Arabische Halbinsel — Jemen

Der Jemen — ein Hort des Ter­rors?
Die Ent­führun­gen wer­den durch ungeschick­tes und der Tra­di­tion wider­sprechen­des Ver­hal­ten von Touris­ten (z.B. Fotografie von Frauen) sowie tra­di­tionelle Stammes­ge­gen­sätze (die durch Druck auf die jemeni­tis­che Regierung “bewegt” wer­den sollen) gefördert. Die Stämme betra­cht­en das  staatliche Gewalt­monopol nach west­lichem Muster als Ein­griff in ihre Rechte. Sie bilden ein Gegengewicht zu staatlichen Machtin­stru­menten wie Armee, Polizei und Geheim­di­en­sten. Der jahrhun­derte alte Kon­flikt zwis­chen den Stäm­men, der  immer auch ein Gle­ichgewicht der unter­schiedlichen Stämme erzeugt, wird heute aber auch zunehmend zu einem religiösen Kon­flikt zwis­chen ver­schiede­nen islamis­chen Rich­tun­gen stil­isiert.

Die bei­den regionalen Zweige von Al Quai­da aus Sau­di Ara­bi­en und dem Jemen scheinen zunehmendzu ein­er ein­heitlichen Leitung zu fusion­ieren. Seit 2008 brin­gen Rück­kehrer aus dem Irak eine zunehmende Pro­fes­sion­al­isierung in die Ter­ro­ran­schläge, die von heimis­chen Fun­da­men­tal­is­ten im Jemen aus­geübt wer­den — ins­beson­dere gegen die amerikanis­che Botschaft und Ölan­la­gen sowie Touris­ten. 

Die Region von Marib ist die Heimat von vier sun­ni­tisch-wahabitis­chen Stäm­men mit nahezu 70 Zweigen, die wohl nicht nur ide­ol­o­gisch Sym­pa­thien gegenüber der Al-Quai­da hegen. Der Anschlag auf den amerikanis­chen Zer­stör­er Cole und das franzö­sis­chen Tankschiff Lim­burg wurde von Ange­höri­gen dieser Stämme ges­teuert. Die Fam­i­lie bin-Laden stammt ursprünglich aus dem Hadra­maut, im Süden des Lan­des. Sau­di Ara­bi­en, der fun­da­men­tal­is­tis­che Nach­bar im Nor­den, rüstet klammheim­lich eine Stamme­sarmee auf, um iranis­che und schi­itis­che Stämme iin Schach “zu hal­ten. Sau­di Ara­bi­en entsendet salafi­tisch-wah­habitis­che Predi­ger wie Muq­bil al Wadi (1978 Grün­der der islamis­chen Hochschule Sada, + 2001) und gibt den sun­ni­tis­chen Stäm­men wesentlich mehr finanzielle Unter­stützung als dies der jemeni­tis­che Staat kön­nte. Damit wird aber die Autorität der jemeni­tis­chen Regierung zunehmend in Frage gestellt.

Im Nor­den leben dagen die schi­itis­chen Huti-Stämme. Es sind Zaiditen, die etwa 1/3 der jemeni­tis­chen Bevölkerung stellen. Das Ober­haupt der Zaiditen war tra­di­tionell bis zum Umsturz 1962 und der Grün­dung der Repub­lik der Imam des Jemen.  Die Zaiditen, die sich früh von der schi­itis­chen Tra­di­tion am Golf (9-er Schi­iten) abges­pal­ten haben, erken­nen nur sieben Imame als Nach­fol­ger des Propheten an. Nach einem für bei­de Seit­en ver­lus­tre­ichen Auf­s­tand unter dem schi­itis­chen Predi­ger Hus­sein al-Huti (2004), der möglicher­weise vom Iran unter­stützt wurde, ste­ht inzwis­chen ein brüchiger Waf­fen­still­stand, der aber mehrfach durch erneutes Auf­flam­men der Rebel­lion unter­brochen wurde. Um die Stadt Saa­da — 800 Jahre lang der Sitz des zaidi­tis­chen Imanats — bekla­gen die Zait­en um Sche­ich Badrud­din al Houthi nach wie vor eine Unter­drück­ung ihrer religiösen Iden­tität.

Die Bewohn­er des ehe­mals selb­st­ständi­gen Süd­je­men sind zudem unzufrieden mit der Verteilung der Ein­nah­men, die durch das im Süden geförderte Erdöl zufließen. Immer mehr scheinen in ein­er erneuten Sezes­sion eine bessere Entwick­lungschance für ihren Lan­desteil zu sehen.

Zudem befind­et sich der Jemen auch in ein­er tief­greifend­en Umbruch­si­t­u­a­tion. West­liche Leben­sart und eine wirtschaftliche Entwick­lung, die Gewin­ner und Ver­lier­er ken­nt, beun­ruhi­gen eine seit Jahrhun­derten unverän­dert beste­hende Gemein­schaft. Der Jemen gehört mit einem durch­schnit­tlichen Jahre­seinkom­men von 460 US-Dol­lar pro Kopf zu den ärm­sten Län­dern der Welt. Die Arbeit­slosen­quote beträgt über 30 Prozent. Die gerin­gen Ölvorkom­men, die etwa 70 % der Staat­sein­nah­men aus­machen, wer­den bere­its in weni­gen Jahren aus­geschöpft sein. In dieser Umbruch­si­t­u­a­tion find­en kon­ser­v­a­tive Kräfte, die mit der Propagierung tra­di­tioneller Leben­sart die Heilung gesellschaftlich­er Prob­leme suchen, natür­lich Anhänger ins­beson­dere bei den Ver­lier­ern der Wirtschaft­sen­twick­lung. Die Kri­tik richtet sich gegen west­liche Leben­sart und die damit ein­herge­hende Säku­lar­isierung ein­er zutief­st gläu­bi­gen Gesellschaft wie auch gegen die par­la­men­tarische Demokratie, die dem im Islam ver­ankerten Grund­satz des “Führerprinzips” wider­sprechen würde. Dazu kommt der Kon­flikt zwis­chen den USA und islamis­chen Grup­pen, die zur Inva­sion der USA in Afghanistan und Irak geführt haben. Das wiederum dient als Beleg für die Agge­siv­ität des West­ens, was einen Vertei­di­gungskampf, den “Dschi­had” recht­fer­ti­gen würde. Diese Denkweise wird durch Agi­ta­toren von Al Quai­da geschürt, die sich als Wider­stand­skämpfer gegen eine dem Islam feindliche west­liche Welt und als Unter­stützer der Stämme gegen die Entste­hung eines effek­tiv­en staatlichen Gewalt­monopols geben.

Auf diese Kri­tik wird im Jemen mit der betont herge­bracht­en Art der Kon­flik­tlö­sung reagiert. Renomierte Sche­ichs wie der Richter Hamud Abdul­hamid al-Hitar ver­suchen, die Kri­tik­er im Dia­log über über ein anderes Reli­gionsver­ständ­nis des Islam zu überzeu­gen. Mit der Anerken­nung des Staat­spräsi­den­ten als nationaler Führungs­fig­ur sollen sog­ar Al Quai­da-Änhänger zur Dis­tanzierung von den Führungskräften der Al Quai­da gebracht wer­den.  

Der Jemen bemüht sich, den Umbruch der islamis­chen Welt — den Kon­flikt zwis­chen fun­da­men­tal­is­tis­ch­er Isla­mausle­gung und der Mod­erne durch die tra­di­tionelle islamis­che Meth­ode des Dialogs und der Überzeu­gung zu lösen. Es bleibt zu hof­fen, dass diese Art der Kon­flik­t­be­wäl­ti­gung den Werten ein­er islamis­chen Gesellschaft bess­er entspricht und damit dauer­hafter ist als die Inter­ven­tions- und Macht­poli­tik west­lich­er Staats­führer.

Externe Links:
Auswaer­tiges-Amt — (www.auswaertiges-amt.de)
Bun­destag: Par­la­ments­bericht Nr. 32–33 von 2005

Weit­ere Län­der­berichte: 
Län­der­lexikon — (www.spiegel.de) 

Lan­deskundliche Infor­ma­tion­sstelle: Jemen — (www.inwent.org)

Uni­ver­sität Ham­burg — Sozial­wis­senschaftlich­es Insti­tut
Kriege, in die der Jemen ver­wick­elt wurde
Nord­je­men (1948)
Pro­tek­torat Aden / Nord­je­men (1955–1958)
Jemeni­tis­ch­er Bürg­erkrieg (Nord­je­men) (1962–1969)
Pro­tek­torat Aden (Süd­je­meni­tis­ch­er Unab­hängigkeit­skrieg) (1963–1967)
DVR Jemen (1968) — DVR Jemen / Sau­di Ara­bi­en (1969)
AR Jemen / DVR Jemen (1972)
AR Jemen (1978–1982)
DVR Jemen (1986)
Jemen (Vere­ini­gungskrieg) (1994)
Kämpfe zwis­chen Rebellen der Al-Shabab al-Mou’min (Gläu­bige Jugend) und der jemeni­tis­chen Armee (2004 — 2005)