Munition im Meer – Ein dauerhaftes oder ein periodisch auftretendes Problem?


Am 5. Dezember 2011 wurde in Hamburg der Bericht der Bund-/ Länderübergreifenden Arbeitsgruppe »Munition im Meer« vorgestellt. In der Druckfassung wurden auf über 1.000 Seiten Daten, Fakten und Informationen gesammelt, zusammengefasst und Empfehlungen formuliert. Dieses Dokument, das die Gewässer entlang der deutschen Küste betrachtet, ist das bisher umfassendste Werk, das zu diesem Thema erstellt wurde – und kann mit Fug und Recht als »lebendes Dokument« bezeichnet werden, da zum heutigen Tag bereits jetzt neue Fakten und Informationen aus Dokumenten bereitliegen, die eine weitere Bearbeitung und Ergänzung des Berichtes erforderlich machen. Dieses Thema wurde auch in der Vergangenheit betrachtet, und verschiedene Vorläuferberichte wurden erstellt, wie zum Beispiel der so genannte »Jäckel-Bericht« von 1969 und der Bericht des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie aus dem Jahr 1993, die in dem nunmehr vorgelegten Werk mit eingeflossen sind und deren Ergebnisse auf Grundlage des aktuellen Standes der Wissenschaft neu bewertet werden.

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Der Umfang der Munitionsarten zeigt ein riesiges Spektrum auf. Dieses Spektrum reicht von der Patrone für eine Pistole über alle Arten von Leuchtmunition und Granaten der Artillerie bis zur Abwurfmunition, also Bomben für Flugzeuge. Auch hier finden wir, angefangen von der kleinen 1-kg-Bombe bis hin zur 2.000-kg-Luftmine, alle Arten wieder. Seeminen, gelegt durch Marinekräfte und Luftstreitkräfte sowie Torpedos, Wasserbomben und Raketen ergänzen die Aufzählung. Rundum: Es ist eigentlich fast das ganze Repertoire an Munition im Meer vorhanden, dorthin entsorgt und eingebracht worden.

Herkunft der Munition

Mit dem Nennen des Begriffs Munition im Meer wird zuerst der Fokus auf die Marine bzw. die Marinen der Anrainerstaaten gelenkt. Betrachten wir diesen Bereich zuerst. Mit Einführung der mit Sprengstoff gefüllten Granaten für die Artillerie wurde nunmehr brisante Munition verwendet. Nicht, dass nur die Granaten bei einem Auftreffen auf Schiffe oder die Wasseroberfläche detonierten und damit ihre Wirkung umsetzten, auch Blindgänger gelangten ins Wasser und verblieben dort. Gleiches gilt natürlich auch für die Granaten, die aus den Küstenbatterien zur Schiffsabwehr oder zur Fliegerabwehr verschossen wurden. Beim Einsatz von Torpedos kann ein ähnliches Verhalten beobachtet werden. Gefechtstorpedos, die nicht ihr Ziel trafen, liefen bis zum Stillstand ihrer Antriebe weiter und versanken dann auf den Grund des Meeres. Hier war natürlich die Menge des Sprengstoffes erheblich höher als bei Granaten, die Gefechtsköpfe wogen bis 300 kg, die ohne Detonation als Relikte erhalten blieben.

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Deutsche ECM Mine auf dem Grund der Ostsee (Foto: Deutsche Marine)

Die Zahl der abgefeuerten Torpedos aus Schiffen und Flugzeugen wurde bisher aber noch nicht ermittelt, sodass verlässliche Zahlen nicht vorliegen. Anders ist es mit den Seeminen: Hier liegen einigermaßen genaue Zahlen der geworfenen Minen vor. So wurden in der Ostsee, einschließlich Skagerrak und Kattegatt, in der Zeit von 1855 bis 1945, etwa 175.000 Minen von den beteiligten Kriegsparteien gelegt. Die Anzahl der bereits geräumten Minen und durch andere Umstände vernichteten Minen wiederum ist nicht exakt bekannt, Untersuchungen und Recherchen dazu sind im Gange.

Eine weitere, bisher noch recht unbekannte Größe ist die Anzahl der ins Meer geworfenen Bomben und abgefeuerten Bordwaffenmunition der Fliegerkräfte. Besonders bei Luftangriffen auf Hafenstädte oder Schiffsansammlungen im Seegebiet wurden Bomben aller Art, auch Brandbomben, ins Meer geworfen. Hier können nur vorsichtig angenommene Schätzwerte herhalten, die aber keineswegs belegbar sind. Ähnlich verhält es sich mit den zur U-Boot-Abwehr eingesetzten Wasserbomben. Eine Aussage hierzu kann ebenfalls nur auf Annahmen beruhen, gleichwohl ist hier durchaus die Möglichkeit gegeben, aus entsprechenden Unterlagen wie Kriegstagebüchern eine genauere Dimensionierung vorzunehmen.

1,6 Millionen Tonnen

Aber diese bisher aufgeführte Munition reicht bei Weitem nicht aus, die ermittelten etwa 1,6 Millionen Tonnen Munition darzustellen. Woher kommt diese »andere Munition«?

Nach dem Ersten Weltkrieg, besonders aber nach dem Zweiten Weltkrieg, wurden enorme Mengen an Munition aller Art im Meer versenkt. Dies geschah einerseits von den Truppen, die ihre Munition oder sogar Waffen nicht in die Hände des Gegners fallen lassen wollten. Besonders bevorzugt waren hierbei die Gebiete entlang der Ostseeküste und deren Hafenbereiche. Marine-, Luftwaffen- und Heeresangehörige entledigten sich ab dem 5. Mai 1945, mit Beginn der Teilkapitulation, ihrer damaligen Ausrüstung. Zum anderen stellten die alliierten Siegermächte ungeheure Waffen- und Munitionsmengen in Deutschland sicher. Abzüglich der von den Alliierten benötigten Waffen und Munition, der Abgabe an andere Staaten zum Aufbau und Ausrüsten der dort vorhandenen Streitkräfte, wurde die Munition teils in besonderen Anlagen vernichtet oder im Meer versenkt, frei nach dem Motto: »Was ich nicht sehe, wird mir nicht mehr gefährlich«.

Eine ganze Reihe von Dokumenten liegen vor die zeigen, dass die damals rechtmäßigen Verfahren auch umgesetzt wurden. Im Rahmen verschiedener Aktionen wurden nun die großen Mengen an heeres-, luftwaffen- und marineeigentümlicher Munition, einschließlich der sichergestellten Munition mit chemischen Kampfstoffen, »entsorgt«. Die chemische Munition wurde überwiegend an die dafür festgelegten und heute noch bekannten Versenkungsplätze gebracht und dort einzeln oder mit dem gesamten Trägerfahrzeug versenkt. Die in den letzten Jahren durchgeführten Recherchen deuten letztendlich auf eine heute aktuelle Größe von 1, 6 Mio. Tonnen Munition hin, wobei aber auch diese Zahl nicht als endgültig angesehen werden darf.

Was geschah in den letzten 65 Jahren?

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg begann der Einsatz zum Räumen der ausgelegten Seeminen. Nach einer Prioritätenliste wurden die betroffenen Seegebiete von verschiedenen Marinen und durch Organisationen mit deutschem Personal und Material unter alliierter Aufsicht geräumt und entsprechend freigegeben. Neben der Fischerei zur Nahrungsgewinnung entstand aber auch der »Berufszweig« der »Munitionsfischer«, die in den damals bekannten Versenkungsgebieten die Munition bargen und verwerteten, denn es bestand ein großer Bedarf an Metall. Angaben über den Umfang der auf diese Weise so geborgenen Munition liegen bis heute nicht vor, sodass hier auch wieder Zahlenwerte angenommen werden müssen.

In den fünfziger Jahren verlagerte sich dieses Geschäft mehr auf spezialisierte Fachfirmen, wobei aber die Fischerei mit ihrer Aufnahme von Munition in den Grund- und Schleppnetzen ebenfalls noch eine Rolle spielte. Es kann durchaus angenommen werden, dass in dieser Zeit ca. 250.000 Tonnen Munition wieder geborgen wurde. Mit dem Jahr 1972 wurde die übergreifende Munitionssuche eingestellt und wird nur noch in besonderen Fällen wie bei der Vorbereitung von Unterwasserbauwerken oder bei Funden in den eingegrenzten Räumen durchgeführt.

Zustand der Munition

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Deutscher Lufttorpedo nach der Bergung (Foto: Uwe Wichert)

Die im Meer versenkte Munition zeigt sich heute in einem Zustand, der statistisch und logisch nachvollziehbar sehr schwer greifbar ist. Ein Großteil der Munition ist im Laufe der Zeit sehr stark korrodiert und die Hülle des Munitionskörpers sehr dünnwandig, beschädigt oder gar nicht mehr vorhanden. Hier hat der eingefüllte Sprengstoff Kontakt mit dem Meerwasser, wurde teilweise aus dem Munitionskörper Heraus gewaschen oder hat sich im Meerwasser bereits gelöst. Gleichzeitig kommt es vor, dass wenige hundert Meter oder einige Seemeilen davon entfernt, Munition des gleichen Typs gefunden wird, dessen Zustand so ist, als ob sie erst vor ganz kurzer Zeit dort abgelagert worden wäre.

Dieses Erscheinungsbild finden wir sowohl in der gesamten Ostsee als auch in der Nordsee. So wurde im Januar 2011 eine alte englische Ankertaumine im Strandbereich von Borkum frei gespült. Diese Mine stammte aus Sperren, die 1939/1940 westlich und nördlich von Borkum gelegt wurden, und ist vermutlich damals abgetrieben und im Strandbereich eingeschwemmt worden. Das Minengefäß war in einem erstaunlich guten Zustand. Da eine Bergung nicht durchführbar war, wurde die Mine gesprengt.

Hinzu kommt, dass auch der Sprengstoff in der Munition einem Alterungsprozess unterliegt, der chemische Veränderungen hervorrufen kann, sodass die Munition nicht mehr den gleichen Handhabungssicherheitsstand hat wie bei der Herstellung. Bei den entsprechenden Zündeinrichtungen stehen wir vor dem gleichen Problem. Einige Zünder sind auch heute noch in einem funktionsfähigen Zustand und können die Ladung zur Explosion bringen (Bombenexplosion Göttingen 2010), andere Zündsysteme funktionieren nicht mehr, nachdem sie dem Korrosionsvorgang erlegen sind. Leider kann man der aufgefundenen Munition nur in den seltensten Fällen ansehen, in welchem Zustand sie sich befindet. Daher muss bei jedem Munitionsfund erst einmal von einer Gefährlichkeit des Objektes ausgegangen und entsprechende Sicherheitsmaßnahmen müssen eingeleitet werden.

Die Lage heute?

Auch heute noch müssen wir mit dem Fund von Munition an den unterschiedlichsten Orten rechnen. Besonders beim Bau von Offshore Anlagen, Pipelines oder Ausbauten von Häfen erhöht sich dieses Risiko. Munition ist durch ihre Bauart immer noch als gefährliches Objekt anzusehen und daher muss vorsichtig damit umgegangen werden.

Für eine definierte Suche der beschriebenen Munition hält die Marine ausgebildete Kräfte vor. Zum einen sind dies die Minenjagdboote der Minensuchgeschwader in der Deutschen Marine, die mit ihrer Ausrüstung und dem ausgebildeten Personal genau diese Aufgabe bewältigen können. Zusätzlich sind die Minentaucher der Minentaucherkompanie und der EOD-Zug in der Lage, besondere Aufgabengebiete, die nicht allein durch technische Mittel zu bearbeiten sind, gezielt zu erledigen. Gemeinsam stehen sie als Komponente für die Aufgaben, die den Streitkräften zugedacht sind, zur Verfügung. Ihren Einsatzwert bewiesen und beweisen sie wiederholt, zum Beispiel im Rahmen der Minenräumoperationen »Open Spirit« an den Küsten Estlands, Lettlands und Litauens.

Bei Munitionsfunden, ob am Strand, durch Fischer mit dem Netz oder bei Unterwasserarbeiten, stehen die Kampfmittelräumdienste (KRD) der Länder zur sach- und fachgerechten Beseitigung der Funde bereit. Hierbei handelt es sich um Tätigkeiten, die erst anlaufen, nachdem ein Munitionsfund bei den Ordnungsbehörden angezeigt wird. Zunehmend untersuchen diese Dienste aber auch Gebiete, von denen eine besondere Gefahr ausgeht. Eine flächendeckende Suche in den deutschen Hoheitsgewässern übersteigt jedoch den wirtschaftlichen Rahmen und ist auch fachlich nicht angezeigt.

Für punktuelle Such- und Räumaufgaben, zum Beispiel im Vorfeld zum Bau von Offshore-Einrichtungen, sind versierte Fachfirmen mit einer entsprechenden Ausrüstung auf dem Markt vorhanden und werden auch eingesetzt.

Jedes Jahr rücken die KRD zu einer ganzen Reihe von Funden an die Küste aus. Spektakulär sind natürlich plötzlich auftauchende Minen, wie die im Januar 2011 in Borkum frei gespülte englische Mine oder die im Wattgebiet bei Cuxhaven und am Strand von Wangerooge wiederholt gefundenen Flakgranaten, die ebenfalls durch die Tide nach gewisser Zeit freigelegt werden. Aber auch Handwaffenmunition und Signalmunition, die am Strand aufgefunden wird, wird genauso akribisch untersucht und sicher beseitigt.

Es zeigt sich also, dass Munition im Meer kein kurzzeitiges Phänomen der Nachkriegszeit ist, sondern dass die Versenkung der Munition sich bis heute als Problem darstellt. Es ist aber kein blinder Aktionismus erforderlich, sondern ein Bearbeiten des Problems mit Sachverstand durch die betroffenen Stellen. Ebenso wenig darf aus den Munitionsfunden eine Situation der »Panikmache« entstehen, denn diese Munitionsfunde sind beherrschbar.

Der bisher begangene Weg zeigte sich als richtig und effektiv nutzbar. Der Bericht der Arbeitsgruppe stellt eine ausführliche Zusammenfassung und Würdigung der bisher bekannten Fakten dar und ist ein ganz wesentlicher Schritt in eine sichere Zukunft an unseren Küsten.

Zum Autor
Uwe Wichert, Kapitänleutnant a.D., Mitarbeiter der Redaktionsgruppe AG »Munition im Meer« und freier Berater beim Innenministerium Schleswig- Holstein für Recherchearbeiten Munition im Meer, war als aktiver Soldat an 15 Operationen »Open Spirit« und »Baltic Sweep« im Baltikum beteiligt

Dieser Artikel wird mit freundlicher Genehmigung der „MarineForum – Zeitschrift für maritime Fragen“ veröffentlicht.

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