MarineForum Wochenschau


Dieser Artikel wird mit freundlicher Genehmigung der „MarineForum – Zeitschrift für maritime Fragen“ veröffentlicht.

NAH-/MITTELOST

Die militärische/sicherheitspolitische Lage im Nahen-/Mittleren Osten bleibt vom Bürgerkrieg in Syrien und von der Bekämpfung des islamistischen Terrors in Irak, Syrien und Libyen bestimmt, aber auch der Bürgerkrieg im Jemen findet immer wieder mal auch mit maritimen Elementen den Weg in die Medienberichterstattung.

Nach einem Angriff mutmaßlicher Houthi-Rebellen auf einen Flüssiggastanker in der Meerenge des Bab-el-Mandeb haben internationale Marinen den Schutz des zivilen Seeverkehrs (mit Priorität für Öl- und Gastanker) durch die geostrategische Schlüsselstelle verstärkt.

Die britische Royal Navy verlegte den Zerstörer „Daring“, und man kann davon ausgehen, dass auch Kriegsschiffe der US Navy sowie der Marinen Ägyptens und Saudi-Arabiens den Bab-el-Mandeb patrouillieren, um jedem Angriff sofort begegnen zu können. Auch die iranische Marine kündigte – getragen vom ortsüblichen Propaganda-Pathos – an, jedem iranischen Tanker enges Geleit zu geben.

 

KAMPF GEGEN DEN ISLAMISTISCHEN TERROR (Fortschreibung)

Bei der Bekämpfung des islamistischen Terrors (IS, ISIS, ISIL, Daesh, al-Nusra, Al-Kaida) bleibt eine international übergreifende Koalition weiterhin Fernziel. Noch zu viele Eigeninteressen einzelner Staaten sowie die Spaltung zwischen Schiiten und Sunniten bestimmen die Entwicklung. Dennoch wird der IS in Syrien und im Irak, wo die Offensive auf Mosul fortdauert, zunehmend auch aus Kerngebieten seines „Kalifats“ zurückgedrängt.

Syrien – Irak: US-geführte Koalition („Operation Inherent Resolve“)

Eine US-geführte multinationale Koalition setzt mit Operation „Inherent Resolve“ Luftschläge gegen islamistische Terrorgruppen im Irak und in Syrien fort. Ziele sind Kommandozentren (vor allem auch Führungspersonen), Stützpunkte, Depots und von Islamisten kontrollierte Öl-Anlagen, daneben aber auch logistische Straßentransporte und Gruppen verlegender Kämpfer, die im Irak auf den Flüssen Euphrat und Tigris vor allem auch Boote nutzen. Viele Angriffe dienen der direkten Unterstützung (Close Air Support) irakischer Bodentruppen oder kurdischer Milizen – aktuell vor allem bei der aktuellen Offensive zur Rückeroberung von Mosul. Zum Einsatz kommen seegestützt von Flugzeugträgern oder landgestützt von Flugplätzen der Golfstaaten, Jordaniens und der Türkei operierende Kampfflugzeuge der Streitkräfte zahlreicher Staaten. Die britische Royal Air Force nutzt ihre Basis in Akrotiri (Zypern).

Der US-Flugzeugträger „Eisenhower“ hat vom 1. – 5. November zu Wartung und Instandsetzung sowie Besatzungs-Erholung einen zweiten Hafenbesuch in Manama (Bahrain durchgeführt, ist aber inzwischen wieder in See. Aus einer Position im nordwestlichen Persischen Golf setzt die „Ike“ ihre Kampfflugzeuge gegen IS-Ziele in Irak und Ost-/Nord-Syrien ein.

Der Verbleib des amphibischen Trägers „Wasp“ der US Navy bleibt vorerst unklar. Zuletzt hatte das Schiff nach zwei Monaten Einsatz vor Libyen eine planmäßige achttägige Wartungspause in Souda Bay (Kreta) durchgeführt. Da es mehr als eine Woche nach Wiederauslaufen keinerlei Meldungen über eine Passage des Suezkanals gibt, spricht vieles für eine Rückkehr vor die libysche Küste (s.u.).

Vermutlich vor dem Hintergrund der bei Mosul (Irak) begonnenen Offensive hat der französische Präsident Hollande den ursprünglich nur bis Ende Oktober geplanten Einsatz der „Groupe Aeronaval“ (GAN) der französischen Marine um den Flugzeugträger „Charles de Gaulle“ im östlichen Mittelmeer „bis Mitte Dezember“ verlängert.

Aus einer Position südlich Zyperns setzt der Flugzeugträger seine an Bord mitgeführten Jagdbomber Rafale gegen Ziele im Irak, vor allem auch bei Mosul ein. Täglich werden bis zu 12 Aufklärungs- und/oder Luft-Boden-Einsätze von der „Charles de Gaulle“ geflogen. Die Einsatzverlängerung dürfte zu zeitgleichen Einsätzen mit dem russischen Flugzeugträger „Admiral Kuznetsov“ führen; ob oder wie es hier eine Koordinierung geben wird, bleibt abzuwarten.

Zur GAN gehören neben dem Flugzeugträger noch die Zerstörer „Chevalier Paul“ und „Forbin“, die Fregatte „Jean de Vienne“, ein U-Boot der RUBIS-Klasse sowie der Versorger „Marne“. Integriert ist überdies die deutsche Fregatte „Augsburg“. Das Bundestagsmandat für die „Augsburg“ endet übrigens am 4. Dezember.

Drei Schiffe der britischen Joint Expeditionary Force (Maritime) – Hubschrauberträger „Ocean“, Docklandungsschiff „Bulwark“ und ein logistisches Unterstützungsschiff – operieren nach Übungen im Mittelmeer nun um die Arabische Halbinsel, wo für sie und eingeschiffte Royal Marines in den kommenden Wochen (amphibische) Übungen mit befreundeten regionalen Streitkräften auf dem Programm stehen. Im Dezember soll sich die „Ocean“ der Anti-IS-Operation „Inherent Resolve“ im Persischen Golf anschließen und dann sogar für drei Monate die Aufgaben des Flaggschiffes der von der 5. US-Flotte/US-CentCom geführten Task Force 50 (TF50) wahrnehmen. Der Hubschrauberträger kann zwar selbst keine Kampfflugzeuge einsetzen, aber die Einsätze landgestützt operierender Koalitionsflugzeuge koordinieren. Erstmals soll damit ein britischer Offizier Befehlshaber der TF50 werden. Zur Vorbereitung hat der britische Verbandsführer in der abgelaufenen Woche den Flugzeugträger „Eisenhower“ besucht.

Syrien: Russland

Russland nimmt zwar auch den IS und al-Nusra ins Visier, macht aber weiterhin keinen Unterschied zwischen Islamisten und Milizen der syrischen Opposition, die gleichermaßen als “Terroristen” gelten. Nach wie vor erfolgen viele russische Luftangriffe in direkter Unterstützung des syrischen Regimes in Regionen, in denen islamistische Milizen nicht aktiv sind.

Libyen: US-Operation „Odyssey Lightning“

Die seegestützten Aufgaben der Anfang August „auf Bitten der international anerkannten libyschen Regierung der nationalen Einheit“ vor Libyen begonnenen anti-IS-Operation „Odyssey Lightning“ wurden zuletzt vom US-Docklandungsschiff „San Antonio“ wahrgenommen. Das zur „Wasp“ Amphibious Ready Group der US Navy gehörende Docklandungsschiff hatte vor gut drei Wochen den zu einer Wartungspause nach Souda Bay (Kreta) abgelaufenen amphibischen Träger „Wasp“ abgelöst. Einiges spricht dafür, dass dieser inzwischen wieder vor die libysche Küste zurückgekehrt ist und seine eingeschifften Kampfflugzeuge AV-8B Harrier und Kampfhubschrauber AH-1W Super Cobra des US Marine Corps erneut in die Bekämpfung islamistischer Milizen in und um die Küstenstadt Sirte einbringt.
Auch die „San Antonio“ bietet mit guten Möglichkeiten zum Einsatz von Kampfhubschraubern eine durchaus geeignete Plattform, den bei Sirte am Boden gegen IS kämpfenden libyschen Streitkräften und regierungstreuen Milizen effektiven „Close Air Support“ zu geben. Neben diesen seegestützten Operationen setzt die US Air Force auch bewaffnete Drohnen vom italienischen Marinefliegerhorst Sigonella (Sizilien) ein. Unbewaffnete US-Aufklärungsdrohnen fliegen von einer „in Tunesien eingerichteten Basis“.

 

BÜRGERKRIEG IN SYRIEN (Fortschreibung russische Intervention)

Die Konfliktparteien im Lande sind ebenso wie ausländische Mächte und Religionsgruppen (Schiiten/Sunniten) weiterhin unfähig, auf der Suche nach Kompromissen einen „gemeinsamen Nenner“ zu einer politischen Lösung zu finden.

Russland und die USA blockieren unter gegenseitigen Schuldzuweisungen jede Entscheidung des UN Sicherheitsrates. Das syrische Assad-Regime setzt nicht zuletzt im Bewusstsein tatkräftiger russischer Unterstützung weiterhin auf eine militärische Lösung. Der beginnende Einsatz der russischen Flugzeugträger-Kampfgruppe dürfte diese Haltung noch verstärken.

Maritime Aspekte

Die Kampfgruppe der russischen Nordflotte um den Flugzeugträger „Admiral Kuznetsov“ und den nukleargetriebenen Kreuzer „Petr Velikiy“ hat am 10. November ihr Operationsgebiet zwischen Zypern und der syrischen Küste erreicht.

Auf dem Weg dorthin wurde der Verband im östlichen Mittelmeer zwischen Kreta und Zypern offenbar von einem U-Boot beschattet.

Das russische Verteidigungsministerium meldet, ein U-Jagdhubschrauber Ka-27 Helix habe am 8. November etwa „20km vom Flugzeugträger entfernt“ ein niederländisches U-Boot der WALRUS-Klasse entdeckt (Periskop gesichtet?). Das U-Boot sei dann von den zwei den Verband sichernden U-Jagdzerstörern „Severmorsk“ und „Vitse-Admiral Kulakov“ (Anm: Letzterer ist also entgegen anderslautender Meldungen doch nicht in den Nordflottenbereich zurückgekehrt) mit Sonar verfolgt und schließlich „vertrieben“ worden. Das niederländische Verteidigungsministerium äußerte sich bisher in keiner Weise, mochte bisher nicht einmal die Anwesenheit eines niederländischen U-Bootes bestätigen.

Lautstark beschwerte sich der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums über die „gefährlichen Manöver in unmittelbarer Nähe der russischen Kriegsschiffe“. Tatsache ist, dass solche Beobachtungsoperationen international üblich sind, und ein Abstand von mehr als 10 Seemeilen ist durchaus nicht kritisch – überdies wenn es sich um internationale Gewässer handelt, die die russische Marine (ohne formelle Erklärung von Gefahrengebieten) nicht einfach für sich reklamieren kann. Sie selbst gibt sich übrigens beim Einsatz ihrer Einheiten zur Beobachtung westlicher Kriegsschiffe wesentlich „unzimperlicher“.
Man darf aber wohl auch davon ausgehen, dass die Erklärung des russischen Sprechers vor allem dazu diente, die eigenen „überlegenen Fähigkeiten“ zur Ortung und Verfolgung von U-Booten herauszustellen. So erwähnte er „nebenbei“, der Verband sei auch schon im Nordatlantik von mehreren westlichen U-Booten beschattet worden. Man habe all diese – darunter ein US-U-Boot der VIRGINIA-Klasse – „immer sofort entdeckt und lückenlos verfolgt“.

Mit Eintreffen im Östlichen Mittelmeer wurde die Verbandssicherung um die Einsatzgruppe verstärkt. Neben den beiden o.a. Zerstörern haben sich mit Zerstörer „Smetliviy“ und Fregatte „Admiral Grigorovich“ zwei kürzlich ins Mittelmeer verlegte Kampfschiffe der Schwarzmeerflotte angeschlossen. Britischen Medien zufolge sollen auch drei U-Boote (zwei nukleargetriebene Boote der AKULA-Klasse und ein konventionelles U-Boot der KILO-Klasse) den russischen Verband begleiten. Aus offenen Quellen lässt sich dies nicht verifizieren.
Die logistische Komponente der Einsatzgruppe besteht weiterhin aus zwei Bergeschleppern und drei Tankern/Versorgern der Nordflotte, darunter angeblich auch ein Spezialtanker zur bedarfsweisen Auffüllung der Dampfsysteme der Antriebsanlagen des Flugzeugträgers und des Kreuzers mit speziellem Speisewasser (Destillat). Vermutlich ebenfalls zur Unterstützung des Verbandes hat die Schwarzmeerflotte am 5. November den Flottentanker/-versorger „Ivan Bubnov“ ins Mittelmeer verlegt.

Sofort nach Eintreffen vor der syrischen Küste hat die „Admiral Kuznetsov“ auch operativen Flugbetrieb ihrer eingeschifften Kampfflugzeuge (etwa zehn Su-33 Flanker und vier Mig-29 Fulcrum-D) begonnen. Kampfeinsätze gab es allerdings noch nicht. Erste Flüge galten dem Vertrautmachen mit den Bedingungen im Operationsgebiet (Area Familiarization) und der Aufklärung potentieller Ziele in Syrien.

erklärtes Warngebiet vor Syrien Erste Kampfeinsätze dürften aber nicht lange auf sich warten lassen. Am Abend des 10. November hieß es, man „bereite Luftschläge gegen die Terroristen in Syrien vor; sie könnten jederzeit beginnen“. Schon vorab hatte die russische Marine für die Zeiträume 10. bis 15. November und 17. bis 22. November zwischen Zypern und syrischen Hoheitsgewässern ein Warngebiet für „militärischen Flugbetrieb und Raketenstarts“ erklärt. Beobachter wollen einen medienwirksam in Szene gesetzten Beginn des Syrien-Einsatzes der russischen Marine mit koordinierten Luft-Boden-Einsätzen der Trägerkampfflugzeuge und zeitgleichen Schüssen von Marschflugkörpern Kalibr-NK durch die Fregatte „Admiral Grigorovich“ nicht ausschließen.

Operativ wird all dies die Lage in Syrien allerdings kaum beeinflussen. Nach vielleicht spektakulärem Auftakt sind von der „Admiral Kuznetsov“ durchschnittlich etwa fünf Einsätze pro Tag zu erwarten. Dies sind deutlich weniger als die Einsätze der russischen Luftwaffe von ihrer vorgeschobenen Basis bei Latakia, wobei die Trägerkampfflugzeuge überdies deutlich weniger Waffenladung tragen können als die landgestützten Jagdbomber Su-24 Fencer. Die von britischen Medien heraufbeschworene „völlige Zerstörung Aleppos“ liegt nicht im Bereich der Möglichkeiten des russischen Flugzeugträgers.

Tatsächlich liegt die eigentliche Bedeutung des Mittelmeereinsatzes denn auch wohl darin, dass er überhaupt stattfindet. Erstmals (!) seit dem Zweiten Weltkrieg soll Russlands Marine von See her aktiv in einen bewaffneten Konflikt eingreifen. Auch die sowjetische Marine hatte weltweit jegliche Kampfhandlungen vermieden, sogar in den Nahostkriegen ungeachtet des öffentlich beschworenen Bündnisses mit Syien und Ägypten bewusst Abstand zu Kampfgebieten gehalten. Erstmals überhaupt will man nun nicht nur die Fähigkeit, sondern vor allem die Bereitschaft zu heimatferner „Power Projection From-the-Sea“ demonstrieren. Dies ist ganz sicher auch als Ausdruck eines unter Präsident Putin wachsenden neuen (militärischen) Selbstbewusstseins mit Anspruch auf Anerkennung als „auf Augenhöhe mit den USA“ global operierende Supermacht zu verstehen.

Dabei spielt keine Rolle, dass Verlegung und Einsatz des Verbandes um die technologisch veraltete „Admiral Kuznetsov“ die russische Marine vor erhebliche logistische Probleme stellen könnten. Abgesehen vom syrischen Tartus (mit nur begrenzten Kapazitäten) verfügt sie im gesamten Mittelmeerraum über keinerlei eigene logistische Basis, ja der Vertrag von Montreux verbietet dem Flugzeugträger sogar ein Einlaufen ins Schwarzmeer zu einer eventuell notwendig werdenden Instandsetzung auf einer dortigen Werft. Schon bei früheren Mittelmeerfahrten der „Admiral Kuznetsov“ war man so nach technischen Problemen gezwungen zu „improvisieren“. Die operative Phase des Mittelmeereinsatzes dürfte nur wenig mehr als zwei Monate dauern, denn schon im Februar wird der Flugzeugträger wieder im Nordflottenbereich zurück erwartet, soll dort im März eine dringend fällige zweijährige Werftliegezeit zur Grundüberholung und Modernisierung beginnen.

Das routinemäßig im Seegebiet zwischen Zypern und der syrischen Küste operierende Ständige Mittelmeergeschwader der russischen Marine (MedSqn) dürfte sich mit dem Flugzeugträgerverband zu einer gemeinsam geführten „Task Force“ zusammengeschlossen haben. Aktuell sind der MedSqn neben einigen Hilfsschiffen die Fregatte „Pytliviy“, die FK-Korvette „Mirazh“ und der Minensucher „Ivan Golubets“ (alle Schwarzmeerflotte) zugeteilt. Die kürzliche Verlegung des Zerstörers „Smetliviy“ und der Fregatte „Admiral Grigorovich“ aus dem Schwarzmeer erfolgte vermutlich primär zur Unterstützung des Flugzeugträgerverbandes. Eines der beiden Kampfschiffe könnte aber auch die seit drei Monaten verlegte Fregatte „Pytliviy“ ablösen. In russischen Internetportalen ist bezüglich der „Admiral Grigorovich“ von einer „insgesamt 5-monatigen Verlegung“ die Rede.

Mit Frachtumschlag im russischen Schwarzmeerhafen Noworossiysk (Anbindung an das russische Eisenbahnnetz), dauert die auch als „Syrian Express“ bezeichnete Lieferung von Rüstungsgütern nach Syrien und Nachschub der dort eingesetzten russischen Truppen unvermindert an. Fast täglich passieren Landungsschiffe der russischen Marine oder speziell für diese Transporte gebraucht in der Türkei gekaufte und als Hilfsschiffe in die russische Marine integrierte, ex-zivile Frachtschiffe den Bosporus süd- oder nordlaufend. Anfang November hatte Russlands Verteidigungsminister Shoigu erklärt, täglich würden auf dem See- oder Luftweg etwa 2.000 t Fracht in Syrien eintreffen; überwiegend handele es sich dabei um „humanitäre Hilfsgüter“.

 

PIRATERIE

Nach fast drei Jahren Ruhe melden sich die somalischen Piraten offenbar zurück.

Schon am 22. Oktober ließen sie 26 Besatzungsmitglieder des im März 2012 (!) entführten taiwanesischen Fischereischiffes „Naham 3“ frei. Nach mehr als vier Jahren Verhandlungen sollen sie nun angeblich 1,5 Mio. US-Dollar Lösegeld erhalten haben.

Am gleichen Tag überfielen mutmaßlich somalische Piraten im Arabischen Meer einen Tanker. Dieser erste Angriff seit drei Jahren galt dem unter britischer Flagge fahrenden Produktentanker „CPO Korea“. Mehr als 300 sm von der Küste Somalias entfernt steuerten sie mit einem einzelnen Skiff das Schiff an und versuchten es zu entern. Abwehrmaßnahmen hinderten sie allerdings daran, und schließlich gaben sie ihre Absichten auf und drehten ab. Möglicherweise sind sie zu einem Mutterschiff zurückgekehrt.
Die in Operation „Atalanta“ in der Region eingesetzte EU NavFor, in die die Deutsche Marine nur noch Seefernaufklärer P-3C Orion einbringen kann, hat in Reaktion auf den Zwischenfall ihre Seegebietsüberwachung verstärkt.

Sicher auch mit Blick auf diesen unvermuteten Zwischenfall hat der UN Sicherheitsrat am 9. November mit einer einstimmig beschlossenen Resolution das Mandat für die vor Somalia eingesetzten internationalen Seestreitkräfte um ein weiteres Jahr bis Ende 2017 verlängert.

 

GROSSBRITANNIEN

Bei einem Besuch der BAe Systems Govan-Werft im schottischen Glasgow äußerte sich Verteidigungsminister Michael Fallon zu mehreren Rüstungsvorhaben der Royal Navy.

So soll im kommenden Sommer am schottischen Clyde die erste von acht geplanten neuen Fregatten TYPE 26 („Global Combat Ship) auf Kiel gelegt werden. Mit dem „Strategic Defence & Security Review 2015“ (SDSR-15) hatte die Regierung einen für die Royal Navy geplanten Bestand von “insgesamt 19 Kampfschiffen” (Zerstörern/Fregatten) grundsätzlich bestätigt, in der Realisierung aber überdacht. Man war zur Erkenntnis gekommen, dass globale Präsenz und Maritime Security Operations unter immer häufiger gerade auch asymmetrischen Bedrohungen sich auch mit minder kampfkräftigen Einheiten bewerkstelligen lassen. Hoch-komplexe, “Alles-Könnende” und dann entsprechend teure Kampfschiffe – wie die geplanten neuen Fregatten TYPE 26 – seien durchaus nicht bei jedem Einsatz gefragt; man könne bei diesen daher auch mit geringenen Stückzahlen auskommen und zur Ergänzung billigere, einfachere Kriegsschiffe beschaffen.

Das bis dahin mit 13 Einheiten geplante Vorhaben zur Beschaffung von “Global Combat Ships” TYPE 26 wurde dementsprechend auf acht Schiffe reduziert. Bei nunmehr angekündigtem Baubeginn Mitte 2017, soll das Typschiff wohl 2023 zulaufen und dann den allmählichen Ersatz älterer Fregatten TYPE 23 einleiten.

Anstelle der gestrichenen fünf TYPE-26 sah der “SDSR-15” die Beschaffung billigerer Mehrzweck-Fregatten vor. Minister Fallon bestätigte noch einmal die Planung für diese vorab als TYPE 31 bezeichneten Schiffe, machte jedoch zur zeitlichen Planung noch keine Angaben. Die Entwicklung eines Design-Konzeptes solle aber “bald beginnen”; nach 2030 könnten über die zunächst fünf geplanten Schiffe hinaus ggf. sogar noch weitere Bestellungen folgen.

Um die Anzahl der für Präsenzeinsätze verfügbaren Einheiten weiter zu erhöhen (und zur Unterstützung der schottischen Werftindustrie), waren 2013 drei Offshore Patrol Vessel der FORTH-Klasse (modifizierte RIVER-Klasse) bestellt worden. Im August dieses Jahres wurde das erste der drei Schiffe zu Wasser gelassen und wird nun ausgerüstet. Die “Forth” soll im kommenden Jahr in Dienst gestellt werden, die Schwesterschiffe ”Medway” und “Trent” dann bis 2018 folgen.
Im SDSR-15 hatte die Regierung den Bau von zwei weiteren Schiffen dieses Typs angekündigt, und auch hier konnte der Minister nun präzisieren: die Aufträge für das 4. und 5. OPV würden schon “sehr bald unterschriftsreif”; sie sollten der Royal Navy auch schon bis 2019 übergeben werden, bevor die schottischen Werften dann mit dem Bau von TYPE 26 ausgelastet seien.

Der Ministerbesuch auf der schottischen Werft und auch die hier gemachten Ankündigungen kommen nicht von ungefähr. Beobachter sehen die öffentlichkeitswirksam in Szene gesetzten Bestätigungen und langfristigen Zusagen für die Bauprogramme der Royal Navy – mit „Arbeitsplatzsicherung bis nach 2035“ – in erster Linie vor dem Hintergrund des im kommenden Jahr einzuleitenden „Brexit“. Mit Blick auf ein nach dem Austritt Großbritanniens aus der EU mögliches neues Unabhändigkeits-Referendum Schottlands sei Michael Fallon vor allem daran gelegen gewesen, die Bedeutung britischer Regierungsaufträge für die (noch) heimische schottische Werftindustrie zu unterstreichen.

 

RUSSLAND

Nun sind die Tage des letzten FK-Kreuzers der KARA-Klasse wohl endgültig gezählt.

In den 1970-er Jahren waren in Mykolajew (heute Ukraine) insgesamt sieben Kreuzer dieses Typs gebaut worden. Sie waren für U-Jagd optimiert, verfügten als Mehrzweck-Kampfschiffe aber auch über FK-Systeme zur Seezielbekämpfung und Flugabwehr. Nach dem Zerfall der Sowjetunion kam für die meisten schnell das Ende. Mit „Ochakov“ und „Kerch“ hatte schließlich nur noch die Schwarzmeerflotte zwei der 10.000-ts-Schiffe in Dienst. Beide sollten noch einmal modernisiert werden. Die „Kerch“ schloss diese Modernisierung auch ab und kehrte Ende 2009 zur operativen Schwarzmeerflotte zurück.

Die Arbeiten auf der „Ochakov“ kamen wegen vermutlich finanziellen Problemen jedoch nicht voran und wurden schließlich abgebrochen. Der Kreuzer wurde ausgemustert und in Sewastopol aufgelegt. Im März 2014 entführten pro-russische Separatisten das Schiff und versenkten es vor der Krim. Der Kreuzer wurde später wieder gehoben und zur Verschrottung nach Sewastopol zurück geschleppt.

Einziger verbliebener KARA-Kreuzer war damit die „Kerch“, die 2014 in Sewastopol sogar noch eine weitere Grundüberholung begann. Dort brach dann im November 2014 vermutlich bei Schweißarbeiten ein größeres Feuer an Bord aus. Die Befundung der schwer beschädigten „Kerch“ ergab, dass die Kosten für die Wiederinstandsetzung den operativen Wert weit überstiegen hätten. Ende Dezember wurde beschlossen, auf die Reparatur zu verzichten und das Geld besser in Neubauten zu investieren.

Ein halbes Jahr später, im Juli 2015, wurde diese Entscheidung revidiert. Grund war offenbar der Konflikt mit der Ukraine. Der plötzliche Lieferausfall ukrainischer Gasturbinen verzögerte, ja gefährdete den Neubau für die Schwarzmeerflotte geplanter Fregatten, und für die russische Marine bot sich der aufgelegte Kreuzer als Lückenfüller an. Offensichtlich wurde auch sehr zügig in ihre Wiederherstellung investiert. Im Januar 2016 war die „Kerch“ in frischer Farbe und auch schon mit einer neuen Seitennummer zu sehen.

Alles sprach also für eine baldige Rückkehr der „Kerch“ zur operativen Schwarzmeerflotte, aber nun ist ihr Schicksal wohl doch besiegelt. Auf der „Ladniy“, einer der beiden noch bei der Schwarzmeerflotte aktiven Fregatten der KRIVAK-Klasse, sind die Gasturbinen defekt und müssen kurzfristig ersetzt werden. Das Schiff wird offenbar dringend zur Unterstützung des Ständigen Mittelmeergeschwaders benötigt. Originalturbinen ukrainischer Fertigung sind nicht verfügbar, russischer Ersatz ist in der Entwicklung, dürfte aber noch gut zwei Jahre auf sich warten lassen. Nun waren aber auf der „Kerch“ kurz vor dem Brand nagelneue ukrainische Gasturbinen installiert worden. Diese sollen nun kurzfristig ausgebaut und auf die „Ladniy“ transferiert werden. Dass die „Kerch“ nach dieser „Kanibalisierung“ noch einmal in den operativen Dienst zurückkehren wird, ist praktisch auszuschließen. Sobald Gasturbinen aus russischer Fertigung verfügbar sind, kann auch der Bau von Fregatten wieder aufgenommen werden. Die „Kerch“ wird damit nicht mehr als Lückenfüller benötigt.

 

USA

Parallel zum Zulauf neuer nukleargetrieber U-Boote der VIRGINIA-Klasse werden die älteren U-Boote der LOS ANGELES-Klasse nach und nach ausgemustert.

Am 4. November wurde nun in San Diego die „San Francisco“ feierlich außer Dienst gestellt. SSN-711 hatte den größten Teil seiner 35 Dienstjahre bei der Pazifikflotte verbracht, war in Pearl Harbor (Hawaii) stationiert. Im Januar 2005 machte das U-Boot weltweit Schlagzeilen.

Etwa 360 sm südöstlich von Guam traf die „San Francisco“ getaucht in etwa 150 m Tiefe in voller Fahrt mit gut 30 kn frontal auf ein Hindernis und „kam abrupt zum Stillstand“. Alle Personen an Bord wurden zum Teil meterweit durch die Luft geschleudert. Ein Besatzungsmitglied erlitt dabei tödliche Kopfverletzungen, viele weitere kamen mit Knochenbrüchen davon. Der Bug der „San Fracisco“ wurde fast völlig zerstört. Auch der Druckkörper wurde eingedrückt, glücklicherweise aber nicht aufgerissen; der Reaktor blieb unbeschädigt. Mit Mühe gelang das Not-Auftauchmanöver (der Kommandant: „it was touch and go“). Nachdem die schwerer Verletzten von Hubschraubern abgeborgen waren, konnte das U-Boot begleitet von Sicherungsfahrzeugen dann sogar langsam aus eigener Kraft nach Guam zurückkehren. Untersuchungen zeigten, dass die „San Francisco“ einen in den an Bord vorhandenen Seekarten nicht verzeichneten Unterwasser-Vulkan gerammt hatte.
Trotz der schweren Schäden wurde entschieden, die „San Francisco“ wieder instandzusetzen. Die Arbeiten dauerten fast drei Jahre und kosteten (mindestens) 88 Mio. Dollar. 2008 konnte SSN-711 wieder in Einsätze geschickt werden und noch weitere acht Jahre für die US Navy fahren.

Nach ihrer nunmehrigen Ausmusterung wird sich die „San Francisco“ noch in diesem Monat von San Diego (Kalifornien) auf den langen Weg nach Norfolk (Virginia) machen. Dort soll sie in den kommenden zwei Jahren zu einer Plattform für die Hafenausbildung künftiger amerikanischer U-Bootfahrer umgebaut werden. Im Gegensatz zu vielen anderen bereits ausgemusterten U-Booten der LOS ANGELES-Klasse ist ihr also ein „zweites Leben“ beschert.

 

USA

Direkt mit der Beschaffung von Zerstörern der ZUMWALT-Klasse war auch die Entwicklung neuer Spezialmunition verbunden.

Hauptwaffensystem der neuen Kampfschiffe sind zwei 155-mm Schiffsgeschütze „Advanced Gun Systems“ (AGS) – und diese sollten eine weltweit einmalige Munition verschießen. Das Long-Range Land-Attack Projectile (LRLAP) sollte als allwetterfähige Präzisionsmunition mit angestrebter Reichweite von bis zu etwa 160 km vor allem amphibische Einsatzkräfte bei Operationen im Hinterland einer Küste von See her effektiv unterstützen.

Die Entwicklung kam gut voran, und bei Probeschüssen wurden auch schon Reichweiten von fast 125 km erreicht – Weltrekord für schiffsgestützte Artillerie. Nach dem Abschuss aus dem AGS sorgte ein Raketenmotor für einen Flug der Granate über ihre bloße ballistische Reichweite hinaus. Kleine Steuertragflächen lenkten sie dabei mit Hilfe von GPS-Satellitennavigation präzise ins Ziel. Mit Nachweis der Machbarkeit des Vorhabens erhielt Lockheed-Martin den Auftrag, LRLAP bis zur Serienreife weiter zu entwickeln. Jeder neue Zerstörer der ZUMWALT-Klasse sollte insgesamt bis zu 920 der Präzisionsgeschosse in seinen Magazinen mitführen.

Die Serienproduktion von LRLAP sollte 2011 beginnen, wurde aber mit den Verspätungen im Zerstörer-Programm immer wieder verschoben. Nun wurde offensichtlich beschlossen, das Vorhaben LRLAP nicht weiter zu verfolgen, und der von der US Navy für das Haushaltsjahr 2018 vorgelegte Budgetentwurf weist auch keinerlei Mittel mehr dafür aus. Grund dafür ist, dass wegen extrem hoher Kostenüberschreitungen nur noch drei statt der ursprünglich geplanten bis zu 32 neuen Zerstörer gebaut werden. Damit wären auch nur weniger als 10% der geplanten LRLAP zu beschaffen gewesen, und diese so signifikant reduzierte Stückzahl ließ den Preis für ein Geschoss von ursprünglich etwa 350.000 US Dollar auf mehr als 800.000 US Dollar steigen. Eine LRLAP-Granate würde damit fast so teuer wie ein Marschflugkörper Tomahawk- und dieser hat bei ähnlicher Präzision eine Reichweite von mehr als 1.000km.

Kaum verwunderlich, wird nun fieberhaft eine aus den 155-mm AGS der ZUMWALT-Zerstörer zu verschießende aber kostengünstigere Alternative zu LRLAP gesucht. Eine solche könnte eine Variante des für die normalen 127-mm (5 inch) Standard-Schiffsgeschütze Mk 45 entwickelte Hyper Velocity Projectile (HVP) werden. HVP ist ein Nebenprodukt des für die elektromagnetische Railgun entwickelten Geschosses. Die zur Minimierung von Luftwiderstand und Reibungshitze speziell geformte Granate erreicht bei der Railgun Geschwindigkeiten von bis zu Mach 7; in der für normale Marinegeschütze modifizierten Variante muss man sich mit „nur“ Mach 3 (bei Mündungsaustritt) zufrieden geben – auch das ist aber schon mehr als die doppelte Geschwindigkeit einer normalen 127-mm-Granate und ausreichend für Reichweiten von 100km und mehr. Die Kosten eines HVP werden übrigens mit nur etwa 15.000 Euro beziffert.