Deutsche Marine auf dem Weg in die kommende Dekade — Kooperation mit Freunden und Partnern

Ulrich Reineke
(Flot­til­lenad­mi­ral Ulrich Reineke ist Abteilungsleit­er Pla­nung im Marinekom­man­do)

Besuch­er, die sich im Som­mer 2017 dem Marinekom­man­do in Ros­tock näh­ern, nehmen schon von Weit­em Baukräne wahr. Eines der ehrgeizig­sten Vorhaben der Deutschen Marine nimmt Gestalt an – das neue mar­itime Haup­tquarti­er oder der Ger­man mar­itime Forces-Stab. Abkürzung: DEU MARFOR. Das Beson­dere: Alli­ierte und Part­ner wer­den ein­ge­laden, sich an diesem Führungszen­trum zu beteili­gen, sodass es bei Bedarf durch Offiziere der Part­ner­mari­nen deut­lich aufwach­sen und dann zum Baltic Mar­itime Com­po­nent Com­mand wer­den soll. Dessen Auf­stel­lung rei­ht sich in einen durch die Trendwen­den ermöglicht­en Fähigkeit­ser­halt der deutschen Seestre­itkräfte, die darüber hin­aus in ihrer Anzahl und Qual­ität robuster wer­den.

Um dem Anspruch der Bun­desre­pub­lik Deutsch­land gerecht zu wer­den, braucht die Bun­deswehr, wie es das Weißbuch for­muliert, qual­i­ta­tiv hochw­er­tige und mod­erne Fähigkeit­en. Im Rah­men ein­er in den ver­gan­genen Jahren erfol­gten Analyse wur­den diese Fähigkeit­en iden­ti­fiziert und planer­ische aus­gestal­tet. Für die Marine ist es beson­ders pos­i­tiv, dass die damit ein­herge­hende Schär­fung des Fähigkeit­spro­fils durch die mil­itärische Führung und die poli­tis­che Leitung unter­stützt wird. Das zukün­ftige Fähigkeit­spro­fil der Marine wird damit durch zwei wesentliche Fak­toren bes­timmt. Ein­er­seits ist dies die poli­tis­che Akzep­tanz der NATO-Pla­nungsziele durch die Bun­desre­pub­lik Deutsch­land. Das set­zt den Rah­men. Inner­halb dieses Rah­mens geht es ander­er­seits darum, wirkungsvolle Schw­er­punk­te zu set­zen.

Fregatte 'Hamburg' in der 'Eisenhower' Carrier Strike Group der US Navy (Foto: PIZ Marine)
130323-N-GC639-175 The Ger­man navy frigate FGS Ham­burg (F220), left, and the air­craft car­ri­er USS Dwight D. Eisen­how­er (CVN 69), right, take on fuel and stores from the Mil­i­tary Sealift Com­mand fast com­bat sup­port ship USNS Bridge (T-AOE 10), cen­ter, dur­ing a replen­ish­ment-at-sea in the Ara­bi­an Sea on March 23, 2013. The Eisen­how­er, Ham­burg and USS Hue City (CG 66), top, are deployed to the 5th Fleet area of respon­si­bil­i­ty to con­duct mar­itime secu­ri­ty oper­a­tions and the­ater secu­ri­ty coop­er­a­tion efforts. DoD pho­to by Pet­ty Offi­cer 2nd Class Ryan D. McLearnon, U.S. Navy. (Released)

Der erste Schw­er­punkt der mar­iti­men Fähigkeit­sen­twick­lung ist die Befähi­gung zum Führen von Oper­a­tio­nen auf der oberen tak­tis­chen Ebene. Dies ist ein erhe­blich­er Fähigkeits­gewinn und abse­hbar das anspruchsvoll­ste Pro­jekt der Weit­er­en­twick­lung der mar­iti­men Fähigkeit­en der Bun­deswehr. Am Stan­dort des Marinekom­man­dos in Ros­tock wer­den zukün­ftig zwei Führung­sein­rich­tun­gen zur Ver­fü­gung ste­hen.

Das Mar­itime Oper­a­tions Cen­tre (MOC) der Deutschen Marine stellt die Über­führung und gle­ichzeit­ige Mod­ernisierung der bish­er in Glücks­burg beste­hen­den Führung­sein­rich­tun­gen der Marine dar. Ein solch­es „Betrieb­szen­trum“ ist notwendig, um der Betriebs- und Ver­sorgungsver­ant­wor­tung des Inspek­teurs der Marine in sein­er Ver­ant­wor­tung als Trup­pen­steller für Ein­sätze und ein­satz­gle­iche Verpflich­tun­gen nachzukom­men. Das MOC führt die Flotte rund um die Uhr und weltweit im Grund­be­trieb, in ihren täglichen Seefahrten zur Aus­bil­dung, im Tran­sit und steuert u. a. logis­tis­che Leis­tun­gen. Darüber hin­aus ver­fügt es bere­its heute über eine DEU-POL-Führungszelle für U-Boot- Oper­a­tio­nen, leit­et die Aktiv­itäten der Seeluft­stre­itkräfte und übern­immt Auf­gaben in der nationalen Auf­gabe „Suche und Ret­tung“ (SAR). Auf­grund der Sta­tion­ierungsentschei­dun­gen der Neuaus­rich­tung der Bun­deswehr erfol­gt die Über­führung nach Ros­tock mit der Fer­tig­stel­lung der notwendi­gen Bauin­fra­struk­tur und der Bere­it­stel­lung mod­ern­er Führung­sun­ter­stützung und IT.

Zusät­zlich wird die Marine am Stan­dort Ros­tock das Baltic Mar­itime Com­po­nent Com­mand (BMCC) auf­bauen, das zur Mitte der kom­menden Dekade seine volle Ein­satzfähigkeit erre­ichen und die NATO Force Struc­ture wirkungsvoll unter­stützen wird. Diese Kraftanstren­gung der Bun­deswehr wird in der NATO aus­drück­lich begrüßt. Nuk­leus des BMCC ist der zukün­ftige Kern­stab DEU MARFOR. Dieser deutsche mar­itime Ein­satzstab mit multi­na­tionaler Beteili­gung befind­et sich in der Auf­stel­lung und leit­et alle vor­bere­i­t­en­den Maß­nah­men zur Auf­stel­lung des BMCC.

Die Beson­der­heit des BMCC wird eine über die Führungs­fähigkeit auf der oberen tak­tis­chen Ebene hin­aus­ge­hende regionale Exper­tise sein. Die NATO ist sich bewusst, dass das Rand­meer Ost­see ein­er beson­deren Betra­ch­tung bedarf. Vor dem Hin­ter­grund, dass die Europäis­che Hal­binsel fast über­all von Rand­meeren umgeben ist, ist dieses tiefe Wis­sen um den Ein­satz im Rand­meer­bere­ich für das Bünd­nis und seine Part­ner beson­ders wertvoll. Von beson­derem Vorteil ist darüber hin­aus die räum­liche Nähe zum in Kiel behei­mateten NATO Cen­tre of Excel­lence for Oper­a­tions in Con­fined and Shal­low Waters (COE CSW), mit dem es ein leis­tungsstarkes Kom­pe­ten­z­clus­ter bildet.

Ziel der Deutschen Marine ist es, wesentlich zu den von der NATO geforderten mar­iti­men Fähigkeit­en des Bünd­niss­es beizu­tra­gen und rel­e­vante Beiträge zu liefern. Diese sind: Erhalt ein­er wirkungsvollen Fähigkeit im Unter­wasserseekrieg, hochw­er­tige Fähigkeit­en in der mar­iti­men Luftvertei­di­gung und Teil­habe an der NATO-Raketen­ab­wehr, Rah­men­na­tion U-Boote und, in deut­lich­er zeitlich­er Dis­tanz, der Kern ein­er amphibis­chen Fähigkeit der Bun­deswehr gemein­sam mit inter­na­tionalen Part­nern. Dies geht ein­her mit einem ver­stärk­ten regionalen Gestal­tungswillen im Nord­flanken­raum, also den Gewässern des Nor­dat­lantiks und der Ost­see.

U-Boot 'U-32' (Foto: PIZ Marine)
Auf dem Bild zu sehen ist das Uboot U32 in der Eck­ern­förder Bucht.

Im Bere­ich des Unter­wasserseekrieges ist die Marine auf dem Weg, die drei­di­men­sion­ale Unter­wasseror­tung und die Befähi­gung zur wirkungsvollen Bekämp­fung von Unter­see­boten aber auch Über­wasser­stre­itkräften in die Zukun­ft zu tra­gen. Ein zukün­ftiger Ver­bund aus mod­ernisierten Seefer­naufk­lär­ern, einem auf die U-Boot- Jagd aus­gerichtetem Fre­gat­ten­pro­gramm MKS 180, hochmod­er­nen U-Booten und einem leis­tungs­fähi­gen Bor­d­hub­schrauber als Nach­folge des Sea Lynx sind die wirkungsvollen Bausteine. Diese Bausteine wer­den die mul­ti­sta­tis­che Ortung von Unter­wasserkon­tak­ten und deren Bekämp­fung auf große Dis­tanzen ermöglichen. Diese mod­er­nen Ver­fahren eröff­nen ein hohes Koop­er­a­tionspoten­zial mit unseren Part­ner­mari­nen, ins­beson­dere mit der US-Navy und in ein­er strate­gis­chen Part­ner­schaft mit Nor­we­gen.

Die Beschaf­fung des MKS 180, die Nach­fol­ge­pla­nung BHS Sea Lynx sowie der Aus­bau der U-Boot-Flotte ermöglichen diesen Schritt nach vorne. Damit ver­bun­den ist der deutsche Anspruch auf eine Rolle als Rah­men­na­tion für kon­ven­tionelle U-Boot-Oper­a­tio­nen. Eine leis­tungs­fähige Indus­trie, U-Boote als Schlüs­sel­tech­nolo­gie, die strate­gis­che Part­ner­schaft mit Nor­we­gen und der Erhalt der Befähi­gung zum Ein­satz ein­er mod­er­nen Flotte mod­ern­er U-Boote haben Sog­wirkung und ermöglichen anderen Natio­nen die Anlehnung an Deutsch­land. Dazu erfol­gen eine Ver­stärkung des 1. Uboot­geschwaders und die multi­na­tionale Aus­rich­tung des Aus­bil­dungszen­trum U-Boote (AZU) in Eck­ern­förde.

Der Erhalt der Befähi­gung zur wirkungsvollen Bekämp­fung von Seem­i­nen und die in diesem Bere­ich bere­its beste­hende enge regionale Zusam­me­nar­beit ist der zweite wichtige Aspekt der Befähi­gung zur Unter­wasserseekriegs­führung. Die Anstren­gun­gen der Marine gehen deut­lich über die Nach­fol­gebeschaf­fung für die derzeit­i­gen Ein­heit­en hin­aus. Ziel ist es, gemein­sam mit regionalen Part­ner­na­tio­nen eine wirkungsvolle „MCM-Tool­box“ zu entwick­eln. Dies ist die Zusam­men­stel­lung unter­schiedlich­er Fähigkeit­en zur Bekämp­fung von Seem­i­nen zu einem kohärenten Kräfte­dis­pos­i­tiv, gemein­same Beschaf­fung und Nutzung von Sys­te­men sowie eine ein­heitliche Aus­bil­dung. Der Stan­dort Kiel mit den weit­eren Dien­st­stellen der Bun­deswehr, dem im Auf­bau befind­lichen Ein­satzaus­bil­dungszen­trum Mine und den dort sta­tion­ierten deutschen Ein­heit­en kann zu einem regionalen Kom­pe­tenz- und Aus­bil­dungszen­trum aufge­baut wer­den.

Eine beson­ders anspruchsvolle Auf­gabe liegt in der inte­gri­erten Luftvertei­di­gung und Raketen­ab­wehr. Mit mehreren Part­ner­mari­nen ist Deutsch­land Teil der inter­na­tionalen MoU-Organ­i­sa­tion des Mar­itime The­atre Mis­sile Defence Forums. Dieses entwick­elt zukün­ftige Fähigkeit­en, tech­nis­che Lösun­gen sowie Ein­satz­grund­sätze und -ver­fahren für seine Mit­glieder. Deutsch­land ist nicht nur ein Grün­dungsmit­glied, son­dern hat in 2017 auch den ein­jähri­gen Vor­sitz des Forums über­nom­men. Die mit den Fre­gat­ten der Klasse 124 bere­its heute beste­hen­den her­aus­ra­gen­den mar­iti­men Fähigkeit­en der Bun­deswehr in der inte­gri­erten Luftvertei­di­gung wer­den weit­er aus­ge­baut. In der kom­menden Dekade erfol­gt die Fähigkeit­ser­weiterung auf die Ortung bal­lis­tis­ch­er Flugkör­p­er. Die Deutsche Marine wird diese Fähigkeit­en, in mar­iti­men Ver­bän­den und stre­itkräftege­mein­sam inte­gri­ert, dauer­haft zur Ver­fü­gung stellen, weit­er aus­bauen und im multi­na­tionalen Ver­bund ein­brin­gen.

Der Auf­bau ein­er amphibis­chen Fähigkeit der Bun­deswehr mit eige­nen Plat­tfor­men liegt am Ende des planer­ischen Betra­ch­tungszeitraumes. Gle­ichzeit­ig beste­hen Indika­tio­nen, dass solche Fähigkeit­en in enger Zusam­me­nar­beit mit der Königlich Nieder­ländis­chen Marine aufge­baut wer­den kön­nen. Um ein­er solchen Vorge­hensweise das erforder­liche Momen­tum zu geben, wird bere­its jet­zt die Inte­gra­tion des See­batail­lons der Deutschen Marine mit dem nieder­ländis­chen Korps Mariniers vor­angetrieben. Zurzeit erfol­gen konzep­tionelle Abstim­mungen für diese Fähigkeit­en zwis­chen den bei­den Mari­nen, um rechtzeit­ig die Umset­zung ein­leit­en zu kön­nen.

Die Deutsche Marine wird mit ihren Seekriegsmit­teln für nationale und Bünd­nisauf­gaben deut­lich außer­halb der an Deutsch­land angren­zen­den Seege­bi­ete ver­füg­bar sein. Dafür ist sie multi­na­tion­al inter­op­er­abel aus­gelegt. Sie kann jed­erzeit und über­all in mar­itime Kräfte­dis­pos­i­tive einge­bun­den wer­den. Dies beweist der Ein­satza­ll­t­ag der Deutschen Marine in den let­zten Jahren ein­drucksvoll. Im Bünd­nis­rah­men unter­stützt sie mögliche Joint Oper­a­tions. Um ihre regionale Ver­ant­wor­tung im Nord­flanken­raum und in der Ost­see wahrnehmen zu kön­nen, sind geeignete Seekriegsmit­tel erforder­lich.

Mit der Entschei­dung zur Beschaf­fung von fünf weit­eren Korvet­ten wird die Befähi­gung zur Rand­meerkriegs­führung entschei­dend gestärkt und die Fähigkeit zur Präsenz und Zusam­me­nar­beit mit Part­nern in der Ost­see aus­ge­baut – und dies bei gle­ichzeit­ig hoher Ein­satz­be­las­tung in anderen Seege­bi­eten. Die Gespräche der Marine mit den Part­nern in der Ost­see im Rah­men der Baltic Com­man­ders Con­fer­ence zeigen auf, dass eine solche ver­stärk­te Präsenz und Koop­er­a­tions­fähigkeit von uns erwartet wird. Sie stärkt die gemein­same Fähigkeit zur Abschreck­ung möglich­er Bedro­hun­gen.

Der für die näch­ste Dekade geplante kon­se­quente Fähigkeit­ser­halt für die mar­iti­men Fähigkeit­en der Bun­deswehr trägt den Forderun­gen der NATO, den Wün­schen der Part­ner und ins­beson­dere der regionalen Ver­ant­wor­tung der Deutschen Marine in diesem Bere­ich Rech­nung. Er adressiert die anerkan­nten Fähigkeits­forderun­gen für die Ost­see, den Nord­flanken­raum und die Seege­bi­ete des Atlantiks und des Mit­telmeeres und ermöglicht darüber hin­aus, auch den weltweit­en Gestal­tungsauf­trag für die Frei­heit und Sicher­heit der Meere wahrzunehmen.

Die Auf­stel­lung eines mar­iti­men Haup­tquartiers der oberen tak­tis­chen Ebene mit der Möglichkeit für andere Natio­nen, sich an die deutschen Seestre­itkräfte anzulehnen, die Rolle der Deutschen Marine als Rah­men­na­tion für kon­ven­tionelle U-Boote, das Bere­it­stellen der beson­deren regionalen Kom­pe­tenz in der Minen­ab­wehr auch für Part­ner­mari­nen und die Koop­er­a­tion im Bere­ich der gemein­samen multi­na­tionalen Fähigkeit­sen­twick­lung zeigen ein­drucksvoll das Bestreben der Deutsche Marine, die Koop­er­a­tion mit ihren Fre­un­den und Part­nern voranzutreiben.

Dieser Artikel wird mit fre­undlich­er Genehmi­gung der „Marine­Fo­rum – Zeitschrift für mar­itime Fra­gen“ veröf­fentlicht.

Marineforum

Kurz­fas­sung
Deutsche Marine auf dem Weg in die kommende Dekade - Kooperation mit Freunden und Partnern
Artikelüber­schrift
Deutsche Marine auf dem Weg in die kom­mende Dekade — Koop­er­a­tion mit Fre­un­den und Part­nern
Erk­lärung
Um dem Anspruch der Bun­desre­pub­lik Deutsch­land gerecht zu wer­den, braucht die Bun­deswehr, wie es das Weißbuch for­muliert, qual­i­ta­tiv hochw­er­tige und mod­erne Fähigkeit­en. Im Rah­men ein­er in den ver­gan­genen Jahren erfol­gten Analyse wur­den diese Fähigkeit­en iden­ti­fiziert und planer­ische aus­gestal­tet. Für die Marine ist es beson­ders pos­i­tiv, dass die damit ein­herge­hende Schär­fung des Fähigkeit­spro­fils durch die mil­itärische Führung und die poli­tis­che Leitung unter­stützt wird. Das zukün­ftige Fähigkeit­spro­fil der Marine wird damit durch zwei wesentliche Fak­toren bes­timmt. Ein­er­seits ist dies die poli­tis­che Akzep­tanz der NATO-Pla­nungsziele durch die Bun­desre­pub­lik Deutsch­land. Das set­zt den Rah­men. Inner­halb dieses Rah­mens geht es ander­er­seits darum, wirkungsvolle Schw­er­punk­te zu set­zen.
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