen Nach­barstaat­en.

Mar­itime Wirtschaft­zo­nen sind ein Ergeb­nis der UN-Seerecht­skon­ven­tion von 1982. Küsten-staat­en geniessen inner­halb von 200 Seemeilen das Recht auf exk­lu­sive Aus­beu­tung biolo­gi-sch­er, fos­siler und min­er­alis­ch­er Ressourcen. Mit Erweiterung nationaler Hoheits­gewäss­er wer­den Küsten­staat­en vor neue und kom­plexe Her­aus­forderun­gen gestellt. Küsten­na­he Erdöl- und Gas­förderung, ille­gal operierende Fangschiffe, Waf­fen- und Dro­gen­schmuggel, Men-schen­han­del und Pira­terie erfordern mil­itärische Präsenz. In diesem Kon­text rüsten Sin­ga­pur, Malaysia und Indone­sien (Sicherung der Malak­ka-Strasse) sowie Brunei (mar­itime Gasvor-kom­men) auf. Brunei bestellte 2009 deutsche Patrouil­len­boote für 434 Mil­lio­nen Euro.

Zwis­chen­staatliche Kon­flik­te in Südostasien

Jen­seits medi­en­wirk­sam ver­bre­it­eter Chi­na-Äng­ste wird auch das Ver­hält­nis zwis­chen den Region­al­staat­en im poli­tis­chen All­t­ag vielfach von Mis­strauen und nationalem Ego­is­mus über­schat­tet. Gren­zge­fechte zwis­chen Thai­land und Kam­bod­scha um eine alte Tem­pelan­lage 2011, von bei­den Län­dern innen­poli­tisch instru­men­tal­isiert, wer­fen ein Schlaglicht auf viru-lente zwis­chen­staatliche Kon­flik­te in der Region:

Indonesien/Malaysia (mar­itime Gren­zen), Malaysia/Singapur (Wasserver­sorgung, Luftraum-nutzung), Vietnam/Philippinen (ille­galer Fis­chfang in philip­pinis­chen Hoheits­gewässern), Malaysia/Philippinen (Sou­veränität­skon­flik­te in der Sulu-See), Thailand/Burma (Gren­zver-lauf, Flüchtling­sprob­lem, Dro­gen- und Men­schen­han­del), Kambodscha/Thailand (strit­tige Land- und See­gren­zen im erdöl­re­ichen Golf von Siam).

Wirtschaftlich­er Auf­stieg und autoritäre Poli­tik

Einen dif­feren­zierten Blick ver­di­enen auch die poli­tis­chen Struk­turen der ASEAN-Staat­en. Südostasiens wirtschaftlich­er Auf­stieg war untrennbar ver­bun­den mit autoritären poli­tis­chen Rah­menbe­din­gun­gen. Regime mit formaldemokratis­ch­er Fas­sade bes­timmten über Jahrzehnte die Poli­tik der Region: Gen­er­al Suharto/Indonesien 1966–1998 (32 Jahre), Lee Yuan Kew/ Sin­ga­pur 1959–1990 (31 Jahre), Mohamad Mahatir/Malaysia 1981–2003 (22 Jahre) und Fer­di­nand Marcos/Philippinen 1965–1986 (21 Jahre). Thai­land ste­ht nicht nach: in Bangkok regierte seit 1945 über­wiegend das Mil­itär. Das Krisen­jahr 1997 bot den herrschen­den Eliten wieder einen willkomme­nen Vor­wand zur Durch­set­zung autoritär­er Maβ­nah­men, die kul­tur-spez­i­fisch gerecht­fer­tigt und als “asi­atis­che Werte” ide­ol­o­gisch ver­packt wur­den.

Demokratisch-rechtsstaatliche Ver­hält­nisse kön­nen Südostasien auch heute nicht uneinge-schränkt attestiert wer­den. Berichte regionaler Men­schen­recht­sor­gan­i­sa­tio­nen zeich­nen ein kri­tis­ches Bild der poli­tis­chen Real­ität. Ver­let­zun­gen von Men­schen­recht­en und Behin­der-ungen der Mei­n­ungs­frei­heit sind All­t­ag, Wahlma­nip­u­la­tio­nen und Stim­menkauf (Philip­pinen, Kam­bod­scha, Thai­land) fes­ter Bestandteil der poli­tis­chen Kul­tur. Seit den Bombe­nan­schlä­gen auf Bali (2002, 2005) und in Jakar­ta (2003, 2009) durch islamis­che Fun­da­men­tal­is­ten dienen ver­schärfte Sicher­heits­ge­set­ze der Unter­drück­ung poli­tis­ch­er Oppo­si­tion.

Soziale Polar­isierung gefährdet innen­poli­tis­che Sta­bil­ität

Südostasiens Wirtschafts­dy­namik war und ist kein ungeteil­ter Segen für die Bevölkerung der Region. Beein­druck­end hohes Wirtschaftswach­s­tum hat zwar eine kaufkräftige Mit­telschicht ver­gröβert, zugle­ich jedoch eine ungle­iche Einkom­mensverteilung ver­schärft. Groβe Teile der Bevölkerung leben heute unter der Armutsgren­ze — je nach sta­tis­tis­ch­er Def­i­n­i­tion bis zu einem Drit­tel und mehr. Soziale Ungle­ich­heit hat in Südostasien wieder­holt Massen­proteste (Thai­land, Indone­sien, Malaysia) provoziert. Auch sep­a­ratis­tis­che Gueril­l­abe­we­gun­gen (Indonesien/Aceh und Papua; Philippinen/Mindanao; Thailand/islamischer Süden) sind Aus-druck gravieren­der sozialer Prob­leme und eine Gefahr für innen­poli­tis­che Sta­bil­ität.

Damit kommt dem Mil­itär wieder eine gröβere Rolle in der Innen­poli­tik zu. Benötigt wer­den keine U‑Boote, son­dern mod­erne Schützen­panz­er, Hub­schrauber und Schnellfeuergewehre. Südostasiens mil­itärische Beschaf­fung­spro­gramme tra­gen auch Ein­sätzen der Armee gegen die eigene Bevölkerung Rech­nung. So bestellte Thai­land in der Ukraine 96 gepanz­erte Mann-schaft­strans­porter für 125 Mil­lio­nen US-Dol­lar. Neben auβen­poli­tis­chen Bedro­hun­gen bes­tim­men nicht-mil­itärische Her­aus­forderun­gen somit eben­falls nationale Sicher­heit.

Südostasiens Eliten ste­hen unter Legit­i­ma­tions­druck

Nicht nur Chi­nas kom­mu­nis­tis­che Partei, auch “demokratis­che” Eliten in Südostasien ste­hen unter Druck, poli­tis­che Herrschaft durch wirtschaftliche Erfolge legit­imieren zu müssen. Unvergessen ist die Asienkrise 1997 mit sozialen Unruhen und nach­fol­gen­den Regime-wech­seln in Indone­sien und Thai­land. Trotz zyk­lis­ch­er Wirtschafts- und Finanzkrisen (1997, 2001, 2008) erzielte Südostasien bis­lang hohe und sta­bile Wach­s­tum­srat­en. Ein Blick hin­ter die Kulis­sen von Börsenkursen und Export­sta­tis­tiken offen­bart jedoch Struk­tur­prob­leme, die an einem wach­s­tums­fix­ierten Fortschrittsop­ti­mis­mus Zweifel aufkom­men lassen.

Eine lin­eare Fortschrei­bung hoher Wacht­sum­srat­en ist (nicht nur) in Südostasien kri­tisch zu beurteilen. ASEAN-Staat­en ste­hen untere­inan­der in schar­fer Konkur­renz um Rohstoffe und Aus­landsin­vesti­tio­nen, Pro­duk­tion­s­stan­dorte und Export­märk­te. Die ein­seit­ige Aus­rich­tung auf Absatzmärk­te in Japan, EU und USA birgt Abhängigkeit­en, die glob­ale wirtschaftliche Ver­net­zung Risiken für innen­poli­tis­che Sta­bil­ität. Aktuelle Finanzkrisen und Kon­junk­turein-brüche in der EURO-Zone und der US-Wirtschaft, aber auch eine sink­ende Import­nach­frage Chi­nas offen­baren Südostasiens wirtschaftliche Ver­wund­barkeit.

Pax Amer­i­cana oder Pax Sini­ca im West-Paz­i­fik?

Asiens Paz­i­fikre­gion wird zu Beginn des 21. Jahrhun­derts von tief­greifend­en Wand­lungs-prozessen bes­timmt. Chi­nas wirtschaftlich­er Auf­stieg und selb­st­be­wusster Anspruch auf Anerken­nung als regionale Groβ­macht stellt die macht­poli­tis­che Architek­tur im West-Paz­i­fik in Frage, die seit Ende des 2. Weltkrieges von den USA dominiert wird. Chi­na schickt sich an, die USA wirtschaftlich zu über­holen. Dann kön­nte das “Reich der Mitte” wieder jene Spitzen­po­si­tion in der Weltwirtschaft ein­nehmen, die es im 19. Jahrhun­dert innehat­te.

Kriege des 20. Jahrhun­derts waren das Ergeb­nis der Kon­fronta­tion zwis­chen etablierten und auf­streben­den Mächt­en. Heute ste­hen sich im West-Paz­i­fik Chi­na und USA als strate­gis­che Rivalen gegenüber. Entwick­elt sich Südostasien zu einem Pul­ver­fass? Noch bewe­gen sich konkur­ri­erende Besitzansprüche im Süd­chi­ne­sis­chen Meer unter­halb der mil­itärischen Eskala­tion­ss­chwelle. Wash­ing­ton ver­fol­gt offen die Poli­tik ein­er strate­gis­chen Einkreisung Chi­nas. Ein Rück­fall in die Men­tal­ität des Kalten Krieges?

Ist der Prozeβ macht­poli­tis­ch­er Ver­schiebun­gen im West-Paz­i­fik mit friedlichen Mit­teln steuer­bar? In dieser Frage herrscht unter Südostasiens poli­tis­chen und mil­itärischen Eliten Dis­sens. Zu unter­schiedlich offen­baren sich indi­vidu­elle Inter­essen­la­gen der ASEAN-Staat­en. Während Viet­nam und die Philip­pinen im Süd­chi­ne­sis­chen Meer mit Chi­na in offe­nen Kon­flikt ger­at­en sind, hal­ten sich Thai­land, Kam­bod­scha und Laos (Län­der mit engen wirtschaftlichen Beziehun­gen zu Chi­na) mit antichi­ne­sis­ch­er Kri­tik zurück. Indone­sien und Sin­ga­pur hinge­gen pfle­gen enge Beziehun­gen zum US-Mil­itär als nüt­zlich­es Gegengewicht zum groβen Nach­barn. Unter­schiedliche Posi­tio­nen der ASEAN-Staat­en treten hin­ter Kon­feren­ztüren deut­lich zu Tage. Kon­sens herrscht in der Erken­nt­nis: eine mil­itärische Kon­fronta­tion im Süd­chi­ne­sis­chen Meer liegt wed­er im Inter­esse Chi­nas noch der ASEAN-Staat­en. An deren Bere­itschaft zu friedlich­er Kon­flik­tregelung und Koop­er­a­tion mit Chi­na man­gelt es nicht. Mis­strauen bleibt.

Über den Autor:
Wil­fried Arz ist Poli­tik­wis­senschaftler in Bangkok/Thailand. Südostasien, den Indis­chen Sub­kon­ti­nent und die Himalaya-Region bereist der Autor regelmäβig.

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Seit 2001 ist GlobalDefence.net im Internet unterwegs, um mit eigenen Analysen, interessanten Kooperationen und umfassenden Informationen für einen spannenden Überblick der Weltlage zu sorgen. GlobalDefenc.net war dabei die erste deutschsprachige Internetseite, die mit dem Schwerpunkt Sicherheitspolitik außerhalb von Hochschulen oder Instituten aufgetreten ist.

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