Lateinamerika — Brasilien (Brazil)


Brasilien Brazil

d) Energieprob­leme:
Derzeit­iger Energiemix:
Brasilien gehört zu den 15 größten Wirtschaft­sna­tio­nen der Welt. Und Brasiliens Wirtschaft wächst stetig. In den kom­menden zehn Jahren rech­nen Ökonomen mit einem wirtschaftlichen Wach­s­tum von vier bis fünf Prozent — und damit wächst auch der Energiebedarf.

Anfang 2007 stammten 42,9 %  der brasil­ian­is­chen Primären­ergi­eträger aus Erdöl, 27,0 % aus Bio­masse und Abfall, 13,8 % aus erneuer­baren Energieen (ins­beson­dere Wasserkraftwerken), 7,8 % aus Erdgas, 7,0 % aus Kohle, und 1,5 % aus Atom­kraftwerken (Quelle: Süd­deutsche Zeitung, Ostern 2007).

Im Jahr 2011 sieht dage­gen die “EDITIONLE MONDE diplo­ma­tique” (Nr. 9 von 2011) 80 % der elek­trischen Ener­ige aus erneuer­baren Quellen “(ca. 75 Prozent aus Wasserkraft und ca. 5 Prozent aus Bio­masse). Das sind etwa 45 Prozent des Gesamtver­brauchts.” - der im Übri­gen (so LE MONDE) vor allem auch durch “den Ein­satz von Ethanol (auf Zuck­er­rohrba­sis) als Treib­stoff” gedeckt werde.

2010 wur­den also mehr als 80 % der im Lande pro­duzierten elek­trischen Energie aus Wasserkraftwerken gedeckt, die sich vor allem im Süden des Lan­des find­en. Der trock­ene Nor­dosten — aber auch das Gebi­et der Urwald­flüsse um den Ama­zonas selb­st — sind für diese Art der Energieerzeu­gung nur wenig geeignet.

Andere Energiequellen für Stormerzeu­gung spie­len bis­lang eine unwichtige Rolle:
· Wasseren­ergie : ca. 85 % 
· Fos­sile Brennstoffe : ca. 5% 
· Nuk­learen­ergie : ca. 4,5 % (2008 bis 2010 auf 5,7 % anwach­send)
· Importe (aus Paraguay) : ca. 2.5% 
· Alter­na­tive Energien : ca. 0.5%
(Wind‑, Sonnenen­ergie, Biomasse)

So wider­sprüch­lich die Angaben zwis­chen 2007 und 2011 sein mögen — allen ist gemein­sam, dass Brasilien vor allem die Wasserkraft nutzt. Wasserkraft — die gibt es vor allem in den Zuflüssen des Ama­zonas. Dort liegen auch noch große Reser­ven, die von der Regierung erschlossen wer­den wollen. Vor allem die Ama­zonas-Zuflüsse sollen kün­ftig für Wasserkraftwerke genutzt wer­den. Vor allem das gigan­tis­che Damm­pro­jekt von “Belo Monte” mit einem Über­schwem­mungs­ge­bi­et von über 516 km² — dem die Woh­nun­gen von über 20.000  Men­schen zum Opfer fall­en sollen — ist in die Kri­tik ger­at­en. Die aus Staudäm­men gewonnene Wasserkraft scheint ger­ade in einem tro­pis­chen, rel­a­tiv flachen Land nicht unprob­lema­tisch zu sein. Wie neueste Forschungsergeb­nisse (Dezem­ber 2006) zeigen, zer­set­zen sich in den über­fluteten Wäldern gigan­tis­che Men­gen an Bio­masse, die Kohlen­diox­id und Methan erzeu­gen und damit mehr kli­maschädliche Gase freiset­zen als ein Kohlekraftwerk ver­gle­ich­bar­er Größe (Quelle: Wirtschaftswoche Nr. 51/2006). Den­noch hält die Regierung an dem Pro­jekt fest, das selb­st in der Trocken­zeit eine Leis­tung von 4.000 Megawatt — und in der Regen­zeit bis zu 11.000 Megawatt erzeu­gen soll. Finanziert von den staatlichen Energiebe­trieben Eletro­bràs, Eletronorte und CHESF (mit fast 50 % der Anteile), unter­stützt von Pen­sions­fonds staatlich­er Fir­men (27,5 % der Anteile) und über ein gewaltiges Kred­it­pro­gramm der staatlichen Entwick­lungs­bank “Ban­co Nacional de Desen­volvi­men­to Eco­nom­i­co” (BNDES) zeigt das Pro­jekt auch, wie Brasilien inzwis­chen seine Großpro­jek­te finanzieren kann. Es ist auf inter­na­tionale Hil­fe nicht mehr angewiesen. Alleine die BNDES ver­fügt über ein höheres Kred­itvol­u­men als alle anderen inter­na­tionalen Entwick­lungs­banken wie Welt­bank oder die Inter­amerikanis­che Entwick­lungs­bank (IADB) ode auch die KfW. Die Leit­er der Bank sind aus­ge­sucht — Volk­swirtschaftler aus der Uni Camp­inas, die der Lehre zur “nach­fra­geori­en­tierten Volk­swirtschaft” von Keynes anhän­gen. Und so agiert die Bank auch im Entwick­lungs­geschäft. Dazu kom­men die staatlichen Pen­sions­fonds, die rund 2000 Mil­liar­den Dol­lar (Stand 2011) anle­gen können.

Aber zurück zur Energiev­er­sorgung:
Weit­ere Wasserkraftwerke wie Sao Luis do Tapa­jos (mit über 6.000 Megawatt Kapaz­ität) sind schon geplant — ins­ge­samt möchte Brasilien rund 45.000 Megawatt Strom im Ama­zonas­ge­bi­et erzeu­gen. Bei einem Energie­ver­brauch, der alleine inner­halb eines Jahres bis Sep­tem­ber 2004 um fast 8 % stieg, sind allerd­ings die “Gren­zen des Wach­s­tums” schnell erre­icht.
Ins Blick­feld der Brasil­ian­er rück­te das The­ma nach der schw­eren Stromkrise Ende 2001, die zu Rationierung und Fab­riken-Stil­l­le­gun­gen führte. Seit April 2001 gibt es ein Pro­gramm zur Förderung alter­na­tiv­er Energien, PROINFA. Ziel des Pro­jek­ts ist es, bis 2006 ins­ge­samt 3300 MW Elek­triz­ität­sleis­tung aus erneuer­baren Energien ans Netz zu bekom­men.
Energiem­i­nis­ter Jose Jorge verkün­dete dieses Not­pro­gramm am 05. Juni 2001 zur Steigerung der Energieerzeu­gung für die Jahre 2001 bis 2003. Geplant war die Erweiterung beste­hen­der bzw. der Bau von 20 neuen Wasserkraftwerken. Hier­durch sollte schon in Jahres­frist die Energieerzeu­gung um 1116 MW erweit­ert wer­den. Hinzu kom­men 41 Wärmekraftwerke mit ein­er Gesamtka­paz­ität von 14000 MW. Bis 2003 soll­ten diese Kraftwerke in der Lage sein, 10000 MW zur Ver­fü­gung zu stellen. Zudem wurde der Bau von 5707 km Über­tra­gungsleitun­gen vorge­se­hen. Alleine von 2010 bis 2015 soll die Stromerzeu­gung Brasiliens ver­dop­pelt werden. 

Das vom Min­is­teri­um für Wis­senschaft und Tech­nik koor­dinierte “Ständi­ge Forum für Erneuer­bare Energiefor­men” hat für Sys­te­me­in­führun­gen für den brasil­ian­is­chen Markt bis 2005 unter anderem fol­gende Ziele geset­zt: 
(Quelle: Deutsch-Brasil­ian­is­che Indus­trie- und Handelskammern)

Sonnenen­ergie
· 50 MW ste­hende Kapaz­ität in Form von Lich­tumwan­dlern 
· 3 Mio. m² Auf­nah­me­fläche für Son­nen­licht als Energiequelle 

Winden­ergie
· 1050 MW ste­hende Kapaz­ität (bish­er 22 MW
Mit Hil­fe Däne­marks und des Deutschen Entwick­lungs­di­en­stes soll diese Energieart in Brasilien mas­siv entwick­elt wer­den (brasil­ian­is­ches Förder­pro­gramm “PROEOLICO”). Vor allem in Ceará, dem ärm­sten Staat Brasiliens, im trock­e­nen Nor­dosten, sind die Voraus­set­zun­gen gün­stig. Der brasil­ian­is­che Staat gilt unter Experten als ein Art Wind- Eldo­ra­do, denn in den flachen Küsten­re­gio­nen weht ein steter Wind. Das Poten­zial der Gesamtleis­tung der Wind­tur­binen beträgt in Brasilien laut Jens-Peter Mol­ly vom Deutschen Winden­ergie-Insti­tut Dewi 140 Gigawatt. Zum Ver­gle­ich: Die gesamte Kraftwerk­sleis­tung des Lan­des liegt derzeit bei 60 GW. “In Brasilien sind 30 Gigawatt Winden­ergie ohne weit­eres mach­bar”, meint der Dewi- Chef. Nötig seien Investi­tio­nen von 30 Mil­liar­den Euro. Die Chan­cen seien aber “sehr groß”. Bis­lang (Stand 2003) sind in ganz Brasilien nur 22 Megawatt Windenen­ergie-Leis­tung instal­liert — 20 MW davon in Ceará.
Quelle: DEG — Deutsche Investi­tions- und Entwick­lungs­ge­sellschaft
Quelle: DEWI Mag­a­zin Nr. 19, August 2001
Quelle: Bun­desumwelt­min­is­teri­um, Inno­va­tion­sre­port vom 03.06.2004

Bio­masse
· 3000 MW ste­hende Kapaz­ität unter Ein­beziehung von Zuck­er­rohrba­gasse 
· 1000 MW ste­hende Kapaz­ität unter Ein­beziehung von Abfällen aus der Papi­er- und Zell­stoffind­us­trie 
· 250 MW ste­hende Kapaz­ität an Wärmekraftwerken mit Brennholz­be­trieb aus Auf­forstun­gen 
· 150 MW ste­hende Kapaz­ität aus pflanzenöl­be­triebe­nen Kleinkraftwerken.

Das im Mai 2004 ange­laufene Proin­fa-Pro­gramm soll Wind­strom, kleinen Wasserkraftwerke sowie Strom aus Bio­masse wie Press­rück­stände aus der Zuck­er­erzeu­gung, Holzresten oder Reiss­chalen unter­stützen. In zum Jahre­sende 2006 sollen 3300 Megawatt instal­liert wer­den. Die Regierung garantiert die Stromab­nahme über 20 Jahre zu attrak­tiv­en Preisen, bei der Finanzierung der Pro­jek­te hil­ft die staatliche Entwick­lungs­bank. Nach öster­re­ichis­ch­er Veröf­fentlichung aus dem Jahr 2008 beab­sichtigt Brasilien darüber hin­aus für die kom­menden 50 Jahre den Bau von fast 60 Atom­kraftwerken. Die für die näch­sten fünf Jahrzehnte geplanten Anla­gen soll­ten ins­ge­samt 60.000 Megawatt Strom erzeugen.