Osteuropa — Russland


Flagge Russland

Mit sein­er schieren Größe scheint das Riesen­re­ich den West­en zu erdrück­en. Tat­säch­lich hat Moskau aber seit dem Zer­fall der Sow­je­tu­nion große Teile seines Ein­flussge­bi­etes ver­loren. Gestützt auf seinen Rohstof­fre­ich­tum und seine gewalti­gen Energievor­räte kehrte Rus­s­land auf die Welt­bühne zurück. …”

(STERN Nr. 35 vom 21.08.2008)

 

Die ver­ar­bei­t­ende Wirtschaft des Lan­des ist ver­al­tet; hochtech­nol­o­gis­che Pro­duk­te wer­den von anderen erfun­den, hergestellt und verkauft. Das kann im inter­na­tionalen Wet­tbe­werb, aber vor allem mit Blick auf die poli­tis­che Entwick­lung gefär­lich wer­den. Wenn die Preise für rus­sis­ches Öl und Gas über einen län­geren Zeitraum auf ver­hält­nis­mäßig niedrigem Niveau bleiben, kön­nte der ungeschriebene Gesellschaftsver­trag ins Wanken ger­ae, der den in Rus­s­land herrschen­den poli­tisch freie Hand lässt, solange die Mehrheit der Russen einiger­maßen erträglich lebt.”

(FAZ Nr. 173 vom 29.07.2010)

 

RUSSLANDS WIRTSCHAFT:
Waren die Zeit­en nach dem Zer­fall der Sow­je­tu­nion von ein­er tiefen Depres­sion geprägt, so greift heute (2006) bei der Jugend Rus­s­lands ein z.T. aggre­siv­er Patri­o­tismus um sich. Rus­s­land “ist wieder wer”. Rus­s­land muss sich nicht mehr an den West­en oder Chi­na anbiedern, Rus­s­land hat an Selb­st­be­wusst­sein gewon­nen und besin­nt sich auf die eige­nen Stärken, die im Wirtschafts­bere­ich der Explo­sion des Ölpreis­es fol­gen. Rus­s­land ver­fügt über 1/3 der glob­alen Erdgas- und Kohle sowie 12 % der weltweit­en Erdölvorkom­men.

Auf­grund der steigen­den Öl- und Gaspreise kon­nte Rus­s­lands Wirtschaft seit 2001 bis 2006 im Schnitt jährlich zwis­chen 5 und 7 Prozent wach­sen. Vom Jahr 2000 bis zum Ende 2007 hat sich das  Pro-Kopf-Einkomen der Russen mehr als ver­dop­pelt — im Schnitt. Dabei ist eine große Kluft zwis­chen den boomenden Zen­tren und dem ver­nach­läs­sigten Land fest zu stellen. Die Vervier­fachung der Ölpreise von 1998 bis 2006 hat Rus­s­land steigende Devisenein­nah­men und Reser­ven gebracht. Zum Jahre­sende 2006 sollte der “Spar­topf” Rus­s­lands bere­its ein Vol­u­men von fast 300 Mrd. US-$ — (http://de.rian.ru) erre­icht haben (ein Ziel, das erre­icht wor­den ist), und die Förderung der Öl- und Gas­res­sourcen wird kon­tinuier­lich erhöht. Im März 2008 waren es bere­its über 500 Mrd. $, die allerd­ings in Folge der glob­alen Wirtschaf­skrise bis zum Som­mer 2010 auf etwa 470 Mrd. $ zusam­men schrumpften. Die Abhängigkeit von Öl- und Gas­ex­porten führte in Folge der weltweit­en Finanzkrise 2008 — und des damit ver­bun­de­nen Preis­rück­gangs für fos­sile Energien — zu einem BIP-Rück­gang um 8 %.  Rus­s­land hat­te den­noch nach Chi­na und Japan die drittgrößten Devisen­re­ser­ven der Welt — und zusät­zlich ein “Sicher­heit­spol­ster” von 150 Mrd. $ Forderun­gen aus Erdölverkäufen.
Ein Teil der Devisenein­nah­men wird in einem Nationalen Wohl­stands­fonds angelegt, der Anfang April 2008 bere­its ein Vol­u­men von knapp 33 Mil­liar­den Dol­lar hat­te. Nach Schätzun­gen der britis­chen Finan­cial Times soll der Staats­fonds bis 2011 einen Umfang von 80 Mil­liar­den Dol­lar erre­ichen und damit „voraus­sichtlich zu den zehn größten Fonds gehören“. Rus­s­land finanziert mit diesem Fonds auch Über­nah­men west­lich­er Konz­erne — zur Gel­dan­lage, aber auch um Koop­er­a­tionspart­ner und / oder west­lich­es know how zu erwer­ben, so beim Kauf ein­er Min­der­heits­beteili­gung beim europäis­chen Luft- und Raum­fahrtkonz­ern EADS durch die rus­sis­che “Vnesh­torg­bank” (VTB). Im Jahr 2001 waren 500 Mil­lio­nen Dol­lar in Beteili­gun­gen rus­sis­ch­er Fir­man in west­lichen Unternehmen investiert — nur  Jahre später, im Som­mer 2008, waren bere­its 24 Mrd. $ in west­liche Unternehmens­beteili­gun­gen geflossen. Dazu gehören auch gewaltige Investi­tio­nen in west­liche Forschungsin­sti­tute. Alleine zur Errich­tung der weltweit leis­tungs­fähig­sten Rönt­ge­nan­lage bei Ham­burg hat Rus­s­land 240 Mio. Euro beige­tra­gen. Rus­s­land hat Geld — und die immer größere Schicht der Wohlhaben­den gibt dieses Geld auch freigiebig aus. Die Investi­tio­nen rus­sis­ch­er Inve­storen im Touris­mus­bere­ich — von Sotschi bis Kitzbühel — gehören genau­so dazu wie der Kon­sum im Lande. Alleine aus Deutsch­land importierte der auf­strebende Bär für rund 28 Mrd. Euro Waren (Stand: 2007). Und trotz dieser Investi­tio­nen und dem Abschmelzen während der glob­alen Finanzkrise 2009: im Som­mer 2010, nach­dem Rus­s­lands Wirtschaft wieder wächst, waren immer noch rund 125 MRd. $ inm Reserve- und Wohl­stands­fonds des Lan­des gebun­ket.
Unter west­lichen Beobachtern beste­ht zumeist auch Übere­in­stim­mung darin, das Rus­s­land diese Geld­ströme vernün­ftig bewirtschaftet. Das Land hat seine Schulden bezahlt und ver­bucht gewaltige Haushalt­süber­schüsse, die z.T. auch in einem Sta­bil­isierungs­fonds angelegt wer­den, der in der Höhe den Devisen­re­ser­ven des Lan­des entsprechen soll.
Den Auf­stieg Rus­s­lands spiegelt auch der Wech­selkurs des rus­sis­chen Rubel wieder. Seit dem niedrig­sten Wech­selkurs im Jan­u­ar 2003 gewin­nt der rus­sis­che Rubel gegenüber dem US-$ ständig an Wert. Im Jahr 2007 hat der Rubel gegenüber dem “abschmieren­den Dol­lar” eine — um die Infla­tion­srate bere­inigte — Wert­steigerung von knapp 15 % erre­icht. Mit dem Euro gehört der Rubel damit zu den sta­bil­sten Währun­gen der Erde.

Allerd­ings ist Rus­s­land zu sehr von den Exporten fos­siler Energien abhängig. Schon der Rück­gang der Ölpreise auf 30,- US-$ (2008 — 2009) hat zu einem Ein­bruch des BIP um 8 % geführt. Eine weit­ere Reduzierung der Ein­nah­men — sei es durch sink­ende Preise, sei es durch einen mas­siv ver­ringerten Export — wäre ein Desaster für den rus­sis­chen Staat. 

2005 betrug das Brut­toin­land­spro­dukt (BIP) 755 Mrd. $, wovon 58 % aus Dien­stleis­tun­gen, 37 % aus der Indus­trie und nur 5 % aus dem Agrarsek­tor erwirtschaftet wur­den. Das BIP weist seit 2002 sta­bile, steigende Wach­s­tum­srat­en von über 6 % jährlich auf. Im ersten Hal­b­jahr 2006 wuchs das BIP gegenüber dem Vor­jahreszeitraum um 6,7 %. Im ersten Hal­b­jahr 2007 ist das BIP gegenüber dem Vor­jahreszeitraum um 7,8 Prozent gestiegen. Für 2007 wird (Stand Okto­ber) ein Wirtschaftswach­s­tum von ins­ge­samt 7,3 % erwartet. Nach dem Ein­bruch des BIP im Jahre 2009 — um knapp 8 % in Folge der weltweit­en Finanzkrise und der damit ver­bun­de­nen niedri­gen Rohstoff­preise — kon­nte bere­its wieder im Jahr 2010 ein steigen­des Wach­s­tum erzielt wer­den (4,2 % im ersten Hal­b­jahr).

Bis zum Jahr 2020 will Rus­s­land zu den fünf größten Wirtschaften der Welt hinzus­toßen. Nach ein­er in der FAZ vom 23. März 2008 veröf­fentlicht­en Prog­nose des finnis­chen ETLA-Insti­tutes wird sog­ar damit gerech­net, dass Rus­s­land bis zum Jahr 2050 ein BIP je Ein­wohn­er erre­ichen wird, das über 90 % der EU-15 Staat­en entsprechen wird. Im Jahre 2000 hat­te das rus­sis­che BIP pro Ein­wohn­er nur 27 % des BIP pro Ein­wohn­er der EU-15 Gruppe erre­icht. Während Rus­s­land im Jahre 2006 nur 10 % des gesamten BIP Europas pro­duzierte — die EU-15 Län­der kamen auf 73 % — wird danach der rus­sis­che Anteil am gesamten europäis­chen BIP im Jahr 2050 schon 30 % betra­gen, während der Anteil der EU-15 Län­der auf 56 % fall­en wird.

Dieser Anstieg ist zwei Fak­toren zuzuschreiben:

Steigen­den Investi­tio­nen und einem erhöht­en Kon­sum

Steigende Investi­tio­nen:
Der Öl- und Gas­ex­port spült wieder Devisen in die rus­sis­chen Staatskassen. Der Haushaltssal­do Rus­s­lands wuchs von einem Über­schuss von über 3 % des BIP (2000 und 2001) auf über 8 % (2005 und 2006). Der Sal­do ist vor allem auf­grund der Ölein­nah­men im Plus. Ohne Erdöl hätte die Bilanz zwis­chen — 2 und minus 5 % geschwankt. Dies ermöglicht eine expan­sive Aus­gaben­poli­tik der Regierung, die zunächst in den dar­ben­den Sozial­bere­ich — z.B. für die Pen­sion­skassen — und nun in die Erneuerung der Infra­struk­tur und der Indus­triean­la­gen investiert. Die Investi­tio­nen sind in den bei­den ersten Quar­tal­en 2007 im Ver­gle­ich zum gle­ichen Vor­jahreszeitraum 2006 um 22,3 % gestiegen — mit weit­er steigen­der Ten­denz. Der Juni 2007 weist gegenüber dem Juni 2006 sog­ar ein Plus von 27,2 % aus. Pri­or­itäten hat dabei der Aus­bau von Auto­bah­nen und Straßen. Bis 2010 sollen mehr als 4000 Kilo­me­ter neue Straßen entste­hen. Bis 2017 will das Land nach Mel­dung des Wirtschafs­blattes (Öster­re­ich) ins­ge­samt eine Bil­lion US-Dol­lar in die Infra­struk­tur investieren (Stand Okto­ber 2007).

Erhöhter Kon­sum:
Rus­s­land kann sich hohe reale Lohn­er­höhun­gen leis­ten. Die Russen kon­sum­ieren wieder — vor allem preiswerte Bil­lig­pro­duk­te aus Chi­na, aber auch Luxu­s­güter wie PKWs aus dem West­en (Japan und Europa) find­en den Weg nach Rus­s­land — und reduzieren so den Über­schuss der Zahlungs­bi­lanz. Was durch erhöhte Rohstof­f­ex­porte ein­genom­men wird, wird zu einem nicht uner­he­blichen Teil für Kon­sumgüter wieder aus­gegeben. Alleine Deutsch­land exportierte 2007 Waren für 28 Mrd. € nach Rus­s­land.

Ein Beispiel dafür ist der Kraft­fahrzeug­markt. Knapp 4 Mio. Neuzu­las­sun­gen wur­den 2008 erwartet — mehr als im “Autoland Deutsch­land”. Die Straßen von Wladi­wos­tok nach West­en sind Schau­platz häu­figer Fahrzeug­trans­porte, wo mit aben­teuer­lich­er Ver­stau­ung­stech­nik gebrauchte Fahrzeuge aus Japan und Korea ins Lan­desin­nere trans­portiert wer­den. Ein Ameisen­heer von Pri­vatleuten ver­di­ent sich mit diesem Geschäft den Leben­sun­ter­halt. Dank der steigen­den Einkom­men ist der Absatz­markt für PKWs von 2005 auf 2006 um knapp 20 % auf fast 2 Mio. Fahrzeuge gestiegen. 2008 waren es schon 3,8 Mio. Neuzu­las­sun­gen — und das obwohl die “3-Mil­lio­nen-Schwelle” erst 2010 “gek­nackt” wer­den sollte. Die meis­ten davon (60 % Anteil) sind aus­ländis­che, also west­liche Pro­duk­tio­nen.  Die “Welt­marken” haben inzwis­chen auch den rus­sis­chen Markt ent­deckt. Ford, Renault und Hyundai haben inzwis­chen mit der Mon­tage im Land begonnen. Fiat, Nis­san, PSA,  Sko­da, Toy­ota und VW wer­den dem­nächst fol­gen. VW ist in Kalu­ga mit ein­er Mil­liarde Euro dabei. Rund 4.500 deutsche Unternehmen in Rus­s­land bilden mit anderen west­lichen Unternehmen das Gegengewicht zur den rus­sis­chen Beteili­gun­gen in Europa.

Dabei ver­fügt Rus­s­land dur­chaus über eine eigene Fahrzeug­in­dus­trie. In Togli­at­ti läuft seit Jahren — mit Fiat-Koop­er­a­tion — der leg­endäre Lada (ein Derivat des Fiat 124) vom Band des rus­sis­chen Auto­mo­bil­her­stellers Avto­vaz (ein­er Tochter des rus­sis­chen Rüs­tungskonz­erns Rosoboronex­port), mit ein­er Pro­duk­tion­srate von 70.000 Fahrzeu­gen im Monat, davon rund 60.000 für den heimis­chen Markt. Der zweit­größte rus­sis­che Her­steller (Gaz) ver­fügt eben­falls über “west­liche Kon­tak­te”. Rund 15 % der kanadis­chen Zuliefer­fir­ma Magna und 5 % des US-Her­stellers Gen­er­al Motors befind­en sich im Port­fo­lio des Gaz-Eigen­tümers.

Rus­s­land ist mit Handys (knapp 120 Geräte auf 100 Ein­wohn­er) bess­er aus­ges­tat­tet als manche EU-Staat­en und der größte Mobil­funkmarkt Europas.

BRIC-Staat­en:
Rus­s­land gehört zu den nach ihren Angangs­bucht­staben so genan­nten ” BRIC-Staat­en” (Brasilien, Rus­s­land, Indi­en und Chi­na) die mehr als 40 Prozent der Welt­bevölkerung repräsen­tieren und fast ein Drit­tel der Land­masse der Erde beherrschen. Diese Staat­en wer­den vor allem auch von Invest­ment-Bankern als kom­mende Wirtschaftswelt­mächte gese­hen. Fast entschei­den­der noch als diese pauschale Zusam­men­fas­sung zu ein­er auf­steigen­den Staaten­gruppe ist die Tat­sache, dass sich diese Staaten­gruppe auch ohne die etablieren Wirtschaftsmächte des West­en gegen­seit­ig so gut ergänzt, dass der Auf­stieg dieser Staat­en unaufhalt­sam erscheint. Rus­s­land und Brasilien gel­ten als Rohstof­fliefer­an­ten, Rus­s­land und Indi­en als Inhab­er von Spitzen­tech­nolo­gie — und Chi­na als “Werk­bank”. Die wirtschaftliche Entwick­lung in einem der Län­der kommt durch ein “Kreis­lauf­sys­tem” allen anderen zu Gute. Der Auf­schwung Chi­nas befeuert die Rohstoffmärk­te und ver­hil­ft damit Rus­s­land und Brasilien zu deut­lich höheren Einkom­men, was wiederum dazu führt, dass mehr Pro­duk­te aus der Werk­bank für den heimis­chen Markt erwor­ben wer­den kön­nen. Der West­en muss auf­passen, hier nicht “abge­hängt” zu wer­den.

Der deutsche Bun­de­saussen­min­is­ter hat (daher ?) im Jahr 2006 — vor Beginn der nach­fol­gen­den EU-Präsi­dentschaft Deutsch­lands ein Konzept erar­beit­et, das auf eine Inte­gra­tion der Volk­swirtschaften Rus­s­lands und der EU aus­gerichtet ist. Unter dem Mot­to “Wan­del durch Ver­flech­tung” — (www.eurasischesmagazin.de) soll eine möglichst enge „Ver­flech­tung der Europäis­chen Union mit Rus­s­land“, eine neue „Energie- Part­ner­schaft“ und auf län­gere Sicht die Ein­rich­tung ein­er „Frei­han­del­szone“ zwis­chen EU und Rus­s­land, sowie die mil­itärische Zusam­me­nar­beit mit Moskau erre­icht wer­den. Deutsch­land und Europa sollen „Mod­ernisierungspart­ner“ Rus­s­lands wer­den, eine strate­gis­che Part­ner­schaft einge­hen zur immer engeren Anbindung des Riesen­re­ichs im Osten an die EU. Ziel scheint eine Art gegen­seit­iger Abhängigkeit zwis­chen Rus­s­land und der Europäis­chen Union zu sein, die nicht mehr rück­gängig zu machen ist. Tat­säch­lich ergänzen sich ger­ade die EU und Rus­s­land in vie­len Bere­ichen. Rus­s­land hat die Rohstoffe, die in Europa benötigt wer­den — und Europa kann selb­st wieder Hil­festel­lung bei der Mod­ernisierung des Riesen­re­ich­es gewähren, die für Rus­s­land erforder­lich ist, wenn der Wirtschaft­sauf­schwung dauer­haft sein soll. Eine mod­erne Volk­swirtschaft ver­langt aber auch eine mod­erne Gesellschaft. Darin liegt wohl ein­er der Gründe, die Europa auch an der Mod­ernisierung Rus­s­lands hat.

Wirtschaft­sprob­leme:
Rus­s­lands Wirtschaft ist durch eine schwere Hypothek belastet. Der zur Zaren­zeit kaum indus­tri­al­isierte Staat hat den Auf­bau sein­er Indus­trien in den Zeit­en der sow­jetis­chen Plan­wirtschaft geschul­tert. Dabei wurde in einem gigan­tis­chen bürokratis­chen Sys­tem von der Land­wirtschaft bis hin zur Stahl- und Energieerzeu­gung, zum Fahrzeug- und Com­put­er­bau vorgegeben, welche Anzahl von Pro­duk­ten in der Wirtschaft hergestellt wer­den soll­ten. Dieses Sys­tem hat über Jahrzehnte hin ganze Gen­er­a­tio­nen von Russen geprägt — und die Eigen­ver­ant­wor­tung und Entschei­dung als Grund­lage jed­er mod­er­nen, aktiv­en Wirtschafts­ge­sellschaft gebremst, um nicht zu sagen ver­hin­dert. Noch Anfang 2008 meldete die rus­sis­che Nachricht­e­na­gen­tur RIA NOVOSTI, die Arbeit­spro­duk­tiv­ität in der EU und den USA sei nach Mit­teilung des rus­sis­che Wirtschaftsmin­is­teri­ums in einzel­nen Indus­tries­parten 30 Mal höher als in Rus­s­land.

Nach dem Ende des Sow­jet-Sys­tems sind auch die plöt­zlich dem Wet­tbe­werb aus­ge­set­zten Konz­erne ohne betriebs- und mark­twirtschaftliche Grund­ken­nt­nisse rei­hen­weise zusam­men gebrochen, und mit diesen das gesamte Wirtschaftssys­tem des Lan­des. Recht­sun­sicher­heit und die grassierende Kor­rup­tion — allen voran der “Fam­i­lie” unter Präsi­dent Jelzin — tat­en ein Übriges: “Glas­nost” und “Per­e­stroi­ka” — zwei Schlag­worte des vor allem im West­en beliebten Umbruch­poli­tik­ers Gor­batschow — sind auf­grund der Wirtschaft­sen­twick­lung diskred­i­tiert. Dabei hat Rus­s­land in weit­en Teilen immer noch die Infra­struk­tur eines Entwick­lungs­lan­des. Hun­derte entle­gen­er Dör­fer ver­fü­gen über keinen Stro­man­schluss, die Über­land­straßen erweisen sich außer­halb der Städte als Schla­gloch­pis­ten, und nur etwa drei Vier­tel aller Russen ver­fü­gen über ein eigenes Kon­to (Stand 2007).

Rus­s­land ist extrem von Öl- und Gas­ex­porten abhängig. Die steigende Nach­frage aus Europa und Chi­na und die schon fast “automa­tisch” damit ein­herge­hen­den Preis­steigerun­gen haben dem rus­sis­chen Staat erlaubt, die Fol­gen der chao­tis­chen Entwick­lung der Jelzin-Aera in den Griff zu bekom­men. Gle­ichzeit­ig wurde damit aber der Druck zu ein­er umfassenden Wirtschaft­sre­form entschärft. Damit ist und bleibt Rus­s­land extrem von der zyk­lis­chen Entwick­lung der Rohstoff­preise auf dem glob­alen Markt abhängig. Um unab­hängiger zu wer­den, müsste der Bestand pri­vater Klein- und Mit­tel­be­triebe erhe­blich ver­stärkt wer­den. Das ver­langt die Unter­stützung pri­vat­en Unternehmer­tums, also Ent­bürokratisierung, Deregeulierung, Pri­vatisierung Wirtschaft­söff­nun­gen. Das Gegen­teil ist erfol­gt. Unter Putin wur­den die inef­fizien­ten Staatskonz­erne aus­ge­baut, und auch während der glob­alen Wirtschaft­skrise 2009 hat Rus­s­lands Regierung mehr als 40 Mrd. Euro zur Stützung der großen Konz­erne der Oli­garchen und des Staates aus­gegeben. Rus­s­land müsste stattdessen seine enor­men Währungsre­ser­ven nutzen, um die Mod­ernisierung sen­er Wirtschaft zu forcieren. Dann stellt sich aber auch die Frage, wie eine solche Entwick­lung ohne gle­ichzeit­ige Lib­er­al­isierung, und ein­er damit ver­bun­de­nen Stärkung der Demokratie und des Rechtsstaates erfol­gen kann. Rus­s­lands poli­tis­che Elite schaut da wohl mehr auf Chi­na, während west­liche Regierun­gen ein “Glas­nost 2” für erforder­lich hal­ten.

Der mit den steigen­den Rohstoff­preisen ein­herge­hende Wirtschaft­sauf­schwung Rus­s­lands zeigt die Lück­en, die durch die jahre­lange Untätigkeit nach dem Zusam­men­bruch der Sow­je­tu­nion ent­standen. Beispiel­haft ist die Energiev­er­sorgung zu nen­nen. Das Boom­land Rus­s­land braucht für die neu anlaufende Pro­duk­tion Strom. Alleine Moskaus Energiev­er­sorg­er Mosen­er­go bez­if­fert den Strombe­darf zum Jahreswech­sel 2007/2008 auf 18.400 Megawatt. Tat­säch­lich kön­nen die Kraftwerke in Moskau und Umge­bung aber nicht ein­mal 18.000 Megawatt erzeu­gen. Damit bleibt eine Lücke von fast 500 Megawatt – die Leis­tung eines kleinen Kernkraftwerks. So brach dann auch im Win­nter 2005/2006 die Stromver­sorgung zusam­men. Pri­vatkun­den mussten durchge­hend beliefert wer­den, um Todes­fälle in den son­st eiskalten Woh­nun­gen zu ver­mei­den — weshalb viele Indus­trie­un­ternehmen die Pro­duk­tion ein­stellen und die Mitar­beit­er in Zwang­surlaub schick­en mussten.

Dabei hat Rus­s­land auch noch demographis­che Prob­leme. Ein rus­sis­ch­er Mann wird — so Jim O’Neill in seinem Buch “Die Märk­te von mor­gen” — “im Durch­schnitt nur 59 Jahre alt. Das sind 20 Jahre weniger als bei einem durch­schnit­tlichen amerikanis­chen Mann”. Dem will die rus­sis­che Regierung mit ein­er mas­siv­en Förderung der Geburten­rate ent­ge­gen wirken.

Investi­tio­nen im Atom­strom:

Es klingt Para­dox — obwohl Rus­s­land mit seinen Erdöl- und Erdgasvorkom­men zu den wichtig­sten Energieliefer­an­ten Chi­nas und Europas zählt, wird — 25 Jahre nach Tsch­er­nobyl — auch in Rus­s­land inten­siv am Aus­bau der Atom­stromerzeu­gung gear­beit­et. Die Nuk­lear­an­ergie soll von 15 % (2010) bis 2030 auf über 30 % ver­dop­peln. 26 neue Reak­toren sollen diesen Kraftakt bew­erk­stel­li­gen. Die fos­silen Vokom­men sind zu wichtige Devisen­bringer, um einen nen­nenswerten Anteil der Förderung selb­st zur Energiegewin­nung zu ver­stromen.

Den­noch wurde auch eine gute Aus­gangslage für eine weit­ere wirtschaftliche Entwick­lung geschaf­fen. Das Eisen­bahn­netz umfasst 154.000 km, das Straßen­netz wird mit 950.000 km Länge angegeben, wobei über 400.000 km auss­chließlich für mil­itärische oder indus­trielle Zwecke bes­timmt sind. 630 Flughäfen und ein Netz von 100.00 km Wasser­straßen sowie ein rel­a­tiv gut aus­ge­bautes Schul­sys­tem mit Uni­ver­sitäten, die in einzel­nen Bere­ichen an den Spitzen der wis­senschaftlichen Erken­nt­nisse ste­hen, ver­voll­ständi­gen den Nach­lass der Sow­jet­zeit.

Daher ist es den Russen in rel­a­tiv kurz­er Zeit gelun­gen, einen Teil der Indus­trien — manch­mal unter der Leitung von etwas sus­pekt wirk­enden Oli­garchen — zu Wirtschaft­skonz­er­nen zu entwick­eln, die inzwis­chen auch im West­en zunehmend als Wirtschafts­fak­toren erkan­nt wer­den. Hier­bei han­delt es sich vor allem um Konz­erne, die in Schlüs­sel­bere­ichen der rus­sis­chen Wirtschaft aufgestellt sind — im Rohstoff- und Rüs­tungs­bere­ich.

 

Glob­ale Finanzkrise 2008 — 2009:

Wie sehr Rus­s­lands Wirtschaft von den Rohstof­f­ex­porten abhängt zeigt die glob­ale Finanzkrise 2008/2009. Der Nach­fragerück­gang fü fos­sile Energien führte zu einem mas­siv­en Preis­rück­gang für rus­sich­es Öl und Gas. Der Staat­shaushalt, der mit einem Bar­rel­preis von 95 $ kalkuliert war, musste auf ein­er Basis von 41 $ neu erstellt wer­den.

Inner­halb eines Monats sind Rus­s­lands Gold- und Devisen­re­ser­ven im Jan­u­ar 2009 um 40,186 Mil­liar­den Dol­lar bzw. um 9,4 Prozent auf 386,894 Mil­liar­den Dol­lar geschrumpft. Im Jahr 2008 haben aus­ländis­che Inve­storen etwa 130 Mrd. $ aus Rus­s­land abge­zo­gen. Grund hier­für war ein­er­seits die von den Rohstoff­preisen abhängige rus­sis­che Wirtschaft, zum anderen aber auch die Finanzmis­ere in den USA, die US-Banken zwang, Ein­la­gen zur Finanzierung der $-Kred­ite auf dem Welt­markt einzu­holen — ein Grund für die glob­al steigende Nach­frage nach US-$. Vom Herb­st 2008 bis Jan­u­ar 2009 wurde der Rubel durch die rus­sis­ches Zen­tral­bank in mehr als 20 Schrit­ten um etwa 30 % abgew­ertett. 1998 wurde Rus­s­land durch Währungsspeku­lanten bere­its ein­mal in die Zahlung­sun­fähigkeit getrieben. Gut zehn Jahre später haben Speku­lanten ent­deckt, dass es wieder lukra­tiv sein kön­nte, auf einen Wertver­lust des Rubel zu wet­ten.

Extern­er Link:
Han­dels­blatt — “Rus­s­lands wichtig­ste Wirtschafts­dat­en”: www.handelsblatt.com

Rus­s­land bemüht sich, in den strate­gisch wichti­gen Indus­trien — Chiffriertech­nik, Energieerzeu­gung, Flugzeug­bau, Rohstoff­pro­duk­tion, Rüs­tungs- und Wel­traumtech­nolo­gie — die Staatskon­trolle zu erhal­ten; aus­ländis­che Fir­men dür­fen Min­der­heits­beteili­gun­gen (unter 50 %) übernehmen, um auch Tech­nolo­gi­etrans­fer zu ermöglichen. Staatlich kon­trol­lierte aus­ländis­che Unternehmen kön­nen in diesen Branchen sog­ar nur 25 % des Kap­i­tals erwer­ben.

Andere Indus­triesek­toren — etwa die Auto­mo­bilin­dus­trie — wer­den dage­gen für aus­ländis­che Beteili­gun­gen, die auch über 50 % liegen kön­nen, geöffnet.