Turkstaaten – Türkei


Türkei

Die wichtigsten Informationen im Überblick:

Regierungsform (Government Type): Republik (Republic)

Karte Türkei

Hauptstadt (Capital): Ankara
Einwohner (Population): 70,712 Mio.
Fläche (qkm) (Area sq.km): 779.452
Wehretat (Defence Budget): 7,8 Mrd. US-$ (2003)
BSP/Einwohner (GNP/Capita): 2.800 US-$

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Daten außer Wehretat dem Fischer Weltalmanach 2005 entnommen

Wirtschaftswachstum: 2002 – 2006 zwischen 5,9 und 9,9 %; 2007: 4,3 %; 2009: -4,7%; 2010: + 7,9 %; 2011: 8,5 %;
BIP: 2006: 526 Mrd. $ (nach EU-Statistikmethode);
Devisenzuflüsse: 2002: 1 Mrd. $; 2006: 20 Mrd. $; 2007: 22 Mrd. $;

„Turbo-Staat Türkei

Vom Außenseiter zu Großmacht – das Land boomt und ist jetzt Vorbild für die arabische Welt“

(stern, Titelbild 03.11.2011)

 

Gehört die Türkei zu Europa?
Nun, nach altgriechischer Legende hat Zeus seine Europa an der Küste der Ägäis auf türkischer Erde an Land geschleppt, hier lebte Homer und fand das Drama um Troja statt, in Antiochia – dem heutigen Antakya nahe der syrischen Grenze entstand die erste christliche Gemeinde außerhab der jüdischen Siedlungsgebiete, und mit Kaiser Konstantin wurde Byzanz, das den Namen Konstantinopel erhielt, zur Hauptstadt des gesamen römischen Reiches …

Erst mit der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen (1453) stellt sich eine solche Frage. Vorher war über Jahrtausende hin das Gebiet der heutigen Türkei ganz selbstverständlich Bestandteil, ja sogar Ursprungskern der abendländischen antiken Kultur.

Die Frage müsste also lauten: Gehören die Türken zu Europa?
Als Sultan Mehmet II das heutige Istanbul für die Osmanen eroberte, waren längst enge, ja sogar familiäre Kontakte zwischen den byzantinischen und dem osmanischen Herrscherhaus vorangegangen. Sultan Mehmet II trat das Erbe des byzantinischen, des europäischen Kaiserreiches an. Spätestens die Flucht des im Streit um die Thronfolge unterlegenen jüngsten Sohnes von Mehmet II, Cem Sultan, nach Westeuropa markiert den Beginn einer Epoche intensiver diplomatischer Beziehungen mit dem römisch-katholischen Abendland, in denen die Osmanen auch als Europäische Macht im Ränkespiel der europäischen Mächte aktiv waren. Der Marsch der Türken vor die Tore der Stadt Wien ist nichts anderes, als die Eroberungszüge Napoleons, als Napolens Zug nach Moskau, ein Ringen um Macht und Einfluss, das vor der Hauptstadt des letzten, unüberwindlichen Gegners zusammen brach.

Und doch: die Türkei wird als andere Kultur, als nicht europäische Kultur wahrgenommen. Der Islam mit seinem fremd wirkenden Gotteshaus, der Moschee, den so fremdartigen Riten beim Gebet, die anderen höfischen Sitten – das alles prägt das Gefühl, dass die Türkei „vor“ den Toren Europas liegt. Dabei steht die größte und nach der Hauptstadt wichtigste Stadt der Türkei, Istanbul, geographisch auf europäischem Boden.

Zwei Welten – zwei Meere – zwischen Schwarzen Meer und Mittelmeer, zwischen Europa und Asien prallen zwei Welten aufeinander; prallen?
Nein, hier haben sich Orient und Okzident in einer einzigartigen Weise gefunden, sind eine harmonische Bindung eingegangen, die selbst im Verfall enorme Dynamik und Anziehungskraft ausstrahlte.

Geschichte:

Die heutige Türkei ist der Nachfolger des osmanischen Reiches, das türkische Fürsten Ende des 13. Jahrhunderts in Ostanatolien errichteten.

In ständigen Kämpfen mit den Persern (schiitische Safawiden), den christlichen Byzantinern und (in einem fast ungewollten Krieg) gegen die ägyptischen Mameluken (1516/1517) gelang des den Osmanen, ein Reich zu begründen, das von Algerien bis zum Südjemen reichte.

Das osmanische Reich des 16. und 17. Jahrhunderts kann also von seiner Ausdehnung her durchaus mit dem römischen Weltreich verglichen werden. Ein solches ausgedehntes Reich musste auch verwaltet werden. Die Osmanen schöpften dabei aus der antiken – byzantinischen wie auch der arabischen Tradition.

Die osmanische Staatskunst bildete das Bemühen, ein ausgewogenes Verhältnis von vier miteinander verbundenen Elementen zu gewährleisten:

  1. benötigte der Staat eine starke Truppe, um die Staatsmacht durchzusetzen;
  2. benötigte der Staat zur Finanzierung der Streitkräfte regelmäßig, hohe Steuereinnahmen,
  3. benötigte der Staat zur Sicherung dieser Einnahmen eine wirtschaftliche Prosperität der Steuerbürger und
  4. benötigte der Staat zur Sicherung dieser Prosperität gerechte Gesetze.

Politische Unordnung – wie korrupte Amtsträger, undisziplinierte Streitkräfte oder hohe Preise – wurden nach osmanischem Staatsverständnis durch einen Mangel an Ausgewogenheit zwischen diesen vier Elementen verursacht.

Die osmanischen Sultane konzentrierten sich ab dem 17. Jahrhundert auf Südosteuropa und den russischen Nachbarn im Norden. Waren die Osmanen 1683 noch vor Wien, so gelang es den Habsburgern schon 1699. große Teile des Balkan aus dem osmanischen Herrschaftsgebiet herauszubrechen. Dazu kamen Begehrlichkeiten der russischen Zaren(Peter der Große), die sich auf die Schwarzmeerküsten und den Kaukasus richteten.

Die dem Sultan unterstellten osmanischen Beamten sollten nur die Interessen des Sultans verfolgen. Allerdings ließ sich ein Reich von der Größe des osmanischen Imperiums nicht nur über eine zentral gelenkte Beamtenschaft leiten. Die Osmanen waren auf heimische Führungskräfte angewiesen, die ihre Ämter vielfach nutzten, um sich und ihre Familien auf Kosten des osmanischen Staates zu bereichern und sich von der „Hohen Pforte“ unabhängiger zu machen.

Dies führte zu einer zunehmenden Zentrifugalkraft, der das osmanische Reich immer weniger Widerstand entgegen setzten konnte. Dazu kamen die Einflüsse „westlicher Kolonialstaaten“, deren Sitten und Gebräuche mit dem sittenstrengen Islam nicht vereinbar waren. So beklagte sich schon um 1750 ein Bewohner von Damaskus über den sittlichen Niedergang, der durch die offene Anwesenheit von Prostituierten und deren Schutz durch eine korrupte Soldateska augenscheinlich sei.

In dieser Zeit etablierte sich die arabische Autonomiebewegung, die von den lokalen (und korrupten) Führern im Bemühen um „noch mehr Einnahmen aus dem Staatshaushalt“ getragen wurde.

Im Libanon (Shihab) und Damaskus (Azm) bildeten sich lokale Führungsdynastien, die sich zwar loyal unter den Sultan stellten, aber die eigenen Grenzen möglichst ausweiten wollten. In Bagdad in Palästina und in Kairo erstarkten lokale (Mameluken-)Führungskräfte. Deren Zusammenschluss – wie die 1770 erfolgte Verbindung der ägyptischen Mameluken (Ali Bey) mit palästinensischen Lokalgrößen der Zaydani (die durch den Export von Baumwolle nach Europa reich geworden war) – wurde zu einer massiven Bedrohung für die osmanische Herrschaft, der es trotz mehrere Feldzüge zwischen 1742 und 1770 nicht gelang, die Herrschaft der Zaydani (Sahir al-Umar) zu brechen. Die vereinten ägyptisch-palästinensischen Truppen konnten 1771 sogar den osmanischen Gouverneur aus Damaskus vertreiben – und die Macht von Ägypten über den Hidjas bis nach Damaskus übernehmen. Erst eine „Palastrevolte“ unter den Mameluken und der osmanisch-russische Friedensvertrag von 1774 versetzten die Osmanen in die Lage, wieder die Macht in Palästina zu übernehmen und die osmanische Herrschaft zu konsolidieren.

Damit war die „arabische Bedrohung“ aber nicht beendet. Auf der arabischen Halbinsel verbündeten sich Mitte des 18. Jahrhunderts (1744/45) die fundamentalistischen Wahabiten und die Familie Saud auch gegen die religiöse Führung durch den Sultan in Istanbul. Bereits 1802 waren die Wahabiten so stark, dass sie die den Schiiten besonders heilige Stadt Kerbala auf osmanischen Territorium angreifen konnten. Im Frühjahr 1803 erfolgte die Eroberung der heiligen Stätten im Hidjas, und – Gipfel der Machtdemonstration – den Pilgern aus dem osmanischen Reich wurde der Besuch der heiligen Stätten zur Pilgerzeit verwehrt. Die Wahabiten betrachteten den osmanischen Islam mit seiner Heiligenverehrtung als Polytheismus, und damit wurde nicht nur die weltliche Herrschaft der Osmanen sondern auch die religiöse Legitimation des Sultans angegriffen.

Lediglich die weit entfernten Provinzen im Westen (Tunis und Algier) sowie im Süden (Jemen) leisteten im Gegenzug für ihre weitgehende Autonomie weiterhin die jährlichen Abgaben an den Sultan.

Die größte Bedrohung der osmanischen Herrschaft sollte aber von Ägypten ausgehen. In Folge der französischen Invasion unter Napolen (1798) gelang es dem Albaner Muhammed Ali und seinem Sohn Ibrahim Pascha als „osmanische Vizekönige“ die Macht in den osmansichen Povinzen vom Roten Meer bis zum Peleponnes zu erringen, und sogar die osmanischen Truppen zu überwinden und zum Angriff auf die osmanische Hauptstadt selbst, auf Istanbul, anzusetzen. Da der Großwesir gefangen genommen wurde, und die ägyptische Armee nur noch 200 km von der osmanischen Hauptstadt entfernt war, kapitulierte der Sultan und übertrug Muhammad Ali und Ibrahim Pascha 1833 das Amt des Gouverneurs von Ägypten und den Provinzen Hidjas, Kreta, Akko, Damaskus, Tripoli und Aleppo, sowie das Recht zur Steuereintreibung im Hafen von Adana.

 Muhammad Ali hatte sich moderner Ideen und industrieller und militärischer Technologien aus Europa bedient, und damit die Herrschaft über das Niltal, den Hidjas, Grosssyrien und sogar griechische Gebiete errungen. Erst die Intervention europäischer Mächte konnte das osmanische Reich retten. Das osmanische Reich stand vor dem wichtigsten Erneuerungsprozess seiner Geschichte.

Von 1839 bis 1876 wandelte sich die absolutische Monarchie der Osmanen in eine konstituielle Monarchie mit einem gewählten Parlament nach europäischem Vorbild – per „Dekret“, nicht durch eine Rebellion des Volkes. Zwei „Großherrlichen Handschreiben“ oder Dekreten (von 1839 und 1856) folgte schließlich die Verfassung von 1876. Die Verwaltung wurde refomiert, ein Grundbuchsystem geschaffen und eine Verwaltungsstruktur aufgebaut, die sich bis in die letzten anatolischen Dörfer erstreckte.

Zur Ausbildung der notwendigen Beamtenschaft wurde ein umfassendes, dreigliedriges Schulsystem bis hin zu Hochschulen mit Lehrplänen nach europäischem Muster eingeführt. Auch das osmanisch-islamische Rechtssystem wurde nach europäischem Vorbild refomiert.

Allerdings stieß die „von oben verordnete“ Modernisierung nicht überall auf Gegenliebe. Die effiziente Verwaltung ließ auch höhere Steuerabgaben und die Rekrutierung von Soldaten erwarten – was sowohl bei den Besitzenden wie auch bei den ärmeren Familien zu entsprechenden Boykottmaßnahmen führte. 1860 kam es sogar zu regelrechten Progromen, weil den libanesischen und syrischen Muslimen die von den Europäern geförderte Verbesserung der rechtlichen Situation von Minderheiten nicht zu vermitteln war.

Die Reformen wurden daher für die Bereiche verstärkt, die möglichst vielen Menschen eine Verbesserung der Lebensbedingungen ermöglichte. Daher wurden nach 1860 vor allem Investitionen in öffentlichen Bauvorhaben verstärkt. Die Häfen von Istanbuld, Izmir und Beirut wurden modernisiert, und 1856 die Konzession für die erste türkische Eisenbahnlinie zwischen Izmir und Ayudin erteilt. Wenige Jahre später folgte die zweite Bahnlinie zwischen Kasaba und Symyrna (1865 fertig gestellt), und mit der industriellen Ausbeutung von Bodenschätzen begonnen.

Am Nachhaltigsten sollte aber die Diskussion über eine türkische Verfassung sein, die 1876 zur osmanischen Verfassung und der Einführung eines ersten osmanischen Parlaments nach europäischem Vorbild führten. 

Die Reformen kamen vielleicht nicht zu spät – aber sie konnten nicht die notwendige Wirkung entfalten, die für eine Erneuerung der osmanischen Herrschaft nötig geworden wäre. Letzendlich zerstörerisch sollte – wie in Tunesien – die ausufernde Verschuldung des Staates werden. 1875 hatten die Osmanen mehr als ein Dutzend Auslandskredite in Höhe von 1,21 Mrd. US-$ aufgenommen. Von diesen Krediten waren nach Abzug von Provisionen und Gebühren nur 638 Mio. Dollar ausbezahlt worden,  und davon wurden nur 225,5 Mio. Dollar investiert – der Rest musste für Zinsen (363 Mio. $) und Tilgungen (104,5 Mio. $) verwendet. Eine Situation, die an die enorme Verschuldung der USA zu Beginn des 21. Jahrhunderts erinnert. Nach einem verlustreichen Krieg gegen das zaristische Russland (1877 – 1878) wurde das osmanische Reich fiskalisch unter die Zwangsverwaltung seiner europäischen Gläubiger gestellt. Die „Öffentliche Osmanische Schuldenverwaltung“ sicherte sich einen großen Teil der Staatseinnahmen, öffnete die staatlichen Bauprojekte und die Erzgewinnung für Unternehmen aus den europäischen Gläubigerländern und übte einen erheblichen Einfluss au die Entscheidungen der Regierung aus.

Da auch die autonomen afrikanischen Provinzen Tunesien und Ägypten den Staatsbankrott erklären mussten, war das Tor für die Zerstückelung des osmanischen Reiches geöffnet. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde die gesamte nordafrikanische Region von europäischen Kolonialmächten unter Kuratell genommen. 

Mit dem Ende des ersten Weltkrieges wurde das osmanische Reich vollends zerschlagen, europäische Gebiete und die restlichen (vorderasiatischen) arabischen Staaten wurden von Istanbul unabhängig, anstelle des abgesetzten Sultans übernahmen junge revolutionäre Idealisten die Staatsgeschäfte. An die Stelle des „Vielvölkerstaates“ war eine Reihe von Nationalstaaten getreten, die sich im Wesentlichen auf ein ethnisch einheitliches Staatsvolk stützen konnten.