Russland — Russland blickt nach Asien-Pazifik

Moskaus transat­lantis­che Beziehun­gen wer­den von Dis­so­nanzen, Span­nun­gen und Kon­fronta­tion bes­timmt. In Asien bieten sich Rus­s­land neue Per­spek­tiv­en — für Energie­ex­porte und geopoli­tis­chen Ein­fluss. Auch Amerikas mil­itärische Präsenz ver­an­lasst Moskau zu einem ver­stärk­ten Engage­ment in Asien-Paz­i­fik.

Mis­strauen auf poli­tis­ch­er Ebene: NATO-Oster­weiterung und US-Raketen­schutzschild in Osteu­ropa belas­ten Moskaus Ver­hält­nis zu USA und NATO-Europa. Ent­täuschung auf wirtschaftlich­er Ebene: Rus­s­lands Koopera-tion­sange­bot ein­er “strate­gis­chen Allianz” mit der EU, ins­beson­dere Deutsch­land und Frankre­ich, kommt nicht voran. Hin­dernisse und jahre­lange Verzögerun­gen auf dem Weg zur Welthandel­sor­gan­i­sa­tion WTO (Auf­nahme 2011). Auch Amerikas hege­mo­ni­aler Groβ­mach­tanspruch stöβt in Moskau auf Ablehnung. Auf der Inter­na­tionalen Sicher­heit­skon­ferenz 2007 in München hat­te Wladimir Putin die Poli­tik der USA scharf kri­tisiert. Rus­s­land set­zt als euro-paz­i­fis­che Kon­ti­nen­tal­macht deshalb neue Akzente und blickt in Rich­tung Asien-Paz­i­fik.

Ter­ri­to­ri­ale Desin­te­gra­tion und wirtschaftlich­er Nieder­gang, poli­tis­ch­er Sta­tusver­lust und staatlich­er Autoritätsver­fall waren Begleit­er­schei­n­un­gen post­sow­jetis­ch­er Entwick­lun­gen. Seit Putins Amt­santritt (2000) wurde mit der wieder-erlangten Kon­trolle über den Energiesek­tor ein neues Kapi­tel zur Revi­tal­isierung Rus­s­lands als auβen­poli­tis­ch­er Akteur und Energiemacht ein­geleit­et. Dem Export von Erdgas und Erdöl ver­dankt das Land Mil­liar­denein­nah­men. Moskaus Energiepoli­tik konzen­tri­erte sich bis­lang beson­ders auf Wes­teu­ropa. Energie­ex­porte sollen nun ver­stärkt nach Nor­dostasien (Chi­na, Japan, Süd­ko­rea) gelenkt wer­den. Dort bieten sich Rus­s­lands Ressourcen aus­bau-fähige Absatzmärk­te — im Gegen­satz zur gesät­tigten und wirtschaftlich stag­nieren­den EU.

Neuori­en­tierung auf Wirtschaft­sraum Asien-Paz­i­fik

Neue Per­spek­tiv­en sollen nicht nur für Energie­ex­porte erschlossen wer­den. Moskaus Agen­da zielt auf eine forcierte Entwick­lung Ost­si­biriens und des Fer­nen Ostens und deren Inte­gra­tion in den Wirtschaft­sraum Nor­dost-asien. Rus­s­lands Paz­i­fikre­gion gilt als Schatzkam­mer des Lan­des: dort schlum­mern immense Vorkom­men an Erdgas und Erdöl, Kohle und min­er­alis­chen Rohstof­fen. Rus­s­lands Fern­er Osten ist die wirtschaftliche Achilles-ferse des Lan­des, doch eine poli­tisch ver­nach­läs­sigte und unter­en­twick­elte Region geblieben.

Wladi­wos­tok, einst von Zar Alexan­der II. (1855–1881) als “Rus­s­lands Tor zum Osten” gegrün­det, ste­ht heute sym­bol­haft für wirtschaftliche und soziale Struk­tur­prob­leme der rus­sis­chen Paz­i­fikre­gion. Nur noch knapp 580.000 Ein­wohn­er zählt die Stadt — mit weit­er abnehmender Ten­denz. Bevölkerung­sex­o­dus, Arbeit­slosigkeit und niedriger Lebens­stan­dard sind Indika­toren ein­er krisen­haften Lage. Dies soll sich ändern. Staatliche Investi­tion­sspritzen haben die Stadt seit Jahren in eine Baustelle ver­wan­delt. Ambi­tion­ierte Bau­vorhaben sollen Wladi­wos­tok neuen Glanz ver­lei­hen: eine mod­erne Brücke zur Russkij-Insel ist fer­tig­g­stellt, ein Kon­ferenzzen­trum und der Flughafen-aus­bau ste­hen vor der Vol­len­dung. Im Mai 2012 wurde Vik­tor Ishayew (1991–2009 Leit­er der Region­al­regierung in Chabarowsk) als neuer Min­is­ter für die Entwick­lung des rus­sis­chen Fer­nen Ostens ernan­nt.

APEC-Kon­ferenz 2012 in Wladi­wos­tok

Wladi­wos­toks mil­liar­den­schw­er­er Haus­putz ste­ht unter Zeit­druck: im Sep­tem­ber wird Rus­s­land erst­mals Gast­ge­ber des APEC-Wirtschafts­fo­rums der Asien-Paz­i­fik-Staat­en sein. Für Wladimir Putin eine wohlka­lkulierte Gele­gen­heit, Moskaus neues poli­tis­ches Pro­jekt zu präsen­tieren: Rus­s­lands Osten wirtschaftlich zu mod­ernisieren und in den Wirtschaft­sraum Nor­dostasien zu inte­gri­eren. Bei eben dieser Her­aus­forderung hat Rus­s­lands poli­tis­che Elite bis­lang ver­sagt. Aus­landsin­vesti­tio­nen und Tech­nolo­gi­etrans­fer sollen jet­zt neue Entwick­lungsim­pulse ver­lei­hen.

Das APEC-Tre­f­fen in Wladi­wos­tok wirft Fra­gen zu Rus­s­lands Rolle in Nor­dostasien auf: welche geopoli­tis­che Architek­tur und Ten­den­zen bes­tim­men die Region? Wie gestal­tet sich Rus­s­lands Ver­hält­nis zu Chi­na, Japan und Süd­ko­rea — den drei zen­tralen Akteuren in Nor­dostasien? Welche Optio­nen und Spiel­räume bieten sich Moskau für eine Inte­gra­tion in den asi­atisch-paz­i­fis­chen Wirtschaft­sraum und neuen geopoli­tis­chen Ein­fluβ in Nor­dostasien?

Rus­s­land als Energieliefer­ant Nor­dostasiens

Nor­dostasien ste­ht im Mit­telpunkt eines der wohl bedeu­tend­sten aktuellen Mega­trends von glob­aler Bedeu­tung: der weltwirtschaftlichen Schw­er­punk­tver­lagerung vom Transat­lantik nach Asien-Paz­i­fik. Der Anteil der Region (mit USA und Kana­da) am glob­alen Brut­toin­land­pro­dukt wird auf ins­ge­samt über 50 Prozent geschätzt, der Anteil an den glob­alen Währungsre­ser­ven auf 40 Prozent. Chi­nas wirtschaftlich­er Auf­stieg hat zu einem gewalti­gen Import-sog von Erdöl, Erdgas und Rohstof­fen geführt. Chi­na und Japan zählen zu den welt­gröβten Energie­ver­brauch­ern. Als Energieliefer­ant nimmt Rus­s­land in Nor­dostasien zunehmend eine Schlüs­sel­stel­lung ein. Mit der Möglichkeit, End­ver­brauch­er direkt über Land beliefern zu kön­nen, wird Rus­s­lands Bedeu­tung als Energiepro­duzent bei poli­tisch bed­ingten Liefer­aus­fällen aufgew­ertet: im Falle ein­er Unter­brechung von Energie­ex­porten aus der Ara­bis­chen Gol­fre­gion bzw. Zen­tralasien oder ein­er Block­ade der Straβe von Malak­ka durch die USA in einem Kon­flik­t­fall mit Chi­na.

Jen­seits sein­er energiepoli­tis­chen Rolle ist Rus­s­land kein inte­graler Bestandteil der kom­plex­en Pro­duk­tions­ket­ten und Inte­gra­tionsprozesse in Asien-Paz­i­fik. Im Gegen­satz zum Niedriglohn­stan­dort Chi­na und den Hochtech­no-logie-Pro­duzen­ten Japan und Süd­ko­rea leis­tet Rus­s­lands Wirtschaft keinen Beitrag zur Wertschöp­fun­ng in der Region und ist auch kein Part­ner­land von Frei­han­del­szo­nen und Investi­tion­ss­chutz­abkom­men in Asien.

Geopoli­tis­che Architek­tur mit Kon­flik­t­poten­zial

Geopoli­tisch wird Asien-Paz­i­fik durch Posi­tionsver­schiebun­gen der Atom­mächte Chi­na und USA bes­timmt, deren konkur­ri­eren­der Führungsanspruch im West-Paz­i­fik Span­nun­gen und Kon­flik­te erwarten lässt. Mit Chi­na, USA und Rus­s­land ste­hen sich in der Region drei Atom­mächte gegenüber. Mil­itärisches Bedro­hungspoten­zial konzen­tri­ert sich ins­beson­dere auf der Hal­binsel Korea. Dort hat Pyongyangs nuk­leare Aufrüs­tung (Atom­tests, Rakete­nen­twick-lung) eine kon­ven­tionelle Rüs­tungs­dy­namik in Süd­ko­rea und Japan aus­gelöst.

Sou­veränität­skon­flik­te belas­ten zwis­chen­staatliche Beziehun­gen: Chi­na-Japan (Kon­flik­te um Inseln im ostchi­ne­si-schen Meer, Weltkrieg II-Kapi­tel), Japan-Süd­ko­rea (Stre­it um Inseln im Japanis­chen Meer, Weltkrieg II-Kapi­tel) und Rus­s­land-Japan um die Kurilen-Inseln. Dis­senz auch zwis­chen Rus­s­land und USA über mar­itime Gren­zen in der Behring-Straβe.

Rohstof­fre­iche Ark­tis als neuer Zankapfel?

Kon­flik­t­poten­zial zeich­net sich in Kon­turen auch um Rohstof­fvorkom­men in der Ark­tis ab. Langfristig wird die glob­ale Kli­maer­wär­mung weite Teile des ark­tis­chen Ozeans von Eis befreien. Neue Seewege ent­lang der Nord-küste Asiens wer­den dann passier­bar und der Zugriff zu Rohstof­fvorkom­men (Erdöl, Erdgas, Kohle) ermöglicht. Das Energiepoten­zial der Ark­tis wird vom US-Bun­de­samt für Geolo­gie auf rd. 25 Prozent der glob­alen Reser­ven geschätzt. Kon­flik­te um Gebi­et­sansprüche haben bere­its begonnen — nicht nur unter den Ark­tis-Anrain­ern Russ-land, Kana­da, USA, Nor­we­gen und Dänemark/Grönland. Auch Chi­na, Japan und Süd­ko­rea melden Ansprüche an. Die Ark­tis ist ins Fadenkreuz strate­gis­ch­er Inter­essen gerückt. Ste­ht eine gewalt­same Kolonisierung des Polar-gebi­etes bevor?

Von allen Anrain­er­staat­en teilt Rus­s­land die läng­ste Küste mit dem ark­tis­chen Ozean und erhebt dort deshalb Anspruch auf ein 1,2 Mil­lio­nen Quadratk­ilo­me­ter groβes Gebi­et. Koop­er­a­tio­nen beste­hen mit aus­ländis­chen Energiekonz­er­nen: seit 2008 zwis­chen Gazprom/Total (Frankre­ich) und Sta­toil (Nor­we­gen), seit 2011 zwis­chen Ros­neft und Exxon­Mo­bil (USA). Moskau ist entschlossen, ark­tis­che Energie- und Rohstof­fvorkom­men zu nutzen und seine Posi­tion als euro-paz­i­fis­che Energiemacht weit­er zu stärken.

Rus­s­land kein aktiv­er Akteur in Asien-Paz­i­fik

Mil­itärisch und poli­tisch spielt Rus­s­land keine aktive Rolle in Asien-Paz­i­fik. Nach dem Sys­temzusam­men­bruch der Sow­je­tu­nion war ein Rück­zug aus Asien ein­geleit­et wor­den. Seit Auf­gabe der Marineba­sis Cam Ranh/Vietnam (2002) sind Rus­s­lands Präsenz und Poten­zial sein­er (kon­ven­tionellen) Stre­itkräfte zwis­chen Wladi­wos­tok und Sin­ga­pur schwach. US-Präsi­dent Oba­mas auβen­poli­tis­ch­er Wan­del und mil­itärstrate­gis­che Akzentver­schiebung vom Mit­tleren Osten in Rich­tung West-Paz­i­fik zwingt Rus­s­land zu ein­er geopoli­tis­chen Neuaus­rich­tung nach Nor­dostasien. In diesem Kon­text ste­hen Mod­ernisierung und Aus­bau der rus­sis­chen Paz­i­fik­flotte sowie die rus­sisch-chi­ne­sis­chen Flot­ten­manöver im April 2012.

Auf poli­tis­ch­er Ebene ist Rus­s­land zwar Mit­glied ver­schieden­er mul­ti­lat­eraler Organ­i­sa­tio­nen der Region: im ASEAN-Region­al­fo­rum (seit 1994), in APEC (seit 1998) und ASEAN+Russland (seit 2005). Ein Auftritt als aktiv­er Akteur ist dort jedoch nicht erkennbar. Zumin­d­est in der APEC zeigt Moskau nun Pro­fil, um seine wirtschaftlichen Inter­essen in Asien-Paz­i­fik aktiv­er einzubrin­gen. Der im Sep­tem­ber 2012 anste­hende APEC-Gipfel in der Hafen-stadt Wladi­wos­tok kön­nte ein neues Kapi­tel zwis­chen Rus­s­land und Nor­dostasien auf­schla­gen.

Rus­s­land-Chi­na

Chi­na spielt für Rus­s­land eine Schlüs­sel­rolle — wirtschaftlich und poli­tisch. Mit einem Vol­u­men von 80 Mil­liar­den US-Dol­lar (2011) ist Chi­na Rus­s­lands wichtig­ster Han­delspart­ner. Energie­ex­porte dominieren den Han­del mit Chi­na, Waf­fen­liefer­un­gen fol­gen an zweit­er Stelle. Chi­na wün­scht priv­i­legierten Zugang zu rus­sis­chen Energie-trägern und Rohstof­fen. Aus sicher­heit­spoli­tis­chen Grün­den hat Bei­jing groβes Inter­esse an ein­er land­seit­i­gen Energiev­er­sorgung. Mar­itime Trans­portwege sein­er Erdölimporte aus Afri­ka und der Ara­bis­chen Golf-Region gel­ten im Kon­flik­t­fall mit den USA als poten­tiell gefährdet.

Chi­nas Investi­tion­sniveau in Rus­s­land hat einen deut­lichen Auf­schwung erfahren. Im April 2012 unterze­ich­nete Chi­nas zukün­ftiger Regierungschef Le Keqiang in Moskau Pro­jek­te im Werte von 15 Mil­liar­den US-Dol­lar.

Mit Bei­le­gung ide­ol­o­gis­ch­er Kon­flik­te und Gren­zstre­it­igkeit­en (2004) haben Moskau und Bei­jing Grund­la­gen für eine enge Zusam­me­nar­beit geschaf­fen. Sor­gen über eine schle­ichende Kolonisierung der rus­sis­chen Paz­i­fik-region durch chi­ne­sis­che Migranten scheinen weit­ge­hend ver­s­tummt. Doch ste­hen Rus­s­lands schwach besie-del­tem Fer­nen Osten drei chi­ne­sis­che Prov­inzen (Hei­longjiang, Jilin, Liaon­ing) mit über 100 Mil­lio­nen Ein­wohn­ern und ein­er gut entwick­el­ten Schw­erindus­trie gegenüber. Eine wirtschaftliche Mod­ernisierung des paz­i­fis­chen Russ-lands wird ohne Investi­tio­nen aus Chi­na nicht umzuset­zen sein.

Auβen­poli­tisch verbinden Moskau und Bei­jing gemein­same Inter­essen: eine mul­ti­po­lare Wel­tord­nung (gegen den hege­mo­ni­alen Anspruch der USA), aber auch die poli­tis­che Sta­bil­ität in Zen­tralasien (islamis­ch­er Sep­a­ratismus) und der kore­anis­chen Hal­binsel (Atom-rüs­tung Nord­ko­re­as). Rus­s­lands Allianz mit Chi­na in der Shang­hai Organ­i­sa­tion für Zusam­me­nar­beit (SOZ) spielt eine Schlüs­sel­rolle bei dem Bemühen, regionalen Ein­fluss in Zen­tralasien an der Süd­flanke von Rus­s­land und Chi­na gegen die USA durchzuset­zen.

Rus­s­land-Japan

Als drittgröβte Indus­triemacht der Welt ist Japan prak­tisch voll­ständig von Energieim­porten abhängig, die zu fast 90 Prozent aus der Ara­bis­chen Golf-Region bezo­gen wer­den. Japanis­che Atom­kraftwerke liefern ein Drit­tel des Strombe­darfs. Nach der Tsunami/Atomkatastrophe von Fukushi­ma (2011) wird Atom­kraft in Japan jedoch kri­tisch reflek­tiert. Gesellschaftlich­er Akzep­tanzwider­stand gegen Atom­en­ergie kön­nte Japan zu ein­er Energiewende zwin­gen. Die Folge: steigen­der Importbe­darf bei Flüs­sig­gas (LNG) und Erdöl. Für Rus­s­land eine attrak­tive Per-spek­tive, seine Posi­tion als Energieliefer­ant in Nor­dostasien weit­er zu fes­ti­gen. Am Sachalin 2‑Projekt sind neben Gazprom und Roy­al Dutch/Shell auch die japanis­chen Konz­erne Mit­sui und Mit­subishi (mit zusam­men 22,5 Prozent) beteiligt. LNG-Flüs­sig­gas des Pro­jek­tes wird über­wiegend nach Japan geliefert.

Rus­s­lands Han­del mit Japan beläuft sich auf 24 Mil­liar­den US-Dol­lar (2010). His­torische Alt­las­ten über­schat­ten die Beziehun­gen zwis­chen bei­den Län­dern. Kurz vor Ende des Zweit­en Weltkriegs hat­te Stal­ins Sow­je­tu­nion die Kurilen-Inseln beset­zt. Der Stre­it um eine (von Japan geforderte) Rück­gabe belastet das Ver­hält­nis Tokio-Moskau. Für einen Tief­punkt in den bilat­eralen Beziehun­gen sorgten ein Besuch von Staat­spräsi­dent Med­wedew auf den Süd-Kurilen (2010) und die geplante Sta­tion­ierung mod­ern­er Boden-Luft-Raketen auf den Inseln (2011), um die Oper­a­tions­fähigkeit der rus­sis­chen Paz­i­fik­flotte in der Region zu sich­ern. Den­noch sieht Tokio Rus­s­land als wichti­gen Bünd­nis­part­ner, um Chi­nas wach­senden Ein­fluss einzudäm­men.

Rus­s­land-Süd­ko­rea

Wirtschaftliche und geopoli­tis­che Aspek­te bes­tim­men Rus­s­lands Poli­tik auch gegenüber der kore­anis­chen Halb-insel. Dort ver­sucht Moskau gezielt seinen Ein­fluss zu ver­gröβern. Mit dem geplanten Pro­jekt ein­er Erdgas-Pipeline nach Süd­ko­rea durch Nord­ko­rea ver­fol­gt Rus­s­land gle­ich mehrere Ziele: einen kostengün­sti­gen Trans­port für rus­sis­ches Erdgas nach Süd­ko­rea, eine Reduzierung des mil­itärischen Eskala­tion­srisikos durch engere Ver­flech-tung bei­der kore­anis­ch­er Staat­en und die Anbindung der Hal­binsel an das rus­sis­che Bahn­netz.

Mit einem Umsatz von elf Mil­liar­den US-Dol­lar (2010) rang­iert Süd­ko­rea an drit­ter Stelle unter Rus­s­lands Han­dels-part­nern in Nor­dostasien. Struk­turelle Unaus­ge­wogen­heit auch hier: Rus­s­lands Exporte beste­hen zu zwei Drit­teln aus Energie, Rohstof­fen und Uran­liefer­un­gen für süd­ko­re­anis­che Atom­kraftwerke. Die mit Auf­nahme diplo­mati-sch­er Beziehun­gen zu Seoul 1990 ver­bun­de­nen Hoff­nun­gen auf Inten­sivierung von Han­del und Investi­tio­nen in Rus­s­land erfüll­ten sich nicht. Süd­ko­re­as Unternehmen bevorzu­gen als Investi­tion­s­stan­dort zudem das europäis­che Rus­s­land (St. Peters­burg: Hyundai-Auto­mo­bil­fab­rik). In Rus­s­lands Osten ist eine Schiff­swerft des Dae­woo-Konz­erns in Pri­morye Krai das einzige Groβpro­jekt Süd­ko­re­as.

Rus­s­land-Nord­ko­rea

Nord­ko­rea spielt für Rus­s­land als Han­delspart­ner keine bedeu­tende Rolle. Das Han­delsvol­u­men bewegt sich bei nur 62 Mil­lio­nen US-Dol­lar (2010). Durch Waf­fen­im­porte haben sich Nord­ko­re­as Schulden gegenüber Moskau allerd­ings auf rd. 8,8 Mil­liar­den US-Dol­lar akkum­muliert. Ver­hand­lun­gen über Rück­zahlungsmodal­itäten und Schulden­er­laβ kön­nten Rus­s­land poten­tiell Ansatzpunk­te bieten, das Regime in Pyongyang zu Zugeständ­nis­sen bei dessen Nuk­lear­rüs­tung zu bewe­gen.

Die geplante tran­sko­re­anis­che Erdgas-Pipeline (1.100 Kilo­me­ter Länge, davon 700 durch Nord­ko­rea) soll ab 2017 zehn Mil­lio­nen Qubik­me­ter Erdgas/Jahr nach Süd­ko­rea befördern. Pyongyang wur­den rd. 100 Mil­lio­nen US-Dol­lar/­Jahr an Tran­sit­ge­bühren zuge­sagt. Der mit Auf­nahme diplo­ma­tis­ch­er Beziehun­gen Moskau-Seoul 1990 ein­geleit­ete Par­a­dig­men­wech­sel der rus­sis­chen Korea-Poli­tik ver­min­derte Rus­s­lands Ein­fluss auf Entwick­lun­gen in Nord-korea. Ein 1961 zwis­chen Moskau und Pyongyang geschlossen­er Friedens- und Fre­und­schaftsver­trag wurde im Feb­ru­ar 2000 erneuert — allerd­ings ohne mil­itärische Bei­s­tand­sklausel im Kon­flik­t­fall. Sein Über­leben ver­dankt das Pyongyang-Regime der Unter­stützung Chi­nas. Motiv für Nord­ko­re­as engere wirtschaftliche Zusam­me­nar­beit mit Rus­s­land dürfte auch sein, die starke Abhängigkeit von Bei­jing zu ver­min­dern.

Zukun­ft zwis­chen Ark­tis und Wladi­wos­tok

Noch ist ein kon­sis­tentes Entwick­lungskonzept für den Fer­nen Osten Rus­s­lands nicht erkennbar. Zukun­ftsweisen-de Visio­nen wur­den von Wis­senschaftlern rus­sis­ch­er Think-Tanks for­muliert: u.a. Sergej Karaganov und Dim­itri Trenin. Im Mit­telpunkt ein­er Mod­ernisierungsstrate­gie sehen diese den Aus­bau eines Tran­sitko­r­ri­dors mit Logis­tik-zen­tren/En­twick­lungspolen (Wladi­wos­tok, Chabarowsk, Nakhod­ka) und Son­der­wirtschaft­szo­nen. Langfristig soll die energielastige Export­struk­tur der Paz­i­fikre­gion durch eine neue Funk­tion als Nahrungsmit­tel­pro­duzent (Getrei­de, Fleisch) ergänzt und diver­si­fiziert wer­den.

Kri­tisch betra­chtet bleibt eine Fix­ierung auf den Aus­bau der Tran­sit­funk­tion überkomme­nen geoökonomis­chen Vorstel­lun­gen ver­haftet. In Nor­dostasien stossen diese Ideen ohne­hin auf schwache Res­o­nanz. Expor­to­ri­en­tierte Logis­tik­struk­turen in Chi­na, Japan und Süd­ko­rea sind bere­its auf andere Verkehrsko­r­ri­dore aus­gerichtet. Per­spek­tiv­en neuer mar­itimer Trans­portrouten zeich­nen sich zudem durch das nördliche Eis­meer ab. Die Um-set­zung des Pro­jek­tes „Ostsibirien/Ferner Osten“ scheit­erte bis­lang an einem ganzen Bün­del investi­tions­feind-lich­er Rah­menbe­din­gun­gen: mar­o­der Infra­struk­tur, Recht­sun­sicher­heit, bürokratis­ch­er Inkom­pe­tenz, Kor­rup­tion und mafiös­er Struk­turen.

Rus­s­lands rohstof­fre­iche Paz­i­fikre­gion ist und wird die Achilles­ferse des Lan­des bleiben. Eine gröβere Inte­gra­tions-tiefe der Region in etablierte und ver­net­zte Wirtschaftsstruk­turen Nor­dostasiens ist deshalb unverzicht­bar. Energie­ex­porte wer­den auch weit­er­hin Rus­s­lands Trumpfkarte bleiben, um seinen wirtschaftlichen Ein­fluss in Asien-Paz­i­fik weit­er auszubauen. Rus­s­lands starke Abhängigkeit vom Energiesek­tor bein­hal­tet allerd­ings auch Risiken: anhal­tend fal­l­ende Welt­mark­t­preise kön­nten sich zu ein­er Zahlungs­bi­lanzkrise entwick­eln und das Ziel ein­er Mod­ernisierung der rus­sis­chen Wirtschaft verzögern.

Kon­turen ein­er neuen energiepoli­tis­chen Kon­fig­u­ra­tion

Moskaus neuer Akzent Rich­tung Osten zielt auch auf Stärkung der geopoli­tis­chen Posi­tion Rus­s­lands in der Paz­i­fikre­gion. Eine Abkop­pelung von Europa ist damit nicht ver­bun­den. Im West­en wird die EU weit­er­hin ein rel­e­van­ter Energiekunde, Han­delspart­ner und Investor Rus­s­lands bleiben. Moskaus Blick nach Asien entspricht somit ganz dem Par­a­dig­ma nationaler Inter­essen ein­er euro-paz­i­fis­chen Kon­ti­nen­tal­macht, sich auβen­poli­tisch nicht ein­seit­ig nach West­en, son­dern aus­gle­ichend auch nach Osten auszuricht­en.

Asien-Paz­i­fik hat sich zu ein­er weltwirtschaftlich bedeu­ten­den Wach­s­tum­sre­gion mit hohem Energie­ver­brauch und geopoli­tis­chen Schnittstelle mit Kon­flik­t­poten­zial entwick­elt. Rus­s­land ver­mochte seine geografis­che Lage in Nor­dostasien für die eigene Entwick­lung bis­lang nicht zu nutzen — in ein­er Region, in der wichtige energiepoli­tis­che Weichen­stel­lun­gen erfol­gen. Die Mod­ernisierung des paz­i­fis­chen Rus­s­lands ste­ht deshalb auch im über­ge­ord-neten Kon­text ein­er neuen energiepoli­tis­chen Kon­fig­u­ra­tion.

Glob­al lassen sich Posi­tionsver­schiebun­gen bei den Energi­eträgern Erdöl und Erdgas erken­nen. Sau­di-Ara­bi­en und Rus­s­land sind die führen­den Erdöl­ex­por­teure, doch nehmen Erdölvorkom­men weltweit ten­den­ziell ab. Zukun­fts­fähiger die Sit­u­a­tion und Trends beim Erdgas: Rus­s­land und Iran ver­fü­gen zusam­men über rd. 60 Prozent der glob­alen Erdgasvorkom­men, deren Ergiebigkeit weit über das laufende Jahrhun­dert hin­auszuge­hen ver­spricht. Erdöl wird als glob­al dominieren­der Energi­eträger langfristig von Erdgas ver­drängt wer­den. Für Rus­s­land eine his­torisch ein­ma­lige Chance, sich als Energieliefer­ant neben Wes­teu­ropa auch in Asien-Paz­i­fik neu zu posi­tion-nieren und seinen geopoli­tis­chen Ein­fluss zu erweit­ern.

Über den Autor:
Wil­fried Arz ist Poli­tik­wis­senschaftler in Bangkok/Thailand.

Team GlobDef

Team GlobDef

Seit 2001 ist GlobalDefence.net im Internet unterwegs, um mit eigenen Analysen, interessanten Kooperationen und umfassenden Informationen für einen spannenden Überblick der Weltlage zu sorgen. GlobalDefenc.net war dabei die erste deutschsprachige Internetseite, die mit dem Schwerpunkt Sicherheitspolitik außerhalb von Hochschulen oder Instituten aufgetreten ist.

Alle Beiträge ansehen von Team GlobDef →