Asien — Krisenregion Indischer Ozean

Chi­na wird in Asien zur geopoli­tis­chen Gegen­macht der USA. Auch das Ver­hält­nis zwis­chen Chi­na und Indi­en ist nicht kon­flik­t­frei. Bei­de Rivalen konkur­ri­eren um Ressourcen und geostrate­gis­chen Ein­fluss am Indis­chen Ozean. Dort bes­tim­men brisante poli­tis­che Krisen Eurasiens Periph­erie.

Im Jan­u­ar 2012 präsen­tierte Präsi­dent Oba­ma eine Neuaus­rich­tung der US-Mil­itärstrate­gie in Asien — einen Par­a­dig­men­wech­sel in der US-Mil­itär­dok­trin und eine oper­a­tive Akzentver­schiebung vom Mit­tleren Osten nach Asien-Paz­i­fik. Noch unter Bush II war eine glob­ale Offen­sive gegen den transna­tionalen islamis­chen Ter­ror­is­mus in das Zen­trum der US-Auβen­poli­tik gerückt wor­den, die sich mil­itärisch auf Kriegss­chau­plätze in Wes­t­asien konzen­tri­erte und auf Kon­trolle dor­tiger Ölvorkom­men zielte. Oba­ma hinge­gen leit­ete einen Abzug von US-Kampftrup­pen aus Irak und Afghanistan ein. Seine auβen­poli­tis­che Neuori­en­tierung in den mar­iti­men “Hin­ter­hof” Chi­nas soll geostrate­gis­che Posi­tionsver­luste der USA im West­paz­i­fik aus­gle­ichen. Auβen­min­is­terin Hillary Clin­ton for­mulierte Amerikas Motive mit klaren Worten: “We are back!” (Wir sind wieder da!).

Chi­na als geopoli­tis­che Gegen­macht der USA

Mit der Inte­gra­tion in glob­al­isierte Pro­duk­tion­sstruk­turen gelang Chi­na ein ras­an­ter wirtschaftlich­er Auf­stieg. Doch hat sein rohstoff- und energie­ver­brauchen­des Entwick­lungsmod­ell zugle­ich weltweit den Zugriff um knappe Ressourcen ver­schärft und Chi­na in Kon­flik­te manövri­ert. In Südostasien heizen Chi­nas Sou­veränität­sansprüche um ressourcenre­iche Inseln im Süd­chi­ne­sis­chen Meer die Rival­ität mit seinen Nach­barn und den USA an. Im West­paz­i­fik steuern USA und Chi­na auf eine Kon­fronta­tion zu. Eine Neube­w­er­tung Chi­nas als geopoli­tis­ch­er Akteur hat­te Wash­ing­ton bere­its vor Jahren vol­l­zo­gen: galt Chi­na unter Präsi­dent Clin­ton (1993–2001) noch als “strate­gis­ch­er Part­ner”, sah die Bush II-Regierung (2001–2009) Chi­na als “strate­gis­chen Rivalen”. Unter Oba­ma ist diese Bew­er­tung über­nom­men wor­den.

Indis­ch­er Ozean: Kon­flik­tschau­platz der Zukun­ft?

Im Bewusst­sein energiepoli­tis­ch­er Ver­wund­barkeit hat Chi­na die Sicherung sein­er mar­iti­men Ver­sorgungs- wege von Afri­ka und dem Mit­tleren Osten quer durch den Indis­chen Ozean in seine Paz­i­fikhäfen in Angriff genom­men. Bei­jings “Per­len­strate­gie” an der Süd­flanke Eurasiens trägt dieser Ein­sicht Rech­nung: durch Bau bzw. Nutzung von Hafe­nan­la­gen in Gwadar/Pakistan, Hambantota/Sri Lan­ka, Chittagong/Bangladesh und Sittwe/Myanmar. Jüng­ste Abkom­men sich­ern Chi­na Anlauf­s­ta­tio­nen auf Mau­ri­tius, den Sey­chellen und Male­di­v­en. Auch Chi­nas Marine zeigt Präsenz. Als mar­itime Tran­sitre­gion ist der Indis­che Ozean in den strate­gis­chen Fokus Chi­nas gerückt. In Neu-Del­hi wer­den Chi­nas Aktiv­itäten vor der “Haustür” Indi­ens allerd­ings mit Unbe­ha­gen beobachtet.

Indi­en beansprucht eine Führungsrolle in Südasien und dem Indis­chen Ozean. Damit wird Chi­na als Gegen­macht Indi­ens wahrgenom­men. Gegen­seit­iges Mis­strauen und tief­sitzende Bedro­hungsvorstel­lun­gen über­schat­ten die Beziehun­gen bei­der Län­der. Indi­ens Ver­hält­nis zu Chi­na ist his­torisch belastet: durch einen Gren­zkrieg im Himalaya 1962 und die umstrit­tene Markierung der gemein­samen rd. 4.000 Kilo­me­ter lan­gen Gren­ze. Bei­de Län­der besitzen zudem Atom­waf­fen. Poli­tis­che Beobachter glauben den Indis­chen Ozean als Kon­flik­tschau­platz der Zukun­ft erkan­nt zu haben — nicht nur zwis­chen den Rivalen Chi­na und Indi­en.

Wirtschaftliche Bedeu­tung des Indis­chen Ozeans

Mit ein­er Gesamt­fläche von rd. 70 Mil­lio­nen Quadratk­ilo­me­tern ist der Indis­che Ozean nach Paz­i­fik und Atlantik die Num­mer drei unter den Welt­meeren. Seine geo­graphis­che Lage an der südlichen Periph­erie Eurasiens bes­timmt dessen zen­trale wirtschaftliche Bedeu­tung: er liegt im Schnittpunkt rohstof­fre­ich­er Küsten­re­gio­nen und inter­na­tionaler Seewege zwis­chen Rotem Meer, dem Ara­bis­chen Golf und dem West­paz­i­fik.

Im Groβraum Indis­ch­er Ozean konzen­tri­eren sich reich­haltige Rohstof­fvorkom­men. Fast 40 Prozent glob­aler Erdöl- und Gasvorkom­men liegen küsten­nah im Ara­bis­chen Golf, dem Golf von Ben­galen (Bangladesh, Myan­mar) und vor Sumatra/Indonesien. Min­er­alis­che Rohstoffe in Südostasien: Zin­nerze in Malaysia, Indone­sien und Thai­land. Kohle, Uran­erze und Chrom sowie sel­tene Met­alle (Tung­sten, Tho­ri­um) in ostafrikanis­chen Anrain­er­staat­en. Im Gebi­et zwis­chen Mau­ri­tius und Mada­gaskar liegen weiträu­mig Vorkom­men met­all­haltiger Knollen (Man­gan, Nick­el, Kupfer, Kobalt) auf dem Meeres­bo­den.

Im Welthandel wur­den Paz­i­fik und Atlantik bere­its vom Indis­chen Ozean über­flügelt: ein Groβteil der Erdöl­ex­porte aus dem Mit­tleren Osten wird über dieses Meer abgewick­elt. Wirtschaftliche Glob­al­isierung hat zu einem Auf­schwung tran­skon­ti­nen­taler Seewege im Energie- und Rohstoff­bere­ich geführt und die Entwick­lung expor­to­ri­en­tiert­er Küsten­re­gio­nen und mar­itim ange­bun­den­er Metropolen gefördert.

Geostrate­gis­che Dimen­sion des Indis­chen Ozeans

Im Kon­text sein­er wirtschaftlichen Bedeu­tung ist der Indis­che Ozean in den ver­gan­genen Jahrzehn­ten ver­stärkt in den Mit­telpunkt des Wettstre­its um poli­tis­chen und mil­itärischen Ein­fluss gerückt. Zunehmende Rival­ität um Zugang zu Rohstof­fen und Kon­trolle von Trans­portrouten hat eine Mil­i­tarisierung inter­na­tionaler Seewege im Indis­chen Ozean aus­gelöst. Drei mar­itime Verkehrsko­r­ri­dore gel­ten als strate­gis­che Knoten- punk­te: Bab-el-Man­deb (Somalia/Jemen) mit Zugang zum Roten Meer und Suez-Kanal, Hor­muz (Oman/ Iran) am Zugang zum Ara­bis­chen Golf und schlieβlich Malak­ka (Indonesien/Malaysia/Singapur) als schmale Meere­sen­ge zum Paz­i­fis­chen Ozean. Dort konzen­tri­ert sich mil­itärische Präsenz ins­beson­dere der USA.

Durch den Bau von Pipelines vom Kaspis­chen Meer durch Afghanistan zum Indis­chen Ozean wird auch das rohstof­fre­iche Zen­tralasien an Eurasiens Küsten ange­bun­den. Doch geht es nicht allein um Rohstoffe und Trans­portrouten. Die ersten US-Rake­te­nan­griffe (Tom­a­hawk-Marschflugkör­p­er) auf Ziele in Afghanistan und Irak erfol­gten von US-Kriegss­chif­f­en, die im Ara­bis­chen Meer und dem Roten Meer sta­tion­iert waren. Die geostrate­gis­che Dimen­sion des Indis­chen Ozeans wird damit ein­drucksvoll unter­strichen: diese reicht weit über das Ter­ri­to­ri­um sein­er Anrain­er­staat­en hin­aus bis tief in die Land­masse Eurasiens hinein.

Ein Groβraum poli­tis­ch­er Insta­bil­ität

An den Küsten Ostafrikas und der Ara­bis­chen Hal­binsel, vom Sub­kon­ti­nent Indi­en und dem Golf von Ben­galen bis nach Indone­sien und Aus­tralien rei­hen sich ins­ge­samt 47 Nation­al­staat­en. Län­der, die sich in ihrem Pro­fil erhe­blich voneinan­der unter­schei­den: in Ressource­nausstat­tung und wirtschaftlichem Entwick- lungsniveau, im poli­tis­chen Herrschaftssys­tem und gesellschaftlich­er Sta­bil­ität. Seit langem hat sich der Groβraum Indis­ch­er Ozean zu ein­er brisan­ten Krisen­re­gion entwick­elt. Labile poli­tis­che Sys­teme und Macht­struk­turen bes­tim­men ins­beson­dere den Nahen und Mit­tleren Osten. Gewalt­same Proteste gegen ara­bis­che Dik­ta­toren und eine poli­tis­che Radikalisierung und zunehmende Mil­i­tanz transna­tion­al operieren- der islamis­ch­er Grup­pen (Tal­iban, Al-Qai­da) sor­gen in der Region für poli­tis­che Insta­bil­ität.

Sozialer Sprengstoff auch in Südasien (Indi­en, Pak­istan, Bangladesh): dort leben eine halbe Mil­liarde Men­schen unter der Armutsgren­ze. In Indi­ens Osten ste­hen Regio­nen weiträu­mig unter Kon­trolle bewaffneter Maois­t­en, der weltweit zweit­grössten Gueril­la-Armee nach den Tal­iban in Afghanistan. Pak­istan bewegt sich am Rande des Staat­sz­er­falls. Auf Sri Lan­ka waren Regierung und tamilis­che Sezes­sion­is­ten jahrzehn­te­lang in einen bluti­gen Kon­flikt ver­strickt, der rd. 60.000 Men­schenopfer forderte.

Am Horn von Afri­ka (Somalia/Jemen) über­fall­en soma­lis­che Pirat­en Con­tain­er- und Tankschiffe. Soma­lia bleibt ohne staatliche Struk­turen, der Jemen ist von innen­poli­tis­chen Kon­flik­ten zer­ris­sen. Aktuell der Wider­stand gegen ara­bis­che Dik­ta­toren, dessen Funke von Nordafri­ka auf despo­tisch regierte Sche­ichtümer am Ara­bis­chen Golf überzus­prin­gen dro­ht. Schlieβlich die Islamis­che Repub­lik Iran, deren Atom­pro­gramm im West­en als Bedro­hung emp­fun­den wird und Israel zu einem Mil­itärschlag ver­an­lassen kön­nte.

Transna­tionale Ter­ror­net­zw­erke beschränken sich nicht auf den Nahen und Mit­tleren Osten. Auch in Indone­sien (Jama Islamya) und Thai­land agieren religiös motivierte Bewe­gun­gen gewalt­sam. Erd­beben und Tsunamis (Indone­sien 2004, Japan 2011), Hochwasserkatas­tro­phen (Pak­istan 2010, Thai­land 2011) und poten­tielle Auswirkun­gen des glob­alen Kli­mawan­dels auf dicht­bevölk­erte Küsten­re­gio­nen in Südostasien und dem Ben­galis­chen Golf wer­den von Poli­tik und Mil­itär als Sicher­heit­srisiko wahrgenom­men. Die Anrain­er des Indis­chen Ozeans weisen ein hohes Maβ an sozialem und poli­tis­chen Kon­flik­t­po­ten­tial auf. Auch Indi­en und Chi­na kön­nten im Indis­chen Ozean auf eine Kon­fronta­tion zus­teuern.

Indi­en richtet sich strate­gisch neu aus

Wie ein Keil ragt die sub­kon­ti­nen­tale Land­masse Indi­ens in den Indis­chen Ozean hinein. Indi­ens Küsten sind länger als gemein­same Land­gren­zen mit den Nach­barn Pak­istan, Chi­na, Nepal, Bhutan, Bangladesh und Myan­mar. Trotz­dem war Indi­en in sein­er Geschichte stets eine Land­macht, sein Ver­hält­nis zum Meer ambiva­lent — eine ver­nach­läs­sigte Gröβe, die ab dem 15. Jahrhun­dert die kolo­niale Eroberung des Sub­kon­ti­nents erle­ichtern sollte. Kala­pani — die “schwarzen Wass­er” des Ozeans waren in Indi­en lange Zeit ein Syn­o­mym für etwas Bös­es. Das Meer galt als ein von dämonis­chen Kräften beherrscht­es Ele­ment — dunkel und unberechen­bar.

Indi­ens Feinde kamen stets vom Land und bewirk­ten ein tiefver­wurzeltes Denken in kon­ti­nen­tal­en Kat­e­gorien. Europas Kolo­nialmächte (Por­tu­gal, Hol­land, Eng­land) sorgten für Abwech­slung und eroberten Indi­en von dessen mar­itimer Periph­erie. Erst im 20. Jahrhun­dert wurde Indi­en wieder in Land­kriege ver­wick­elt: gegen Pak­istan (1948, 1965, 1971) und Chi­na (1962), strate­gis­ches Denken und Mil­itär­dok­trin damit erneut land­seit­ig aus­gerichtet. Der indisch-chi­ne­sis­che Gren­zkrieg von 1962 führte Indi­ens Eliten deut­lich vor Augen: der Himalaya bietet keine unüber­wind­bare physis­che Schranke, keinen sicheren Schutz vor dem Nach­barn Chi­na.

Indi­ens Bedro­hungsperzep­tio­nen wer­den heute von der Furcht ein­er Einkreisung durch Chi­na bes­timmt. Neu-Del­hi steckt in einem Dilem­ma: Chi­nas Armee und Raketen­stel­lun­gen ste­hen in Tibet, Chi­nas Marine zeigt Flagge im Indis­chen Ozean. Muss sich Indi­en auf einen Zweifron­tenkrieg ein­stellen? Indi­ens Mil­itärstrate­gen set­zten tra­di­tionell land­seit­ige Pri­or­itäten: bei Armee und Luft­waffe, mit der Entwick­lung von Atom­waf­fen. Erst der blutige Ter­ro­ran­schlag in der Finanzmetro­pole Mum­bai (2008) offen­barte schla­gar­tig Indi­ens fatale Unter­schätzung mar­itimer Sicher­heit­srisiken. Die Erken­nt­nis: Kriege wer­den kün­ftig nicht in eisi­gen Himalayahöhen, son­dern im Indis­chen Ozean aus­ge­tra­gen! Die Kon­se­quenz: ein Wan­del im strate­gis­chen Denken und eine Neuaus­rich­tung auf das Meer.

Indi­ens Zukun­ft liegt am Meer

Mit ein­er 7.000 Kilo­me­ter lan­gen Küste, einem bre­it­en Fes­t­landssock­el und ein­er groβen mar­iti­men Wirtschaft­szone mit küsten­na­hen Erdölvorkom­men liegt für Indi­en die Bedeu­tung des Indis­chen Ozeans auf der Hand bzw. auf dem Wass­er. Ein Groβteil sein­er Erdölimporte bezieht Indi­en aus den Vere­inigten Ara­bis­chen Emi­rat­en (nach Chi­na Indi­ens Han­delspart­ner Num­mer zwei). Vol­u­men: rd. 100 Mil­liar­den US- Dol­lar (2010). Erdgas kommt aus Qatar, dem Iran und Malaysia. Die Golf­s­taat­en sind eine bedeu­tende Ziel­re­gion indis­ch­er Kap­i­tal­in­vesti­tio­nen. Dort arbeit­en vier Mil­lio­nen Inder, die 2010 rd. fünf Mil­liar­den US- Dol­lar in ihr Heimat­land über­wiesen. Indi­ens dominieren­der Energi­eträger Kohle, mit einem Anteil von 50 Prozent am Energiemix, muss eben­falls importiert wer­den: aus Aus­tralien, Indone­sien, Südafri­ka und Mosam­bik. Der Indis­che Ozean wird damit für die auf­strebende Wirtschafts­macht Indi­en eben­falls zu ein­er Tran­sitre­gion von hoher strate­gis­ch­er Bedeu­tung.

Neue mar­itime Groβ­macht Chi­na?

Auch Chi­na ist das Muster­beispiel ein­er Land­macht, dessen Denken kon­ti­nen­tal aus­gerichtet war — auf Angreifer aus Zen­tralasien. Die chi­ne­sis­che Mauer sollte als Schutzwall dienen. Mar­itime Expe­di­tio­nen des Eunuchen-Admi­rals Zheng He an die Küsten des Indis­chen Ozeans waren im 15. Jahrhun­dert ein spek­takuläres, gle­ich­wohl zeitlich kurz bemessenes Inter­mez­zo. Chi­nas Kaiser der Ming-Dynas­tie wählten eine intro­vertierte Macht­poli­tik und kehrten den Welt­meeren den Rück­en zu. Der Verzicht auf eine schlagkräftige Marine sollte Chi­na im 19. Jahrhun­dert zum Ver­häng­nis wer­den, zur Nieder­lage im “Opi­umkrieg” (1839–42) gegen Eng­land führen und eine Phase demüti­gen­der kolo­nialer Unter­w­er­fung ein­leit­en.

Einen Par­a­dig­men­wech­sel im strate­gis­chen Denken und dem konzep­tionellen Zuschnitt sein­er Mil­itär­dok­trin vol­l­zog Chi­nas Elite erst lange nach Grün­dung der Volk­sre­pub­lik. Chi­nas wirtschaftliche Lib­er­al­isierung führte zur Ein­rich­tung von Son­der­wirtschaft­szo­nen am Süd­chi­ne­sis­chen Meer. Inte­gra­tion in die Glob­ali- sierung erforderte eine mar­itime Anbindung expor­to­ri­en­tiert­er Indus­triepro­duk­tion. Mit der Implo­sion der Sow­je­tu­nion (1990 ff.) ent­fiel zudem eine Bedro­hung an Chi­nas Land­gren­zen, die seit dem ide­ol­o­gis­chen Kon­flikt mit Moskau groβe Teile der chi­ne­sis­chen Land­stre­itkräfte gebun­den hat­te. Damit wurde der Weg frei für eine mil­itärstrate­gis­che Neuaus­rich­tung auf das Meer. Im Vertei­di­gungsweiβbuch 2009 for­mulierte Chi­na erst­mals expliz­it die geopoli­tis­che Bedeu­tung des Indis­chen Ozeans.

Chi­na fühlt sich auf den Welt­meeren nicht von Pirat­en bedro­ht, son­dern durch die mil­itärische Fähigkeit der USA, mar­itime Han­del­swege zu block­ieren und Chi­na von lebenswichti­gen Energieim­porten abzuschnei­den. Bei­jings Streben nach Erweiterung des Oper­a­tions­ge­bi­etes der chi­ne­sis­chen Marine im West­paz­i­fik hebt Chi­na in den Rang ein­er Regional­macht. Doch erst mar­itime Präsenz und Macht­pro­jek­tion Chi­nas auch im Indis­chen Ozean schaf­fen jene macht­poli­tis­chen Voraus­set­zun­gen, die eine Groβ­macht ausze­ich­nen. Damit wird Chi­na zur geopoli­tis­chen Gegen­macht der USA. Für manche poli­tis­che Beobachter zeich­net sich in Asien deshalb zwangsläu­fig ein Kon­flikt zwis­chen bei­den Mächt­en am Hor­i­zont ab.

Per­spek­tiv­en ein­er neuen macht­poli­tis­chen Geome­trie

In der Pen­ta­gon-Studie “Asia 2025” hat die Zukun­ft in Südasien und der Asien-Paz­i­fik-Region bere­its begonnen. An der US-Marine-Akademie “Naval War Col­lege” in Newport/Rhode Island wur­den schon vor mehr als zehn Jahren diverse Kon­flik­t­szenar­ien in diesen bei­den Groβräu­men durchge­spielt. Ein Atom­krieg zwis­chen Indi­en und Pak­istan wird nach Ansicht amerikanis­ch­er Strate­gieplan­er einen Staat­sz­er­fall Pak­istans zur Folge haben. Eine Kon­flik­teskala­tion zwis­chen den USA und Chi­na um Tai­wan endet in der Studie mit ein­er Über­raschung: Indi­en und Chi­na ver­bün­den sich gegen die USA und erzwin­gen Amerikas Rück­zug aus dem West­paz­i­fik und dem Indis­chem Ozean!

Eine inter­na­tionale Ord­nung, in der die USA ihre Welt­machtrolle zu teilen bere­it sind, ist nicht in Sicht. Doch hat der Auf­stieg von Chi­na und Indi­en zu ein­er Umstruk­turierung der inter­na­tionalen Arbeit­steilung geführt und eine Umverteilung transna­tionaler Investi­tion­sströme und indus­trieller Pro­duk­tion in den asi­atisch- paz­i­fis­chen Raum bewirkt. Ohne Chi­na und Indi­en, aber auch Rus­s­land, Brasilien und Südafri­ka lassen sich heute keine inter­na­tionalen Prob­leme lösen. Mit der Her­aus­bil­dung neuer wirtschaftlich­er Macht­pole wird eine glob­ale Neukon­fig­urierung macht­poli­tis­ch­er Architek­tur unver­mei­dlich.

Chi­nas wirtschaftlich­er Auf­stieg hat auch ide­ol­o­gis­che Kon­flik­te mit den USA aus­gelöst: bei­de Län­der konkur­ri­eren mit unter­schiedlichen Entwick­lungsmod­ellen. Im Gegen­satz zu neolib­eralen Konzepten des West­ens ver­tritt Chi­na ein staat­szen­tri­ertes Entwick­lungsmod­ell. Chi­na mis­cht sich in “tra­di­tionelle” Ein­flusszo­nen von USA und Wes­teu­ropa ein und bietet Eliten in der Drit­ten Welt attrak­ti­vere Ange­bote als der West­en mit Inter­na­tionalem Währungs­fond (IWF), Welt­bank und Welthandel­sor­gan­i­sa­tion (WTO): zins­gün­stige Kred­ite und Entwick­lung­shil­fe ohne poli­tis­che Aufla­gen, zoll­freien Zugang zum chi­ne­sis­chen Markt und Schulden­er­laβ. Wash­ing­ton wird her­aus­ge­fordert: eine glob­ale Durch­set­zung des neolib­eralen Par­a­dig­mas erfordert eine glob­ale Führungsrolle der USA. Deshalb sig­nal­isiert Oba­mas neue Mil­itär­dok­trin Kon­fronta­tions­bere­itschaft.

Der Indis­che Ozean bleibt auch in Zukun­ft eine Krisen­re­gion

Als Groβraum rohstof­fre­ich­er Küstenge­bi­ete und Tran­sitre­gion mar­itimer Trans­portwege liegt der Indis­che Ozean im Schnittpunkt rival­isieren­der Wirtschaftsin­ter­essen und Macht­pro­jek­tio­nen von USA, Chi­na und Indi­en. Eine Fix­ierung auf zwis­chen­staatlich­es Kon­flik­t­po­ten­tial zwis­chen diesen drei Akteuren ver­stellt leicht den Blick auf die brisan­ten inner­staatlichen Krisen der Anrain­er­staat­en am Indis­chen Ozean. Dort liegt ein ganzes Bün­del von schw­er beherrschbarem Kon­flik­t­po­ten­tial. Wirtschaftlich­es und soziales Entwick­lungs- gefälle, gewalt­samer Wider­stand gegen undemokratis­che Regime, Ten­den­zen ein­er Radikalisierung oppo- sitioneller (nicht nur islamis­ch­er) Bewe­gun­gen und poli­tisch zunehmend selb­st­be­wusste Mit­telschicht­en set­zen Asiens herrschende Eliten, ins­beson­dere im Ara­bis­chen Raum und auf dem Sub­kon­ti­nent Indi­en unter Druck. Der Indis­che Ozean bleibt auch in Zukun­ft eine Krisen­re­gion.

Über den Autor:
Wil­fried Arz ist Poli­tik­wis­senschaftler in Bangkok/Thailand

Team GlobDef

Team GlobDef

Seit 2001 ist GlobalDefence.net im Internet unterwegs, um mit eigenen Analysen, interessanten Kooperationen und umfassenden Informationen für einen spannenden Überblick der Weltlage zu sorgen. GlobalDefenc.net war dabei die erste deutschsprachige Internetseite, die mit dem Schwerpunkt Sicherheitspolitik außerhalb von Hochschulen oder Instituten aufgetreten ist.

Alle Beiträge ansehen von Team GlobDef →