Update Piraterie — Stand 17.11. 2011

Am 15. Sep­tem­ber ließen soma­lis­che Pirat­en nach Zahlung eines Lösegeldes den viet­name­sis­chen (Flagge: Mon­golei) Mas­sen­gut­frachter HOANG SON SUN und seine 24 Mann Besatzung frei. Das Schiff war vor acht Monat­en im Ara­bis­chen Meer gekapert wor­den.

Marineforum - Entwicklung der Piratenbedrohung bis zum 24. September (Grafik: US Navy)
Entwick­lung der Piratenbedro­hung bis zum 24. Sep­tem­ber (Grafik: US Navy)

Noch immer hat der Mon­sun die offe­nen Seege­bi­ete des Indiks “fest im Griff”, aber das Wet­ter soll sich in den näch­sten Tagen beruhi­gen. Im nördlichen Ara­bis­chen Meer, vor den Küsten von Pak­istan und Oman, sollen Wellen­höhen von zur Zeit noch mehr als drei Meter auf etwa 1,5m zurück gehen.

Etwas später wird auch in Teilen des Soma­li­abeck­ens ruhigeres Wet­ter erwartet. Bei deut­lich verbesserten Möglichkeit­en zum Ein­satz klein­er Skiffs wird dann auch die Bedro­hung der Han­delss­chiff­fahrt durch Pirat­en erhe­blich zunehmen. NATO-Kriegss­chiffe beobacht­en denn auch schon offen­bare Vor­bere­itun­gen in den Pira­ten­camps an der soma­lis­chen Küste.

Eine von der US Navy erstellte und veröf­fentlichte Grafik ver­an­schaulicht die in den kom­menden zehn Tagen erwartete regionale Bedro­hungsen­twick­lung (rot = akute Bedro­hung) vom 16. Sep­tem­ber (oben links) bis zum 24. Sep­tem­ber (unten rechts).

In der abge­laufe­nen Woche beschränk­ten sich die Aktiv­itäten ostafrikanis­ch­er Pirat­en zwangsläu­fig noch auf die ruhi­gen Seege­bi­ete des inneren Golfs von Aden bzw. das südliche Rote Meer. Etwas nördlich der Meerenge des Bab el Man­deb wurde am 10. Sep­tem­ber der griechis­che Tanker UNITED EMBLEM ange­grif­f­en. Sechs Pirat­en kon­nten das Schiff auch entern, aber nicht zur in ein­er Zitadelle ver­bar­rikadierten Besatzung vor­drin­gen. Als der durch einen Notruf alarmierte rus­sis­che Zer­stör­er SEVEROMORSK am Schau­platz des Geschehens ein­traf, hat­ten sie ihre Beute bere­its wieder aufgegeben und das Weite gesucht.

Sieben in der Vor­woche nach der Kape­rung der franzö­sis­chen Segel­jacht TRIBAL KAT, der Ermor­dung des Skip­pers und der Ent­führung sein­er Ehe­frau vom spanis­chen Dock­lan­dungss­chiff GALICIA (EU Nav­For) fest­ge­set­zte soma­lis­che Pirat­en wur­den zur Strafver­fol­gung franzö­sis­chen Behör­den über­stellt und nach Frankre­ich gebracht.

Von der west­afrikanis­che Küste wird ein neuer Über­fall gemeldet. Wieder ein­mal waren zwei vor der Küste von Benin zum Umschlag von Rohöl nebeneinan­der liegende Tanker Ziel der ver­mut­lich aus Nige­ria kom­menden Pirat­en. Während die Besatzung des einen (nor­wegis­chen) Schiffes sich in ein­er Zitadelle ver­bar­rikadieren kon­nte, bracht­en die Pirat­en den zweit­en spanis­chen (Flagge: Zypern) Tanker auf und ent­führten ihn samt 23 Mann Besatzung. Sie wer­den in den kom­menden Tagen bemüht sein, die Ladung zum späteren Verkauf auf dem Schwarz­markt abzupumpen und das Schiff anschließend wahrschein­lich wieder frei geben. Schiff­sent­führun­gen mit Lösegeld­forderun­gen sind vor West­afri­ka (noch) sehr sel­ten.

Marineforum - Die zwei Boote der Marine Benins (Foto: Benin Navy)
Die zwei Boote der Marine Benins (Foto: Benin Navy)

Benins Marine ist zu umfassender Überwachung und Dauer­präsenz vor der Küste nicht in der Lage. Fakt ist aber, dass die Ver­brech­er hier fast auss­chließlich Anker­lieger über­fall­en. Primärziele waren dabei in den let­zten Wochen vor allem Tanker, die rou­tinemäßig vor der Küste von Benin in See ihre Ladung umschla­gen. Eine (Teil-)lösung des Prob­lems kön­nte daher sein, den Tankerkapitä­nen ein speziell dafür desig­niertes, dichter unter der Küste liegen­des und dann auch leichter zu schützen­des Gebi­et anzu­bi­eten (wobei unklar ist, ob die Tankerkapitäne nicht bewusst Abstand zur Küste suchen, weil der Ladung­sum­schlag in See aus Umweltschutz­grün­den vielle­icht ille­gal ist).

Allerd­ings käme die kleine Marine mit ihren derzeit nur zwei 27‑m Wach­booten auch hier schnell an die Gren­zen ihrer Möglichkeit­en. An ein­er (poli­tis­che Quere­len über­winden­den) Koop­er­a­tion regionaler Mari­nen — von Ghana bis Kamerun – oder/und ein­er vom Aus­land finanzierten materiellen Auf­s­tock­ung der Marine Benins dürfte so kaum ein Weg vor­bei führen.

Aktuelle Entwick­lun­gen bei Ein­satzkräften

Das zur derzeit in der Gol­fre­gion operieren­den BATAAN Amphibi­ous Ready Group der US Navy gehörende Dock­lan­dungss­chiff WHIDBEY ISLAND wurde für Anti-Pira­terie Ein­sätze detachiert. Mit an Bord ist ein Spezial­team der US Coast Guard, das die Sol­dat­en bei Durch­suchun­gen gestoppter Schiffe und Boote sowie ggf. Fes­t­nah­men mut­maßlich­er Pirat­en unter­stützen soll. Sich­er auch mit Blick auf das abse­hbare Ende der Mon­sun­zeit hat die britis­che Roy­al Navy ihre primär zur Anti-Ter­ror Oper­a­tion „Endur­ing Free­dom“ in die Region ver­legte Fre­gat­te SOMERSET für Anti-Pira­terie Oper­a­tio­nen abgestellt.

Die deutsche Fre­gat­te KOELN hat das Horn von Afri­ka erre­icht und sich der EU Nav­For in Oper­a­tion „Ata­lan­ta“ angeschlossen. Der süd­ko­re­anis­che Zer­stör­er MUNMU DAEWAN (KDX-II-Klasse) hat Schwest­er­schiff CHUNGMUGONG YI SUN-SHIN im Anti-Pira­terie Ein­satz im Golf von Aden abgelöst.

Schon vor Ein­tr­e­f­fen der aus dem Paz­i­fik zulaufend­en neuen rus­sis­chen Ein­satz­gruppe hat der in den let­zten Monat­en im Golf von Aden einge­set­zte Nord­flot­ten­ver­band mit dem Zer­stör­er SEVEROMORSK (UDALOY-Klasse), einem Flot­ten­tanker und einem Bergeschlep­per seinen Ein­satz been­det und den Rück­marsch zur Nord­flotte ange­treten. Mitte Okto­ber sollen die Schiffe im Heimath­afen Severo­morsk ein­tr­e­f­fen. Auf dem Wege dor­thin sind noch Besuche in Tar­tus (Syrien) — angesichts der dor­ti­gen innen­poli­tis­chen Lage poli­tisch hoch brisant (!!!) – und in der nordafrikanis­chen spanis­chen Enklave Ceu­ta geplant.

Marineforum - Südafrikanisches U-Boot CHARLOTTE MAXEKE (Foto: Michael Nitz)
Südafrikanis­ches U‑Boot CHARLOTTE MAXEKE (Foto: Michael Nitz)

Die südafrikanis­che Marine will in regionaler Nach­barschaft­shil­fe für Mosam­bik und Tansa­nia ihr Engage­ment bei der Bekämp­fung der Pira­terie vor Ostafri­ka offen­bar deut­lich erweit­ern. Bere­its im Juni hat­te Präsi­dent Zuma die Ver­legung von 200 Sol­dat­en „zum Dienst in Mosam­bik und inter­na­tionalen Gewässern“ genehmigt. Seit mehreren Monat­en patrouil­lieren immer wieder auch Fre­gat­ten — derzeit die AMATOLA – in der Straße von Mosam­bik. Nun hat das U‑Boot CHARLOTTE MAXEKE (TYP 209‑1400 SAN) einen etwa vier­wöchi­gen „Aufk­lärung­sein­satz“ im Indis­chen Ozean abgeschlossen. Er soll der „Vor­bere­itung ein­er größeren Anti-Pira­terie Oper­a­tion“ gedi­ent haben.

In Koop­er­a­tion mit “Marine­Fo­rum — Zeitschrift für mar­itime Fra­gen

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