MarineForum Wochenschau vom 01. September 2017

NAH-/MITTELOST

Die militärische/sicherheitspolitische Lage im Nahen-/Mit­tleren Osten bleibt von der Bekämp­fung des islamistis­chen Ter­rors, den Bürg­erkriegen in Syrien und Jemen sowie dem poli­tis­chen Kon­flikt mehrerer ara­bis­ch­er Staat­en mit dem Emi­rat Katar bes­timmt.

KATAR

Der poli­tis­che Kon­flikt ein­er von Sau­di-Ara­bi­en ange­führten Gruppe ara­bis­ch­er Staat­en mit dem Emi­rat Katar dauert an. Eine gegen Katar ver­hängte Block­ade (Schließung von Luftraum und Land­gren­zen) bleibt beste­hen, auch wenn Sau­di-Ara­bi­en die Pas­sage von Mek­ka-Pil­gern erlaubt. Hin­ter den Kulis­sen dürfte man weit­er­hin nach ein­er für alle Parteien gesichtswahren­den poli­tis­chen Lösung für einen poli­tis­chen Kon­flikt suchen. Nicht zulet­zt die kür­zliche volle Wieder­her­stel­lung diplo­ma­tis­ch­er Beziehun­gen Katars zum Iran dürfte allen Beteiligten nach­haltig vor Augen geführt haben, dass let­z­tendlich nur der Iran von der Lage prof­i­tieren kann – und daran hat kein­er der Golf-Staat­en und am wenig­sten Sau­di Ara­bi­en Inter­esse.

Dieser Artikel wird mit fre­undlich­er Genehmi­gung der „Marine­Fo­rum – Zeitschrift für mar­itime Fra­gen“ veröf­fentlicht.

Marineforum

ISLAMISTISCHER TERROR IN SYRIEN UND IRAK

Bei der Bekämp­fung des islamistis­chen Ter­rors in Syrien und Irak bleibt eine inter­na­tion­al über­greifende Koali­tion weit­er­hin Fernziel. Unverän­dert bes­tim­men divergierende Eigen­in­ter­essen zahlre­ich­er Staat­en sowie die Spal­tung zwis­chen Schi­iten und Sun­niten die Entwick­lung.

SYRIENIRAK: US-geführte Koali­tion (Oper­a­tion „Inher­ent Resolve“)

Eine US-geführte multi­na­tionale Koali­tion Flug­be­trieb auf der ‘Nimitz’ set­zt mit Oper­a­tion „Inher­ent Resolve“ Luftschläge gegen islamistis­che Ter­ror­grup­pen im Irak und in Syrien fort. Ziele sind Kom­man­dozen­tren (Führungsper­so­n­en), Stützpunk­te, Depots und von Islamis­ten kon­trol­lierte Öl-Anla­gen, daneben aber auch logis­tis­che Straßen­trans­porte und Grup­pen ver­legen­der Kämpfer. Viele Angriffe dienen der direk­ten Unter­stützung (Close Air Sup­port) irakisch­er Trup­pen und syrisch­er (kur­dis­ch­er) Oppo­si­tion­s­milizen. Zum Ein­satz kom­men US-Trägerkampf­flugzeuge und landgestützt von Flug­plätzen der Golf­s­taat­en, Jor­daniens und der Türkei operierende Kampf­flugzeuge und Drohnen der Stre­itkräfte zahlre­ich­er Staat­en. Die britis­che Roy­al Air Force nutzt ihre Basis in Akrotiri (Zypern).

Der US-Flugzeugträger „Nimitz“ set­zt im Per­sis­chen Golf den Ein­satz sein­er Kampf­flugzeuge gegen IS-Ziele in Irak und Syrien fort. Der am 1. Juni mit dem Aus­laufen aus Everett (Wash­ing­ton) begonnene Ein­satz der „Nimitz“ Car­ri­er Strike Group wird länger als die ursprünglich geplanten sechs Monate dauern.

In den Seege­bi­eten um die Ara­bis­che Hal­binsel (Zuständigkeits­bere­ich der 5. US-Flotte) operiert weit­er­hin die „Bataan“ Amphibi­ous Ready Group (ARG) der US Navy. Auf dem amphibis­chen Träger „Bataan“ eingeschiffte Jagdbomber AV-8B Har­ri­er und Kampfhub­schrauber des US Marine Corps kön­nen bei Bedarf auch über Land (z.B.gegen islamistis­che Ter­ror­grup­pen im Jemen oder in Soma­lia) einge­set­zt wer­den. Die in Nor­folk behei­matete „Bataan“ ARG ist schon seit Ende Feb­ru­ar unter­wegs, nähert sich also dem Ende eines nor­malen Ein­satzes.
‘Amer­i­ca’ (Foto: US Navy)
Ablö­sung ist mit der in San Diego (Kali­fornien) behei­mateten „Amer­i­ca“ ARG auch bere­its auf dem Weg, hat es aber nicht son­der­lich eilig. Nach Übun­gen in Südostasien war die „Amer­i­ca“ nach der Kol­li­sion des US-Zer­stör­ers „John S. McCain“ vor Sin­ga­pur in die Search & Res­cue-Oper­a­tion einge­bun­den. Am 28. August ver­ließ der amphibis­che Träger Sin­ga­pur, wobei vor­erst noch unklar bleibt, ob er nun Kurs auf die Gol­fre­gion genom­men hat, oder zunächst noch weit­ere Übun­gen in Südostasien durch­führen soll.

SYRIEN: Rus­s­land – Türkei

Rus­s­land gibt der Bekämp­fung des IS in Syrien zwar Pri­or­ität, macht allerd­ings unverän­dert keinen wirk­lichen Unter­schied zwis­chen Islamis­ten und Oppo­si­tion­sre­bellen; außer­halb von erk­lärten „De-Eskala­tion­szio­nen“ gel­ten alle gle­icher­maßen als “Ter­ror­is­ten”. Nach wie vor erfol­gen rus­sis­che Luftan­griffe in direk­ter Unter­stützung syrisch­er Regierungstrup­pen auch in Gebi­eten, in denen keine islamistis­chen Milizen aktiv sind.

Hauptziel der Türkei scheint weniger der Kampf gegen IS als die „Neu­tral­isierung“ von Kur­den. Bei ver­stärk­ten Oper­a­tio­nen in gren­z­na­hen Gebi­eten Nordsyriens kommt es offen­bar auch schon zu direk­ten Kampfhand­lun­gen zwis­chen türkischen Sol­dat­en und von den USA im Kampf gegen IS (mit „embed­ded“ Spe­cial Forces) unter­stützten kur­dis­chen Milizen. Die türkische Regierung hat den Irak öffentlich gewarnt, das im Sep­tem­ber geplante Ref­er­en­dum zu ein­er unab­hängi­gen kur­dis­chen Region zuzu­lassen; Präsi­dent Erdo­gan kündigte öffentlich sog­ar eine anti-kur­dis­che Koop­er­a­tion mit dem Iran an.

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BÜRGERKRIEG IN SYRIEN (Fortschrei­bung)

In den auf Ini­tia­tive von Rus­s­land, Syrien, dem Iran und der Türkei erk­lärten „De-Eskala­tion­szo­nen“ herrscht weit­er­hin ver­gle­ich­sweise Ruhe. Ander­norts gehen die Kämpfe weit­er; islamistis­che Milizen bleiben ohne­hin grund­sät­zlich von allen Feuer­pausen ausgenom­men. Rus­s­land, die USA und die syrische Regierung haben sich auf Ein­rich­tung ein­er „De-Conflicting“-Zone in Nor­dost-Syrien ver­ständigt; eine Art Puffer­zone, in der man sich bei der Bekämp­fung von IS nicht gegen­seit­ig ins Gehege kom­men will.

Rus­s­land sieht in „De-Eskala­tion­szo­nen“ die Basis für ein Ende des Bürg­erkrieges. Sie zwän­gen Oppo­si­tion­s­milizen zur räum­lichen Tren­nung von islamistis­chen Ter­ror­grup­pen, und dies eröffne Chan­cen für einen poli­tis­chen Dia­log. In den Zonen vere­in­barte Feuer­pausen kon­nten teil­weise auch schon in formelle regionale Waf­fen­still­stände über­führt wer­den. Rus­s­land strebt auch eine unab­hängige Überwachung von deren Ein­hal­tung an, kann aber ohne UN-Man­dat noch keine nicht im syrischen Bürg­erkrieg involvierte Län­der zur Entsendung von Frieden­strup­pen bewe­gen. So wer­den vor­erst nur rus­sis­che Mil­itär­polizis­ten einge­set­zt.

Mar­itime Aspek­te

Im östlichen Mit­telmeer operiert weit­er­hin das von der rus­sis­chen Schwarzmeer­flotte geführte Ständi­ge Mit­telmeergeschwad­er (Med­Sqn) der rus­sis­chen Marine. Einzige Kampfein­heit­en sind zurzeit die Fre­gat­te „Admi­ral Essen“ der Schwarzmeer­flotte sowie zwei in der Ost­see gebaute, neue U-Boote, die ihre Über­führungs­fahrt ins Schwarze Meer für einen vorüberge­hen­den Ein­satz bei der Med­Sqn unter­brochen haben. „Velikiy Nov­gorod“ und „Kolpino“, die let­zten bei­den von ins­ge­samt sechs bei der Admi­ral­itätswerft in St. Peters­burg für die Schwarzmeer­flotte gebaut­en U-Boote der KILO-III-Klasse, haben am 28. August in Begleitung eines Bergeschlep­pers der Baltischen Flotte die Straße von Gibral­tar ins Mit­telmeer passiert und sind seit­dem formell der Med­Sqn unter­stellt. Es ist nicht auszuschließen, dass sie auch als qua­si „abschließende Waf­fen­er­probun­gen“ Marschflugkör­p­er Kali­br auf IS-Ziele in Syrien schießen sollen.

Der am 12. August ins Mit­telmeer ein­ge­laufene Nord­flot­ten­z­er­stör­er „Vit­sead­mi­ral Kulakov“ hat sich dage­gen nicht der Med­Sqn angeschlossen. Das Schiff hat nach Zwis­chen­ver­sorgung in Limas­sol (Zypern) den Suezkanal passiert und wird seit dem 31. August bei Anti-Pira­terie-Oper­a­tio­nen im Golf von Aden gemeldet. Für den am 7. August ins Schwarzmeer zurück­gekehrten Minen­such­er „Valen­til Pikul“ wurde noch immer kein Ersatz zur Med­Sqn nachge­führt. Damit scheinen die Anfang 2016 begonnenen, ablösenden Ein­sätze von Minen­such­ern zur Ver­hin­derung verdeck­ten Minen­le­gens vor der syrischen Küste tät­säch­lich been­det.

Die auch als „Syr­i­an Express“ beze­ich­neten Liefer­ung von Rüs­tungs­gütern nach Syrien und Nach­schub für die dort einge­set­zten rus­sis­chen Trup­pen wird fort­ge­set­zt, offen­bar aber mit deut­lich reduziertem Umfang.

Nach fast vier Wochen „oper­a­tiv­er Pause“ wurde am 25. August mal wieder ein einzelnes Lan­dungss­chiff der Schwarzmeer­flotte mit (ver­mut­lich) Kurs auf Syrien in den Türkischen Meeren­gen gesichtet. Zuvor hat­ten jede Woche mehrere Lan­dungss­chiffe oder von der Rus­sis­chen Marine speziell für die Trans­porte gekaufte Frachter den Bosporus passiert. Gründe für die Reduzierung, ja sog­ar vorüberge­hende Ein­stel­lung der Trans­porte sind nicht bekan­nt. Da sich am Bedarf wenig geän­dert haben dürfte, mag man vielle­icht eine Reak­tion auf „Kräfteüberdehnung“ ver­muten.

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FRANKREICH

Die neue Fre­gat­te „Auvergne“ hat sich in Lori­ent auf den Weg zu ein­er vier­monati­gen Fahrt in den Indis­chen Ozean gemacht.

Nach Pas­sage des Suezkanals schloss sich die Fre­gat­te im Ara­bis­chen Meer zunächst der multi­na­tionalen Com­bined Mar­itime Force (CMF) 150 in der Anti-Ter­ro­r­op­er­a­tion „Endur­ing Free­dom“ an. Später geht es dann weit­er nach Süden. Abgestützt auf Reunion soll die im April von der Bauw­erft an die franzö­sis­che Marine gelieferte „Auvergne“ im süd­west­lichen bis in den südlichen Indik hinein unter wech­sel­nden kli­ma­tis­chen Bedin­gun­gen let­zte oper­a­tive Erprobun­gen und Sys­temz­er­ti­fizierun­gen durch­führen. Dazu wurde auch ein­er der neuen franzö­sis­chen Marine­hub­schrauber NH-90 Caiman eingeschifft.

Die Reise ste­ht am Ende ein­er fast ein­jähri­gen Serie von Aus­bil­dungsphasen und Erprobun­gen zur Erlan­gung vor­läu­figer Ein­satzreife (Ende Mai). Nach ihrer Rück­kehr soll die „Auvergne“ dann formell als „oper­a­tiv voll ein­satzk­lar“ erk­lärt und in Dienst gestellt wer­den.

Die „Auvergne“ ist die vierte Fre­gat­te der AQUITAINE-Klasse – eigentlich schon die fün­fte, aber Baunum­mer zwei „Nor­mandie“ wurde kurzfristig nach Ägypten verkauft. Damit wer­den statt ursprünglich geplanter neun Schiffe nun nur noch acht dieser Mehrzweck­fre­gat­ten vom Typ FREMM (Fré­gate Mul­ti-Mis­sion) für die frazö­sis­che Marine gebaut – übri­gens im Rah­men eines bilat­eralen Vorhabens mit der ital­ienis­chen Marine (dort BERGAMI­NI-Klasse).

Auf zwei zwis­chen­zeitlich geplante zusät­zliche für Flugabwehr/Luftraumverteidigung opti­mierte FREMM wird verzichtet. Diese vor­ab als FREDA (Fré­gate Défense Aéri­enne) beze­ich­neten Schiffe soll­ten eigentlich die Stre­ichung von zwei weit­eren Flu­gab­wehr-Zer­stör­er der HORI­ZON-Klasse kom­pen­sieren. Stattdessen sollen nun zwei der acht nor­malen FREMM verbesserte Flu­gab­wehrfähigkeit­en erhal­ten. Statt der auf den nor­malen FREMM eingerüsteten Flu­gab­wehr-FK Aster-15 sollen sie Aster-30 erhal­ten, die sie mit Reich­weit­en von offiziell bis zu 100km auch zur Ver­bands­flu­gab­wehr, später mit ein­er zurzeit entwick­el­ten neuen Vari­ante der Aster-30 auch zur exo-ath­mo­sphärischen Raketen­ab­wehr gefähigt. Alle acht FREMM sollen überdies mit landzielfähi­gen Marschflugkör­pern bestückt wer­den. Übri­gens: abwe­ichend von inter­na­tion­al üblichem Stan­dard tra­gen die franzö­sis­chen Fre­gat­ten der AQUITAINE-Klasse in ihrer Seiten­num­mer das eigentlich Zer­stör­ern vor­be­hal­tene „D“.

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LETTLAND (multi­na­tion­al)

Auch in diesem Som­mer fand in der östlichen Ost­see wieder die multi­na­tionale Minen­räumübung „Open Spir­it“ statt.

Das seit 1996 (damals noch unter dem Namen „Baltic Sweep“) unter der NATO-Ini­tia­tive Part­ner­ship for Peace stat­tfind­ende „Open Spir­it“ ist weit mehr als ein Manöver. Neben dem bloßen Üben von Minen­ab­wehrver­fahren in einem multi­na­tionalen Umfeld geht es vor allem um das Auf­spüren und Beseit­i­gen von Minen und Muni­tion­slas­ten zweier Weltkriege vor der Küste der Baltischen Staat­en, einem Seege­bi­et, das in Zeit­en des Kalten Krieges jahrzehn­te­lang her­metisch abgeriegelt war.Minensprengung bei ‘Open Spir­it’ (Foto: lett. Marine) „Open Spir­it“ leis­tet damit einen ganz entschei­den­den Beitrag dazu, Schiff­fahrt und Fis­cherei in der östlichen Ost­see sicher­er zu machen.

Der oper­a­tive Nutzen für die Teil­nehmer ist beträchtlich, denn nur sehr sel­ten haben Minen­ab­wehrein­heit­en die Möglichkeit, abseits jed­er Übungskün­stlichkeit unter realen Ein­satzbe­din­gun­gen scharfe Minen und Muni­tion zu suchen und zu räu­men. Regelmäßig wer­den bei „Open Spir­it“ Dutzende alter Sprengkör­p­er gefun­den und medi­en­wirk­sam „spek­takulär entsorgt“.

Nicht von unge­fähr beteili­gen sich an „Open Spir­it“ auch Minen­ab­wehrein­heit­en und -spezial­is­ten von Nicht-Ost­seean­rain­ern wie Frankre­ich, Großbri­tan­nien und Nor­we­gen, ja auch Kana­da und den USA und dies­mal sog­ar Neusee­land. Zwis­chen 2003 und 2007 brachte sog­ar die rus­sis­che Baltische Flotte Minen­jagdboote in die jährlichen Übun­gen ein. Nach dem Georgien-Kon­flikt (2008) legte die rus­sis­che Marine eine zunächst nur zwei­jährige Pause ein; vor dem Hin­ter­grund des Ukraine-Kon­flik­tes ist sie nun seit 2014 nicht mehr dabei.

Die Aus­rich­tung von „Open Spir­it“ wech­selt in jährlich­er Rota­tion zwis­chen den drei Baltischen Staat­en. Gast­ge­ber für „Open Spir­it 2017“ war vom 18. bis 31. August die let­tis­che Marine. Oper­a­tions­ge­bi­et waren die let­tis­chen Küstengewäss­er in der Irben­straße im Ein­gang zum Riga­busen

Open Spir­it 2017“ begann mit der Anreise von 15 Minen­ab­wehrfahrzeu­gen, sechs Minen­taucher­grup­pen und Spezial­is­ten aus ins­ge­samt 11 Län­dern (Bel­gien, Deutsch­land, Est­land, Finn­land, Frankre­ich, Großbri­tan­nien, Let­t­land, Litauen, Nieder­lande, Polen, Schwe­den) nach Mer­srags, am Ein­gand der Irben­straße. Einige teil­nehmende Mari­nen waren im NATO-Ein­satzver­band SNMCMG-1 oder im gemein­samen Geschwad­er „Bal­tron“ der Baltischen Staat­en repräsen­tiert.

Wie üblich standen nach dem Ein­tr­e­f­fen am 18. August in Mer­srags über das Woch­enende erst ein­mal gegen­seit­iges Ken­nen ler­nen, Übungsvor­bere­itun­gen und let­zte Besprechun­gen sowie ein „Open Ship“ für die örtliche Bevölkerung auf dem Pro­gramm. Am 21. August liefen die Boote dann in die Irben­straße aus, um in desig­nierten Räumge­bi­eten aktiv Minen und Muni­tion zu suchen. Beim diesjähri­gen „Open Spir­it“ wur­den ins­ge­samt 143 Unter­wasser­ob­jek­te ent­deckt und genauer unter­sucht; 56 davon waren alte Minen, Tor­pe­dos oder Granat­en, die entschärft wur­den. Nach der Seep­hase ging es zur Übungsnachbe­sprechung noch ein­mal in den let­tis­chen Hafen zurück, bevor alle Ein­heit­en dann die Rück­reise in die Heimat antrat­en oder sich zur am 8. Sep­tem­ber begin­nen­den näch­sten Ost­see-Übung „North­ern Coasts 2017“ auf den Weg nach Schwe­den macht­en.

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MEXIKO

Mit dem tra­di­tionellen Ein­set­zen ein­er Münze („Coin­ing“) hat in Vlissin­gen (Nieder­lande) der Bau ein­er neuen Fre­gat­te begonnen.

Die mexikanis­che Marine pflegt schon seit Jahren enge Beziehun­gen zur nieder­ländis­chen Damen Schelde Naval Ship­build­ing (DSNS). 2011 begann bei der mexikanis­chen ASTIMAR in Tampi­co der Bau von 43-m-Wach­booten der TENO­CHIT­LAN-Klasse – Lizenzbaut­en des DAMEN STAN PATROL 4207 Designs. Anfang dieses Jahres waren Verträge zum Bau eines größeren Kampf­schiffes unterze­ich­net wor­den, die nun bere­its umge­set­zt wer­den. Bei dem Neubau han­delt es sich um eine SIGMA 10514, eine größere (107m, 2.750ts) Fre­gat­te der von den Nieder­län­dern inter­na­tion­al ange­bote­nen SIG­MA-Fam­i­lie. Solche Schiffe wer­den mit DSNS-Hil­fe auch in Indone­sien für die indone­sis­che Marine gebaut, aber es bleibt vor­erst unklar, ob und wie sich das mexikanis­che Schiff im Detail in Aus­rüs­tung und Bewaffnung unter­schei­den wird.

Bei der mexikanis­chen Marine wird das Schiff unter der Beze­ich­nung „POLA“ (Patrul­la Oceáni­ca de Largo Alcance) geführt. Es soll mit drei Wochen Seeaus­dauer die Fähigkeit­en zu lang­dauern­den Hochseep­a­trouillen und Teil­nahme an inter­na­tionalen Ein­sätzen stärken und als Teil ein­er fäl­li­gen Flot­ten­mod­ernisierung wohl auch den Ersatz teils mehr als 50 Jahre alter ex-US-Fre­gat­ten ein­leit­en.

Der Bau erfol­gt in Mod­ulen, wobei die DSNS-Mut­ter­w­erft in Vlissin­gen nur zwei solche fer­tigt und dann nach Mexiko ver­schifft. Dort wer­den mit DSNS-Hil­fe weit­ere vier Mod­ule hergestellt und das Schiff dann auch zusam­menge­baut, aus­gerüstet und erprobt. Der Stapel­lauf ist erst ein­mal für Okto­ber 2018 geplant. Soll­ten das Schiff die Erwartun­gen der mexikanis­chen Marine erfüllen, kann wohl eine Bestel­lung weit­er­er Ein­heit­en — mit Lizenzbau in Mexiko – erwartet wer­den.

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NORDKOREA (Fortschrei­bung)

Wie nicht anders zu erwarten, haben sich vor dem Hin­ter­grund der süd­ko­re­anisch-amerikan­sichen Übung “Ulchi Free­dom Guardian 2017” die Span­nun­gen erneut ver­schärft.

Start der Hwa­song-12 (Foto: staatl. nord­kor. Medien)Schon im Vor­feld der am 21. August begonnenen Übung war die staatliche Pro­pa­gan­da Nord­ko­re­as wieder deut­lich aggres­siv­er gewor­den, hat­te — wie schon in den Vor­jahren — die jährliche Com­put­erübung als einen “unkon­trol­lier­baren Schritt in Rich­tung auf einen Atom­krieg” gebrand­markt. Wie üblich wur­den ver­balen Dro­hun­gen mit Demon­stra­tio­nen mil­itärisch­er Stärke unter­mauert.

Nach Schüssen von drei Kurzstreck­en­raketen ins Japanis­che Meer (26. August) wurde am 29. August eine Mit­tel­streck­en­rakete Hwa­song-12 von einem Start­platz nahe Pyongyang über das japanis­che Meer und direkt über Japan hin­weg in den West­paz­i­fik geschossen. Bei ein­er Flugstrecke von 2.700 wurde die mögliche Reich­weite der Rakete bei Weit­em nicht aus­geschöpft, aber deut­lich gemacht, dass die US-Insel Guam prob­lem­los hätte getrof­fen wer­den kön­nen. Dass die Rakete bei Wiedere­in­tritt in die Atmo­sphäre in drei Teile zer­brach (und damit unverän­dert Prob­leme bei der Entwick­lung eines ver­lässlichen Waf­fen­sys­tems offen­barte), spielte für Nord­ko­re­as Pro­pa­gan­da keine Rolle. Laut­stark wurde erk­lärt, der Schuss sei nur Auf­takt zu ein­er Serie weit­er­er Raketen­starts zur nach­halti­gen Isolierung Guams.

Auch wenn Japan zuvor offiziell angekündigt hat­te, über sein Gebi­et fliegende nord­ko­re­anis­che Raketen aktiv zu bekämpfen: Wed­er Japan noch die USA unter­nah­men auch nur den Ver­such eines Abfan­gens der Hwa­song-12. Auch erneute Erk­lärun­gen von US-Präsi­dent Trump (“Zeit für Gespräche vor­bei”, “alle Optio­nen auf dem Tisch”), ein einen Tag später von der US-Navy vor Hawaii durchge­führter, erfol­gre­ich­er Raketen­ab­wehrtest und schließlich demon­stra­tive Flüge strate­gis­ch­er US-Bomber über Süd­ko­rea kon­nten nicht verdeck­en, dass die “größte Pro­voka­tion seit 2009” im Grunde unbeant­wortet blieb. Raketen­ab­wehrop­tio­nen (Grafik: CNN)Warum Japan auf eine Abwehr verzichtet und sich mit Lufta­larm für die Bevölkerung beg­nügt hat, bleibt unklar. Das Abschießen ein­er nord­ko­re­anis­chen Rakete über eigen­em Staats­ge­bi­et wäre schw­er­lich als offen­siv­er kriegerisch­er Akt anzuprangern gewe­sen.

Eine Zer­störung der nord­ko­re­anis­chen Rakete auf ihrem Flug hätte dage­gen die Exis­tenz ein­er effek­tiv­en Raketen­ab­wehr nach­drück­lich unter­strichen und nord­ko­re­anis­chen Dro­hun­gen eine wesentliche Grund­lage ent­zo­gen. Die dazu notwendi­gen Waf­fen­sys­teme sind vorhan­den und mehreren räum­lich gestaffel­ten Vertei­di­gungslin­ien offen­bar auch schon dis­loziert (siehe dazu die vom US-Sender CNN anhand offizieller Angaben zusam­mengestellte Grafik). Möglicher­weise war man sich aber der Effek­tiv­ität der Abwehrsys­teme nicht wirk­lich sich­er; ein Fehlschlag hätte jeden­falls katas­trophalen Gesichts- ver­lust bedeutet und Nord­ko­rea nur Anlass zu weit­er­er Eskala­tion gegeben.

Wie geht es nun weit­er?
Anmerkung (04 Sep): der neue Atom­waf­fen­test hat die nach­fol­gende Ein­schätzung in großen Teilen über­holt und die Lage wieder deut­lich eskaliert. Die weit­ere Entwick­lung bleibt abzuwarten

Aus den USA kom­men keine klaren Sig­nale. Während Präsi­dent Trump „nach 25 Jahren nord­ko­re­anis­ch­er Erpres­sung in Gesprächen keine Antwort“ sieht, beste­ht nach Aus­sage von Vertei­di­gungsmin­is­ter Mat­tis dur­chaus noch Spiel­raum für eine diplo­ma­tis­che Lösung. Chi­na und Rus­s­land sehen eine solche in ein­er „bei­der­seit­i­gen Auf­gabe“ („dual sus­pen­sion“) von Posi­tio­nen und schla­gen vor, Nord­ko­rea solle seine Atom­waf­fen- und Raketen­pro­gramme ein­frieren, Süd­ko­rea und die USA ihrer­seits auf bilat­erale Manöver verzicht­en. Die Vorschläge sind nicht neu und überse­hen geflissentlich, dass Nord­ko­rea schon seit Jahrzehn­ten sämtliche inter­na­tionalen Beschlüsse ignori­ert, während die süd­ko­re­anisch-amerikanis­chen Manöver kein­er­lei UN-Res­o­lu­tio­nen ver­let­zen; und während Nord­ko­rea — übri­gens in Ignorierung von UN-Res­o­lu­tio­nen — eine bere­its vorhan­de­nen Nuk­lear­waf­fen und Raketen behal­ten und nur weit­ere Forschung zurück­stellen soll, wird von Süd­ko­rea eine de fac­to Reduzierung real­er mil­itärisch­er Fähigkeit­en bis hin zur Auf­gabe des Bünd­niss­es mit den USA gefordert.

Die Übung “Ulchi Free­dom Guardian 2017” wurde plan­mäßig am 31. August been­det. Damit bietet sich nun wieder die Chance ein­er — zumin­d­est vor­läu­fi­gen — ver­balen Entspan­nung. Experten wollen sog­ar nicht auss­chließen, dass Nord­ko­re­as Pro­pa­gan­da der eige­nen Bevölkerung das Übungsende als unmit­tel­bares Ergeb­nis des jüng­sten Raketen­starts und der Dro­hun­gen mit Luftschlä­gen auf Guam “verkauft”. Natür­lich wäre dies lächer­lich, aber es würde Dik­ta­tor Kom Jong-un daheim zum “Sieger” machen, der sich nun — ganz über­legen­er Staats­mann — großzügig einen Rück­zug aus der aktuellen Kon­fronta­tion erlauben kön­nte. Er dürfte sich auch darüber im Klaren sein, dass das (unges­trafte) “Über­schre­it­en der Roten Lin­ie” mit dem let­zten Raketen­schuss den Spiel­raum der Regierun­gen in Japan und in den USA so begren­zt hat, dass schon allein zur Wahrung der Glaub­würdigkeit beim näch­sten Start ein­er nord­ko­re­anis­chen Mit­tel­streck­en­rakete kein Weg mehr am Ein­satz der Abwehrsys­teme vor­beiführt.

Wirk­lich erfol­gver­sprechende, inter­na­tion­al abges­timmte Vorschläge zu ein­er poli­tis­chen Lösung sind nicht in Sicht, und ungeachtet möglich­er katas­trophaler Kon­se­quen­zen sind „mil­itärische Optio­nen“ denn auch nicht vom Tisch. Die US Navy verzichtet aber zurzeit auf sicht­bare Präsenz in der Region um die kore­anis­che Hal­binsel; momen­tan operiert im West­paz­i­fik kein einziger Flugzeugträger. Die per­ma­nent in Japan sta­tion­ierte „Ronald Rea­gan“ liegt in ihrem Heimat­stützpunkt Yoko­su­ka (bei Tokio). Vor der kali­for­nischen Küste ste­ht die „Theodore Roo­sevelt“ Car­ri­er Strike Group unmit­tel­bar vor dem Abschluss ein­er mehrwöchi­gen „Com­pos­ite Train­ing Unit Exer­cise“ (COMPTUEX); let­ztes oper­a­tives work-up vor der Ver­legung in einen Ein­satz, der nun jed­erzeit begin­nen kön­nte.

Die britis­che Regierung hat am 31. August angekündigt, in einem Sig­nal der Sol­i­dar­ität mit Japan die Fre­gat­te „Argyll“ zu Übun­gen mit der japanis­chen Marine in die Region zu ver­legen. Die Fre­gat­te wurde in einem Upgrade zwar mit dem neue Flu­gab­wehr-FK-Sys­tem Sea Cep­tor nachgerüstet, das aber nur den Nah­bere­ich abdeckt und für eine Abwehr exo-atmo­sphärisch fliegen­der bal­lis­tis­ch­er Raketen nicht geeignet ist.

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USA

Mehrere Havarien von Ein­heit­en der US-Paz­i­fik­flotte (mit ins­ge­samt 17 Toten) sor­gen bei der US Navy für erhe­bliche Unruhe.

Im Jan­u­ar war der Kreuzer „Anti­etam“ vor Japan auf Grund gelaufen; im Mai hat­te dann der Kreuzer „Lake Cham­plain“ ein süd­ko­re­anis­ches Fis­cher­boot ger­ammt. Während diese bei­den Havarien noch glimpflich ver­liefen, kamen am 17. Juni sieben US-Sol­dat­en ums Leben, als der Zer­stör­er „Fitzger­ald“ vor Yoko­su­ka (Japan) mit einem philip­pinis­chen Con­tain­er­schiff kol­li­dierte. Nur zwei Monate später wur­den am 21. August weit­ere zehn Sol­dat­en getötet, als der Zer­stör­er „John S. McCain“ vor Sin­ga­pur mit einem Tanker kol­li­dierte.

Sichtlich nervös, hat Marinebe­fehlshaber Admi­ral Richard­son nach dem let­zten Zwis­chen­fall eine „umfassende Prü­fung von Aus­bil­dung und Zer­ti­fizierungsver­fahren“ befohlen, ord­nete dazu eine ein- bis zweitägige „oper­a­tive Pause“ für die gesamte Über­wasser­flotte an und ließ den Befehlshaber der Paz­i­fik­flotte „wegen Ver­lust des Ver­trauens in seine Führungs­fähigkeit“ ablösen. Nicht zulet­zt durch ein neg­a­tives Medi­ene­cho ist auch die Poli­tik aufmerk­sam gewor­den. Nach der par­la­men­tarischen Som­mer­pause wird sich das House Armed Ser­vices Com­mit­tee im US Con­gress mit der Unfallserie befassen.

Rumpf der ‘John S. McCain’ nach der Havarie (Foto: US Navy)Die Suche nach den Ursachen der Havarien ist noch nicht abgeschlossen. In der Öffentlichkeit macht­en sich schnell Gerüchte bre­it. Da war die Rede von „Cyber-Attacks“ und (vor Sin­ga­pur) sog­ar einem absichtlichen Ram­men durch den Tanker. Für all diese Speku­la­tio­nen gibt es bish­er kein­er­lei Bestä­ti­gung. Zunehmend zeich­nen sich allerd­ings gravierende Defizite bei der Aus­bil­dung von Brück­en- und Nav­i­ga­tion­sper­son­al und der Umset­zung von Notver­fahren ab. So wurde auf der „John S. McCain“ erst zwei Minuten nach(!) der Kol­li­sion die Kol­li­sion­swar­nung aus­gelöst – und es dauerte mehr als vier Stun­den, bis in ein­er ersten Vol­lzäh­ligkeitsmusterung das Fehlen von zehn Besatzungsmit­gliedern fest­gestellt wurde.

Nur wenige Tage nach der Havarie der „John S. McCain“ berichteten US-Medi­en unter Beru­fung auf „Insid­er“ über „sys­temis­che Prob­leme“ beim Betrieb der Flotte. Schon seit Jahren habe es War­nun­gen vor den Fol­gen eines zu hohen oper­a­tiv­en Tem­pos (Optem­po) gegeben. Bei zu häu­fi­gen, zudem ver­längerten Ein­sätzen seien vorgeschriebene Wartungszyklen verkürzt und ver­schoben wor­den, und auch für eine gründliche Aus­bil­dung der Besatzun­gen sei keine Zeit mehr gewe­sen. Die Marine­führung habe dies schon länger erkan­nt und sich auch bemüht, hier gegen­zus­teuern, habe sich allerd­ings gle­ichzeit­ig mit noch zunehmenden Ein­satz­forderun­gen kon­fron­tiert gese­hen. Nach einem Jahrzehnt immer größer­er Belas­tun­gen sei das Sys­tem nun zu einem “knirschen­den Halt“ gekom­men.

Im Bemühen um Schadens­be­gren­zung und Rück­kehr zu sicherem Betrieb soll der Befehlshaber des Fleet Forces Com­mand, Adm David­son, in ein­er 60-tägi­gen, umfassenden Über­prü­fung unter Ein­beziehung erfahren­er pen­sion­iert­er Offiziere („Grey­beards“) Vorschläge erar­beit­en, wie „Top-to-Bot­tom“ auf allen Ebe­nen Ein­satz­be­las­tung (Optem­po), Leis­tungs­fähigkeit, Wartung und Instand­set­zung, Mate­r­i­al und nicht zulet­zt Aus­bil­dung den Anforderun­gen ein­er ein­satzbere­it­en Flotte angepasst wer­den kön­nen. Als ein Schw­er­punkt wird – nicht von unge­fähr – die Aus­bil­dung (Befähi­gungsnach­weise) von Brück­en- und Nav­i­ga­tion­sper­son­al genan­nt. Daneben sollen in einem auf mehrere Jahre angelegten Vorhaben die Fähigkeit­en der Besatzun­gen zu bor­deigen­er Wartung und Instand­set­zung gestärkt wer­den. Damit bliebe nach Rück­kehr aus einem Ein­satz in Heimath­äfen mehr Zeit für gründliche Aus­bil­dung.

Kurz­fas­sung
MarineForum Wochenschau vom 01. September 2017
Artikelüber­schrift
Marine­Fo­rum Wochen­schau vom 01. Sep­tem­ber 2017
Erk­lärung
Das Geschehen auf den Welt­meeren in der wöchentlichen Über­sicht
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