Deutschland — Korvette 131 — Eine nutzungsorientierte Schiffsklasse

Flagge Deutschland

Dieser Artikel wird mit fre­undlich­er Genehmi­gung der “Marine­Fo­rum — Zeitschrift für mar­itime Fra­gen” veröf­fentlicht.

Marineforum

Die auf abse­hbare Zeit wahrschein­lich­sten Auf­gaben der Bun­deswehr sind die inter­na­tionale Kon­flik­tver­hü­tung und Krisen­be­wäl­ti­gung ein­schließlich des Kampfes gegen den Ter­ror­is­mus. Entsprechend dem Gedanken der Trans­for­ma­tion gilt hier­für ein bun­deswehrge­mein­samer und fähigkeit­sori­en­tiert­er Ansatz. In diesem Zusam­men­hang umfasst der Auf­trag der Sta­bil­isierungskräfte die Beteili­gung an multi­na­tionalen, stre­itkräftege­mein­samen mil­itärischen Sta­bil­isierung­sop­er­a­tio­nen niedriger bzw. mit­tlerer Inten­sität und län­ger­er Dauer in dem gesamten Spek­trum der friedenssta­bil­isieren­den Maß­nah­men.

Britischer Vorschlag für Future MCM Hydrographic Patrol Capability
Britis­ch­er Vorschlag für Future MCM Hydro­graph­ic Patrol Capa­bil­i­ty
Grafik: MODUK
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 Frankreich denkt an GOWIND Varianta
Frankre­ich denkt an GOWIND Vari­anta
Grafik: DCNS)
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Konzep­tioneller Rah­men Für die Deutsche Marine bedeutet dieses, dass sie in der Lage sein muss, weltweit und dauer­haft im multi­na­tionalen Rah­men und unter Bedro­hung vor frem­den Küsten operieren zu kön­nen. Hierzu zählt ins­beson­dere der Auf­gabenkom­plex »Sicher­heit im Seer­aum«. Der mar­itime Beitrag der Sta­bil­isierungskräfte wird bish­er unter anderem durch die acht Fre­gat­ten 122 und die 10 Schnell­boote 143A erbracht. Bei einem Rota­tions­fak­tor von drei (Anzahl der Ein­heit­en, die sich auf ein­er Sta­tion abwech­seln) kön­nen mit diesem Kräfte­dis­pos­i­tiv gle­ichzeit­ig und durch­hal­te­fähig bis zu sechs Sta­tio­nen in Sta­bil­isierung­sop­er­a­tio­nen beset­zt wer­den. Diese Ein­heit­en wer­den jedoch in abse­hbar­er Zeit das Ende ihrer Lebens­dauer erre­ichen und damit zu einem anwach­senden quan­ti­ta­tiv­en Missver­hält­nis zwis­chen den erforder­lichen und den ver­füg­baren Waf­fen­trägern führen.

In der Kon­se­quenz dro­ht bei der Durch­führung von Sta­bil­isierung­sop­er­a­tio­nen die Durch­hal­te­fähigkeit ver­loren zu gehen. Gle­ichzeit­ig wird der Zwang größer, die Hochw­ertein­heit­en der Ein­greifkräfte für Sta­bil­isierung­sop­er­a­tio­nen her­anzuziehen. Diese wer­den dann jedoch per­son­ell und materiell über Gebühr beansprucht, ohne dass dabei ihr leis­tungsstarkes Fähigkeitsspek­trum tat­säch­lich zur vollen Anwen­dung kom­men kann. Das Ver­schleißen von Ein­greifkräften in lang anhal­tenden Sta­bil­isierung­sop­er­a­tio­nen ist unwirtschaftlich, führt darüber hin­aus zu ein­er reduzierten Ver­füg­barkeit dieser Ein­heit­en für Ein­greif­op­er­a­tio­nen, also die Art von Ein­sätzen, für welche die wertvollen und leis­tungs­fähi­gen Fre­gat­ten und Korvet­ten tat­säch­lich gebaut wur­den.

Fol­gerichtig sucht die Deutsche Marine mit der Korvette 131 nach einem ein­fachen aber robusten »Arbeit­spferd«, das in sein­er Grun­dausle­gung den Sta­bil­isierungskräften zuzuord­nen ist und als Fähigkeit­sträger den »Ver­band Sta­bil­isierungskräfte« ergänzen soll. Während die Fre­gat­te 125 das gesamte Spek­trum von Sta­bil­isierung­sein­sätzen wahrnehmen kann, soll die Korvette 131 auss­chließlich für den »low-inten­si­ty« Bere­ich aus­gelegt wer­den. Die Korvette 131 soll die Fre­gat­te 125 ergänzen, um Ein­sätze im unteren Inten­sitätsspek­trum wirtschaftlich­er durch­führen zu kön­nen. Damit ste­ht für die Korvette 131 zunächst nicht der Kampfein­satz gegen einen mil­itärisch organ­isierten Geg­n­er im Vorder­grund des Fähigkeit­spro­fils, son­dern vor allem der Grund­satz der »Econ­o­my of Effort«. Die Korvette 131 wird leis­tungs­fähigere aber auch per­son­al- und kosten­in­ten­si­vere Ein­heit­en bei den Ein­sätzen freiset­zen, die kein bre­it­bandi­ges und hochw­er­tiges Fähigkeit­spro­fil erfordern.

Oper­a­tive Forderun­gen

Die Korvette 131 wird für die Kon­flik­t­be­wäl­ti­gung über Wass­er aus­gelegt. In Verbindung mit der Fes­tle­gung des Fähigkeit­spro­fils auf Sta­bil­isierung­sein­sätze am unteren Ende der Inten­sitätsskala ergeben sich hier­aus die entwurfs­bes­tim­menden Auf­gaben, die von dem Fahrzeug wahrgenom­men wer­den sollen:

  • Überwachen und Beherrschen von Räu­men, Ein­rich­tun­gen und Verbindungslin­ien zu Wass­er und in der Luft,
  • Durch­führen von Embar­go-Maß­nah­men,
  • Durch­set­zen gegen teil­weise mil­itärisch organ­isierte Geg­n­er und asym­metrisch operierende Kräfte.

Konkret bedeuten diese Vor­gaben, dass neben dem Selb­stschutz die Seer­aumüberwachung, das Abfan­gen von Seezie­len und das Durch­führen von Board­ings entwurfs­bes­tim­mende Kern­fähigkeit­en der Korvette 131 sein müssen. Darüber hin­aus muss die Ein­schif­fung von Mari­neschutzkräften möglich sein und der Tauchere­in­satz unter­stützt wer­den.

Dabei wird das oper­a­tive Fähigkeit­spro­fil von den fol­gen­den grund­sät­zlichen Para­me­tern bes­timmt:

  • Lan­gan­dauernde oper­a­tive Ver­füg­barkeit des Gesamt­sys­tems
  • Lange Ste­hzeit­en im Ein­satzge­bi­et bei exis­ten­ten Ver­sorgungs­ket­ten
  • Eskala­tions­fähigkeit bei Sta­bil­isierung­sop­er­a­tio­nen
  • Teil­habe an multi­na­tionalen und stre­itkräftege­mein­samen Oper­a­tio­nen
  • Befähi­gung zu Teil­nahme an der Net­zw­erkzen­tri­erten Kriegs­führung
  • Inten­sivnutzung mit ein­er Betrieb­ser­hal­tungs- Peri­o­den­norm von 48 Monat­en
  • Aus­re­ichende Indi­en­sthal­tungsre­ser­ven.

Die geplante Anzahl von sechs zu beschaf­fend­en Korvet­ten 131 ist eine quan­ti­ta­tive Min­dest­forderung. Diese Zahl ergibt sich aus der oper­a­tiv­en Forderung, dass die Ein­heit­en gle­ichzeit­ig an drei ver­schiede­nen Oper­a­tio­nen mit ein­er Ein­satzzeit von zwei Jahren unter Berück­sich­ti­gung eines Zweibesatzungskonzeptes einge­set­zt wer­den sollen (Rota­tions­fak­tor zwei).

Nutzung­sori­en­tierung

Neben dem opti­mierten Fähigkeitsspek­trum ist die kon­se­quente Nutzung­sori­en­tierung das zweite wesentliche Entwurf­s­merk­mal der Korvette 131. Deut­lich­er als dieses bei den Vorgänger­pro­jek­ten erforder­lich war, müssen die Belange des späteren Nutzers und der Nutzung bere­its frühzeit­ig mit in die Konzep­tion der neuen Plat­tform ein­fließen. Die abse­hbaren finanziellen und per­son­ellen Rah­menbe­din­gun­gen erzwin­gen, dass sich der Fokus immer mehr von der reinen Beschaf­fung auf die spätere Nutzung ver­lagern muss, d.h. auf die Auf­gabe, die Ein­heit­en wenig­stens 30 Jahre lang dauer­haft ein­satzbere­it zu hal­ten und zu betreiben.

 Deutsche Korvette 130 (Foto: PIZM)
Deutsche Korvette 130
Foto: PIZM
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Die Korvette 131 muss zu ein­er spür­baren Ent­las­tung der Marine in der Nutzung führen, d.h. zu ein­er nach­halti­gen Reduzierung der Aufwände für Per­son­al, Aus­bil­dung, Kraft­stoff, Ver­brauchs­güter, Instand­hal­tung, Instand­set­zung, Ersatzteile, Kon­fig­u­ra­tions­man­age­ment, Doku­men­ta­tion, Sys­tempflege und Änderung. In Verbindung mit der gle­ichzeit­ig geforderten sehr hohen oper­a­tiv­en Ver­füg­barkeit der Ein­heit­en wird für die Deutsche Marine zum ersten Mal die Unter­stützbarkeit in der Nutzung zu einem lim­i­tieren­den Fak­tor für den Entwurf­sprozess. Rein prak­tisch bedeutet dieses für die Korvette 131:

  • Bud­get für die Nutzung als Design Kri­teri­um
  • Reduzierung der Sys­temkom­plex­ität durch weniger und ein­fachere Unter­sys­teme
  • Verbesserung der Wart­barkeit durch gerin­gere räum­liche Inte­gra­tions­dicht­en
  • Begren­zung der Auswirkung von COTS (Com­mer­cial-of-the-shelf) Obsoleszen­zen durch gerin­gere funk­tionale Inte­gra­tionstiefen für Unter­sys­teme
  • Reduzierung der kom­merziellen Abhängigkeit­en von sin­gulären Anbi­etern
  • Ver­stärk­te Nutzung des Wet­tbe­werbs
  • Ver­stärk­tes Ein­brin­gen des öAG (öffentlich­er Auf­tragge­ber)

Entschei­dende Bedeu­tung wird in diesem Zusam­men­hang dem Grad der Automa­tisierung zukom­men. Ein hoher Automa­tisierungs­grad erfordert weniger Per­son­al zum Betreiben des Schiffes. Dies bedeutet aber auch gle­ichzeit­ig eine gesteigerte Sys­temkom­plex­ität und führt damit in der Folge zu erhöht­en Aufwän­den bei der Nutzung­sun­ter­stützung. Eine erfol­gre­iche Opti­mierung des Automa­tisierungs­grades wird entschei­dend sein für die Wirk­samkeit der Nutzung­sori­en­tierung. Hier gilt es, eine aus­ge­wo­gene Bal­ance zwis­chen Sys­temkom­plex­ität, Per­son­albe­darf und Nutzungskosten zu find­en.