Die algerische Marine — Die operativen Aufgaben bleiben vor der eigenen Küste

Dieser Artikel wird mit fre­undlich­er Genehmi­gung der „Marine­Fo­rum – Zeitschrift für mar­itime Fra­gen“ veröf­fentlicht.

Marineforum

Autor: Klaus Momm­sen

Alge­rien ist größtes Land am Mit­telmeer, ja sog­ar Afrikas. In der Antike kon­trol­lierten Karthager, Griechen und Römer die von Berbern besiedelte Region, bis im 8. Jahrhun­dert die Araber auch dieses Gebi­et eroberten, die Berberkönige nach deren Kon­vertierung zum Islam aber weit­er als örtliche Herrsch­er im Amt ließen. Nach Vertrei­bung der Mus­lime von der Iberischen Hal­binsel fasste Spanien zu Beginn des 16. Jahrhun­derts Fuß an der algerischen Küste. Mehrere Enklaven, darunter Algi­er, Mers el Kebir und Oran geri­eten unter spanis­che Kon­trolle, aber nur wenige Jahre später mussten die Spanier einen Teil ihrer Eroberun­gen wieder den her­anziehen­den Osma­n­en über­lassen.

UK National Maritime Museum
Pirat­en greifen spanis­ches Schiff an — Gemälde UK Nation­al Mar­itime Muse­um

In den kom­menden fast 300 Jahren wech­selte die Kon­trolle über die Enklaven mehrfach zwis­chen Spanien und dem Osman­is­chen Reich, unter dessen Herrschaft sich Algi­er zur Piraten­hochburg entwick­elte. Osman­is­che Kor­saren kon­trol­lierten bald große Teile des west­lichen Mit­telmeeres, kaperten nicht nur Schiffe (zwis­chen 1609 und 1616 allein 466 englis­che Händler), son­dern über­fie­len auch die Küsten Ital­iens, Spaniens und Frankre­ichs, ver­schleppten mehr als 1 Mil­lion Europäer in die Sklaverei. Erst zu Beginn des 19. Jahrhun­derts kon­nten die USA in zwei „Bar­barenkriegen“ („Bar­baren“ hergeleit­et von „Berbern“) dem Treiben der Pirat­en Gren­zen set­zen.

1830 beset­zte Frankre­ich zunächst Algi­er und eroberte schließlich das ganze Gebi­et des heuti­gen Alge­rien. Zahlre­iche Fran­zosen wan­derten in die neue Kolonie aus, die Teil Frankre­ichs wurde. Bestre­bun­gen zur nationalen Unab­hängigkeit trat­en erst 1954 in den Vorder­grund, als die „nationale Befreiungs­front“ (Front de Libéra­tion Nationale — FLN) einen Auf­s­tand gegen die Kolo­nial­her­ren begann. Nach vier Jahren bluti­gen Gueril­lakrieges stimmte der franzö­sis­che Präsi­dent De Gaulle einem Volk­sentscheid zu, in dem sich die Bevölkerung mit über­wälti­gen­der Mehrheit für eine völ­lige Loslö­sung von Frankre­ich aussprach. Am 1. Juli 1962 wurde die Unab­hängigkeit aus­gerufen. Sie sah eigentlich eine „enge Zusam­me­nar­beit mit Frankre­ich“ vor, aber diese sollte nicht zus­tande kom­men. Nach Mas­sak­ern durch die FLN flo­hen bin­nen weniger Monate mehr als eine Mil­lion Men­schen nach Frankre­ich; die frühere Kolonie war für Frankre­ich endgültig ver­loren.

Algerien Map - Grafik: weltkarte.com
Alge­rien Map — Grafik: weltkarte.com

Mit der Grün­dung des unab­hängi­gen Alge­riens wur­den auch Stre­itkräfte aufgestellt, die von Beginn an ihre Rolle nicht nur in der Vertei­di­gung gegen äußere Feinde (ter­ri­to­ri­aler Kon­flikt mit Marokko) fan­den, son­dern vor allem auch innen­poli­tis­ches Machtin­stru­ment waren. Zwar spiel­ten „mar­itime Über­legun­gen“ bei der poli­tis­chen Führung nur eine nachrangige Rolle, aber angesichts der strate­gis­chen Lage am west­lichen Mit­telmeer und fast genau 1.000 km Küsten­länge kam man nicht umhin, sofort auch eine Marine aufzustellen. Erste Ein­heit­en wur­den zwei zur Unab­hängigkeit von Ägypten geschenk­te frühere US-Minen­such­er (YMS). Sie wur­den noch im Juli 1962 über­nom­men, aber nur ein Jahr später musste eines der Boote nach ein­er Havarie vor Algi­er abgeschrieben wer­den.

Schon der erste Präsi­dent, FLN-Führer Ahmed Ben Bel­la, ver­stand den neuen Staat als sozial­is­tis­che Volk­sre­pub­lik mit straf­fer autoritär­er Führung unter Ein­parteien-Herrschaft. Kaum ver­wun­der­lich, ori­en­tierte er sich bei seinen Rüs­tungs­beziehun­gen denn auch sofort zur Sow­je­tu­nion, daran änderte sich auch nichts, als sein Vertei­di­gungsmin­is­ter Houari Boume­di­enne ihn 1965 stürzte. Schon 1967 lieferte Moskau FK-Schnell­boote KOMAR und Tor­pe­do­boote P‑6. Es fol­gten Minen­such­er T‑43, U‑Jagdboote SO‑1, weit­ere Tor­pe­do­boote und schließlich auch mod­erne FK-S-Boote OSA‑I.

Bis 1970 ent­stand so eine kleine Flotte mit mehr als 30 Ein­heit­en, die ihre Heimat in an der ganzen Küste verteil­ten Stützpunk­ten fan­den. Ohne seegestützte logis­tis­che Kom­po­nente, aber auch ohne wirk­lich­es Ver­ständ­nis der poli­tis­chen Führer für mar­itime Aspek­te, blieb die „auf dem Papi­er“ dur­chaus schlagkräftige Marine allerd­ings oper­a­tiv auf das unmit­tel­bare Küsten­vor­feld begren­zt. Organ­isatorisch ori­en­tierte sie sich mit „Marinere­gio­nen“ an landge­bun­de­nen Aspek­ten; eine oper­a­tive Gliederung (Typflot­tillen, Ein­satz­grup­pen) gab es nicht.

Küstenwachboot der MANGUSTA-Klasse (Foto: Deutsche Marine)
Küstenwach­boot der MAN­GUS­TA-Klasse (Foto: Deutsche Marine)

In den 1970er Jahren ent­standen auch eine Küstenwache und eine See-Zoll­be­hörde; bei­de wur­den (mit Haup­tquarti­er in Anna­ba) dem Marinebe­fehlshaber unter­stellt – und damit im Gegen­satz zu anderen Län­dern Teil der Stre­itkräfte. Über­raschen­der­weise wur­den ihre Fahrzeuge aber nicht in der Sow­je­tu­nion beschafft. So erwarb die Küstenwache in Ital­ien sechs 30-m-Boote der MAN­GUS­TA-Klasse sowie zehn weit­ere kleinere (20 m) Wach­boote. Daneben begann Anfang der 1980er Jahre der Eigen­bau klein­er 10-m-Boote.

Auch bei Flugzeu­gen ori­en­tierte man sich abseits der UdSSR. Die auch für Seer­aumüberwachung zuständi­ge algerische Luft­waffe beschaffte drei nieder­ländis­che Aufk­lärungs­flugzeuge Fokker F‑27 sowie aus den USA zwei Super King Air. Aus der Sow­je­tu­nion kam dann aber wieder ein Lan­dungss­chiff POLNOCNY (1976), dessen Auf­gaben sich aber trotz des Vorhan­den­seins ein­er kleinen Marine­in­fan­terie (Batail­lon­sstärke) meist auf Ver­sorgungs­fahrten ent­lang der Küste beschränk­ten. Die Liefer­ung von neun mod­er­nen FK-Schnell­booten OSA-II (ab 1977) sollte die Schlagkraft der Marine erhöhen, aber mit den Booten gab es schnell Prob­leme. Sie waren nur wenig seetüchtig, und ihre Diesel­mo­toren erwiesen sich als nicht stand­fest. Schon bald fragte man ange­blich bei der deutschen MTU zu neuen Diesel­mo­toren nach.

Der Tod von Präsi­dent Boume­di­enne (1978) änderte nichts an der sozial­is­tisch geprägten Ein­parteien-Dik­tatur. Nach­fol­ger Chadli Bend­je­did pflegte weit­er­hin enge Kon­tak­te zur Sow­je­tu­nion, und diese hon­ori­erte das zwis­chen 1982 und 1984 mit der Liefer­ung von drei Fre­gat­ten KONI, drei Korvet­ten NANUCHKA und zwei U‑Booten ROMEO. Ver­mut­lich in dieser Zeit wur­den auch mobile Küsten-FK-Bat­te­rien SSC‑3 geliefert.

Fregatte der KONI-Klasse (Foto: Deutsche Marine)
Fre­gat­te der KONI-Klasse (Foto: Deutsche Marine)

Mit den größeren Kampf­schif­f­en und den U‑Booten war der oper­a­tive Radius der inzwis­chen auf 3.800 Mann angewach­se­nen Marine nun deut­lich erweit­ert, aber die neuen Möglichkeit­en wur­den nicht wirk­lich genutzt; nur sel­ten zeigten sich die Schiffe außer­halb der eige­nen Küstengewäss­er. Zwar gehörte zum offiziellen Auf­trag auch die „Kon­trolle“ der vor Alge­rien im Mit­telmeer ver­laufend­en Seev­erkehr­swege, aber in der Prax­is beg­nügte man sich doch mit der Überwachung von Häfen, Küste und Ter­ri­to­ri­al­gewässern. Haup­tauf­gabe blieb (neben hoheitlichen Auf­gaben) die bedarf­sweise Unter­stützung der anderen bei­den Teil­stre­itkräfte, die wie über­all in der Nah-/Mit­telost-Region auch in Alge­rien deut­liche Pri­or­ität hat­ten. Noch bis in die 1990er Jahre hinein hat­te der Marinebe­fehlshaber auch nur den Rang eines Oberst.

Landungsschiff KALAAT BENI RACHED (Foto: Deutsche Marine)
Lan­dungss­chiff KALAAT BENI RACHED (Foto: Deutsche Marine)

Nur ein einziges Lan­dungss­chiff war entsch­ieden zu wenig; war es nicht ein­satzk­lar (Instand­set­zung), fehlte jede Redun­danz. So wur­den denn auch weit­ere Lan­dungss­chiffe bestellt, allerd­ings nicht in der Sow­je­tu­nion. Vielle­icht waren die POLNOCNY (1.100 ts) zu klein und andere im Ost­block gebaute Schiffe wie ROPUCHA (4.000 ts) zu groß; vielle­icht war man auch mit der Qual­ität der bis­lang aus der Sow­je­tu­nion geliefer­ten Schiffe und Boote nicht völ­lig zufrieden und wollte Alter­na­tiv­en auf­bauen. Jeden­falls wur­den zwei 2.100-ts-Landungsschiffe bei der britis­chen Brooke Marine in Auf­trag gegeben. KALAAT BENI  HAMMAD und KALAAT BENI RACHED wur­den 1984 in Dienst gestellt.

Aus­gerüstet mit Bug- und Heck­rampe sowie Hub­schrauber-Land­edeck erfüllen auch sie seit­dem vornehm­lich logis­tis­che Auf­gaben, dienen daneben auch als Schulschiffe.

Brooke Marine baute darüber hin­aus auch 37-m-Küstenwach­boote der KEBIR-Klasse. Einem ersten Los von sechs Booten fol­gten später weit­ere 12, die zum Teil auch mit britis­ch­er Werfthil­fe in Alge­rien gebaut wur­den. Aus Japan kam ein kleines (200 ts) Boot für hydro­grafis­che Ver­mes­sun­gen, und für die Zoll­be­hörde wur­den kleine Wach­boote bei der britis­chen Water­craft bestellt. 1983 begann in Mers el Kebir auf der Basis bul­gar­isch­er Bau­pläne der Eigen­bau von 500-ts FK-Korvet­ten vom Typ C‑58. Ange­blich waren sechs Boote geplant, aber das Pro­jekt kam nur zögernd voran, und schließlich ging wohl auch das Geld aus. Das zweite Boot benötigte fünf Jahre bis zum Stapel­lauf, und mit Indi­en­st­stel­lung des drit­ten Bootes wurde das Vorhaben 1993 einge­froren.

U-Boot der KILO-Klasse (Foto: Deutsche Marine)
U‑Boot der KILO-Klasse (Foto: Deutsche Marine)

Gän­zlich auf sow­jetis­che Erzeug­nisse verzicht­en wollte man dann aber doch nicht. 1987/88 lieferte Moskau noch zwei mod­erne U‑Boote der KILO-Klasse. In dieser Zeit zwan­gen Massen­proteste Präsi­dent Bend­je­did zur Auf­gabe der Ein­parteien-Herrschaft. Während in Alge­rien nun poli­tis­che Oppo­si­tion zuge­lassen war, zer­fiel die Sow­je­tu­nion. Mit dem Nach­fol­ger Rus­s­land tat man sich erst ein­mal schw­er. Zwar schick­te man die bei­den KILO U‑Boote noch zu ein­er rou­tinemäßig fäl­li­gen Grundüber­hol­ung nach St. Peters­burg, aber die Arbeit­en dort dauerten dop­pelt so lange wie geplant.

Ein­mal mehr sah man sich nach anderen Rüs­tungsliefer­an­ten um. 1990/91 erhielt die Küstenwache aus Chi­na Wach­boote ein­er HAINAN-Vari­ante, und die Marine bezog von dort einen kleinen Ver­sorg­er. Man suchte Kon­tak­te zu Ital­ien, war wohl an Fre­gat­ten der LUPO-Klasse oder FK-Korvet­ten inter­essiert, aber das Geschäft kam nicht zus­tande. Wahrschein­lich fehlte trotz Ölre­ich­tums das Geld. Überdies mehrten sich nun auch innen­poli­tis­che Prob­leme. 1992 stürzten islamis­che Extrem­is­ten das Land in einen zehn­jähri­gen Bürg­erkrieg.

Bei noch gewach­sen­er Pri­or­ität für die nun im inneren Kon­flikt geforderten anderen Teil­stre­itkräfte, sah sich die Marine mit zunehmen­dem materiellem Ver­fall kon­fron­tiert. Vor allem Motoren­prob­leme mit den ex-sow­jetis­chen Ein­heit­en häuften sich. 1997 schick­te man eine erste Fre­gat­te KONI und Korvette NANUCHKA zu ein­er Grundüber­hol­ung und Mod­ernisierung nach Rus­s­land in die Ost­see. Vier Jahre benötigte das rus­sis­che Marinearse­nal in Kro­n­sh­tadt; erst 2001 kehrten die bei­den Ein­heit­en zurück. Schwest­er­schiffe soll­ten eigentlich direkt fol­gen, aber im (ange­blichen) Stre­it um die Qual­ität der Arbeit und deren Bezahlung gab es erst ein­mal eine mehrjährige Pause. Erst 2007 ver­legten die näch­sten Ein­heit­en in die Ost­see.

Innen­poli­tisch blieb die „Demokratisierung“ begren­zt. Der Präsi­dent hielt die Zügel nach wie vor fest in der Hand und nutzte die Stre­itkräfte auch weit­er­hin als Instru­ment zur Wahrung sein­er Herrschaft. Allmäh­lich aber zeigten poli­tis­ch­er Wan­del, Ende des Bürg­erkrieges und schließlich auch steigende Ölpreise Wirkung. Die Mod­ernisierung der Stre­itkräfte nahm wieder Fahrt auf, und auch für die ver­nach­läs­sigte Marine zeigte sich „Licht am Ende des Tun­nels“.

Unter wieder weit­ge­hend nor­mal­isierten Beziehun­gen zu Rus­s­land wur­den KONI und NANUCHKA weit­er­hin in Kro­n­sh­tadt über­holt und mod­ernisiert, auch wenn die Arbeit­en dort unverän­dert sehr lange dauerten. Auch das zweite „Paar“ kehrte erst nach vier Jahren nach Alge­rien zurück. Die jew­eils dritte (let­zte) KONI und NANUCHKA ver­legten Ende 2012 in die Ost­see; sie liegen noch heute in Kro­n­sh­tadt.

2006 wurde man sich mit der rus­sis­chen Admi­ral­itätswerft über eine weit­ere Grundin­stand­set­zung der bei­den U‑Boote KILO einig – und bestellte sog­ar noch im gle­ichen Jahr zwei U‑Boote der mod­erneren KILO-II-Klasse, die 2010/11 geliefert wur­den. 2014 wurde schließlich noch ein drittes U‑Boot-Paar (erneut KILO-II) bestellt, das 2018 fer­tig sein soll. Auch aus Chi­na kam noch ein­mal Ver­stärkung. Mit dem 5.500 ts großen Schulschiff SOUMMAM erhielt die algerische Marine 2006 ihre bish­er größte Ein­heit.

in China gebautes Schulschiff SOUMMAM (Foto: Michael Nitz)
in Chi­na gebautes Schulschiff SOUMMAM (Foto: Michael Nitz)

Im 2001 begin­nen­den „Krieg gegen den Ter­ror“ ori­en­tierte sich Alge­rien zunehmend über das Mit­telmeer nach Europa, wurde Mit­glied des „Mediter­ranean Dia­logue“, bot sich als Region­al­part­ner an und nahm ver­mehrt an multi­na­tionalen Übun­gen teil. Hil­fre­ich war dabei auch ein erkennbares Bemühen, die Flut ille­galer afrikanis­ch­er Migranten über das Mit­telmeer nach Europa einzudäm­men. Nach mehr als 40 Jahren gab es auch wieder Annäherung an die frühere Kolo­nial­macht Frankre­ich. 2008 vere­in­barten bei­de Mari­nen jährliche gemein­same Übun­gen zu Mar­itime Secu­ri­ty Oper­a­tions (Ter­ror­is­mus, Dro­gen- und Waf­fen­han­del, ille­gale Migra­tion, Pira­terie), Search & Res­cue (SAR) und Umweltschutz.

Sich­er auch wegen des zügi­gen Auf­baus ein­er hochseefähi­gen Flotte beim Nach­barn Marokko richtete sich der Blick nun auch über die Küstengewäss­er hin­aus auf die Hohe See. Deut­liche Erhöhung der Öl- und Gas­förderung spülte zusät­zliche Mit­tel auch in den Vertei­di­gung­shaushalt – und schuf Freiräume, die Abhängigkeit­en von bil­liger aber anfäl­liger rus­sis­ch­er Tech­nolo­gie zu been­den und in Europa qual­i­ta­tiv hochw­er­tige west­liche Sys­teme zu suchen.

Ausgenom­men blieben zumin­d­est vor­erst U‑Boote; hier war man mit dem Preis- Leis­tungs-Ver­hält­nis der rus­sis­chen KILO-Klasse offen­bar sehr zufrieden. Rus­s­land hofft wohl auch schon auf weit­ere Anschlus­saufträge – über die bestell­ten und derzeit gebaut­en KILO-II-Klasse hin­aus. Als im Sep­tem­ber dieses Jahres ein brand­neues rus­sis­ches U‑Boot KILO-III durch das Mit­telmeer zur Schwarzmeer­flotte ver­legte, präsen­tierte die rus­sis­che Marine bei einem über­raschen­den Kurzbe­such in Oran ihr neues Pro­dukt sofort auch „zum Anfassen“.

Ein erster Rüs­tungsauf­trag ging nach Frankre­ich. 2007 bericht­en Medi­en zunächst über eine geplante Bestel­lung von Küstenwach­booten in Rus­s­land, aber noch im gle­ichen Jahr wur­den dann bei der franzö­sis­chen OCEA (St. Nazaire) ins­ge­samt 20 Wach­boote vom Typ FPB 98 in Auf­trag gegeben. Schon im Som­mer 2011 war der Auf­trag erfüllt, wurde das let­zte der nach Fixster­nen benan­nten 31-m-Boote über­nom­men.

KALAAT BENI ABBES beim Stapellauf (Foto: Finxcantieri)
KALAAT BENI ABBES beim Stapel­lauf (Foto: Finx­cantieri)

Hohe Pri­or­ität hat­ten seit Jahren ein Hochseev­er­sorg­er und ein größeres amphibis­ches Schiff. Nach Mark­t­sich­tung entsch­ied man sich, bei­de Pro­jek­te in einem einzi­gen Mul­ti­funk­tions-Schiff zu bün­deln. 2011 erhielt die ital­ienis­che Fin­cantieri den Auf­trag zum Bau des „Land­ing and Logis­ti­cal Sup­port Ves­sel“: Design­ba­sis war das in den 1980er Jahren für die ital­ienis­che Marine gebaute Dock­lan­dungss­chiff SAN GIOR­GIOin sein­er Aus­rüs­tung natür­lich der heuti­gen Tech­nolo­gie angepasst.

Im Sep­tem­ber 2014 wurde die KALAAT BENI ABBES geliefert. Ihr Flugdeck bietet zwei Lan­de­flächen für schwere Trans­porthub­schrauber; im Hangar kön­nen fünf weit­ere solche Hub­schrauber unterge­bracht wer­den; in Davits wer­den drei Lan­dungs­boote mit­ge­führt. An Bord find­et sich Platz für 440 eingeschiffte Sol­dat­en samt Fahrzeu­gen und Aus­rüs­tung.
Neben logis­tis­chen Trans­port­fahrten und amphibis­chen Oper­a­tio­nen kann der Neubau auch als Plat­tform für Kom­man­doun­ternehmen, als Führungss­chiff in TSK-gemein­samen Oper­a­tio­nen, bei human­itären Hil­f­sein­sätzen (50-Bet­ten-Hos­pi­tal) oder auch als Schulschiff dienen.

Ganz oben auf der Wun­schliste standen aber neue, hochseefähige Kampf­schiffe. Auch hier gin­gen Experten zunächst noch von ein­er Bestel­lung in Rus­s­land aus, und Medi­en melde­ten auch schon unter­schrift­sreife Verträge über FK-Korvet­ten der TIGR-Klasse (Exportver­sion der rus­sis­chen STERE­GUSHCHIY-Klasse). 2011 wur­den diese Pläne still und heim­lich begraben – und 2012 dann über­raschend eine „Dop­pelbestel­lung“ in Deutsch­land und Chi­na verkün­det. Die deutsche TKMS baut zurzeit in Kiel zwei Fre­gat­ten Typ MEKO A‑200ALG (für die in Großbri­tan­nien auch gle­ich Bor­d­hub­schrauber Super Lynx bestellt wur­den).

erste MEKO-Fregatte bei Probefahrt (Foto: Michael Nitz)
erste MEKO-Fre­gat­te bei Probe­fahrt (Foto: Michael Nitz)

Die Schiffe entsprechen in ihren Abmes­sun­gen weit­ge­hend den für Südafri­ka gebaut­en MEKO A‑200SAN (121 m; 3.600 ts), aber zu Bewaffnung und Aus­rüs­tung gibt es noch keine Infor­ma­tio­nen. Das erste Schiff hat in Kiel mit Probe­fahrten begonnen und soll 2016 fer­tig sein.

erste in China gebaute Korvette ADHAFER (Foto: china-defence.com)
erste in Chi­na gebaute Korvette ADHAFER (Foto: china-defence.com)

Par­al­lel zu den deutschen MEKO lässt Alge­rien bei der chi­ne­sis­chen Hudong-Zhonghua in Schang­hai drei Mehrzweck­ko­rvet­ten vom Typ C28A (120 m; 2.880 ts) bauen. Alle drei sollen schon 2015 geliefert wer­den; die ADHAFER (920) wurde als erstes Schiff im Okto­ber auch bere­its auf Über­führungs­fahrt gemeldet. Die Bewaffnung – u.a. Seeziel-FK C‑802 und Flu­gab­wehr-FK HQ‑7 – ist rein chi­ne­sis­chen Ursprungs, aber bei der Aus­rüs­tung set­zt die algerische Marine auch auf west­liche Sys­teme. So wurde als Haup­tradar ein Thales-Gerät gewählt.

Als Teil der Erneuerung der Flotte ist schließlich noch die Beschaf­fung von drei in Nor­we­gen gebaut­en Off­shore Sup­port- Schif­f­en eines zivilen Designs zu nen­nen. Sie sind in Algiers, Oran und Skid­ka sta­tion­iert und wer­den von dort aus in der Küsten­vor­feldüberwachung und als SAR-Schiffe bzw. Bergeschiffe einge­set­zt. Nach Beschaf­fung der 20 OCEA-Wach­boote in Frankre­ich erweit­ern sie den oper­a­tiv­en Radius der algerischen Marine in diesen Ein­satzrollen weit auf die Hohe See bis an die Gren­zen der 200-sm-Wirtschaft­szone und not­falls auch darüber hin­aus.

Ein bei der spanis­chen Navan­tia durchge­führter Mid-Life Update der bei­den KALAAT BENI HAM­MAD-Lan­dungss­chiffe soll den Erhalt der Trans­port­fähigkeit ent­lang der Küste sich­er­stellen. Zur weit­eren Verbesserung der Möglichkeit­en zur Küsten­vor­feldüberwachung wer­den in Mers el Kebir weit­ere Wach­boote der KEBIR-Klasse gebaut und nun wohl auch eine Marine­fliegerkom­po­nente aufgestellt. Für let­ztere hat die britis­che AgustaWest­land auch schon sechs SAR-Hub­schrauber AW-101 geliefert; dazu kom­men dann noch die für die neuen Korvetten/Fregatten bestell­ten Hub­schrauber Super Lynx. In Mers-el Kebir wurde auch der eingestellte Eigen­bau von FK-Korvet­ten C58 AL KIRCH wieder aufgenom­men; ein erstes Fahrzeug (etwas länger als die älteren Boote) soll „fast fer­tig“ sein.

Für die Zukun­ft find­en sich – jew­eils als Optio­nen auch schon ver­traglich vorge­merkt – weit­ere deutsche MEKO-Fre­gat­ten und chi­ne­sis­che Korvet­ten C28A sowie ein zweites Dock­lan­dungss­chiff auf der Wun­schliste der algerischen Marine. Auch die Schaf­fung ein­er Minen­ab­wehr-Kom­po­nente ste­ht offen­bar auf der Agen­da. Bei der ital­ienis­chen Inter­ma­rine soll bere­its ein mod­ernes Minen­jagdboot bestellt sein (mit Option auf noch ein zweites Boot). Was von diesen Schif­f­en und Booten let­z­tendlich beschafft wird, bleibt allerd­ings abzuwarten.

Die algerische Marine ist ins­ge­samt auf gutem Weg in die Zukun­ft. Erkan­nte Defizite wer­den beseit­igt, und mit mod­er­nen hochseefähi­gen Kampf­schif­f­en richtet sich der Blick zumin­d­est „auf dem Papi­er“ über die eige­nen Küstengewäss­er hin­aus auf die Hohe See und auf Koop­er­a­tion mit europäis­chen Mit­telmeer­mari­nen. All dies darf jedoch nicht darüber hin­weg täuschen, dass die algerische Marine (inzwis­chen etwa 7.500 Mann stark) auch mit­tel­fristig eine Küsten­schutz­ma­rine mit begren­zter Reich­weite bleiben wird, die sich oper­a­tiv weit­ge­hend auf Patrouil­len­fahrten ent­lang der Küste im Rah­men der Bekämp­fung von Ter­ror­is­mus, Schmuggel und Migra­tion beschränkt.

Team GlobDef

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