MarieForum Wochenschau vom 02. Juni 2017


NAH-/MITTELOST

Die militärische/sicherheitspolitische Lage im Nahen-/Mittleren Osten bleibt von der Bekämpfung des islamistischen Terrors und den Bürgerkriegen in Syrien und Jemen bestimmt.

Natürlich gibt es daneben aber immer wieder auch Meldungen zu anderen martitimen Ereignissen und Entwicklungen in der Region.

Dieser Artikel wird mit freundlicher Genehmigung der „MarineForum – Zeitschrift für maritime Fragen“ veröffentlicht.
Marineforum

So wurde am 1. Juni ein unter der Flagge der Marshall Islands fahrender Großtanker bei der Einfahrt ins Rote Meer angegriffen. In der Meerenge des Bab el Mandeb, vor der Insel Perim, wurden drei Panzerfaustgranaten auf das Schiff abgefeuert. Unklar ist, ob es Treffer gegeben hat; verletzt wurde jedenfalls niemand, und der Tanker konnte seine Fahrt fortsetzen. Noch darf man darüber spekulieren, ob es sich um einen missglückten Piratenangriff oder einen versuchten Terroranschlag der jemenitischen Houthi-Rebellen gehandelt hat. Letztere haben immer wieder gedroht, den für den internationalen Seehandel strategisch wichtigen Schifffahrtsweg zu blockieren.

ISLAMISTISCHER TERROR IN SYRIEN UND IRAK

Bei der Bekämpfung des islamistischen Terrors in Syrien und Irak bleibt eine international übergreifende Koalition weiterhin Fernziel. Noch immer bestimmen divergierende Eigeninteressen zahlreicher Staaten sowie die Spaltung zwischen Schiiten und Sunniten die Entwicklung.

Im syrischen Bürgerkrieg erklärte „De-Eskalationszonen“ (s.u.) werden von Russland auch als Flugverbotszonen verstanden. Die USA ignorieren dies, setzen ihre Kampfflugzeuge auch weiterhin „überall dort ein, wo islamistische Terroristen zu bekämpfen sind“.

SYRIEN – IRAK: US-geführte Koalition (Operation „Inherent Resolve“)

Eine US-geführte multinationale Koalition setzt mit Operation „Inherent Resolve“ Luftschläge gegen islamistische Terrorgruppen im Irak und in Syrien fort. Ziele sind Kommandozentren (Führungspersonen), Stützpunkte, Depots und von Islamisten kontrollierte Öl-Anlagen, daneben aber auch logistische Straßentransporte und Gruppen verlegender Kämpfer, die im Irak auf den Flüssen Euphrat und Tigris vor allem auch Boote nutzen. Viele Angriffe dienen der direkten Unterstützung (Close Air Support) irakischer Bodentruppen oder kurdischer Milizen – aktuell vor allem bei der seit Monaten dauernden und noch immer nicht abgeschlossenen Offensive zur Rückeroberung von Mosul. Zum Einsatz kommen US-Trägerkampfflugzeuge und von Flugplätzen der Golfstaaten, Jordaniens und der Türkei operierende Kampfflugzeuge und Drohnen der Streitkräfte zahlreicher Staaten. Die britische Royal Air Force nutzt ihre Basis in Akrotiri (Zypern).

Der US-Flugzeugträger „George H.W. Bush“ ist nach einem Besuch in Dubai (VAE) seit gut zwei Wochen wieder in See, setzte zwischenzeitlich auch erneut seine Kampfflugzeuge aus dem nordwestlichen Persischen Golf heraus gegen IS-Ziele in Irak und Syrien ein, hat nun aber möglicherweise den Persischen Golf verlassen. Seit dem 27. Mai wird die „GHWB“ nur noch vage im Zuständigkeitsgebiet der 5. US-Flotte gemeldet. Dieses schließt zwar den Persischen Golf ein, aber bei im Golf operierenden Einheiten der US Navy wird bei Positionsmeldungen eigentlich immer „Arabian Gulf“ genannt.

SYRIEN: Russland – Türkei

Russland macht weiterhin keinen wirklichen Unterschied zwischen Islamisten und Oppositionsrebellen; alle gelten gleichermaßen als “Terroristen”. Nach wie vor erfolgen russische Luftangriffe in direkter Unterstützung syrischer Streitkräfte gerade auch in Gebieten, in denen keine islamistischen Milizen aktiv sind.

Die Türkei ist im Rahmen ihrer nationalen Kurdenpolitik neben dem Kampf gegen IS vor allem bemüht, auf Autonomie setzende syrische Kurden (dazu gehören auch von den USA mit Waffenlieferungen und Militärberatern aktiv unterstützte Milizen) zu „neutralisieren“ und möglichst weit nach Osten bis in den Irak abzudrängen. Aktuelle Meldungen deuten darauf hin, dass die Türkei in Nordsyrien aus syrischen Milizen eine „Stellvertreter-Armee“ rekrutiert, die vorgeblich grenznahe Schutzzonen vor IS-Überfällen sichern soll, deren eigentlicher Auftrag aber wohl die Bekämpfung und Verdrängung kurdischer Milizen ist.

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BÜRGERKRIEG IN SYRIEN

In den von Russland, Syrien, der Türkei und dem Iran gemeinsam erklärten vier „De-Eskalationszonen“ herrscht weitgehend Ruhe. Die von Truppen dieser Staaten gesicherten Zonen liegen in westlichen Landesteilen, wo syrische Regierungstruppen und Verbündete in den letzten Monaten weitgehend die Oberhand gewonnen haben. Andernorts gehen die Kämpfe weiter; islamistische Milizen bleiben auch von allen Feuerpausen ausgenommen.

Russland sieht in den „De-Eskalationszonen“ die „Basis für ein Ende des Bürgerkrieges“. Sie zwängen syrische Oppositionsmilizen zunehmend, sich räumlich von islamistischen Terrorgruppen zu trennen, und dies eröffne Chancen für einen politischen Dialog. Bei einer noch in diesem Monat geplanten neuen Gesprächsrunde in Astana (Kasachstan) soll dieser Ansatz verfolgt werden. Die USA scheinen sich dieser Auffassung anzunähern. Angeblich gibt es trilaterale Gespräche mit Russland und Jordanien, nahe der jordanischen Grenze eine 5. „De-Eskalationszone“ einzurichten.

Maritime Aspekte

Im östlichen Mittelmeer operiert weiterhin das von der russischen Schwarzmeerflotte geführte Ständige Mittelmeergeschwader (MedSqn) der russischen Marine. Ein Sprecher der russischen Marine erklärte am 1. Juni, mit zurzeit 15 Einheiten habe der Verband eine neue Höchststärke erreicht. Nach seiner Rechnung gehören allerdings auch in Materialtransporten nach Syrien eingesetzte Landungs- und Hilfsschiffe sowie ein in Tartus stationiertes Werkstattschiff und ein kleines Hafensicherheitsboot.

Einzige Kampfeinheiten der MedSqn sind (noch) die Fregatten „Admiral Grigorovich“ und „Admiral Essen“, der Minensucher „Valentin Pikul“ und das U-Boot „Krasnodar“. Der Zerstörer „Smetliviy“ ist nach nur elf Tagen Aufenthalt im Mittelmeer ins Schwarzmeer zurückgekehrt.

Die „Smetliviy“ hatte offenbar nur zur Teilnahme an einer Übung der MedSqn verlegt. Diese vom Stellvertretenden Befehlshaber der Schwarzmeerflotte, VAdm Valery Kulikov, geleitete Übung begann am 23. Mai mit Sicherung eines aus drei Landungsschiffen der Schwarzmeerflotte bestehenden Konvoys. Im Rahmen des Schutzes dieser mit militärischer Fracht auf dem Weg nach Syrien befindlichen Schiffe übten die Kampfschiffe U-Jagd (vermutlich mit dem U-Boot „Krasnodar“ als Ziel) und Flugabwehr. Bis zum 26. Mai folgten dann noch Übungen zu Überwasser-Seekrieg (zwei Parteien) und ABC-Abwehr. Eingebunden war auch das seit Anfang Februar im östlichen Mittelmeer eingesetzte Spezialschiff zur Fernmelde-/elektronischen Aufklärung „Kildin“ der Schwarzmeerflotte.

Die Übungen beschränkten sich räumlich offenbar auf das östliche Mittelmeer, von der südlichen Ägäis bis vor die syrische Küste. In einem vom 24.-27. Mai vor der Küste Ostlibyens erklärten Warngebiet gab es keine Aktivitäten. Stattdessen wurde kurzfristig vor der syrischen Küste ein neues Warngebiet erklärt, aus dem heraus die Fregatte „Admiral Essen“ und das (getauchte) U-Boot „Krasnodar“ dann am 30. Mai jeweils zwei Landziel-Marschflugkörper Kalibr auf IS-Ziele bei Palmyra (Syrien) schossen. Alle vier Flugkörper sollen nach offizieller russischer Darstellung ihre Ziele „präzise getroffen“ haben. Die USA, Israel und die Türkei seien „zeitgerecht vorab informiert“ worden.

Für Fregatte und U-Boot war das Schießen vermutlich abschließende Zertifizierung von Waffensystemen und Nachweis voller Einsatzfähigkeit. Eine operative-/taktische Notwendigkeit zum Einsatz der Marschflugkörper gab es nicht, auch wenn natürlich nicht ausgeschlossen werden kann, dass er im Stab der Schwarzmeerflotte Teil eines die vorherigen Übungen abschließenden, fiktiven Szenarios war. Alle Ziele hätten problemlos (und deutlich billiger) auch von in Syrien stationierten russischen Kampfflugzeugen bekämpft werden können. Beide in der Ostsee gebaute Einheiten befinden sich auf ihrer Überführungsfahrt zur Schwarzmeerflotte. Vermutlich werden sie nun in den nächsten Tagen ihren Marsch ins Schwarzmeer fortsetzen. Die Fregatte „Admiral Grigorovich“ soll dagegen noch „bis zum Sommer“ bei der MedSqn bleiben.

Auf dem Weg ins Mittelmeer ist ein Werkstattschiff der Baltischen Flotte, das am 29. Mai den Englischen Kanal mit Südkurs passierte. Die zur AMUR-Klasse gehörende PM-82 wird zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder in einen Einsatz in außerheimischen Gewässern geschickt. Ende 2016 hatte das Schiff eine langjährige Grundüberholung beendet.
AMUR PM-82 (Foto: russischer blog)
Die Verlegung der PM-82 ins Mittelmeer war schon für den März angekündigt, hat sich aber aus unbekannten Gründen um fast drei Monate verzögert. Zielhafen ist wahrscheinlich Tartus (Syrien), wo sie das seit Januar dort an der Pier liegende Schwesterschiff PM-138 der Schwarzmeerflotte als „schwimmende Reparaturbasis“ ablösen dürfte. Erstmals seit Jahrzehnten übernimmt damit ein Werkstattschiff der Baltischen Flotte diese Aufgabe, in der sich zuvor nur Werkstattschiffe der Schwarzmeerflotte in sechs-monatiger Rotation abgelöst hatten.

Mit Frachtumschlag im russischen Schwarzmeerhafen Noworossiysk (Anbindung an das russische Eisenbahnnetz), dauert die auch als „Syrian Express“ bezeichnete Lieferung von Rüstungsgütern nach Syrien und Nachschub für die dort eingesetzten russischen Truppen an. Jede Woche passieren mehrere Landungsschiffe der russischen Marine (auch dazu verlegte Einheiten der Nordflotte und der Baltischen Flotte) oder speziell für diese Transporte gebraucht in der Türkei und Deutschland gekaufte und teils als Hilfsschiffe in die russische Marine integrierte, ex-zivile Frachtschiffe den Bosporus süd- oder nordlaufend. Transportiert wird zurzeit vermehrt auch Baumaterial für die begonnenen Arbeiten zur Erweiterung der russischen logistischen Basis in Tartus (Syrien). Dafür werden auch nicht unter russischer Flagge fahrende zivile Frachtschiffe gechartert.

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AUSTRALIEN

Austal hat am 29. Mai das zweite von zwei Wachbooten der CAPE-Klasse an die australische Marine übergeben.

„Cape Fourcroy“ und nun auch „Cape Inscription“ waren Ende 2015 bestellt worden, nachdem ein Feuer (in der Werft) das Wachboot „Bundaberg“ der ARMIDALE-Klasse zerstört hatte und mindestens weitere sechs ARMIDALE wegen materieller Überbeanspruchung vor aufwändigen Reparaturen („Structural Remediation Programme“) standen.

Die Wachboote der CAPE-Klasse sind eigentlich speziell für die paramilitärische Australian Border Force (ABF) gedacht, die sie zur Sicherung der Seegrenzen gegen Schmuggel und vor allem illegale Migration einsetzt. Im äußeren Küstenvorfeld vor Nord- und Westaustralien überschneiden sich die Aufgaben der ABF Boote der CAPE-Klasse mit denen der ARMIDALE-Klasse der Marine. Niicht von ungefähr basieren beide von Austal gebaute Typen denn auch auf dem gleichen Design und zeigen einmal abgesehen von der Farbgebung (Marine: grau; ABF: blau) optisch wie technisch auch deutliche Parallelen: sie sind mit 57,8m gleich groß, aus Aluminium gefertigt und erreichen mit Dieselmotoren eine Höchstgeschwindigkeit von 25Kn. Beide tragen in Davits am Heck zwei Beiboote (RHIB), die bei Bedarf schnell ausgesetzt und eingenommen werden können. Einige Unterschiede gibt es in Bewaffnung und Ausrüstung. So tragen die militärischen ARMIDALE z.B. auf dem Vorschiff jeweils eine 25-mm Kanone, während sich die paramilitärischen CAPE mit schweren Maschinengewehren begnügen.

Angesichts der baulichen/technischen Ähnlichkeiten kam der Marine bei der Suche nach einer relativ kostengünstigen Lösung ihrer „ARMIDALE-Misere“ die Idee, sich doch vorübergehend bei der ABF „zu bedienen“. Zwei von deren acht brandneuen CAPE („Cape Byron“ und „Cape Nelson“) wurden in einem Leasingvertrag der Marine überlassen, zugleich bestellte diese zwei neue CAPE bei Austal. Mit deren nun erfolgter Lieferung werden die beiden geleasten Boote nach knapp zwei Jahren Marine-Einsatz wieder an die ABF zurückgegeben.

„Cape Fourcroy“ und „Cape Inscription“ werden aber nur einige wenige Jahre bei der Marine bleiben. Diese plant mit „Prokekt SEA 1180“ den allmählichen Ersatz ihrer ARMIDALE-Klasse durch 12 Neubauten, mit deren Bau 2018 in Adelaide begonnen werden soll. Mit Zulauf der ersten neuen Boote sollen dann die beiden neuen CAPE an die ABF übergeben werden, die dann über zehn dieser Boote verfügen wird. Optisch wird diese Absicht schon heute deutlich. „Cape Fourcroy“ und „Cape Inscription“ sind nicht im Marinegrau der ARMIDALE gestrichen, sondern präsentieren sich bereits im Dunkelblau der ABF. Lediglich der die Zugehörigkeit zur paramilitärischen ABF kennzeichnende, seitliche rote Schrägbalken fehlt (noch).

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DÄNEMARK

Führungswechsel bei der dänischen Marine.

Mit Wirkung von 1. Juni wechselt der im Teilstreitkraft-gemeinsamen Joint Services Defence Command (Vaernsfaelles Forsvarskommando – VFK) Dienst tuende Chef des Marinestabes RAdm Trojahn, im VFK auf den Dienstposten des Leiters der Stabsabteilung „Entwicklung und Koordinierung“.

Sein Nachfolger als neuer Marinechef wird der bisherige Kommandeur der Danish Task Group, Cdre Torben Mikkelsen (54), der mit Amtsantritt zum RAdm befördert werden soll.

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NATO

Die Ankunft von mehr als 40 Kriegsschiffen im polnischen Szczecin läutete am 1. und 2. Juni den Beginn der größten Marineübung dieses Jahres in der Ostsee ein.

„Baltops 2017“ ist bereits die 45. Ausgabe dieser Übungsserie, die1971 ihren Anfang nahm. Ausrichter war und ist die US Navy, wobei sich die teilnehmenden, zunächst ausschließlich NATO-Marinen meist auf Deutschland (Kiel) als Gastgeber abstützten. Neben der Übung traditioneller Seekriegführung diente „Baltops“ in Zeiten des Kalten Krieges vor allem auch der demonstrativen Unterstreichung des Rechts, außerhalb von unmittelbaren Territorialgewässern die gesamte Ostsee uneingeschränkt befahren zu dürfen. 1985 hatte die US Navy dazu sogar ihr Schlachtschiff IOWA in den „Vorgarten der Sowjetmarine“ verlegt. Seit 1993 wird „Baltops“ im Rahmen der NATO Initiative „Partnership for Peace“ ausgetragen. Zu den Teilnehmern zählten nun nicht nur NATO-Marinen, sondern auch die neutralen Ostseeanrainer Finnland und Schweden, die Baltischen Staaten (heute NATO-Partner) und mehrmals schließlich sogar die russische Baltische Flotte. Letztere ist vor dem Hintergrund der andauernden Ukraine-Krise aber seit 2014 nicht mehr vertreten.

„Baltops 2017“ gehört zu den Rückversicherungsmaßnahmen des „Readiness Action Plan – Aktionsplan zur Reaktionsfähigkeit“ der NATO speziell für die Partner in Osteuropa und im Baltikum. Schwerpunkte liegen darauf, konventionellen Seekrieg und amphibische Landungen genauso zu üben wie die Abwehr asymmetrischer Bedrohungen. Russland sieht in der Übung einen weiteren Aufwuchs der NATO in der Ostsee und hat angekündigt, darauf seinerseits mit militärischen Verstärkungsmaßnahmen zu reagieren.

Wie zuletzt 2015, ist auch in diesem Jahr Polen Gastgeber für das von einem auf dem Docklandungsschiff „Arlington“ eingeschifften Vizeadmiral der US Navy geführte „Baltops 2017“. Die in früheren Jahren meist als Führungsschiff eingesetzte „Mount Whitney“ ist wegen eines Werftaufenthaltes nicht verfügbar.

Neben den in Szczecin eingelaufenen Schiffen und Boote bringen weitere Einheiten das Gesamt-Teilnehmerfeld auf mehr als 50 schwimmende Einheiten und 50 Flugzeuge/Hubschrauber aus 14 Ländern (Belgien, Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Lettland, Litauen, Niederlande, Norwegen, Polen, Schweden, USA). Das größte Kontingent stellt – nicht überraschend – mit acht Einheiten (Minensucher, Landungsschiffe, ein U-Boot) die polnische Marine. Die Baltischen Staaten bringen u.a. ihr gemeinsames Geschwader „Baltron“ ein. Mehrere Nationen finden sich auch in den teilnehmenden ständigen NATO-Verbänden SNMG-1 und SNMCMG-1 repräsentiert.

Nach einer Hafenphase in Szcezcin zum gegenseitigen Kennenlernen und letzten Übungsvorbereitungen (Pre-Sail Conference) gibt es zunächst in der Westlichen Ostsee ein mehrtägiges „Combat Enhancement Training“ (CET), bei dem die Teilnehmer einfache, im Detail festgelegte („serialized“) Übungen absolvieren. Hierzu gehören auch schon amphibische Vorübungen am Strand von Putlos. Beim anschließenden „Force Integration Training“ (FIT) werden die Schiffe und Boote dann in einer Task-Organisation in mehrere Verbände eingeteilt und absolvieren Verbandsausbildung in ebenfalls noch detailliert vorgeplanten Übungsabschnitten.

Zum Abschluss verlagert sich das Übungsgeschehen in die Mittlere und Östliche Ostsee, wo vom 11.-15. Juni die „Taktische Phase“ geplant ist – eine Zweiparteienübungen in einem fiktiven Krisenszenario und in einer fiktiven Geographie. Ein Höhepunkt dürfte – wie schon 2015 – eine amphibische Landung vor dem polnischen Ustka (Stolpmünde) werden. Danach verlegen die Teilnehmer nach Kiel, wo „Baltops 2017“ dann am 16./17. Juni mit einer „Post Sail Conference“ zu Ende geht. Schon traditionell, bleiben die meisten Schiffe und Boote bleiben anschließend noch zur „Kieler Woche“.
amphibische Landung bei ‚Baltops 2015‘ (Foto: poln. Marine)

Übrigens: wie seit Jahrzehnten, werden wohl auch bei „Baltops 2017“ wieder strategische Bomber B-52 der US Air Force an der Übung teilnehmen. Dass diese Flugzeuge bei „Baltops“ immer nur in einer maritimen Zweitrolle „Aerial Mining“ bei einer simulierten Verminung der Ostseezugänge eingesetzt werden, dürfte die allermeisten Medien wenig stören. Sie werden die Teilnahme der US-Bomber allein auf ihre nuklearstrategische Rolle reduzieren, und Russland wird in seiner Öffentlichkeitsarbeit natürlich auf diesen Zug aufsspringen, wohlweislich ignorierend, dass die B-52 in der gleichen Rolle zum Einsatz kamen, als die russische Marine noch selbst bei „Baltops“ mit dabei war.

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NORDKOREA

Mit immer neuen Provokationen hält Nordkorea die Spannungen hoch.

Am 29. Mai wurde in einem erneuten Test (dem insgesamt schon 12. dieses Jahres) eine ballistische Rakete von der nordkoreanischen Küste bei Wonsan über eine Entfernung von 450km in die Japansee gefeuert. Im Anschluss erklärte Nordkorea, man habe erfolgreich ein „neuartiges Präzisions-Zielsuchsystem zur Bekämpfung sich bewegender Seeziele (z.B. US-Flugzeugträger)“ erprobt. Experten gehen davon aus, dass es sich bei dem Flugkörper um eine Variante der Kurzstreckenrakete Scud (Scud-ER) gehandelt habe, deren mögliche Reichweite von 1.000km beim Testschuss halbiert worden sei.

Der UN Sicherheitsrat wird sich erneut mit Nordkorea befassen, vielleicht auch neue Sanktionen verhängen. Diktator Kim Jong-un dürfte sich davon allerdings wenig beeindrucken lassen. Sein immer wieder genanntes politisches Ziel ist die Überführung des 1953 geschlossenen Waffenstillstandes in einen bilateralen (mit Ausklammerung Südkoreas) Friedensvertrag mit den USA, und dies glaubt er am ehesten durch Drohungen mit Raketen und Atomwaffen erreichen zu können. Sicher spielt aber auch die Beschwörung einer möglichst großen militärischen Bedrohung durch die USA innenpolitisch für seine Machterhaltung eine wesentliche Rolle.

So sind denn weitere provokative Aktionen zu erwarten. Dazu könnte immer noch auch ein – im April geplanter, aber offenbar auf chinesischen Druck abgesagter – Atomtest gehören. Experten zufolge sind Vorbereitungen am Atomtestgelände Punggye-ri so weit abgeschlossen, dass er jederzeit auch sehr kurzfristig möglich ist.

Während China weiterhin auf verstärkten politischen und wirtschaftlichen Druck auf das Regime in Nordkorea setzt, schließen die USA unter Präsident Trump militärische Optionen nicht aus und unterstreichen dies nun auch sichtbar. Die zwei Flugzeugträger „Carl Vinson“ und „Ronald Reagan“ sind gemeinsam mit einem Kreuzer und sieben Zerstörern ihrer Carrier Strike Groups (CSG) in die südliche/zentrale Japansee gelaufen und haben dort am 1. Juni „Dual-Carrier Exercises“ begonnen. In der Region befindet sich vermutlich auch das mehr als 180 Marschflugkörper Tomahawk tragende US-U-Boot “Michigan“ (modifizierte OHIO-Klasse). Die japanische Marine hat sich den Übungen mit ihrem Hubschrauberträger „Hyuga“ and einem Zerstörer angeschlossen. Nordkorea hat für den Fall einer „Konfrontation“ mit „nuklearer Vernichtung“ gedroht.
Dual Carrier Operations in der Japansee (Foto: US Navy)

‚Nimitz‘ (Foto: US Navy)Am 1. Juni hat sich noch eine dritte CSG der US Navy auf den Weg in die Region gemacht, wird allerdings frühestens in der zweiten Junihälfte dort eintreffen. Die „Nimitz“ lief mit zwei Zerstörern aus Bremerton (Bundesstaat Washington) aus, nimmt aber erst einmal Kurs auf San Diego (Kalifornien). Dort sollen ein Kreuzer und zwei Zerstörer ihre CSG vervollständigen und die auf der Naval Air Station North Island stationierte Carrier Air Wing auf den Flugzeugträger verlegen. Von San Diego geht es dann quer über den Pazifik in Richtung koreanische Halbinsel.

Der Einsatz der „Nimitz“ CSG ist kein in Krisenreaktion kurzfristig befohlenes „Surge Deployment“, sondern schon länger routinemäßig geplant – allerdings ursprünglich nicht im Westpazifik, sondern in Ablösung der „George HW Bush“ CSG im Mittleren Osten.

Die Präsenz von gleich drei Trägerkampfgruppen vor Korea ist als “sehr starkes Signal” zu werten. Experten weisen darauf hin, dass die USA es bei Verlegung von drei Flugzeugträgern vor ein Krisengebiet immer „ernst gemeint“ haben und vorbereitet waren, bei „einem bestimmten Anlass auch sofort militärisch zu eskalieren“. Ein solcher Anlass könnte die Durchführung eines nordkoreanischen Atomtests sein. Üblicherweise werden drei Flugzeugträger aber nur sehr kurz gemeinsam operieren. In früheren Kriseneinsätzen ersetzte die zuletzt eintreffende CSG regelmäßig die als erste in der Region eingetroffene CSG. In diesem Fall würde die „Nimitz“ CSG also die schon seit Anfang Januar im Einsatz befindliche „Carl Vinson“ CSG ablösen (wovon Beobachter auch bereits fest ausgehen).

Am 30. Mai haben die US-Streitkräfte den angekündigten Raketenabwehrtest „FTG-15“ durchgeführt – und er war offenbar ein voller Erfolg. Erstmals überhaupt hat ein in Kalifornien gestarteter, bodengestützter Abwehr-Flugkörper einen vom Kwajalein-Atoll (Marshall Inseln) in Richtung USA geschossenen Zieldarstellungs-Flugkörper mit einem „Exo-atmospheric Kill Vehicle“ hoch über dem Pazifik auf seinem mittleren Flugweg abgefangen. Mit dem praxisnahen – als „threat-representative“ natürlich auch als Signal an Nordkorea beabsichtigten – Test des Ground-based Midcourse Defense (GMD) Systems wurde die Fähigkeit zur effektiven Bekämpfung von Interkontinentalraketen nachgewiesen.