MarineForum Wochenschau vom 28. April 2017


NAH-/MITTELOST

Die militärische/sicherheitspolitische Lage im Nahen-/Mittleren Osten bleibt vorrangig von der Bekämpfung des islamistischen Terrors und von den Bürgerkriegen in Syrien und Jemen bestimmt. Der Chemiewaffeneinsatz durch (vermutlich) syrische Regierungstruppen und der nachfolgende US-Vergeltungsschlag auf eine syrische Luftwaffenbasis haben die regionalen Spannungen erhöht, aber eine befürchtete militärische Eskalation ist bisher ausgeblieben.

Dieser Artikel wird mit freundlicher Genehmigung der „MarineForum – Zeitschrift für maritime Fragen“ veröffentlicht.
Marineforum

JEMEN

Der Bürgerkrieg der vom Iran unterstützten schiitischen Houthi-Rebellen gegen die von einer saudi-arabisch geführten Koalition unterstützte Regierung dauert ebenso an, wie die Bekämpfung islamistischer Terroristen (al-Kaida-Ableger AQAP – Al-Qaeda on the Arabian Peninsula). In beide Konflikte sind auch US-Streitkräfte eingebunden. Zwar werden keine Details veröffentlicht, aber beteiligt sein könnte der zuletzt im Golf von Aden / vor Dschibuti gemeldete amphibische Träger „Bataan“ der US Navy mit seinen eingeschifften Kampfflugzeugen AV-8B Harrier und/oder Kampfhubschraubern AH-1 Cobra des US Marine.

Ein aktueller Schwerpunkt des Bürgerkrieges ist das Gebiet um den von den Houthi kontrollierten Hafen Hodeidah am Roten Meer. Medienberichte lassen hier auf eine geplante (möglw. auch bereits begonnene?) Offensive von jemenitischen Regierungstruppen und Koalitionskräften schließen. Zur „Unterbindung von Waffenlieferungen an die Rebellen und Ermöglichung humanitärer Hilfe“ (nicht zuletzt aber wohl auch zur Vermeidung einer Zerstörung der Infrastruktur des für den Jemen wichtigen Hafens) hat die jemenitische Regierung nun vorgeschlagen, Hodeidah unter Kontrolle der Vereinten Nationen zu stellen. Wirklich sinnvoll würde eine solche Maßnahme allerdings erst mit einer UN-Friedenstruppe, deren Aufstellung und Entsendung der UN Sicherheitsrat noch beschließen müsste.

Houthi-Rebellen sind immer wieder auch bemüht, über die Grenzen des Jemen hinaus Ziele in Saudi-Arabien anzugreifen, u.a. durch Beschuss mit Scud-Raketen. Am 27. April haben sie erstmals auch einen Angriff auf ein saudisches Ölterminal im Roten Meer versucht. Ein ferngelenktes Sprengboot sollte die Verladeanlagen (vermutlich die Stichpier) des etwa 50km nördlich der Grenze zum Jemen gelegenen Jizan (Dschaizan) Terminals der saudischen Aramco zerstören. Das Boot wurde durch die saudische Küstenwache allerdings rechtzeitig entdeckt und gut 2 km vor seinem Ziel zerstört. Mit einem ähnlichen Sprengboot hatten die Houthi am 30. Januar vor Hodeidah die saudische Fregatte „Madinah“ angegriffen und beschädigt. US-Geheimdiensten zufolge sollen die Boote aus dem Iran stammen.

ISLAMISTISCHER TERROR IN SYRIEN UND IRAK

Bei der Bekämpfung des islamistischen Terrors in Syrien und Irak bleibt eine international übergreifende Koalition weiterhin Fernziel. Noch zu viele Eigeninteressen einzelner Staaten sowie die Spaltung zwischen Schiiten und Sunniten bestimmen die Entwicklung.

Nach dem US-Luftschlag gegen eine syrische Luftwaffenbasis hatte Russland eine vorsichtige Kooperation (mit dem begrenzten Ziel eines „De-Conflicting“) mit den USA für „beendet“ erklärt, die Vereinbarung inzwischen aber wieder in Kraft gesetzt.

SYRIEN – IRAK: US-geführte Koalition (Operation „Inherent Resolve“)

Eine US-geführte multinationale Koalition setzt mit Operation „Inherent Resolve“ Luftschläge gegen islamistische Terrorgruppen im Irak und in Syrien fort. Ziele sind Kommandozentren (Führungspersonen), Stützpunkte, Depots und von Islamisten kontrollierte Öl-Anlagen, daneben aber auch logistische Straßentransporte und Gruppen verlegender Kämpfer, die im Irak auf den Flüssen Euphrat und Tigris vor allem auch Boote nutzen. Viele Angriffe dienen der direkten Unterstützung (Close Air Support) irakischer Bodentruppen oder kurdischer Milizen – aktuell vor allem bei der noch immer andauernden Offensive zur Rückeroberung von Mosul. Zum Einsatz kommen US-Trägerkampfflugzeuge und von Flugplätzen der Golfstaaten, Jordaniens und der Türkei operierende Kampfflugzeuge und Drohnen der Streitkräfte zahlreicher Staaten. Die britische Royal Air Force nutzt ihre Basis in Akrotiri (Zypern).
Der US-Flugzeugträger „George H.W. Bush“ setzt weiterhin seine Kampfflugzeuge aus dem nordwestlichen Persischen Golf heraus gegen IS-Ziele in Irak und Syrien ein. Die dänische Fregatte „Peter Willemoes“ bleibt noch bis in den Mai hinein in den US Verband integriert.

SYRIEN: Russland – Türkei

Russland macht weiterhin keinen Unterschied zwischen Islamisten und Oppositionsrebellen; alle gelten gleichermaßen als “Terroristen”. Nach wie vor erfolgen russische Luftangriffe in direkter Unterstützung syrischer Streitkräfte gerade auch in Gebieten, in denen keine islamistischen Milizen aktiv sind.

Die Türkei ist neben dem Kampf gegen IS im Rahmen ihrer nationalen Kurdenpolitik vor allem bemüht, auf Autonomie setzende syrische Kurden (oft zugleich von den USA unterstützte syrische Rebellengruppen) möglichst weit nach Osten bis in den Irak abzudrängen.

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BÜRGERKRIEG IN SYRIEN

Der US-Angriff auf eine syrische Luftwaffenbasis bleibt natürlich Thema, hat bisher aber keine entscheidenden Auswirkungen auf den syrischen Bürgerkrieg.

Ob eine Anfang Mai in Astana (Kasachstan) geplante Gesprächsrunde der Bürgerkriegsparteien zur Überführung der brüchigen Feuerpause in einen dauerhaften und stabilen Waffenstillstand stattfindet, bleibt abzuwarten. Die Feuerpause wird ohnehin nur dort eingehalten, wo Oppositionsgruppen ihr ausdrücklich zugestimmt hatten, und islamistische Gruppen wie IS und al-Nusra waren ohnehin ausgeklammert.

Maritime Aspekte

Kampfschiffe der US Navy dürften weiterhin im östlichen Mittelmeer präsent sein. Dort operiert auch das Ständige Mittelmeergeschwader (MedSqn) der russischen Marine.

Allgemein war nach dem US-Angriff auf die syrische Luftwaffenbasis eine deutliche Verstärkung der von der Schwarzmeerflotte geführten und routinemäßig zwischen Zypern und der syrischen Küste eingesetzten MedSqn erwartet worden; diese ist aber bisher ausgeblieben. Zum Verband gehören zurzeit neben einigen Hilfsschiffen als Kampfeinheiten nur die Fregatte „Admiral Grigorovich“ und der Minensucher „Valentin Pikul“. Die Fregatte soll dem Verband „bis zum Sommer“ zugeteilt sein; der Minensucher der NATYA-Klasse wird in syrischen Küstengewässern vor Tartus und Latakia eingesetzt, um eine den Nachschub gefährdende, mögliche Verminung der Ansteuerungen durch syrische Rebellen zu verhindern.

Am 27. April ist ein Nordflottenverband mit dem Zerstörer „Severomorsk“, einem Tanker und einem Bergeschlepper nach Umrundung Afrikas durch die Straße von Gibralter wieder ins Mittelmeer eingelaufen.

Die Schiffe sind seit Oktober unterwegs, hatten damals zusammen mit dem längst in den Nordflottenbereich zurückgekehrten Flugzeugträger „Admiral Kuznetsov“ ins Mittelmeer verlegt. Im Januar hatten sie mit Passage des Suezkanals ihre Reise rund um Afrika begonnen und als „Botschafter in Blau“ dabei mehrere Hafenbesuche durchgeführt. Ob sie nun vorübergehend noch einmal in die MedSqn integriert werden sollen, bleibt abzuwarten. Möglich erscheint auch ein geplanter Hafenbesuch im westlichen Mittelmeer, z.B. in Algerien.

Mit Frachtumschlag im russischen Schwarzmeerhafen Noworossiysk (Anbindung an das russische Eisenbahnnetz), dauert die auch als „Syrian Express“ bezeichnete Lieferung von Rüstungsgütern nach Syrien und Nachschub für die dort eingesetzten russischen Truppen an. Jede Woche passieren mehrere Landungsschiffe der russischen Marine (auch dazu verlegte Einheiten der Nordflotte und der Baltischen Flotte) oder speziell für diese Transporte gebraucht in der Türkei und Deutschland gekaufte und teils als Hilfsschiffe in die russische Marine integrierte, ex-zivile Frachtschiffe den Bosporus süd- oder nordlaufend. Transportiert wird zurzeit auch Baumaterial für die in diesem Frühjahr beginnenden Arbeiten zur Erweiterung der russischen logistischen Basis in Tartus (Syrien). Das Landungsschiff „Korolev“ der Baltischen Flotte hat seinen sechsmonatigen Einsatz bei „Syrian Express“ beendet und ist in die Ostsee zurückgekehrt.

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CHINA

Mit roten Fahnen und bunten Bändern geschmückt, wurde am 26. April in Dalian der zweite Flugzeugträger der chinesischen Marine feierlich aus seinem Baudock ausgeschwommen.

Der Stapellauf war eigentlich schon am 25. April – zum Geburtstag der chinesischen Volksbefreiungsmarine (PLAN) – erwartet worden, fand dann aber überraschend erst einen Tag später statt. Auch hielt sich mit dem Vizevorsitzenden der Zentralen Militärkommission die Anwesenheit von Polit-Prominenz sichtlich in Grenzen. Immerhin handelt es sich bei dem Schiff um den allerersten chinesischen Flugzeugträger-Eigenbau. Zwar wurde zeremoniell auch eine Flasche Champagner am Bug zerbrochen, aber weder ein Name für den Neubau genannt, noch fand sich am Schiff die übliche Identifizierungsnummer. Allgemein wird die Nummer 17 erwartet, und Gerüchten zufolge soll der Neubau den Namen der Provinz Shandong erhalten.

Erster chinesischer Flugzeugträger ist die 2012 in Dienst gestellte „Liaoning“ (CV-16), ein eigentlich noch für die Sowjetunion begonnenes Schwesterschiff der russischen „Admiral Kuznetsov“, das China 2001 halbfertig in der Ukraine erworben, nach Dalian überführt und dort fertiggebaut hatte. Auch wenn man sich offiziell noch sehr bedeckt hielt, war ziemlich schnell klar, dass die PLAN sich nicht mit einem einzigen Flugzeugträger begnügen würde. Spätestens 2014 begann dann in Dalian auch der Bau des nun zu Wasser gelassenen Schiffes.

Basis dieses Eigenbaus – und dies zeigt sich auch in der Projektnummer 001A – ist die „Liaoning“, von der wesentliche Designelemente kopiert wurden; Vergleiche zeigen mit einer Länge von gut 300m fast identische Abmessungen. Wie die „Liaoning“, hat auch der Neubau eine Ski-Jump Bugrampe, über die Kampfflugzeuge Shenyang J-15 „Feisha“ (Klon der russischen Sukhoi Su-33) starten; bei der Landung werden die Flugzeuge dann in einer Landefanganlage abgebremst. Das Schiffsinnere soll in Anpassung an „spezifischen chinesischen Bedarf“ allerdings völlig umgestaltet worden sein. Die Internetseite des Verteidigungsministeriums sprach überdies von einer „komplett neuen“ Antriebsanlage sowie Ausrüstung mit einem Phased Array Radar (in gegenüber der „Liaoning“ deutlich veränderter Anordnung am Inselaufbau) und modernsten Flugabwehr-FK-Systemen.

Der neue Flugzeugträger wurde nach dem Ausschwimmen aus dem Baudock von Schleppern an die direkt benachbarte Ausrüstungspier bugsiert, wo er nun fertiggestellt werden soll. Vor allem im Schiffsinneren gibt es noch viel zu tun; zahlreiche Systeme sind einzurüsten und zu erproben. Die formelle Übernahme durch die PLAN wird denn auch erst etwa 2020 erwartet.

Den zwei äußerlich der russischen „Admiral Kuznetsov“ ähnlichen Flugzeugträgern sollen weitere Eigenbauten folgen. Auf der Jiangnan-Werft (Schanghai) sollen schon Ende 2014 Vorbereitungen für den Bau eines dritten Flugzeugträgers (CV-18) begonnen haben, bei dem bisher aber noch unklar ist, ob es sich erneut um ein Schiff nach dem „Liaoning“-Design oder aber ein neues, dann wirklich eigenes Design handelt. Im Internet kursieren zu „Projekt 002“ Gerüchte über einen größeren Flugzeugträger, bei dem Flugzeuge nicht mehr über eine Ski-Jump Bugrampe sondern mit Hilfe von Katapulten starten sollen. Langfristig soll auch der Bau noch größerer Flugzeugträger mit Nuklearantrieb geplant sein.

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FRANKREICH

Erst im Oktober hatte der französische Verteidigungsminister am Rande der Rüstungsmesse „Euronaval“ (Paris) das Basisdesign geplanter neuer Fregatten vorgestellt.

Am 21. April wurde DCNS (Hauptauftragnehmer) nun auch schon formell beauftragt, „mit dem Bau der Schiffe zu beginnen“. Medien spekulieren (natürlich) über die Absicht, noch vor den französischen Präsidentschaftswahlen Fakten zu schaffen.

Fünf neue mittelgroße Fregatten FTI („Fregate de Taille Intermediaire“) sollen mit Indienststellungen ab 2025 die dann zwischen 25 und 30 Jahre alten Fregatten der LA FAYETTE-Klasse ersetzen, die vor allem auch in ihrer „unzureichender Bewaffnung“ (u.a. fehlende U-Jagdfähigkeit) einen in den letzten Jahrzehnten gewandelten Bedarf der französischen Marine nicht mehr decken.

Die Planung zur Beschaffung neuer Fregatten reicht schon mehrere Jahre zurück. Wohl auch vor dem Hintergrund klammer Finanzen war das Vorhaben 2011 erst einmal zurückgestellt worden, wurde 2015 aber wieder aufgegriffen und dann sogar beschleunigt. In ihrer Größe liegen die Neubauten zwischen der LA FAYETTE-Klasse (3.600ts) und der neuen AQUITAINE (FREMM)-Klasse (6.000ts). Eine Konzeptgrafik zeigt eine 4.250 ts große, 122-m-Mehrzweckfregatte mit einem „kopfstehenden Bug“ (inverted bow), der dem Schiff ein erheblich verbessertes Seeverhalten geben soll.

FTI – Konzeptgrafik (DCNS)
Weiteres optisch auffälliges Element ist ein zentraler, verkleideter Sensormast, in dem sich die elektronische Ausrüstung (u.a. Thales‘ digitales Radar Sea Fire 500) konzentriert. Eine „combined diesel and diesel“ (CODAD) Antriebsanlage soll Geschwindigkeiten von 27 Kn ermöglichen und den FTI Reichweiten von 5.000sm geben. Bei der Besatzung will man (incl. einer fliegenden Komponente) mit 125 Mann auskommen, an Bord aber Platz für weitere 50 einzuschiffende Personen vorhalten.

Als Hauptwaffensysteme werden Seeziel-FK Exocet (zwei Vierfachstarter) und Flugabwehr-FK MBDA Aster-30 (zwei vierzellige Senkrechtstarter) genannt. Ein 76-mm-Geschütz und U-Jagdtorpedos MU90 ergänzen die Bewaffnung. Eine Bestückung auch mit landzielfähigen Marschflugkörpern ist derzeit nicht vorgesehen. Mit Bugsonar und Schleppsonar sollen die FTI auch U-Jagdfähig werden. Bordhubschrauber NH-90 sowie Drohnen und schnelle Beiboote erweitern das Einsatzspektrum.

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FRANKREICH

INDIEN

In Toulon (Frankreich) hat die diesjährige, insgesamt 15. Auflage der bilateralen indisch-französischen Übungsserie „Varuna“ begonnen.

Schon seit 1993 stehen zur „Festigung der Fähigkeiten zu Interoperabilität“ gemeinsame Übungen auf dem Kalender beider Marinen, bevor man dann 2000 vereinbarte, regelmäßig unter der Bezeichnung „Varuna“ (indische Gottheit, auch der Ozeangott) zu üben. 2001 fand das erste „Varuna“ vor der indischen Westküste statt. In den Folgejahren verlegte jeweils ein größerer französischer Flottenverband dazu in den Indischen Ozean.

Die Übungsinhalte gingen sehr schnell über einfache „Passex“ mit seemännischen Manövern, Fernmeldeübungen und Search & Rescue hinaus. Mehrmals führte sogar der Flugzeugträger CHARLES DE GAULLE die französische Einsatzgruppe an – mit Übungsschwerpunkten dann natürlich bei Marinefliegeroperationen und Flugabwehr – und auch Indien brachte bei diesen Gelegenheiten Flugzeugträger in die Übung ein. Die Übungsgebiete lagen meist im Arabischen Meer vor der indischen Westküste. 2009 und dann wieder 2012 verlegte allerdings ein indischer Verband zu „Varuna“ ins französische Brest. 2013 und 2014 fiel „Varuna“ aus; 2015 traf man sich dann wieder vor Indien.

Zu „Varuna 2017“ hat die indische Marine nun einen vom Befehlshaber des Western Naval Command geführten Verband ins Mittelmeer verlegt. Am 24. April machten der Zerstörer „Mumbai“, die Fregatten „Trishul“ und „Tarkash“ sowie der Flottenversorger „Aditya“ in Toulon fest.
an der Pier in Toulon (Foto: franz. Marine)
Hier hat nun die Hafenphase von „Varuna 2017“ begonnen. In der anschließenden, bis zum 30. April dauernden Seephase stehen in Fortführung der Inhalte früherer Übungen dieser Serie wahrscheinlich Aspekte traditioneller Seekriegführung wie U-Jagd, Flugabwehr, Seezielbekämpfung (gemeinsames Artillerieschießen) und Versorgung in See auf dem Programm, aber auch „Maritime Interdiction“ und „Maritime Security Operations“ (Terrorabwehr, Pirateriebekämpfung) dürften nicht zu kurz kommen. Zu den französischen Teilnehmern an „Varuna 2017“ gibt es noch keine offiziellen Informationen. Der offensichtlich als „Host-Ship“ für die indischen Gäste an der gleichen Pier liegende Zerstörer „Forbin“ dürfte aber mit von der Partie sein.

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NORDKOREA

Die Spannungen um Nordkorea dauern auf hohem Niveau an.

Die US-Regierung unter Präsident Trump betont den Willen zu einer diplomatischen Lösung, bekräftigt aber erneut, alle – auch militärische – Optionen lägen auf dem Tisch. China fordert in ungewöhnlich scharfer Form Nordkorea dazu auf, jegliche weitere Provokationen durch Raketenstarts oder gar einen neuen Atomtest zu unterlassen. Vor allem Drohung mit Atomwaffen sei denkbar ungeeignet, „das sozialistische System in die Zukunft zu führen“. Chinesische staatliche Medien meldeten sogar, man werde auf einen „ausschließlich gegen das nordkoreanische Atomwaffenpotential zielenden US-Präzisionsschlag“ nicht gleich militärisch reagieren. Auch wirtschaftlich erhöht China den Druck, hat offenbar sämtliche Kohlimporte aus Nordkorea gestoppt.

Nordkorea verkündet in seiner über die staatlichen Medien verbreiteten Propaganda zwar immer noch lautstark die Bereitschaft zu „vernichtenden Angriffen“ auf Südkorea und US-Streitkräfte in der Region, hat aber bisher weitere gegen Auflagen des UN-Sicherheitsrates verstoßende Aktionen vermieden. Auch am Gründungstag der Streitkräfte (25. April) begnügte man sich mit einem optisch spektakulären, demonstrativen Artillerieschießen, bei dem 300-400 Panzer und Haubitzen von der Ostküste bei Wonsan in Richtung Japansee feuerten. Ein neuer Atomwaffentest scheint allerdings nur eingefroren, nicht abgesagt. Experten gehen davon aus, dass die Vorbereitungen am Atomtestgelände Punggye-ri so weit abgeschlossen sind, dass er jederzeit auch sehr kurzfristig durchgeführt werden kann.

Mit mehreren Tagen Verzögerung hat die „Carl Vinson“ Carrier Strike Group (CSG) der US Navy offenbar endlich Kurs auf die Gewässer um die koreanische Halbinsel genommen. Sonderlich eilig hat man es aber noch immer nicht. So war das Eintreffen in der Japansee für den 25. April angekündigt, aber am 26. April wurde der Verband noch immer fast 2.000km entfernt in der nördlichen Philippinensee, östlich der japanischen Insel Okinawa gemeldet. Drei Tage zuvor hatte sich die japanische Marine ‚Carl Vinson‘ übt mit japanischen Zerstörern (Foto: US Navy)dort mit den beiden Zerstörern „Samidare“ und „Ashigara“ dem US-Verband angeschlossen und gemeinsam mit diesem Übungen durchgeführt. Auch Kampfflugzeuge der japanischen Luftwaffe waren in diese Übungen eingebunden. Der sehr langsame Vormarsch in Richtung Korea könnte auch darauf hindeuten, dass die US-Regierung unter Aufrechterhaltung einer substantiellen Drohung doch auch weitere Zeit für eine diplomatische Lösung (mit Einbindung Chinas) gewinnen möchte.

Als Ziel der „Carl Vinson“ wird weiterhin die Japansee genannt; ob der Flugzeugträger allerdings tatsächlich in dieses für seine Operationen doch relativ „enge“ Randmeer einläuft bleibt abzuwarten. Üblicherweise halten US-Flugzeugträger bei realen Einsätzen unter Bedrohung mindestens 400sm Abstand von einer feindlichen Küste. Man kann davon ausgehen, dass die „Carl Vinson“ bei tatsächlichen Luftschlägen gegen Nordkorea aus einer Position im Pazifik, östlich von Japan operiert.

Am 26. April führte jeweils ein Zerstörer der US Navy westlich von Korea im Gelben Meer Übungen mit einem südkoranischen Zerstörer und östlich von Korea in der Japansee mit einem japanischen Zerstörer durch. Im Mai plant die US Navy im Westpazifik eine größere Übung, um ihre Fähigkeiten zum Abfangen nordkoreanischer Raketen noch einmal zu testen – und zu demonstrieren.

Sicher auch als Signal der Entschlossenheit zu verstehen war schließlich das Einlaufen des nukleargetriebenen U-Bootes “Michigan“ zu einem „Besuch“ in Busan (Südkorea). Das modifizierte frühere strategische U-Boot der OHIO-Klasse führt anstelle der früheren Atomraketen mehr als 180 Marschflugkörper Tomahawk mit und kann überdies Kampfschwimmer für Kommandooperationen einsetzen.

Die Verlegung weiterer US-Carrier Strike Groups um die „Nimitz“ (Everett, Bundestaat Washington) oder die „Ronald Reagan“ (Yokosuka, Japan) bleibt offenbar Option, aber ein weiterer US-Flugzeugträger wird frühestens in der zweiten Maihälfte vor der koreanischen Halbinsel erwartet. Mindestens bis Ende Mai soll die „Carl Vinson“ im Krisengebiet den Willen zu „dauerhafter Präsenz“ demonstrieren.

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RUSSLAND

Nach einer Kollision ist ein Aufklärungsschiff der russischen Schwarzmeerflotte vor dem Nordeingang des Bosporus gesunken.

Die „Liman“, ein Spezialschiff zur Fernmelde-/elektronischen Aufklärung, führte zwar schon des Öfteren Aufklärungseinsätze im Mittelmeer durch, war diesmal aber nicht für eine Bosporus-Passage angemeldet. In einigen Medien ist fälschlicherweise von einer Aufklärung des von NATO-Marinen durchgeführten multinationalen Manövers „Sea Shield“ die Rede. Diese Übung (von der „Liman“ auch tatsächlich beobachtet) fand allerdings schon im Februar statt, und überdies auch weiter entfernt vor der rumänischen Küste.

Aktueller Auftrag der „Liman“ war wahrscheinlich die routinemäßige Vermessung (Parameter) von Radar- und Funkstellen an der türkischen Küste und Erfassung türkischen militärischen Funkverkehrs. Bei einem solchen Einsatz fährt ein SIGINT-Schiff üblicherweise knapp außerhalb von Hoheitsgewässern vor einer Küste auf und ab; auch die „Liman“ war bei der Kollision 13sm von der Küste entfernt.

Ihre Aufklärungskurse führten die „Liman“ ausgerechnet durch ein Gebiet, in dem sich für eine Bosporus-Passage angemeldete Schiffe sammeln, um auf Lotsen und Freigabe zur Passage warten. Hier herrschte dichter Nebel, als die „Liman“ um 11.45 Uhr, 18 sm nordnordwestlich des Eingangs zum Bosporus, mit dem togolesischen Viehtransporter „Youzarsif H“ kollidierte. Beschädigungen an ihrer Steuerbordseite (kam der Frachter von rechts und hatte also Vorfahrt?) reichten bis unter die Wasserlinie und führten zu einem Wassereinbruch, der mit bordeigenen Mitteln nicht unter Kontrolle gebracht werden konnte. Glücklicherweise kam bei der Kollision niemand zu Schaden, und auch der Wassereinbruch erfolgte so langsam, dass alle 78 Besatzungsmuitglieder das Schiff kontrolliert verlassen und von der türkischen Küstenwache und der kaum berschädigten „Youzarsif H“ an Bord genommen werden konnten. Drei Stunden nach der Kollision sank die „Liman“.

Unmittelbar nach der Havarie setzte die Schwarzmeerflotte den Bergeschlepper SB-739 und das zivile Tiefsee-Forschungsschiff „Khesersy“ (mit mehreren Unterwasserdrohnen) in Richtung Untergangsstelle in Marsch. Für die russische Marine kommt es vor allem darauf an, die mit streng geheimem Aufklärungsgerät gesunkene und in etwa 100m Tiefe liegende „Liman“ vor fremdem Zugriff zu schützen und dieses dann nach und nach selbst zu bergen. Man kann damit rechnen, dass die Schwarzmeerflotte zur Absicherung auch ein Kriegsschiff zur Untergangsstelle beordert. Die Ursache der Kollision ist durch eine Havariekommission zu klären.

Die „Liman“ (1.550ts, 73m) war Ende der 1960er Jahre als eines von zehn Schiffen der MOMA-Klasse im polnischen Danzig gebaut worden. Ursprünglich waren alle zehn für hydrographische Vermessungen ausgerüstet, drei („Liman“, „Kildin“, Ekvator“) wurden dann aber Ende der 1980er Jahre zu Spezialschiffen für die Fernmelde-/elektronische Aufklärung umgebaut, dem 519. Aufklärungsbataillon der Schwarzmeerflotte zugeteilt und seitdem regelmäßig im Schwarzmeer und Mittelmeer eingesetzt. Im Gegensatz zu anderen, größeren Aufklärungsschiffen der russischen Marine (z.B.der VISHNIYA-Klasse), die zu strategischer Aufklärung im Auftrag des Generalstabes fahren, betreiben sie operative Aufklärung mit Führung durch die Schwarzmeerflotte.