Turkstaaten — Aserbaidschan

Aserbaidschan Azerbaijan Aserbaidschan Streitkräfte Azerbaijan Armed Forces

Die wichtig­sten Infor­ma­tio­nen im Überblick:

Regierungs­form (Gov­ern­ment Type): Prä­sidi­al­re­pub­lik (Pres­i­den­tial Repub­lic)

Aserbaidschan Karte

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Ein­wohn­er (Pop­u­la­tion): 8,233  Mio.
Fläche (qkm) (Area sq.km): 86.600
Wehre­tat (Defence Bud­get): 143 Mio. US-$ (2004)
BSP/Einwohner (GNP/Capita): 820 US-$
Dat­en außer Wehre­tat dem Fis­ch­er Weltal­manach 2005 ent­nom­men

 

BIP-Wach­s­tum:
2000 bis 2003: 10,7 % (zum Ver­gle­ich: Deutsch­land 1,0 % — Quelle: Spiegel Nr. 27 / 4.7.2005)
2007: rund 25 % (Quelle: Spiegel Nr. 10/2008)

Aser­baid­schan
Die mit rund 86.000 km kleine Staats­fläche im Süden der Kauka­sus-Gebirgs­kette — und damit der rus­sis­chen Gren­ze — schließt sich unmit­tel­bar östlich an Georgien an und bildete bere­its in der Antike einen Teil der Sei­den­straße — näm­lich die Land­brücke zwis­chen Schwarzem und Kaspis­chem Meer.

ASERIS sind Türken
Die Bewohn­er Aser­baid­schans, die Aseris, sind Türken — wen­ngle­ich meist nicht zum Bestandteil des Osman­is­chen Reich­es gehörend, sprechen die Aseris doch eine dem osman­is­chen Türkisch sehr ver­wandte Sprache — eigentlich nicht mehr als einen türkischen Dialekt. Die Aseris sind aber auch — soweit nach der Sow­jet­zeit noch religiös inter­essiert und vor allem im iranis­chen Teil des Sied­lungs­ge­bi­etes — Anhänger des Ali; das verbindet sie nicht nur mit den Iran­ern oder Persern son­dern auch mit den Ale­viten, denen etwa jed­er fün­fte Staat­sange­hörige der Türkei ange­hören soll. Den eher weltof­fe­nen Ale­viten kann daher eine Schlüs­sel­rolle zufall­en, wenn es um eine zunehmend engere Verbindung zwis­chen den Türken der Türkei und Aser­baid­schans gehen wird.

Bere­its bei der Grün­dung des Timjuridis­chen Reich­es hat­ten “Karakoyunlu”-Turkmenen mit mehreren oghu­sis­chen Stäm­men einen eige­nen sep­a­rat­en Staat (um die Haupt­stadt Her­at) gegrün­det, der von 1380 bis 1469 bestand, u.a. auch die Gegend um Aser­bei­d­schan umfasste und zwis­chen dem timuridis­chen Imperi­um und dem Osman­is­chen Reich seine Unab­hängigkeit zu wahren ver­suchte.
Nach inter­nen Wirren und ein­er Nieder­lage gegen die “Akkoyun­lu” bildete sich ein eigen­er Akkoyun­lu-Staat (1350–1502), der sich auf turk­menis­che Stämme im Gebi­et von Diyarbakir stützte, der sich im Nor­den mit dem griechis­chen Reich von Trapezunt auseinan­der­set­zen mußte. Seine Glanzzeit erlebte der Akkoyun­lu-Staat unter Uzun Hasan, unter dessen Herrschaft die Gren­zen des Reich­es vom Kaspis­chen Meer bis Syrien und von Aser­baid­schan bis Bag­dad reicht­en. Deshalb sah sich Uzun Hasan selb­st als Wahrer der Ein­heit unter den Türken und ver­glich sich mit Timur.
Nach län­geren Zeit­en wech­sel­nder Herrschaft eroberte Peter der Große 1723 Aser­baid­schan, dessen Nor­den gut hun­dert Jahre später — 1828 — endgültig von den Russen annek­tiert wurde, während der Süden an Per­sien fiel.
Mit der Fer­tig­stel­lung der tran­skauka­sis­chen Eisen­bahn ans Schwarze Meer (1883) entwick­elte sich Baku wegen des Ölre­ich­tums — die Hälfte der weltweit­en Erdöl­pro­duk­tion — zu ein­er Indus­triemetro­pole im Rus­sis­chen Reich. 
Auch Aser­baid­schan ver­suchte — wie die zen­tralasi­atis­chen Staat­en auch — die Wirren der Okto­ber­rev­o­lu­tion, den Sturz der Zaren und das Ende des ersten Weltkrieges zu nutzen, um (1918) unab­hängig zu wer­den, doch schon nach 2 Jahren machte die Rote Armee der Unab­hängigkeit ein Ende.
Sei­ther wur­den die Ressourcen des Lan­des — vor allem das Erdöl — ohne Rück­sicht auf Umweltschä­den auf gigan­tis­chen Ölfeldern aus­ge­beutet.
Die tra­di­tionellen Erwerb­szweige — Fis­chfang im Kaspis­chen Meer (Stör!) — und Obst- und Garten­bau (Wein) auf den kli­ma­tisch begün­stigten Süd­hän­gen des Kauka­sus wur­den dage­gen deut­lich zurückge­drängt. Mit dem Zer­fall der Sow­je­tu­nion — nach­dem noch im Jan­u­ar 1990 eine blutige sow­jetis­che Mil­itärin­ter­ven­tion in Baku die Unab­hängigkeit­sträume zu vere­it­eln schien — erfol­gte im Okto­ber 1991 die dauer­hafte Unab­hängigkeit­serk­lärung. 
Bere­its einen Monat später entzün­dete sich ein Kon­flikt um die Region Berg Karabach, der von rus­sis­chen Inter­essensvertretern kräftig geschürt wurde und wohl bis heute nicht endgültig beigelegt ist.

Berg-Karabach (Nagorny-Karabach)
ist eine mehrheitlich armenisch bewohnte Enklave in Aser­baid­schan. 1979 lebten dort 125.000 Arme­nier und 37.000 Aseris. Die Region war Ort eines lan­gan­dauern­den Krieges von 1989 bis 1994 mit über 50.000 Todes­opfern. Er endete mit der Wieder­her­stel­lung der Autonomie Berg-Karabachs und der Vertrei­bung fast aller Aseris. 

Annäherung an die Türken:
Während der rus­sis­che Ein­fluss immer mehr abn­immt streckt Aser­baid­schan sein Füh­ler zum West­en aus, wo die ver­wandten Türken einen ide­alen Part­ner abgeben.
Mit der Ein­führung der lateinis­chen Schrift (1992), die seit 2001 verbindlich ist, beken­nt sich Aser­baid­schan genau­so wie die zen­tralasi­atis­chen Turk­staat­en zum West­en — bedeutet diese Schrift doch auch eine Abwen­dung vom kyril­lis­chen Rus­s­land und gle­icher­maßen eine deut­liche Dis­tanzierung von islamis­chen Ten­den­zen, die durch die Ver­wen­dung der ara­bis­chen Schriftze­ichen sym­bol­isiert wer­den. Die Türken sind auch ein ide­al­er Part­ner, nicht nur, weil eine nicht ein­mal 10 km lange Gren­ze zur Türkei die Isolierung der Enklave Nachitschewan durch die Arme­nier ver­hin­dert (die um die Enklave Berg-Karabach einen erbit­terten Krieg geführt haben), mit dem türkischen Nach­barn ist auch ein “großer Brud­er” gefun­den, der die Hand schützend über seine Geschwis­ter in Aser­baid­schan legt. Gemein­same Sprache, gemein­samer islamis­ch­er Glaube in ein­er weniger radikalen als viel mehr laizis­tis­chen Art, und vor allem gemein­same wirtschaftliche Inter­essen — das verbindet die bei­den Staat­en. Dazu übt Istan­bul — nicht das ana­tolis­che Ankara — seit Jahrhun­derten eine erhe­bliche kul­turelle Anziehungskraft auch und ger­ade auf die Ange­höri­gen der türkischen Völk­er Zen­tralasiens aus.

Aser­baid­schan – das im Okto­ber 1992 aus der GUS aus­trat — unterze­ich­nete bere­its im Novem­ber 1992 in Ankara mit den Staat­sober­häuptern der anderen turk­sprachi­gen ehe­ma­li­gen Sow­je­tre­pub­liken Kasach­stan, Usbek­istan, Kir­gi­sis­tan und Turk­menistan und der Türkei ein Abkom­men über eine engere wirtschaftliche Zusam­me­nar­beit. Ein Aus­fluss dieser Bemühun­gen ist das im Novem­ber 1999 zwis­chen den Staat­spräsi­den­ten von Aser­baid­schan, Georgien, Kasach­stan und der Türkei (in Anwe­sen­heit von US-Präsi­dent Bill Clin­ton) in Istanbul/Türkei abgeschlossene Abkom­men über den Bau ein­er fast 1.800 Kilo­me­ter lan­gen Pipeline, durch die inzwis­chen (unter Umge­hung Rus­s­lands und des Iran) Erdöl aus dem Kaspis­chen Meer von der aser­baid­sch­a­nis­chen Haupt­stadt Baku über Georgien bis zum türkischen Mit­telmeer­hafen Cey­han gepumpt wird.

Aser­baid­schans Staatschef Haj­dar Ali­jew stellte im Zeichen dieser Annäherung das Land auch im August 2001 durch Dekret von der kyril­lis­chen auf die lateinis­che Schrift um. Damit wird eine „Aus­gren­zung“ der etwa 6 % rus­sis­chstäm­miger Bewohn­er des Lan­des, die weit­er­hin die kyril­lis­che Schrift benutzen dür­fen, betrieben — während die Aseris (nach ein­er kurzen Umstel­lungsphase) in der Lage sind, die in der Lan­dessprache „Türkisch“ erscheinen­den Pub­lika­tio­nen aus der Türkei zu ver­fol­gen. 

Aser­baid­schans Regierung behauptet inzwis­chen, das Land wäre “europäis­ch­er als die Türkei”; das Land beken­nt sich offiziell zu “west­lichen Werten” und strebt eine möglichst weite Annhäherung an die EU und die NATO an. Wie in Rus­s­land und der Türkei auch bleibt die tat­säch­liche poli­tis­che Entwick­lung aber hin­ter diesem Anspruch zurück. Die größte Oppo­si­tion­szeitung in Aser­baid­schan wird mit hor­ren­den Nachzahlungs­forderun­gen für eine einst miet­frei über­lassene Immo­bilie kon­fron­tiert. Es kann kaum einen Zweifel daran geben, dass dies ein her­ber Rückschlag für die Presse­frei­heit im Lande ist.