Update Piraterie — Stand 19.02.2012

Min­destens vier Grup­pen soma­lis­che Pirat­en sind derzeit im nördlichen Ara­bis­chen Meer, etwa 300 sm östlich von Salalah (Oman) unter­wegs. Beute kon­nten sie dort in der abge­laufe­nen Woche nicht machen, nicht zulet­zt auch, weil die Schiff­fahrt entsprechend gewarnt wird und ihre gemelde­ten Posi­tio­nen weiträu­mig umfährt. Angesichts der schwinden­den Aus­sicht­en auf Erfolg wollen soma­lis­che Pirat­en sich jet­zt offen­bar neu ori­en­tieren. Es gibt erste Hin­weise auf Absicht­en, Kaper­fahrten über den Golf von Aden, das Ara­bis­che Meer und das Soma­li­abeck­en hin­aus auch auf die weit südöstlich gele­ge­nen Schiff­fahrtswege zwis­chen dem Kap der Guten Hoff­nung und der Straße von Malak­ka zu erweitern. 

Marineforum - Indische Küstenwache stoppt ENRICA LEXIE (Foto: ICG)
Indis­che Küstenwache stoppt ENRICA LEXIE (Foto: ICG

Ein Zwis­chen­fall der abge­laufe­nen Woche sorgt für Schlagzeilen. Am 15. Feb­ru­ar melde­ten ital­ienis­che Medi­en stolz, auf dem ital­ienis­chen Tanker ENRICA LEXIE als bewaffnetes Sicher­heit­steam eingeschiffte Marine­in­fan­ter­is­ten des San Mar­co Reg­i­mentes der ital­ienis­chen Marine habe 30 sm vor der indis­chen Süd­küste „erfol­gre­ich einen Pira­te­nan­griff abgewehrt“. Gezieltes Abwehrfeuer auf ein Skiff habe „die Ver­brech­er von der Sinnlosigkeit ihres Vorhabens überzeugt“. 

Wenig später traf ein indis­ches Fis­cher­boot an der Küste ein; zwei der fünf Fis­ch­er waren tot. Die Über­leben­den berichteten von unver­mutetem Beschuss von Bord der ENRICA LEXIE. Indis­che Marine und Küstenwache set­zten sofort Flugzeuge zur Suche des ital­ienis­chen Tankers ein; drei Ein­heit­en – darunter das Küstenwach­schiff SAMAR – fin­gen die ENRICA LEXIE ab und „geleit­eten“ sie vor die indis­che Küste. Dort liegt der Tanker nun bis zum Abschluss von Unter­suchun­gen vor Kochi vor Anker. 

Der Vor­fall zeigt die Prob­lematik, zwis­chen tausenden im Indik ihrem Gewerbe nach gehen­den harm­losen Fis­ch­ern und eini­gen weni­gen Pirat­en zu unter­schei­den: sie alle benutzen gle­ich ausse­hende Skiffs. Nicht sel­ten ver­suchen Fis­ch­er, Han­delss­chiffe vor einem Über­fahren aus­gelegter Net­ze zu war­nen, indem sie sich ihnen näh­ern oder gar ihren Kurs block­ieren. Bei zunehmend nervösen Kapitä­nen löst solch­es Ver­hal­ten natür­lich Reak­tio­nen aus, und nicht immer wird mit Gegen­maß­nah­men — auch bewaffneter Sicher­heit­steams — gewartet, bis Pirat­en tat­säch­lich begin­nen, ein Schiff zu entern. Zu solchen Über­reak­tio­nen zählt sich­er auch ein Großteil der „Erfol­gsmeldun­gen“ der iranis­chen Marine, die immer wieder behauptet, ganze „Piraten­flot­ten“ (mit teils bis zu 30 Skiffs) ver­trieben zu haben. 

Weit­ere vier soma­lis­che mut­maßliche Pirat­en ist das dänis­che Mehrzweckschiff ABSALON „los gewor­den“. Sie kon­nten in Mom­basa keni­an­is­chen Behör­den zur Strafver­fol­gung übergeben wer­den. Schon am 6. Jan­u­ar waren nach der Befreiung ein­er iranis­chen Dhau 25 soma­lis­che Män­ner an Bord der ABSALON interniert wor­den. Eine Strafver­fol­gung nach dänis­chem Recht war nicht möglich, und so begann die Suche nach Alter­na­tiv­en. Erst nach fast einem Monat erk­lärten sich die Sey­chellen bere­it, zumin­d­est vier der mut­maßlichen Pirat­en zu übernehmen und ihnen den Prozess zu machen. Weit­ere vier sollen nun in Kenia vor Gericht gestellt wer­den. Für die restlichen 17 hat sich allerd­ings trotz aller Bemühun­gen kein „Abnehmer“ gefun­den. Sie wur­den an der soma­lis­chen Küste abge­set­zt – und wer­den sich­er schon bald wieder auf Kaper­fahrt gehen. 

West­afri­ka

Ein für die Region ungewöhn­lich­er Über­fall wird aus dem Golf von Guinea gemeldet. Mehr als 100 sm südlich von Lagos ver­fol­gten und enterten Pirat­en am 13. Feb­ru­ar auf Hoher See einen Mas­sen­gut­frachter. Kapitän und Schiff­sin­ge­nieur wur­den auf der Brücke erschossen; der Rest der Besatzung kon­nte sich in einem Schutzraum ver­bar­rikadieren. Als ein Hub­schrauber des im gle­ichen Seege­bi­et operieren­den franzö­sis­chen Dock­lan­dungss­chiffes SIROCO den Frachter anflog, gaben die Pirat­en ohne Aus­sicht auf Geiseln ihre Beute auf und set­zten sich ab. Später ein­tr­e­f­fende Ein­heit­en der nige­ri­an­is­chen Marine und Küstenwache braucht­en nicht mehr einzu­greifen. Über den Verbleib der Pirat­en (Mut­ter­schiff?) gibt es keine Angaben. 

Der Zwis­chen­fall ist insofern ungewöhn­lich, als in der Region üblicher­weise nur nahe der Küste ankernde Schiffe über­fall­en wer­den. Meist geht es den Ver­brech­ern dabei nur um den Raub von Wert­sachen; danach ver­schwinden sie schnell wieder. Gele­gentlich ent­führen regionale Rebel­len­grup­pen auch für einige Tage einen Tanker, um dessen Ladung abzupumpen und auf dem Schwarz­markt zu verkaufen. Schiff und Besatzung kom­men dann nach weni­gen Tagen wieder frei. Der nun gemeldete Über­fall gle­icht dage­gen auf­fal­l­end der Vorge­hensweise soma­lis­ch­er Pirat­en, und man darf dur­chaus ver­muten, dass hier auch eine Ent­führung mit dem Ziel der Lösegelder­pres­sung für Schiff und Besatzung geplant war. Schon vor eini­gen Wochen hat­te es (unbestätigte) Medi­en­berichte über die ange­bliche Anwe­sen­heit ein­er soma­lis­chen Piraten­gruppe im Golf von Guinea gegeben – mit einem Fis­chereifahrzeug als Mutterschiff. 

Aktuelle Entwick­lun­gen bei Ein­satzkräften

Die ehe­ma­lige 6. Anti-Pira­terie Ein­satz­gruppe der rus­sis­chen Paz­i­fik­flotte ist in den Heimath­afen zurück gekehrt. Am 12. Feb­ru­ar liefen der Zer­stör­er ADMIRAL PANTELEYEV, der Flot­ten­tanker BORIS BUTOMA und der Hochsee­bergeschlep­per FOTIY KRYLOV in Wladi­wos­tok ein, wo sie sich am 29. August 2011 auf den Weg ans Horn von Afri­ka gemacht hat­ten. Auf dem Rück­marsch in die Heimat hat­te der Ver­band noch Besuche in Indone­sien und auf den Philip­pinen durchgeführt. 

Marineforum - BERLIN (Foto: Michael Nitz)
BERLIN (Foto: Michael Nitz) 

Am 17. Feb­ru­ar ist der deutsche Ein­satz­grup­pen­ver­sorg­er BERLIN in Dschibu­ti eingetrof­fen. Das Schiff soll bis Ende Mai die EU Nav­For in der EU Oper­a­tion „Ata­lan­ta“ unterstützen. 

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