Arabisches Niltal – Ägypten


Ägypten Egypt

Die wichtigsten Informationen im Überblick:

Regierungsform (Government Type): Präsidialrepublik (Presidential Republic)

Karte Ägypten

Hauptstadt: Al-Qahirah (Kairo / Cairo)
Einwohner (Population):

67,559 Mio.

(80,3 Mio. = 2007)

Fläche (qkm) (Area sq.km): 1.002.000
Wehretat (Defence Budget): 2,7 Mrd. US-$ (2003) plus Militärhilfe 1,3 Mrd. US-$
BSP/Einwohner (GNP/Capita): 1.390 US-$

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Daten außer Wehretat dem Fischer Weltalmanach 2005 entnommen, soweit nicht anders vermerkt
Demographie (Demography) Anzahl Anteil Gesamtbevölkerung
Ethnische Gruppen (Ethnic groups)    
Araber (Arabs) 72.127.200 98,4%
Griechen, Italiener, Armenier (Greeks, Italians, Armenians) 733.000 1,0%
Nubier (Nubians) 73.300 0,1%
Andere (Others) 366.500 0,5%
Religiöse Gruppen (Religious groups)    
Sunniten (Sunni Muslims) 68.902.000 94,0%
Kopten, andere Christen (Copts, other Christians) 4.398.000 6,0%

 

BIP pro Kopf. 4.200 $ (2007, kaufkraftbereinigt, Quelle: WiWo 22.10.2007)

Wirtschaftswachstum:  seit Jahren in der Größe von ca. 7 % jährlich, 2010 4,5 % (Quelle €uro 03/2010)

Das bevölkerungsreichste Land (Schätzungen für das Jahr 2004 liegen schon bei 73 Millionen) in Nordafrika und unter den arabischen Ländern nimmt eine Sonderstellung ein. Die ägyptische Hauptstadt Kairo ist zugleich Sitz der Arabischen Liga (arabisch: جامعة الدول العربية dschāmiʿat ad-duwal al-ʿarabiyya, DMG ǧāmiʿat al-duwal al-ʿarabiyya, „Liga der arabischen Staaten“), der al-Azhar Moschee und der 988 in Kairo gegründeten, gleichnamigen Universität, die zu den wichtigsten Zentren der islamisch-sunnitischen Welt zählen.
Ägypten gilt als die Hochburg der sunnitischen Theologie in der islamischen Welt. Die Hauptstadt mit ca. 16 Mio. Einwohnern zählt zu den größten Städten der Welt.

Geschichte:
Ägyptens Pyramiden beweisen es – das Niltal gehört zu  den ältesten Kulturlandschaften der Erde. Schon früh haben die jährlich wechselnden Überflutungen ein ausgefeiltes Kalender-, Priester- und Staatssytem hervorgebracht, das erst mit den Ptolmäern und letztendlich den Römern zum Bestandteil einer gemeinsamen mediterannen Kultur rund ums Mittelmeer wurde. Die Überlieferung der Juden, die über das „Alte Testament“ auch Eingang in die christliche und muslimische Tradition gefunden hat, setzt sich immer wieder mit den benachbarten Ägyptern auseinander.

Auch die Christianisierung ging an dem Gebiet, in dem der Überlieferung das neugeborene Kind mit seiner Mutter Maria von Josef in Sicherheit gebracht wurde, nicht vorbei. Alexandria gehörte zu den wichtigsten Wirkungsstätten der Apostel und ist Sitz eines Patriarchen, der sich als koptischer Papst und Kirchenoberhaupt auf gleicher Ebene wie der orthodoxe Patriarch in Istanbul oder der katholische Papst in Rom befindet. Von Ägypten aus erfolgte die erste Christianisierung Afrikas, die bis nach Äthiopien vordrang und dort heute noch lebendig ist.

Der Sturm der arabischen Beduinen überrollte sehr schnell die angrenzenden nordafrikanischen Gebiete – und Ägypten war das erste afrikanische Land, das zum Islam konvertierte. Dabei blieben die christlich – koptische Kirche und das koptische als urägyptische Umgangs- und Kirchensprache durchaus erhalten. Die islamischen Herrscher hatten kein Bedürfnis, Ägyptens Christen mit Gewalt zum Islam zu konvertieren. Dazu war der Schutzzoll, den Christen und Juden unter islamischer Herrschaft entrichteten, als Einnahmequelle viel zu wichtig. Der Islam verdrängte nur langsam die christlichen Gemeinschaften. 

Nachdem die Osmanen die arabischen Kalifen (1516/1517) abgelöst hatten, befand sich auch Ägypten unter nomineller türkisch-osmanischer Herrschaft. Die Statthalter der Osmanen, die Mamelucken – ursprünglich Militärsklaven, die ab 1250 in Ägypten in drei Dynastien mit zeitlicher Unterbrechung herrschten – übten ihr Amt mehr oder weniger unabhängig und im ständigen Bestreben um mehr Eigenständigkeit aus. Die Osmanen waren zur Verwaltung ihrer Provinzen auf die heimische Führungselite angewiesen. So begannen die mamelukischen Beys schon ab 1600 leitende Positionen in der Zivilverwaltung zu übernehmen. Mameluken führten die Schatzkammer, leiteten die jährlichen Pilgerzüge nach Mekka, wurden sogar Gouverneure der Provinz Hidjas auf der arabischen Halbinsel. Im 17. Jahrhundert wurden Mameluken auch hohe militärische Ämter anvertraut – was die heimische Führungselite der Mameluken zu Rivalen der von Istanbul entsandten Gouverneure und Kommandanten machte. Da sich die osmanischen Sultane bevorzugt um die Krisen auf dem Balkan kümmerten, bildete sich unter nominell osmanischer Herrschaft ein rivalisierendes Klientel-System. Die eine Partei war die Gruppe der heimischen Militärs, die Quasimi – die andere Gruppe, die Faquari, hielten zu den osmanischen Regenten und deren Reiter-Truppen. Die Rivalität dieser Gruppierungen wurde mit mehr oder weniger Erfolg von den osmanischen Provinz-Gouverneuren genutzt, gleichzeitig richtete sich die Intrigen-Wirtschaft der jeweils unterlegenen Gruppe gegen die Gouverneure selbst.

Nach gegenseitigen Gemetzeln der Faquari- und Qasimi-Fraktion übernahm eine weitere Mameluken-Fraktion, die Qazdugli, im 18. Jahrhundert „die Macht am Nil“. Unter diesen entwickelte sich eine eigene, ägyptische Regierungsstruktur, in der die Mameluken unter der formalen osmanischen Oberhoheit das Herrschaftsgebiet über Nordafrika und nach Südarabien ausdehnten.

Die unterschiedlichen Regierungssysteme der osmanischen Provinzen förderten aber auch die Zentrifugalkräfte des osmanischen Reiches, das so zunehmend den direkten Einfluss auf seine Herrschaftsgebiete verlor.

Die Schwäche dieses Systems zeigte sich nicht nur beim Aufstand von Ali Bey, dem Mameluken-Fürsten Ägyptens, der kurzzeitig zur Wiederherstellung des mamelukischen Herrschaftsgebietes von 1516 führte. Der um 1800 begonnene Aufstand der Saudis konnte von osmanischen Einheiten nicht mehr beendet werden.

Ägypten – eine arabische Nation etabliert sich:

Den Auftakt bildete in der Nacht zum 1. Juli 1798 die Invasion Napoleons, der mit einer gewaltigen Truppe in Alexandria landete und sich dank überlegenener Waffen schon kurze Zeit später in Kairo festsetzen konnte. Zunächst prallten die aufklärerische Weltanschauung der Franzosen und die Frömmigkeit der osmanischen Untertanen unvereinbar aufeinander. Da es den Briten gelang, die napoleonische Inflationsflotte weitestgehend zu vernichten, waren die französischen Truppen allerdings in eine nahezu ausweglose Situation gekommen. Ein gemeinsamer Angriff britischer und osmanischer Truppen beendete im Sommer 1801 das aussichtslose französische Engagement in Ägypten. Doch die dreijährige Fremdherrschaft blieb für Ägypten nicht ohne Folgen. Auf Seite der Osmanen war ersmals eine Armee beteiligt, die sich nicht aus der Kriegerkaste der Janitscharen rekrutierte. Diese Armee – aus anatolischen Bauern rekrutiert und von europäischen Offizieren aus Preußen und Frankreich gedrillt – die Nizam-i Cedid sollte zum Vorbild für eine neue ägyptische Armee werden.

Das nach dem Abzug der Briten (1803) bestehende Machtvakuum führte aber zunächst zu erbitterten Kämpfen zwischen Mameluken und Osmanen. Aus diesen Wirren ging Muhammad Ali – ein gebürtiger Albaner und Befehlshaber der 6000 Mann starken osmanischen Truppen – als Sieger hervor. Als die Saudis dann ab 1806 den osmanischen Pilgern den Zugang zu den heiligen Stätten im Hidjas verwehrten, wurde Muhammed Ali zum Pascha erhohen und zum Gouverneur des Hidjas ernannt. Den Osmanen gelang es aber nicht, Muhammed Ali auch zum Einsatz am Roten Meer zu bewegen. Vielmehr erhoben sich im Mai 1805 die Bewohner von Kairo, um den von den Osmanen eingesetzten ägyptischen Gourverneur Khurshid Ahmad Pascha abzusetzen und stattdessen Muhammad Ali zu installieren. Der „Hohen Pforte“ blieb nichts anderes übrig, als dies zu akzetieren. Zum ersten mal, dass eine „Arabellion“ erfolgreich verlaufen war. Die aufklärerischen Gedanken der wenige Jahre zuvor abgezogenen Franzosen hatten einen – späten – Wiederhall gefunden.

Ali gelang es nicht nur, sich in Ägypten durchzusetzen. Beeindruckt von den europäischen Mächten übernahm er europäische Technologie und Ideen. Er errichtete die ersten Industrieanlagen des Landes und schuf eine große Fellachenarmee, die mit Waffen und Kleidung aus den eigenen Industrieanlagen ausgerüstet wurde. Technische Handbücher und andere Literatur wurden durch eigene Übersetzungsbüros ins arabische übersetzt und so weiter verbreitet. Der Leiter eines Übersetzungsbüros – ein junger Gelehrter der al-Azhar-Universität, der als Geistlicher einer Nizami-Infanterieeinheit (s.u.) im staatlichen Dienst stand und von 1826 bis 1831 die französische Gesellschaft studieren konnte – hatte dazu erheblich beigetragen. 1834 veröffentlichte er seine Notizen über seinen Aufenthalt in Frankreich, das mit seinen Beobachtungen über europäische Forschung, Wissenschaft und Technik sowie dem französischen Ideal der Aufklärung die Reformen der arabischen und osmanischen Welt befeuern sollte.

Muhammad Ali – formal Vizekönig unter den osmanischen Sultanen – wurde unter Nutzung dieser Erkenntnisse faktisch der Begründer einer eigenen, unabhängien Dynastie, die Ägypten bis zur Revolution von 1952 regieren sollte.

Ein großes Problem der ägyptischen Gouverneure war die Bereitstellung von Soldaten. Die osmanischen Truppen wurden an den europäischen Grenzen benötigt. Muhammed Ali orientierte sich daher notgedrungen an Vorbildern, die er während der französischen Besatzungszeit kennen gelernt hatte. Das waren zum einen die osmanischen, gut gedrillten Nizami-Corps, und zum anderen die französischen „Massenaushebungen“ (levée in masse), die ein großes Volksheer entstehen ließen. Nach dem Vorbild der Nizam-i Cedid und mit französischen Militärexperten wurde ab 1822 ein eigenes, ägyptische Nizami-Corps aus ägyptischen Bauern geschaffen, das bereits 1823 rund 30.000 Mann umfasste und um 1830 auf 130.000 Mann angewachsen war.

Aber schon 1811 war die Macht Muhammed Alis so gestärkt, dass die von den Osmanen schon lange geforderte Expedition gegen die Wahabiten begonnen werden konnte. Zur Stärkung seiner Macht lies Muhammed aber zunächst die mamelukischen Führer, die er zu einer Feier eingeladen hatte, niedermetzeln. So hatte Muhammed Ali die Möglichkeit, nahezu alle seine Truppen gegen die wahabitischen Saudis einzusetzen – denen nach langen und verlustreichen Kämpfne im Jahr 1813 die Wiedereroberung von Mekka und Medina gelang. Aber erst 1815 wurde ein Waffenstillstand vereinbart, der die osmanische Oberherrschaft über den Hidjas vorläufig besiegelte.

Der Sohn und spätere Nachfolger Alis, Ibrahim, führte ab 1817 den Krieg gegen die Saudis fort, die den Waffenstillstand gebrochen hatten. Er zementierte die ägyptische Herrschaft und drängte die Saudis in die zentralarabische Region von Nedjd zurück, die ausserhalb des osmanischen Herrschaftsgebietes lag. Erst im September 1821 kapitulierte die Wahabitische Rebellion – ein ägyptischer Vizekönig war nötig geworden, um die religiöse Oberherrschaft des türkischen Sultans zu sichern. Zum Dank wurde Ibrahim ebenfalls zum Pascha erhoben und zum Gouverneur des Hidjas ernannt. 

Die Stärke der ägyptischen Nizami-Truppen wurde noch im Jahre 1824 benötigt – um nach einem Hilferuf der „Hohen Pforte“ einen flächendeckenden Aufstand griechischer Nationalisen nieder zu schlagen. Mit mehreren Artillerie-Batterien, mehreren Hundert Kavalleristen und 17.000 Infanterie-Soldaten zogen die ägyptischen Truppen nach Griechenland und schlugen den Volksaufstand auf Kreta und dem Peloponnes nieder – was zur Ernennung Ibrahims zum Gouverneur auch dieser Provinzen nach sich zog.

Die neu gewonnene Stärke der ägyptischen Vizekönige zeigte sich aber bereits vorher. Trotz der verlustreichen Kämpfe mit den Saudis konnte Muhammed Ali 1820 in den Sudan einmarschieren und seiner Provinz einverleiben. Eine Vorherrschaft, die bis zur Unabhängigkeit des Sudan (1956) andauern sollte. Die ägyptischen Vizekönige beherrschten also beide Seiten des Roten Meeres und den Handel auf dem Meer. Darüber hinaus erstreckte sich der ägyptische Herrschaftsbereich bis nach Kreta und auf den Peloponnes.

Dies rief sowohl beim osmanischen Sultan wie auch bei den europäischen Mächten erhebliche Beunruhigung hervor. Selbst Frankreich, das den Ausbau der ägyptischen Armee durch Militärberate, Ingenieure und die Ausbildung von Studenten gefördert hatte, befürchtete von den ägyptischen Kräften im östlichen Mittelmeer überflügelt zu werden. Aber auch Großbritannien versuchte, den ägyptischen Aufstieg zu bremsen. Im Sommer 1827 entsandten die ursprünglich verfeindeten europäischen Mächte eine gemeinsame Flotte, um sowohl Osmanen wie Ägypter zum Rückzug zu bewegen. Die vereinte alliierte Flotte vernichtete am 20. Oktober 1827 die osmanisch-ägyptische Flotte in der Bucht von Navarino.

In offenem Widerspruch zum Sultan verhandelte Muhammad Ali mit den Briten, um seine Expeditionsarmee nach Ägypten zurück zu führen. Die Franzosen wiederum unterstützten den griechischen Unabhängigkeitskrieg, der 1828 zur Vertreibung der osmanischen Truppen vom Peloponnes und aus Zentralgriechenland führte. 1832 wurde schließlich das Königreich Griechenland gegründet – in Folge der zunehmenden Schwäche des osmanischen Reiches und der Stärkung der ägyptischen Vizekönige.

Die Schwächung der Osmanen nutzte Muhammed Ali aus, indem er im November 1831 Ibrahim Pascha mit der Eroberung Syriens beauftragte und damit den offenen Bruch mit dem osmanischen Herrscherhaus einging. Nach sechsmonatiger Belagerung war die osmanische Festung Akko im Mai 1832 sturmreif geschossen, und der Weg nach Damaskus frei. Damaskus ergab sich kampflos. Im Juli 1832 kam es dann bei Homs zu den ersten Gefechten mit regulären osmanischen Einheiten. Über 20.000 ägyptischen Soldaten standen zahlenmäßig deutlich überlegene osmanische Einheiten gegenüber. Dennoch gelang es den Ägyptern, die osmanischen Truppen in die Flucht zu schlagen. Mit der nachfolgenden kampflosen Einnahme von Aleppo erreichte der ägyptische Vormarsch seinen Höhepunkt. Ibrahim Pascha konnte im Hafen von Adana seine erschöpften Truppen versorgen, während der Großwesir des Sultans eine weitere Streitmacht von 80.000 Mann mobilisierte, um die Ägypter aus Syrien zu vertreiben.

Aber auch diesen Einheiten konnte die ägyptische Armee widerstehen. Da der Großwesir gefangen genommen wurde,  und die ägyptische Armee nur noch 200 km von der osmanischen Hauptstadt entfernt war, kapitulierte der Sultan und übertrug Muhammad Ali und Ibrahim Pascha 1833 das Amt des Gouverneurs von Ägypten und den Provinzen Hidjas, Kreta, Akko, Damaskus, Tripoli und Aleppo, sowie das Recht zur Steuereintreibung im Hafen von Adana.

Muhammed Ali hatte damit die meisten arabischen Provinzen des osmanischen Reiches unter seiner Herrschaft vereint.

Die nachfolgenden Jahren wurden von den Osmanen genutzt, um selbst eine – nun von deutschen trainierte – schlagkräftige „Nizami-Armee“ zu erhalten. Dennoch wurde diese Truppe bei einem Angriff auf die Ägypter (bei Nezib, 1839) vernichtend geschlagen. Die darauf folgende Schwäche des osmanischen Reiches führte erneut zur Intervention europäischer Einheiten. In einem Zusatzprotokoll zum Londoner Abkommen von 1840 verpflichteten sich Großbritannien, Österreich Preußen und Russland keine territorialen Gewinne und keine Handelsvorteile anzustreben, die nicht auch den anderen Nationen zugute kommen würden. Eine vereinte britisch-osmanische-österreichische Flotte eroberte in kürzester Zeit die Zitadelle von Akko, was – ab dem Januar 1841 – zum geordneten Rückzug der ägyptischen Armee aus Syrien führte.  
Die Macht von Muhammed Ali und seinem Sohn Ibrahim Pascha war gebrochen. Die Armee musste auf 18.000 Mann reduziert werden – ein Fünftel der Stärke, die diese Truppen früher gehabt hatten. Die Herrschaft über Kreta, die syrischen Provinzen und den Hidjas musste abgegeben werden. Die europäischen Mächte hatten sich als dominant durchgesetzt.

Damit war die erste arabische Erhebung gegen eine ethnische Fremdherrschaft im Wesentlichen beendet. Die Kolonialherschaft der Europäer beendete kurzzeitig das relative Eigenleben Ägyptens.

Nach den „aussenpolitischen Abenteuern“ gegen die Osmanen mussten sich die ehrgeizigen Regenten ein anderes Betätigungsfeld suchen. Die Ägypter begannen, die Entwicklung der eigenen Provinz voranzutreiben. Unter Abbas Pasche (regierte von 1848 – 1858) wurde eine erste Eisenbahnlinie von Alexandria nach Kairo gebaut. Sein Nachfolger Said Pascha (reg. bis 1863) verlängerte die Bahnlinie von Kairo nach Suez, so dass eine durchgehende Bahnverbindung vom Mittelmeer bis zum Roten Meer entstand. Mit europäischen Reedereien wurde die Dampfschifffahrt auf dem Nil und im Roten Meer eingeführt. Ein entscheidendes Werk war aber die 1856 erteilte Konzession an Ferdinand de Lesseps, das Mittelmeer und das Rote Meer durch einen Kanal zu verbinden. Da diese französische Konzession den Briten nicht gefallen konnte, intervenierten diese, um den Franzosen den Kanalbau zu verleiden. Dies führte wiederum zu Schadensersatzforderungen der Franzosen, die sich auf insgesamt 84 Mio. Francs (oder 3,36 Mio. Pfund nach der Kaufkraft von 1864) führte. Ägypten konnte diese – und weitere – Regressforderungen europäischer Vertreter nur bewältigen, weil der Baumwollexport stark anwuchs und bereits Mitte der 1860er Jahre Einnahmen in Höhe von 11,5 Mio. Pfund erbrachte. Der Bau des Suezkanals (1859 – 1869) unter britischer Herrschaft diente so ausschließlich europäischen Kolonial- und Wirtschaftsinteressen.

Nach Tunesien und dem osmanischen Kernreich musste 1876 auch Ägypten den Staatsbankrott erklären. Den Auslandsschulden in Höhe von 376,75 Mio US-$, Inlandsschulden von 154 Mio. $ und den Regressforderungen diverser Konzessionäre standen nur magere Staatseinnahmen gegenüber. Ägypten musste sein „Tafelsilber“ wie etwa seine Anteile an der Suez-Kanalgesellschaft verkaufen (1875 für 22 Mio. $), was jedoch nur 88 Mio. $ an Einnahmen generierte.  Auch Ägypten wurde unter die fiskalische Zwangsverwaltung seiner europäischen Gläubigerstaaten gestellt, wobei seit 1878 sogar zwei Beauftragte der europäischen Staaten dem Kabinett des ägyptischen Vizekönigreichs angehörten. Als die beiden – ein Brite und ein Franzose – 1879 wieder aus dem Kabinett entlassen wurden, verlangten die beiden europäischen Mächte die Absetzung des „osmanischen Vizekönigs Ismael“, der prompt durch dessen Sohn Tawfiq ersetzt wurde. Die Europäer hatten sich nicht nur zu den heimlichen Herrschern in Ägypten gemacht – sie nutzten die nominelle osmanische Oberherrschaft, um die Osmanen für die eigenen Interessen einzuspannen.

Mit dem Einmarsch britischer Truppen (1882) wurde die Oberherrschaft der Briten auch augenfällig. Von der Bedrohung des Osmanischen Reiches durch eine sich etablierende arabische Macht war nach 40 Jahren nur noch der Status eines kolonialen Gebildes unter britischer Oberherrschaft geworden.

In Folge der Missachtung britischer Zusagen an die arabischen Mitstreiter, die im I. Weltkrieg an der Seite der Briten gegen das osmanische Reich gekämpft hatten, kam es auch in Ägypten zu Unruhen und Unabhängigkeitsforderungen (1919 und 1922), die im Februar 1922 zur „formalen Unabhängigkeit“ Ägyptens führten. Allerdings hatte sich Großbritannien in vier Kernpunkten weiterhin die Entscheidungsbefugnisse des ehemaligen Protektorats zugewiesen. Insbesondere das Recht zur Verteidigung Ägyptens sowie der Schutz ausländischer Interessen beschränkten die Souveränität des „unabhängigen Landes“ erheblich – so blieben weiterhin britische Stützpunkte im Lande, und der Suez-Kanal unter britischer Kontrolle.

Diese andauernde Vorherrschaft der Engländer, deren „liederlicher Lebenswandel“ (Prostitution, Glücksspiel, Alkohol, Tanzpaläste und Theater sowie „provozierende Kleidung“) und die Versuche, diesen Lebensstil auch in Ägypten zu etablieren (verbunden mit der schon klassischen Ausbeutung ägyptischer Hilfskräfte durch die britischen Institutionen) war wohl ausschlaggebend dafür, dass sich 1928 in dem britisch besetzten Kanalhafen Ismailija unter Hassan al-Banna mit sechs Kanalarbeitern eine erste „islamistische Zelle“ bildete. Diese gegen westliche Dekadenz, Ausbeutung und Missionsversuche gegründete Zelle stellt somit einen „Gegenentwurf“ zur Gewerkschaftsbewegung oder sozialistischen Ideen (Marx) dar, die in ihren programatischen Zielen um die Restitutierung des Islam erweitert wurde. Aus dieser Zelle – die bei der Ermordung al-Banna’s 1949 schon über eine halbe Million Mitglieder hatte – sollten die ägyptischen Muslimbrüder hervorgehen. Die Muslimbrüder sind also von den Gründungsintentionen her eine national-religiös geprägte Solidarvereinigung, die sich insbesondere beim Bau von Krankenhäusern und Moscheen entsprechende Anerkennung verschafften. Die Beschreibung als eine Art Scientology (in „Foreign Affairs“, Anfang 2012) geht daher eher fehl, der politische Flügel der Muslimbrüder – die Partei „Freiheit und Gerchtigkeit“ – könnte dagegen nach dem Vorbild der Türkei eher eine mitteltständisch geprägte, religiöse Massenpartei werden.

 Die Dominanz Englands endete erst 1956 mit der Verstaatlichung des Suezkanals. Bereits am 23. Juli 1952 hatte eine nationalistische Bewegung König Faruk zum Abdanken gezwungen. Am 18. Juni 1953 wurde Ägypten Republik, 1954 Gamal Abd el-Nasser Staatspräsident. 
Nasser vertrat vor allem die Idee des „Pan-Arabismus“, der Einheit der arabischen Staaten. Für kurze Zeit erreichte Nasser sogar, Syrien und später auch den Jemen zur „Vereinigten Arabischen Republik“ zu vereinen (1958 – 1961). Der Bund dieser „Frontstaaten“ gegen Israel war zugleich arabischer Nationalisierungskern und antiisraelisches- und damit antiwestliches Bündnis.
Nasser orientierte sich außenpolitisch folgerichtig auf die sozialistischen Staaten und die Bewegung der Blockfreien. Die wirtschaftlichen Probleme des Landes wollte Nasser mit dem Modell eines „arabischen Sozialismus“ in den Griff bekommen. Die vernichtende Niederlage im Sechs-Tage-Krieg 1967 gegen Israel legte jedoch das Scheitern des „Nasserismus“ offen, er führte in eine lähmende Identitätskrise der arabischen Welt. Erst der Jom-Kippur-Krieg, der mit einem Waffenstillstand ohne Sieger und Besiegte endete, aber den Mythos von der Unbesiegbarkeit Israels zerstörte, führte zu einem neuen Selbstbewußtsein. Auf dieser Grundlage konnte Nassers Nachfolger Sadat auch gegenüber Israel eine versöhnliche und ausgleichende Politik betreiben. Ein erstes Truppenentflechtungsabkommen mit Israel wird 1974 unterzeichnet, im November 1977 folgte Sadats Besuch in Jerusalem als Geste des Friedens. Höhepunkt dieser Politik war schließlich, nach Vermittlung durch US-Präsident Jimmy Carter, am 26. März 1979 in Washington der Friedensvertrag mit Israel.