Lateinamerika (Einführungsdossier)

Das neue Lateinameri­ka

Der Sub­kon­ti­nent ist nicht mehr das Prob­lem, er bietet die Lösun­gen

Lange Zeit war Lateinameri­ka eine Welt­ge­gend, die durch schlechte Nachricht­en auf sich aufmerk­sam machte. Dik­taturen, Krisen und Kriege prägten jahrzehn­te­lang das Bild, und das ist noch immer nicht aus den Köpfen viel­er Europäer ver­schwun­den. Dabei kom­men aus Lateinameri­ka seit ger­aumer Zeit viele gute Nachricht­en. Die Wirtschaft wird dieses Jahr um 5,2 % wach­sen, das ist ein Wert, von dem Europa nur träu­men kann. Spitzen­re­it­er Brasilien kommt sog­ar auf 7,6 Prozent …

Die Demokra­tien sind über­wiegend sta­bil, … Die Wirtschaft wird geführt von ein­er neuen Elite, die in den USA oder Europa aus­ge­bildet ist und die die her­metis­chen und kor­rupten Zirkel abzulösen begin­nt. Die Bevölkerung ist mehrheitlich jung, effizient und arbeit­sam .…”
(Kom­men­tar von Sebas­t­ian Schoepp in der Südd. Zeitung, 17.08.2010)

Der heute als “Latein-Ameri­ka” beze­ich­nete Sub­kon­ti­nent umfasst die spanisch- und por­tugiesis­chsprachi­gen Län­der südlich der Gren­ze zwis­chen den USA und Mexiko.
Diese Staat­en lassen sich in drei größere Regio­nen aufteilen:

1. Zen­tral- oder Mit­te­lameri­ka an der Karibik:
Die Staat­en Zen­tralamerikas von Mexiko bis nach Pana­ma und die Insel­staat­en, die östlich davon in weit­em Bogen die nach dem Indi­an­er­volk der Karaiben benan­nte Karibik umspan­nen — von Kuba bis nach Trinidad und Toba­go — sind uraltes Kul­tur­land.

Vor der spanis­chen Eroberung (Cortez) wurde das mex­i­can­is­chen Hochland von den Azteken beherrscht. Der Han­dels- und Kriegerstaat der Azteken umfasste ein Reich, das aus ural­ten Wurzeln und Vorgänger­re­iche der Zapoteken, Chichimeken, Tolteken oder auch der Olmeken schöpfen kon­nte. Aztekische Expe­di­tion­sko­rps hat­ten das gesamte Hochland unter die Herrschaft der Stadt Teno­chit­lan — auf ein­er Insel im den Tex­co­co-See., um den sich die his­torischen Städte der indi­an­is­chen Kul­turen rei­ht­en — gebracht (Tex­co­co-See — www.indianer-welt.de) .
Das Reich der Azteken war nach Süden bis nach Guatemala aus­gedehnt — und mit der ver­wandtschaftlichen Bindung zu den Utah-Indi­an­ern Nor­damerikas (Nahu­atl, die Sprache der Azteken gehört zur Uto-Aztekischen Sprach­fam­i­lie) war bere­its vor den Con­quis­ta­doren, den spanis­chen Erober­ern, eine Verbindung nach Nor­dameri­ka geknüpft, die auch heute wieder aktuell ist.
Dabei geht es nicht um die gemein­samen Web-Auftritte der indi­an­is­chen Natio­nen Nord- und Mit­te­lamerikas (www.naaog.de).
Nein, auch die Staat­en des Kon­ti­nen­talverbindung zwis­chen Mexiko und Pana­ma sind auch heute wieder nach Nor­dameri­ka ori­en­tiert. 
Sicht­baren Aus­druck find­et diese Ori­en­tierung nicht nur in der Wirtschaft­sem­i­gra­tion über die Mexikanisch- /US-Amerikanis­che Gren­ze, son­dern auch im Naf­ta-Pakt, der Nor­damerikanis­chen Frei­han­del­szone (Kana­da, USA, Mexiko), der in der südlich angren­zen­den regionalen Gruppe von San Josè mit Cos­ta Rica, Guatemala, Hon­duras und Pana­ma eine Fort­set­zung find­et.
Vor allem die USA sind bemüht, den Naf­ta-Pakt als Kern ein­er “panamerikanis­chen Frei­han­del­szone” (FTAA) auszubauen. Entsprechende Frei­han­delsabkom­men wur­den Ende Mai 2004 von den USA mit Cos­ta Rica, El Sal­vador, Guatemala, Hon­duras und Nicaragua unterze­ich­net. Danach ist zwis­chen diesen Staat­en eine umfassende Abschaf­fung von Zoll­be­las­tun­gen vorge­se­hen, während Forderun­gen vor allem der US-Oppo­si­tion (Demokrat­en) auf Berück­sich­ti­gung Bedin­gun­gen für einen angemesse­nen Arbeitss­chutz und Umweltschutzbes­tim­mungen nicht berück­sichtigt wur­den.

Das Tiefland an der Hal­binsel Yucatan wurde von Stadt­staat­en der Maya beherrscht, ein­er ural­ten Indio-Kul­tur, deren Städte mit steilen Stufen­pyra­mi­den aus­ges­tat­tet waren, deren Priesterkaste ein aus­geprägtes astronomis­ches und math­e­ma­tis­ches Wis­sen hat­te und deren Händler auf großen Kanus zwis­chen der Mün­dung des Mis­sis­sip­pi bis weit nach Süden Waren- und Ideen trans­portierten.

Den Bogen der Insel­staat­en beherrscht­en die Karaiben, ein aus Südameri­ka vorge­drun­ge­nes, kriegerisches Indi­an­er­volk, und die auf den karibis­chen Inseln ent­stande­nen Kar­bik-Staat­en bilden auch heute noch ein Bindeglied nach Südameri­ka.
Hier traf Kolum­bus, ein genue­sis­ch­er Kapitän in spanis­chen Dien­sten, erst­mals auf die Urbevölkerung Amerikas, die — im irri­gen Glauben, Indi­en ent­deckt zu haben — als “Indios” — “Indi­an­er” — beze­ich­net wur­den.

2. Die Anden-Staat­en am Paz­i­fik
Vor der Eroberung durch spanis­che Kon­quis­ta­doren (Pizarro) war die Anden­re­gion — mit Aus­nahme von kleineren Fürsten­tümern der Chibcha und Muis­ca-Indi­an­er im nördlichen Anden­bere­ich (Kolumbi­en) in der Hand eines indi­an­is­chen Imperi­ums, des Reich­es der Inka, das sich von Chile bis unter die tro­pis­che Sonne von Ecuador erstreck­te.
Während in allen anderen Südamerikanis­chen Staat­en heute das spanisch-/por­tugiesis­che Erbe dominiert, hat sich in den Anden-Staat­en die ein­heimis­che indi­an­is­che Bevölkerung (Ketschua und Aimara) noch weit­ge­hende erhal­ten. Die spanis­che Ober­schicht stellt nur einen kleinen Teil der Ein­wohn­er der Län­der, eine Übertünchung des starken indi­an­is­chen Bevölkerung­steiles, der oft in Armut und Not veg­etiert.
Die Anden­staat­en, denen die Urbevölkerung ein völ­lig eigenes Erschei­n­ungs­bild gibt, haben sich im Anden-Pakt (Bolivien, Peru, Ecuador, Kolumbi­en, Venezuela) zusam­men geschlossen.

Die US-Indus­trie wit­tert” — so schreibt die Süd­deutsche Zeitung (SZ) am 23. März 2006 - “in dem 93 Mil­lio­nen Men­schen umfassenden Markt der vier Anden­län­der ein großes Geschäft.” Da der ursprüngliche US-Plan für eine amerikaweite Frei­han­del­szone am Wider­stand der kinken Regierun­gen scheit­ert ver­sucht Ameri­ka, seinen Ein­fluss durch bilat­erale Frei­han­delsabkom­men zu stärken. Zol­lvorteile, die früher im Kampf gegen den Dro­gen­han­del zuge­s­tanden wur­den, sollen kün­ftig durch bilat­erale Vere­in­barung erset­zt wer­den, die auch den eige­nen Wirtschaftsin­ter­essen dienen. “Die USA nutzen die kleinen lateinamerikan­sichen Län­der, die auf den Zugang zum US-Markt angewiesen sind, aus, um Han­delsverträge durchzuset­zen, die sie in der WTO niemals genehmigt bekom­men wür­den” wird in der SZ David Ede­ly von der US-Ver­brauch­er­schut­zor­gan­i­sa­tion Pub­lic Cit­i­zen zitiert.

3. Die “Tiefland-Staat­en” am Atlantik:
Das Tiefland östlich der Anden weist ein völ­lig anderes Gepräge auf. Vom tro­pis­chen Urwald im Nor­den mit seinen riesi­gen Flußssys­te­men (Orinoco, Ama­zonas) bis zur Käl­testeppe Argen­tiniens vor Feuer­land sind hier fast alle Kli­ma­zo­nen der Erde vere­int — und die “Eroberung” dieses größten Teiles des Kon­ti­nents erfol­gte von den Küsten aus, wobei sich spanis­che (Argen­tinien, Venezuela) und por­tugiesis­che (Brasilien) Siedler nicht auf die Struk­turen alter, vorkolumbian­is­ch­er Reiche stützen kon­nten. 
Die südliche Pam­pas — das in Teilen an Ungarn erin­nernde Step­penge­bi­et Argen­tiniens — wurde von spanis­chen Rinderzüchtern und ihren Hirten — den Gau­chos — rel­a­tiv rasch gegen einen kurzen, aber erbit­terten Wider­stand indi­an­is­ch­er Stämme in Besitz genom­men. 
In Uruguay und den südlichen Prov­inzen Brasiliens kon­nte eine Land­wirtschaft aufge­baut wer­den, die in vielem an mit­teleu­ropäis­che Ver­hält­nisse erin­nerte, das riesige brasil­ian­is­che Tiefland mit seinem von mächti­gen Flüssen durch­zo­ge­nen Dschun­gel blieb den por­tugiesis­chen Kolo­nial­her­ren lange Zeit ver­schlossen. Die Besied­lung erfasste zunächst den brasil­ian­is­chen Nor­dosten und Receife und Natal, sowie die Küsten­städte und küsten­na­hen Gebi­ete an südlichen Wen­dekreis.
Erst mit dem “Kautschuk­boom” der Grün­derzeit — als der aus ein­heimis­chen Urwald­bäu­men gewonnene Saft für die Gum­mipro­duk­tion (Reifen) plöt­zlich große Bedeu­tung erhielt, erfol­gte ein nen­nenswert­er Vorstoß ent­lang des Ama­zonas ins Lan­desin­nere. Mit Man­aus — am Zusam­men­fluss von Ama­zonas und Rio Negro gele­gen — ein­stand eine blühende Großs­tadt im Urwald, die mit der geziel­ten Errichung von Kautschuk­plan­ta­gen in Asien nach kurz­er Zeit ihre Bedeu­tung ver­lor. Sig­nal­wirkung hat­te Jahrzehnte später die Errich­tung der neuen Haupt­stadt “Brasil­ia” im Lan­desin­neren, zwis­chen der Küste und dem Hochland von Mato Grosse gele­gen. 
Inzwis­chen durchziehen in den Urwald geschla­gene Dschun­gelpis­ten (Transama­zon­i­ca) das Dschun­gel­ge­beit. Auf diesen Trassen drin­gen Holzfäller, Gold­such­er und land­suchende Bauern in das von den Indios nur dünn besiedelte Urwald­beck­en vor. Vor allem das Gren­zge­bi­et zu Bolivien . die Prov­inz Ron­do­nia — aber auch der an die Nor­dost­prov­inzen anschließende Urwald­bere­ich wird von land­suchen­den Klein­siedlern über­schwemmt, die niemals gel­ernt haben, eine umwelt­gerechte, scho­nende tro­pis­che Land­wirtschaft zu betreiben.