Asien — Krisenregion Indischer Ozean

Chi­na wird in Asien zur geopoli­tis­chen Gegen­macht der USA. Auch das Ver­hält­nis zwis­chen Chi­na und Indi­en ist nicht kon­flik­t­frei. Bei­de Rivalen konkur­ri­eren um Ressourcen und geostrate­gis­chen Ein­fluss am Indis­chen Ozean. Dort bes­tim­men brisante poli­tis­che Krisen Eurasiens Periph­erie.

Im Jan­u­ar 2012 präsen­tierte Präsi­dent Oba­ma eine Neuaus­rich­tung der US-Mil­itärstrate­gie in Asien — einen Par­a­dig­men­wech­sel in der US-Mil­itär­dok­trin und eine oper­a­tive Akzentver­schiebung vom Mit­tleren Osten nach Asien-Paz­i­fik. Noch unter Bush II war eine glob­ale Offen­sive gegen den transna­tionalen islamis­chen Ter­ror­is­mus in das Zen­trum der US-Auβen­poli­tik gerückt wor­den, die sich mil­itärisch auf Kriegss­chau­plätze in Wes­t­asien konzen­tri­erte und auf Kon­trolle dor­tiger Ölvorkom­men zielte. Oba­ma hinge­gen leit­ete einen Abzug von US-Kampftrup­pen aus Irak und Afghanistan ein. Seine auβen­poli­tis­che Neuori­en­tierung in den mar­iti­men “Hin­ter­hof” Chi­nas soll geostrate­gis­che Posi­tionsver­luste der USA im West­paz­i­fik aus­gle­ichen. Auβen­min­is­terin Hillary Clin­ton for­mulierte Amerikas Motive mit klaren Worten: “We are back!” (Wir sind wieder da!).

Chi­na als geopoli­tis­che Gegen­macht der USA

Mit der Inte­gra­tion in glob­al­isierte Pro­duk­tion­sstruk­turen gelang Chi­na ein ras­an­ter wirtschaftlich­er Auf­stieg. Doch hat sein rohstoff- und energie­ver­brauchen­des Entwick­lungsmod­ell zugle­ich weltweit den Zugriff um knappe Ressourcen ver­schärft und Chi­na in Kon­flik­te manövri­ert. In Südostasien heizen Chi­nas Sou­veränität­sansprüche um ressourcenre­iche Inseln im Süd­chi­ne­sis­chen Meer die Rival­ität mit seinen Nach­barn und den USA an. Im West­paz­i­fik steuern USA und Chi­na auf eine Kon­fronta­tion zu. Eine Neube­w­er­tung Chi­nas als geopoli­tis­ch­er Akteur hat­te Wash­ing­ton bere­its vor Jahren vol­l­zo­gen: galt Chi­na unter Präsi­dent Clin­ton (1993–2001) noch als “strate­gis­ch­er Part­ner”, sah die Bush II-Regierung (2001–2009) Chi­na als “strate­gis­chen Rivalen”. Unter Oba­ma ist diese Bew­er­tung über­nom­men wor­den.

Indis­ch­er Ozean: Kon­flik­tschau­platz der Zukun­ft?

Im Bewusst­sein energiepoli­tis­ch­er Ver­wund­barkeit hat Chi­na die Sicherung sein­er mar­iti­men Ver­sorgungs- wege von Afri­ka und dem Mit­tleren Osten quer durch den Indis­chen Ozean in seine Paz­i­fikhäfen in Angriff genom­men. Bei­jings “Per­len­strate­gie” an der Süd­flanke Eurasiens trägt dieser Ein­sicht Rech­nung: durch Bau bzw. Nutzung von Hafe­nan­la­gen in Gwadar/Pakistan, Hambantota/Sri Lan­ka, Chittagong/Bangladesh und Sittwe/Myanmar. Jüng­ste Abkom­men sich­ern Chi­na Anlauf­s­ta­tio­nen auf Mau­ri­tius, den Sey­chellen und Male­di­v­en. Auch Chi­nas Marine zeigt Präsenz. Als mar­itime Tran­sitre­gion ist der Indis­che Ozean in den strate­gis­chen Fokus Chi­nas gerückt. In Neu-Del­hi wer­den Chi­nas Aktiv­itäten vor der “Haustür” Indi­ens allerd­ings mit Unbe­ha­gen beobachtet.

Indi­en beansprucht eine Führungsrolle in Südasien und dem Indis­chen Ozean. Damit wird Chi­na als Gegen­macht Indi­ens wahrgenom­men. Gegen­seit­iges Mis­strauen und tief­sitzende Bedro­hungsvorstel­lun­gen über­schat­ten die Beziehun­gen bei­der Län­der. Indi­ens Ver­hält­nis zu Chi­na ist his­torisch belastet: durch einen Gren­zkrieg im Himalaya 1962 und die umstrit­tene Markierung der gemein­samen rd. 4.000 Kilo­me­ter lan­gen Gren­ze. Bei­de Län­der besitzen zudem Atom­waf­fen. Poli­tis­che Beobachter glauben den Indis­chen Ozean als Kon­flik­tschau­platz der Zukun­ft erkan­nt zu haben — nicht nur zwis­chen den Rivalen Chi­na und Indi­en.

Wirtschaftliche Bedeu­tung des Indis­chen Ozeans

Mit ein­er Gesamt­fläche von rd. 70 Mil­lio­nen Quadratk­ilo­me­tern ist der Indis­che Ozean nach Paz­i­fik und Atlantik die Num­mer drei unter den Welt­meeren. Seine geo­graphis­che Lage an der südlichen Periph­erie Eurasiens bes­timmt dessen zen­trale wirtschaftliche Bedeu­tung: er liegt im Schnittpunkt rohstof­fre­ich­er Küsten­re­gio­nen und inter­na­tionaler Seewege zwis­chen Rotem Meer, dem Ara­bis­chen Golf und dem West­paz­i­fik.

Im Groβraum Indis­ch­er Ozean konzen­tri­eren sich reich­haltige Rohstof­fvorkom­men. Fast 40 Prozent glob­aler Erdöl- und Gasvorkom­men liegen küsten­nah im Ara­bis­chen Golf, dem Golf von Ben­galen (Bangladesh, Myan­mar) und vor Sumatra/Indonesien. Min­er­alis­che Rohstoffe in Südostasien: Zin­nerze in Malaysia, Indone­sien und Thai­land. Kohle, Uran­erze und Chrom sowie sel­tene Met­alle (Tung­sten, Tho­ri­um) in ostafrikanis­chen Anrain­er­staat­en. Im Gebi­et zwis­chen Mau­ri­tius und Mada­gaskar liegen weiträu­mig Vorkom­men met­all­haltiger Knollen (Man­gan, Nick­el, Kupfer, Kobalt) auf dem Meeres­bo­den.

Im Welthandel wur­den Paz­i­fik und Atlantik bere­its vom Indis­chen Ozean über­flügelt: ein Groβteil der Erdöl­ex­porte aus dem Mit­tleren Osten wird über dieses Meer abgewick­elt. Wirtschaftliche Glob­al­isierung hat zu einem Auf­schwung tran­skon­ti­nen­taler Seewege im Energie- und Rohstoff­bere­ich geführt und die Entwick­lung expor­to­ri­en­tiert­er Küsten­re­gio­nen und mar­itim ange­bun­den­er Metropolen gefördert.

Geostrate­gis­che Dimen­sion des Indis­chen Ozeans

Im Kon­text sein­er wirtschaftlichen Bedeu­tung ist der Indis­che Ozean in den ver­gan­genen Jahrzehn­ten ver­stärkt in den Mit­telpunkt des Wettstre­its um poli­tis­chen und mil­itärischen Ein­fluss gerückt. Zunehmende Rival­ität um Zugang zu Rohstof­fen und Kon­trolle von Trans­portrouten hat eine Mil­i­tarisierung inter­na­tionaler Seewege im Indis­chen Ozean aus­gelöst. Drei mar­itime Verkehrsko­r­ri­dore gel­ten als strate­gis­che Knoten- punk­te: Bab-el-Man­deb (Somalia/Jemen) mit Zugang zum Roten Meer und Suez-Kanal, Hor­muz (Oman/ Iran) am Zugang zum Ara­bis­chen Golf und schlieβlich Malak­ka (Indonesien/Malaysia/Singapur) als schmale Meere­sen­ge zum Paz­i­fis­chen Ozean. Dort konzen­tri­ert sich mil­itärische Präsenz ins­beson­dere der USA.

Durch den Bau von Pipelines vom Kaspis­chen Meer durch Afghanistan zum Indis­chen Ozean wird auch das rohstof­fre­iche Zen­tralasien an Eurasiens Küsten ange­bun­den. Doch geht es nicht allein um Rohstoffe und Trans­portrouten. Die ersten US-Rake­te­nan­griffe (Tom­a­hawk-Marschflugkör­p­er) auf Ziele in Afghanistan und Irak erfol­gten von US-Kriegss­chif­f­en, die im Ara­bis­chen Meer und dem Roten Meer sta­tion­iert waren. Die geostrate­gis­che Dimen­sion des Indis­chen Ozeans wird damit ein­drucksvoll unter­strichen: diese reicht weit über das Ter­ri­to­ri­um sein­er Anrain­er­staat­en hin­aus bis tief in die Land­masse Eurasiens hinein.

Ein Groβraum poli­tis­ch­er Insta­bil­ität

An den Küsten Ostafrikas und der Ara­bis­chen Hal­binsel, vom Sub­kon­ti­nent Indi­en und dem Golf von Ben­galen bis nach Indone­sien und Aus­tralien rei­hen sich ins­ge­samt 47 Nation­al­staat­en. Län­der, die sich in ihrem Pro­fil erhe­blich voneinan­der unter­schei­den: in Ressource­nausstat­tung und wirtschaftlichem Entwick- lungsniveau, im poli­tis­chen Herrschaftssys­tem und gesellschaftlich­er Sta­bil­ität. Seit langem hat sich der Groβraum Indis­ch­er Ozean zu ein­er brisan­ten Krisen­re­gion entwick­elt. Labile poli­tis­che Sys­teme und Macht­struk­turen bes­tim­men ins­beson­dere den Nahen und Mit­tleren Osten. Gewalt­same Proteste gegen ara­bis­che Dik­ta­toren und eine poli­tis­che Radikalisierung und zunehmende Mil­i­tanz transna­tion­al operieren- der islamis­ch­er Grup­pen (Tal­iban, Al-Qai­da) sor­gen in der Region für poli­tis­che Insta­bil­ität.

Sozialer Sprengstoff auch in Südasien (Indi­en, Pak­istan, Bangladesh): dort leben eine halbe Mil­liarde Men­schen unter der Armutsgren­ze. In Indi­ens Osten ste­hen Regio­nen weiträu­mig unter Kon­trolle bewaffneter Maois­t­en, der weltweit zweit­grössten Gueril­la-Armee nach den Tal­iban in Afghanistan. Pak­istan bewegt sich am Rande des Staat­sz­er­falls. Auf Sri Lan­ka waren Regierung und tamilis­che Sezes­sion­is­ten jahrzehn­te­lang in einen bluti­gen Kon­flikt ver­strickt, der rd. 60.000 Men­schenopfer forderte.

Am Horn von Afri­ka (Somalia/Jemen) über­fall­en soma­lis­che Pirat­en Con­tain­er- und Tankschiffe. Soma­lia bleibt ohne staatliche Struk­turen, der Jemen ist von innen­poli­tis­chen Kon­flik­ten zer­ris­sen. Aktuell der Wider­stand gegen ara­bis­che Dik­ta­toren, dessen Funke von Nordafri­ka auf despo­tisch regierte Sche­ichtümer am Ara­bis­chen Golf überzus­prin­gen dro­ht. Schlieβlich die Islamis­che Repub­lik Iran, deren Atom­pro­gramm im West­en als Bedro­hung emp­fun­den wird und Israel zu einem Mil­itärschlag ver­an­lassen kön­nte.

Transna­tionale Ter­ror­net­zw­erke beschränken sich nicht auf den Nahen und Mit­tleren Osten. Auch in Indone­sien (Jama Islamya) und Thai­land agieren religiös motivierte Bewe­gun­gen gewalt­sam. Erd­beben und Tsunamis (Indone­sien 2004, Japan 2011), Hochwasserkatas­tro­phen (Pak­istan 2010, Thai­land 2011) und poten­tielle Auswirkun­gen des glob­alen Kli­mawan­dels auf dicht­bevölk­erte Küsten­re­gio­nen in Südostasien und dem Ben­galis­chen Golf wer­den von Poli­tik und Mil­itär als Sicher­heit­srisiko wahrgenom­men. Die Anrain­er des Indis­chen Ozeans weisen ein hohes Maβ an sozialem und poli­tis­chen Kon­flik­t­po­ten­tial auf. Auch Indi­en und Chi­na kön­nten im Indis­chen Ozean auf eine Kon­fronta­tion zus­teuern.

Indi­en richtet sich strate­gisch neu aus

Wie ein Keil ragt die sub­kon­ti­nen­tale Land­masse Indi­ens in den Indis­chen Ozean hinein. Indi­ens Küsten sind länger als gemein­same Land­gren­zen mit den Nach­barn Pak­istan, Chi­na, Nepal, Bhutan, Bangladesh und Myan­mar. Trotz­dem war Indi­en in sein­er Geschichte stets eine Land­macht, sein Ver­hält­nis zum Meer ambiva­lent — eine ver­nach­läs­sigte Gröβe, die ab dem 15. Jahrhun­dert die kolo­niale Eroberung des Sub­kon­ti­nents erle­ichtern sollte. Kala­pani — die “schwarzen Wass­er” des Ozeans waren in Indi­en lange Zeit ein Syn­o­mym für etwas Bös­es. Das Meer galt als ein von dämonis­chen Kräften beherrscht­es Ele­ment — dunkel und unberechen­bar.

Indi­ens Feinde kamen stets vom Land und bewirk­ten ein tiefver­wurzeltes Denken in kon­ti­nen­tal­en Kat­e­gorien. Europas Kolo­nialmächte (Por­tu­gal, Hol­land, Eng­land) sorgten für Abwech­slung und eroberten Indi­en von dessen mar­itimer Periph­erie. Erst im 20. Jahrhun­dert wurde Indi­en wieder in Land­kriege ver­wick­elt: gegen Pak­istan (1948, 1965, 1971) und Chi­na (1962), strate­gis­ches Denken und Mil­itär­dok­trin damit erneut land­seit­ig aus­gerichtet. Der indisch-chi­ne­sis­che Gren­zkrieg von 1962 führte Indi­ens Eliten deut­lich vor Augen: der Himalaya bietet keine unüber­wind­bare physis­che Schranke, keinen sicheren Schutz vor dem Nach­barn Chi­na.

Indi­ens Bedro­hungsperzep­tio­nen wer­den heute von der Furcht ein­er Einkreisung durch Chi­na bes­timmt. Neu-Del­hi steckt in einem Dilem­ma: Chi­nas Armee und Raketen­stel­lun­gen ste­hen in Tibet, Chi­nas Marine zeigt Flagge im Indis­chen Ozean. Muss sich Indi­en auf einen Zweifron­tenkrieg ein­stellen? Indi­ens Mil­itärstrate­gen set­zten tra­di­tionell land­seit­ige Pri­or­itäten: bei Armee und Luft­waffe, mit der Entwick­lung von Atom­waf­fen. Erst der blutige Ter­ro­ran­schlag in der Finanzmetro­pole Mum­bai (2008) offen­barte schla­gar­tig Indi­ens fatale Unter­schätzung mar­itimer Sicher­heit­srisiken. Die Erken­nt­nis: Kriege wer­den kün­ftig nicht in eisi­gen Himalayahöhen, son­dern im Indis­chen Ozean aus­ge­tra­gen! Die Kon­se­quenz: ein Wan­del im strate­gis­chen Denken und eine Neuaus­rich­tung auf das Meer.

Indi­ens Zukun­ft liegt am Meer

Mit ein­er 7.000 Kilo­me­ter lan­gen Küste, einem bre­it­en Fes­t­landssock­el und ein­er groβen mar­iti­men Wirtschaft­szone mit küsten­na­hen Erdölvorkom­men liegt für Indi­en die Bedeu­tung des Indis­chen Ozeans auf der Hand bzw. auf dem Wass­er. Ein Groβteil sein­er Erdölimporte bezieht Indi­en aus den Vere­inigten Ara­bis­chen Emi­rat­en (nach Chi­na Indi­ens Han­delspart­ner Num­mer zwei). Vol­u­men: rd. 100 Mil­liar­den US- Dol­lar (2010). Erdgas kommt aus Qatar, dem Iran und Malaysia. Die Golf­s­taat­en sind eine bedeu­tende Ziel­re­gion indis­ch­er Kap­i­tal­in­vesti­tio­nen. Dort arbeit­en vier Mil­lio­nen Inder, die 2010 rd. fünf Mil­liar­den US- Dol­lar in ihr Heimat­land über­wiesen. Indi­ens dominieren­der Energi­eträger Kohle, mit einem Anteil von 50 Prozent am Energiemix, muss eben­falls importiert wer­den: aus Aus­tralien, Indone­sien, Südafri­ka und Mosam­bik. Der Indis­che Ozean wird damit für die auf­strebende Wirtschafts­macht Indi­en eben­falls zu ein­er Tran­sitre­gion von hoher strate­gis­ch­er Bedeu­tung.

Neue mar­itime Groβ­macht Chi­na?

Auch Chi­na ist das Muster­beispiel ein­er Land­macht, dessen Denken kon­ti­nen­tal aus­gerichtet war — auf Angreifer aus Zen­tralasien. Die chi­ne­sis­che Mauer sollte als Schutzwall dienen. Mar­itime Expe­di­tio­nen des Eunuchen-Admi­rals Zheng He an die Küsten des Indis­chen Ozeans waren im 15. Jahrhun­dert ein spek­takuläres, gle­ich­wohl zeitlich kurz bemessenes Inter­mez­zo. Chi­nas Kaiser der Ming-Dynas­tie wählten eine intro­vertierte Macht­poli­tik und kehrten den Welt­meeren den Rück­en zu. Der Verzicht auf eine schlagkräftige Marine sollte Chi­na im 19. Jahrhun­dert zum Ver­häng­nis wer­den, zur Nieder­lage im “Opi­umkrieg” (1839–42) gegen Eng­land führen und eine Phase demüti­gen­der kolo­nialer Unter­w­er­fung ein­leit­en.

Einen Par­a­dig­men­wech­sel im strate­gis­chen Denken und dem konzep­tionellen Zuschnitt sein­er Mil­itär­dok­trin vol­l­zog Chi­nas Elite erst lange nach Grün­dung der Volk­sre­pub­lik. Chi­nas wirtschaftliche Lib­er­al­isierung führte zur Ein­rich­tung von Son­der­wirtschaft­szo­nen am Süd­chi­ne­sis­chen Meer. Inte­gra­tion in die Glob­ali- sierung erforderte eine mar­itime Anbindung expor­to­ri­en­tiert­er Indus­triepro­duk­tion. Mit der Implo­sion der Sow­je­tu­nion (1990 ff.) ent­fiel zudem eine Bedro­hung an Chi­nas Land­gren­zen, die seit dem ide­ol­o­gis­chen Kon­flikt mit Moskau groβe Teile der chi­ne­sis­chen Land­stre­itkräfte gebun­den hat­te. Damit wurde der Weg frei für eine mil­itärstrate­gis­che Neuaus­rich­tung auf das Meer. Im Vertei­di­gungsweiβbuch 2009 for­mulierte Chi­na erst­mals expliz­it die geopoli­tis­che Bedeu­tung des Indis­chen Ozeans.

Chi­na fühlt sich auf den Welt­meeren nicht von Pirat­en bedro­ht, son­dern durch die mil­itärische Fähigkeit der USA, mar­itime Han­del­swege zu block­ieren und Chi­na von lebenswichti­gen Energieim­porten abzuschnei­den. Bei­jings Streben nach Erweiterung des Oper­a­tions­ge­bi­etes der chi­ne­sis­chen Marine im West­paz­i­fik hebt Chi­na in den Rang ein­er Regional­macht. Doch erst mar­itime Präsenz und Macht­pro­jek­tion Chi­nas auch im Indis­chen Ozean schaf­fen jene macht­poli­tis­chen Voraus­set­zun­gen, die eine Groβ­macht ausze­ich­nen. Damit wird Chi­na zur geopoli­tis­chen Gegen­macht der USA. Für manche poli­tis­che Beobachter zeich­net sich in Asien deshalb zwangsläu­fig ein Kon­flikt zwis­chen bei­den Mächt­en am Hor­i­zont ab.

Per­spek­tiv­en ein­er neuen macht­poli­tis­chen Geome­trie

In der Pen­ta­gon-Studie “Asia 2025” hat die Zukun­ft in Südasien und der Asien-Paz­i­fik-Region bere­its begonnen. An der US-Marine-Akademie “Naval War Col­lege” in Newport/Rhode Island wur­den schon vor mehr als zehn Jahren diverse Kon­flik­t­szenar­ien in diesen bei­den Groβräu­men durchge­spielt. Ein Atom­krieg zwis­chen Indi­en und Pak­istan wird nach Ansicht amerikanis­ch­er Strate­gieplan­er einen Staat­sz­er­fall Pak­istans zur Folge haben. Eine Kon­flik­teskala­tion zwis­chen den USA und Chi­na um Tai­wan endet in der Studie mit ein­er Über­raschung: Indi­en und Chi­na ver­bün­den sich gegen die USA und erzwin­gen Amerikas Rück­zug aus dem West­paz­i­fik und dem Indis­chem Ozean!

Eine inter­na­tionale Ord­nung, in der die USA ihre Welt­machtrolle zu teilen bere­it sind, ist nicht in Sicht. Doch hat der Auf­stieg von Chi­na und Indi­en zu ein­er Umstruk­turierung der inter­na­tionalen Arbeit­steilung geführt und eine Umverteilung transna­tionaler Investi­tion­sströme und indus­trieller Pro­duk­tion in den asi­atisch- paz­i­fis­chen Raum bewirkt. Ohne Chi­na und Indi­en, aber auch Rus­s­land, Brasilien und Südafri­ka lassen sich heute keine inter­na­tionalen Prob­leme lösen. Mit der Her­aus­bil­dung neuer wirtschaftlich­er Macht­pole wird eine glob­ale Neukon­fig­urierung macht­poli­tis­ch­er Architek­tur unver­mei­dlich.

Chi­nas wirtschaftlich­er Auf­stieg hat auch ide­ol­o­gis­che Kon­flik­te mit den USA aus­gelöst: bei­de Län­der konkur­ri­eren mit unter­schiedlichen Entwick­lungsmod­ellen. Im Gegen­satz zu neolib­eralen Konzepten des West­ens ver­tritt Chi­na ein staat­szen­tri­ertes Entwick­lungsmod­ell. Chi­na mis­cht sich in “tra­di­tionelle” Ein­flusszo­nen von USA und Wes­teu­ropa ein und bietet Eliten in der Drit­ten Welt attrak­ti­vere Ange­bote als der West­en mit Inter­na­tionalem Währungs­fond (IWF), Welt­bank und Welthandel­sor­gan­i­sa­tion (WTO): zins­gün­stige Kred­ite und Entwick­lung­shil­fe ohne poli­tis­che Aufla­gen, zoll­freien Zugang zum chi­ne­sis­chen Markt und Schulden­er­laβ. Wash­ing­ton wird her­aus­ge­fordert: eine glob­ale Durch­set­zung des neolib­eralen Par­a­dig­mas erfordert eine glob­ale Führungsrolle der USA. Deshalb sig­nal­isiert Oba­mas neue Mil­itär­dok­trin Kon­fronta­tions­bere­itschaft.

Der Indis­che Ozean bleibt auch in Zukun­ft eine Krisen­re­gion

Als Groβraum rohstof­fre­ich­er Küstenge­bi­ete und Tran­sitre­gion mar­itimer Trans­portwege liegt der Indis­che Ozean im Schnittpunkt rival­isieren­der Wirtschaftsin­ter­essen und Macht­pro­jek­tio­nen von USA, Chi­na und Indi­en. Eine Fix­ierung auf zwis­chen­staatlich­es Kon­flik­t­po­ten­tial zwis­chen diesen drei Akteuren ver­stellt leicht den Blick auf die brisan­ten inner­staatlichen Krisen der Anrain­er­staat­en am Indis­chen Ozean. Dort liegt ein ganzes Bün­del von schw­er beherrschbarem Kon­flik­t­po­ten­tial. Wirtschaftlich­es und soziales Entwick­lungs- gefälle, gewalt­samer Wider­stand gegen undemokratis­che Regime, Ten­den­zen ein­er Radikalisierung oppo- sitioneller (nicht nur islamis­ch­er) Bewe­gun­gen und poli­tisch zunehmend selb­st­be­wusste Mit­telschicht­en set­zen Asiens herrschende Eliten, ins­beson­dere im Ara­bis­chen Raum und auf dem Sub­kon­ti­nent Indi­en unter Druck. Der Indis­che Ozean bleibt auch in Zukun­ft eine Krisen­re­gion.

Über den Autor:
Wil­fried Arz ist Poli­tik­wis­senschaftler in Bangkok/Thailand