Geändertes geopolitisches Verständnis

Dass der West­en die Welt zwei Jahrhun­derte dominiert hat,
war eine Anom­alie der Geschichte

Kishore Mah­bubani  - ehe­ma­liger Diplo­mat und Pro­fes­sor für Poli­tik­wis­senschaft der Lee Kuan Yew School of Pub­lic Pol­i­cy an der Nation­al Uni­ver­si­ty of Sin­ga­pore.
Kishore Mah­buban ist nach dem Spiegel vom 19. Mai 2008, S. 61 ein­er der „bril­lantesten und pro­vokan­testen Intellek­tuellen Asiens”

Der Men­sch möchte Ord­nung in seinem Welt­bild. Er strebt nach Ver­ständ­nis der Dinge, die um ihn herum wahrgenom­men wer­den und die ihn und seine Fam­i­lie bee­in­flussen.
Mit den heuti­gen Medi­en — Satel­liten, TV, Radio, Inter­net — “rückt die Welt zusam­men”. Gle­ichzeit­ig wird der eigene Hor­i­zont weit­er, also der Bere­ich, der selb­st in groben Zügen “überblickt” wer­den kann.
Wenn es früher Monate, ja sog­ar Jahre dauerte, bis die Nachricht von einem schw­eren Erd­beben in Por­tu­gal den europäis­chen Kon­ti­nent durcheilte, dann ist es heute eine Fra­gen von Stun­den, ja sog­ar Minuten, bis eine Mel­dung von irgend­wo auf dieser Welt im heimis­chen Wohnz­im­mer emp­fan­gen wer­den kann.
Dies führt zu ein­er zunehmenden Erken­nt­nis über andere Län­der und Kon­ti­nente, und zum Bewusst­sein, dass eine Vielzahl von Entwick­lun­gen — weit ab, weg vom heimis­chen Herd — geeignet ist, das eigene Wohlbefind­en entschei­dend zu bee­in­flussen.

Ost gegen West ist Vergangenheit

Seit dem Ende der bipo­laren Kon­fronta­tion nach dem Zweit­en Weltkrieg — also seit dem Ende des kalten Krieges und dem Zusam­men­bruch des kom­mu­nis­tis­chen Ost­blocks — beherrscht eine Super­ma­cht das Geschehen.
Diese einzige verbliebene Super­ma­cht — die Vere­inigten Staat­en von Ameri­ka . sieht sich zunehmend isoliert. Regionale Bünd­nisse kooperieren und opponieren immer deut­lich­er, auch gegen die ein­deuti­gen Erk­lärun­gen und Absicht­en der USA. So etabliert sich die EU zunehmend in ein­er eigen­ständi­gen Rolle als “Mit­spiel­er”. Es zeich­net sich ab, dass diese regionale Bünd­nisse und Zusam­men­schlüsse zunehmend die Entwick­lung der Welt­poli­tik bee­in­flussen.

Mit Chi­na ist dazu ein weit­er­er, mil­itärisch nicht unbe­deu­ten­der “Mit­spiel­er” auf dem geopoli­tis­chen Schachbrett aufge­taucht.

Drei Weltenlehre — erste, zweite, dritte Welt

Nach der Wel­tein­teilung in Ost- und West sowie die “Block­freien” (i.d.R. Entwick­lungslän­der) zirkulierte die Idee der ersten, zweit­en und drit­ten Welt.
Die erste Welt bildete der hochtech­nisierte “West­en”, die zweite Welt war den weniger indus­tri­al­isierten Staat­en zugedacht, die auf dem Weg zur tech­nis­chen Zivil­i­sa­tion waren, und die “Dritte Welt” bildete die Mehrheit der Entwick­lungslän­der, die sich vor oder auf der Schwelle zur Indus­tri­al­isierung befan­den. Let­ztere waren “Objek­te des Han­delns” der Ersteren, in ein­er abso­lut unter­ge­ord­neten Rolle — besten­falls “Objek­te der Für­sorge” (Entwick­lung­shil­fe) und schlecht­esten­falls poli­tis­che Vasallen in einem fak­tisch hal­bkolo­nialen Sta­tus und in der Rolle von rein for­mal selb­st­ständi­gen Befehlsempfängern mit ein­er tat­säch­lich nur gerin­gen eige­nen Entschei­dungskom­pe­tenz der nationalen Führungseliten.

Diese mehr wirtschaftliche Wel­tein­teilung sollte sich auch in poli­tisch-sozialer Hin­sicht auswirken. Der “Ersten Welt” wur­den Werte wie Demokratie und Wohl­stand zugewiesen, mit der Ver­mu­tung, dass nur eine demokratisch legit­imierte poli­tis­che Führung auch — um wieder gewählt zu wer­den — den Wohl­stand aller (zumin­d­est der Mehrheit) fördert und der Erwartung, dass zunehmender Wohl­stand auch zunehmende Bil­dung und damit funk­tion­ierende poli­tis­che Mündigkeit und Mitbes­tim­mung fördert, freilich ohne dass diese Zuweisun­gen immer und über­all richtig wären.
Die “größte Demokratie der Erde”, wie sich Indi­en gerne beze­ich­net, wurde und wird den ärm­lichen Entwick­lungslän­dern zugerech­net. Ara­bis­che Fürsten­häuser dage­gen, deren Gesellschaft nicht auf demokratis­chen Werten son­dern vielfach noch auf über­liefer­ten Clan-Struk­turen beruhen, gehören zu den wohlhabend­sten und pros­perierend­sten Staat­en der Erde. Chi­na hinge­gen, der erwachende und pros­perierende Drache, der den indis­chen Ele­fan­ten (die “größte Demokratie der Welt”) seit Jahren wirtschaftlich in den Schat­ten stellt, ist nach wie vor ein “Ein-Parteien-Sys­tem” unter Führung ein­er kom­mu­nis­tis­chen Partei, deren Erfolge diame­tral ent­ge­gen dem klas­sis­chen Welt­bild ste­hen.

Nach neuesten wis­senschaftlichen Unter­suchun­gen, die von der Wirtschaftswoche (WiWo) am 21. Jan­u­ar 2008 zitiert wur­den (“Two Views in Insti­tu­tions of Devel­op­ment: The Grand Trai­si­tion ver­sus the Pri­ma­cy of Insti­tu­tions”) sei beleg­bar, dass erst steigen­der Wohl­stand in vie­len Län­dern demokratis­che Struk­turen her­vorge­bracht habe. Die Einkom­menss­chwelle, von der an sich demokratis­che Struk­turen etablierten, läge dabei his­torisch gese­hen meist zwis­chen 32 und 50 % des Pro-Kopf-Einkom­mens der USA. Her­aus­ge­grif­f­en hat die WiWo das Beispiel Spaniens, dessen Wech­sel von der Fran­co-Dikatatur zu demokratis­chen Strukuren Mitte der Siebziger­jahre ein­set­zte, “als das Pro-Kopf-Einkom­men das Niveau von 50 % erre­icht hat­te”. Die Entwick­lungspoli­tik müsse “sich daher stärk­er um die Besei­t­i­gung der Wach­s­tums­brem­sen küm­mern. Dazu gehöre neben der Krankheits­bekämp­fung auch die bessere Ausstat­tung der Entwick­lungslän­der mit tech­nis­chem Know-how”. Eine solche Poli­tik wird aber unzweifel­haft auch zur Stärkung dieser Staat­en als Akteure im glob­alen Macht­spiel beitra­gen.

Extern­er Link:
Eura­sis­ches Mag­a­zin — Sind Islam und Demokratie vere­in­bar? www.eurasisches-magazin.de

Es gibt nicht nur drei Wel­ten son­dern zur Jahrtausendwende vier Akteure:
Die glob­ale Sicher­heit­spoli­tik wird zunehmend auch von Staat­en aktiv bee­in­flusst, die nicht der “Ersten Welt” ange­hören. Bere­its heute kön­nen min­destens vier mil­itärische (und auch wirtschaftliche) “Schw­ergewichte”, die zugle­ich auch Atom­mächte sind, konkretisiert wer­den. Diese Schw­ergewichte (Europa ist zugle­ich durch Großbri­tan­nien und Frankre­ich vertreten) bilden die “Ständi­gen Mit­glieder” des Sicher­heit­srates der Vere­in­ten Natio­nen.

Als weit­er­er Anwärter ist Indi­en dabei, sich als Wirtschafts­macht und zugle­ich auch als Atom­waf­fen­staat zu etablieren.

USA

EU

Rus­s­land

Chi­na

Indi­en

Fläche (km²)

9.809.155

4.324.754

17.075.200

9.572.419

3.287.263

Bevölkerung (2007)

301,1 Mio.

490,0 Mio.

141,4 Mio.

1.300 Mio.

1.130 Mio.

Rüs­tungsaus­gaben (Mrd. $)

417,5 (2005)

130,0 (2005)

39,8 (2006)

37,5 (2006)

(geschätzt)

15 (2005)

Anteil Rüs­tung am BIP

4,1 % (2005)

4,1 % (2005)

1,5 %

2,5 %

Atom­sprengköpfe

15.000

156

10.000

2.000

> 130

Atom­bomben­tests

1.039 (bis 1992)

243 (bis 1996)

718 (bis 1990)

45 (bis 1996)

3 (bis 1998)

Strate­gis­che Bomber

72

78

(+ 50 geplant)

?

?

SSBN

18

12

(+ 2)

15

(+ 8 geplant)

1

(+ x im Bau)

(geplant)

Aktives Mil­itär

1,5 Mio.

1,2 Mio.

980.000

2,3 Mio.

1,3 Mio.

Flugzeugträger

12 (+1)

7 (+ 3)

1

(+ 1)

1 (+1)

Kampf­flugzeuge

4.200

2.600

2.000

740

Panz­er

7.900

22.000 +

8.400

3.800

Dass es sich hier­bei auch um wirtschaftlich bedeut­same Grup­pierun­gen han­delt kann nicht über­raschen. Wirtschaft­skraft ist die Voraus­set­zung für mil­itärische Stärke. Und mil­itärische Stärke ist let­z­tendlich immer noch das Druck­mit­tel, eigene poli­tis­che Inter­essen offen­siv zu vertreten (pow­er pro­jec­tion) bzw. sich gegen solche Anmu­tun­gen zu wehren.

Die zunehmende Bedeu­tung der “Schwellen­län­der” wird zum Einen am wirtschaftlichen Wert der Unternehmen, und zum anderen an der gesamten Wirtschaft­sleis­tung dieser Län­der deut­lich.

Nach ein­er Analyse der Wirtschaft­sprü­fungs- und Beratungs­ge­sellschaft Ernst & Young, die die Mark­tkap­i­tal­isierung der am höch­sten bew­erteten Unternehmen der Welt im Jahresver­gle­ich (Stich­tag jew­eils der 31. Dezem­ber) unter­sucht hat, haben unter den 100 wertvoll­sten Unternehmen der Welt chi­ne­sis­che Fir­men ihren Mark­twert im Jahr 2007 mit einem Zuwachs von 123 % mehr als ver­dop­pelt, dage­gen mussten die amerikanis­chen Fir­men eine um 10 Prozent gerin­gere Börsen­be­w­er­tung hin­nehmen. Chi­na stellt im Län­derver­gle­ich hin­ter den Vere­inigten Staat­en und Europa die meis­ten Unternehmen in der Liste. „Die Ergeb­nisse zeigen sehr deut­lich den ras­an­ten Bedeu­tungszuwachs der Schwellen­län­der — ins­beson­dere Chi­nas — für die Weltwirtschaft“ wird ein Vor­standsmit­glied von Ernst & Young in der FAZ zitiert. Und auch Europas Fir­men gewin­nen an Mark­twert.

Was sich für die Unternehmen sagen lässt — die USA (und Japan) als “Ver­lier­er”, Chi­na und Europa als “Gewin­ner” im inter­na­tionalen Ver­gle­ich — lässt sich auch aus den gesamtwirtschaftlichen Dat­en für die gesamte Volk­swirtschaften dieser Län­der for­mulieren.

Die USA hat­ten 2006 gut 27 % Anteil am Welt-BIP (2002 noch knapp 32 %), auch Japan musste seinen Anteil am Welt-BIP (2002 noch 12,0 %) bis 2006 auf 9,1 % reduzieren. Europas größte Staat­en fol­gten 2006 zusam­men mit 22,1 % (Deutsch­land mit 6,0, GB mit 4,9, Frankre­ich mit 4,6, Ital­ien mit 3,8 und Spanien mit 2,5 %). Chi­na stand mit 5,5 % (nach 4,4 % in 2002) an vorder­ster Stelle, und auch Brasilien war mit 2,2 % ein Auf­steiger im glob­alen Wirschaftswet­tbe­werb. Nach neuester Sta­tis­tik der Welt­bank — das neue Ver­fahren berück­sichtigt seit 2008 die Kaufkraft wesentlich stärk­er als früher — soll Chi­na aber bere­its im Jahr 2007 hin­ter den USA den Rang als zweit­stärk­ste Volk­swirtschaft der Welt ein­genom­men haben.

Nach Prog­nosen aus dem Jahr 2007 wer­den die USA, die EU, Chi­na und Indi­en zusam­men genom­men in den Jahren 2010 bis 2030 jew­eils (zum Teil deut­lich) mehr als die Hälfte der glob­alen Bevölkerung, des erwirtschafteten BIPs und der Exporte auf sich vere­inen.

Bevölkerung 2010 2030
USA 310 Mio.

4,5 %

365 Mio.

4,4 %

EU 726 Mio.

10,4 %

698 Mio.

8,4 %

Chi­na 1.355 Mio.

19,4 %

1.446 Mio.

17,4 %

Indi­en 1.183 Mio.

17,0 %

1.449 Mio.

17,4 %

Brut­toin­land­spro­dukt (BIP) in Mrd. US-$
USA 12.640

29,3 %

19.296

26,2 %

EU 11.384

26,4 %

15.864

21,5 %

Chi­na 2.650

6,1 %

7.823

10,6 %

Indi­en 931

2,2 %

3.165

4,3 %

Exporte in Mrd. US-$
USA 1.683

11,6 %

3.749

31,0 %

EU 5.559

38,4 %

10.296

31,0 %

Chi­na 1.434

9,9 %

5.156

15,5 %

Indi­en 218

1,5 %

1.198

3,6 %

Quelle: Han­dels­blatt, 23.–25. März 2007, S. 8–9

Weinige Jahre später — am 2. Mai 2014 — meldete die Süd­deutsche Zeitung, dass diese Entwick­lung noch schneller ein­tritt, als ursprünglich prog­nos­tiziert.

(Zitat)

  • Chi­nas Wirtschaft ist deut­lich größer als gedacht und dürfte die der Vere­inigten Staat­en bald über­holen. … Nach der neuen Rech­nung erre­ichte die chi­ne­sis­che Wirtschaft 2011 fast 90 % der Größe der amerikanis­chen. 2005 waren es noch 43 % gewe­sen. …
  • Die klas­sis­che Hier­ar­chie der Staat­en bröck­elt. Mit Chi­na wird bald ein Land die Spitze übernehmen, das durch mit­tlere Einkom­men geprägt ist. Indi­en liegt erst­mals vor Japan und ist damit die neue drittgrößte Wirtschaft der Erde. .…
  • Auf die sechs großen Schwellen­län­der — neben Chi­na und Indi­en sind das Brasilien, Südafri­ka, Indone­sien und Rus­s­land — ent­fall­en 30 % der glob­alen Wirtschaft­sleis­tung. Auf die Hocheinkom­menslän­der der OECD ent­fie­len 2005 noch 60 Prozent, 2011 nur noch 40 Prozent. .…
  • Chi­na, die USA und Deutsch­land sind allerd­ings auch große Län­der mit vie­len Ein­wohn­ern. Berech­net man die Wirtschaft­sleis­tung je Ein­wohn­er, liegen Katar, die chi­ne­sis­che Son­der­wirtschaft­szone Macao, Lux­em­burg, Kuwait und Brunei vorne. .…
  • .…

(Zitat Ende)

Die “Vier bis Fünf Großen” sind in vie­len Punk­ten ver­gle­ich­bar. Die USA und Rus­s­land sind die “klas­sis­chen mil­itärischen Rivalen”. Chi­na und die USA haben in etwa dieselbe Fläche, Chi­na hat aber die mehr als 4-fache Bevölkerung. In unserem EU-Ein­führungs­dossier haben wir viele Ver­gle­iche zwis­chen den USA und der EU gezo­gen. Indi­en wieder ist etwas klein­er als Europa, hat gle­ich viele Einzel­staat­en (2007) aber zweimal soviel Men­schen, und Indi­en und Chi­na sind die bei­den asi­atis­chen Rivalen, die sich auch in der Wirtschaft­sen­twick­lung — bei etwa gle­ich großer Bevölkerung — ein Wet­tren­nen liefern.

Bemerkenswert dabei ist, dass die EU vor allem als “Exportwelt­meis­ter” prog­nos­tiziert wird — weit mehr als die USA und das pros­perierende Chi­na, das schon bald die USA deut­lich über­holen soll. Der vom Export getra­ge­nen Wirtschaft der EU muss also an sta­bilen und friedlichen inter­na­tionalen Beziehun­gen gele­gen sein — weit mehr als den USA, deren BIP nach der Han­dels­blatt-Prog­nose in wesentlich gerin­gerem Maße von der Exportwirtschaft geprägt sein wird. Die EU ist also ger­adezu gezwun­gen, sich in geopoli­tis­chem Maßstab zu engagieren.

Ger­ade chi­ne­sis­che Ana­lysten — mit ihrem dur­chaus unter­schiedlichen Denkansatz — sehen die EUals einen der wichtig­sten Akteure in ein­er sich mul­ti­ploarisieren­den Welt. .… In der Außen­han­del­spoli­tik sei die Inte­gra­tion am weitesten fort­geschrit­ten; ökonomisch könne die EU daher auch dur­chaus bere­its als Führungs­macht beze­ich­net wer­den. Auch im entwick­lungspoli­tis­chen Bere­ich gelinge es der Union, weit­ge­hend geschlossen aufzutreten und inner­halb der inter­na­tionalen Gemein­schaft einen wichti­gen Beitrag zu leis­ten. Diplo­matie und Vertei­di­gung wür­den aber noch lange Zeit Son­der­bere­iche bleiben, bei denen die Mit­glied­staat­en eine Kom­pe­ten­z­ab­gabe an Brüs­sel ablehn­ten.” (zitiert aus “Eura­sis­ches Mag­a­zin” — EM 09–07 · 30.09.2007). Nach chi­ne­sis­ch­er Überzeu­gung sind die Europäer auf dem Weg, zu ein­er in sich geord­neten har­monis­chen Gesellschaft zu wer­den, deren Mit­glieder die gemein­samen Inter­essen über die Inter­essen der einzel­nen Nation­al­staat­en stellen. Die USA wür­den dage­gen jede Möglichkeit nützen, um die Har­mon­isierung der Europäer zu desta­bil­isieren und damit die EU in ihrer Hand­lungs­fähigkeit einzuschränken. Aus chi­ne­sis­ch­er Sicht haben die Europäer daher ein natür­lich­es gesam­teu­ropäis­ches Inter­esse, den Ein­fluss der USA in Europa zu reduzieren.

Das heisst aber nicht, dass andere Staat­en wie Rus­s­land und Brasilien oder Staaten­bunde — wie etwa die Mer­co­sur — Staat­en als kün­ftige “glob­al play­ers” unter­schla­gen wer­den dür­fen. Während die wirtschaftlichen Dat­en für die USA ein zunehmend desas­trös­es Bild zeich­nen (FTD vom 29.08.2008) gelingt es Rus­s­land — dank der Reko­rdgewinne aus dem Öl- und Gas­ex­port — nicht nur wirtschaftlich aufzu­holen, son­dern dies auch noch mit ein­er Restau­ra­tion rus­sis­ch­er Macht­poli­tik (2008: Georgien) zu verbinden.

Das Auftreten der “neuen, zunehmend glob­al auftre­tenden Mit­spiel­er” fordert zugle­ich zu ein­er weit­eren Fragestel­lung aus:

Gibt es weit­ere “poten­tielle Kan­di­dat­en”, die in den erlaucht­en Kreis dieser  glob­alen Mächte hinzu stoßen kön­nten?

Aus­ge­hend von den genan­nten “Vier bis Fünf Großen” kom­men hierzu wohl Staat­en oder Staaten­ver­bände in Frage, die

  • eine Fläche von mehr als 3 Mio. km² (Indi­en),
  • eine Bevölkerung von mehr als 140 Mio. Men­schen (Rus­s­land),
  • Rüs­tungsaus­gaben von mehr als 15 Mrd. $ (Indi­en, Chi­na),
  • ein aktives Mil­itär von zusam­men genom­men min­destens rund 1 Mio. Mann (Rus­s­land) und
  • eine eigene Rüs­tungsin­dus­trie haben, die in der Lage ist, sämtliche Teil­stre­itkräfte eines Lan­des autark mit hochw­er­ti­gen Rüs­tungs­gütern zu ver­sor­gen (wie Chi­na und Indi­en).
  • Dies fordert auch eine entsprechende indus­trielle und wirtschaftliche Grund­lage der jew­eili­gen Volk­swirtschaften — zusam­men genom­men im Jahr 2010 wohl ein BIP von min­destens etwa 1.000 Mrd. $ (Indi­en, Brasilien).

Atom­waf­fen sind — das mag ver­wun­dern — hier nicht aufge­führt. Let­zendlich sind diese Waf­fen doch (wie die Erfahrun­gen des “Kalten Krieges” zeigen) die “ulti­ma­tive Nich­tan­griffsver­sicherung”. Nur wer selb­st über glaub­hafte atom­are Abschreck­ung ver­fügt, ist let­z­tendlich vor mil­itärischen Bedro­hun­gen eines Angreifers gefeit. Nie­mand wird aber Israel oder Nord­ko­rea, die — so wird ver­mutet — über einige Atom­sprengsätze ver­fü­gen — den Sta­tus ein­er glob­al agieren­den­den Groß­macht zugeste­hen.

Der Atom­waf­fensper­rver­trag — löchrig wie ein Schweiz­er Käse — bietet  auch immer noch einen halb­wegs wirk­samen Schutz vor der Weit­er­ver­bre­itung atom­ar­er Waf­fen, die in den Hän­den eines Ide­olo­gen oder gar eines Wahnsin­ni­gen ja auch zur ulti­ma­tiv­en Bedro­hung wer­den kön­nen. Mit der Ver­bre­itung dieser Waf­fen­sys­teme würde die Wahrschein­lichkeit, dass es zu (auch irrtüm­lichen) nuk­learen Auseinan­der­set­zun­gen kommt immer mehr ansteigen. Insofern zeigt der Verzicht auf eigene Atom­waf­fen nicht unbe­d­ingt die Schwäche eines Staates auf, son­dern es kann auch — im Gegen­teil — ein Zeichen von Stärke sein, wenn auf diese Waf­fen­sys­teme (frei­willig) verzichtet wird.

Tat­säch­lich bietet der Besitz von Atom­waf­fen kein Offen­sivpo­ten­tial. Mit Atom­waf­fen macht man sich unan­greif­bar, weshalb diese Waf­fen auch nie einge­set­zt werden.Den gle­ichen Effekt kann eine starke, tech­nisch über­legene kon­ven­tionelle Rüs­tung haben.

Nur wer in der Lage ist, jen­seits des eige­nen Ein­flussge­bi­etes — das im Zweifel von der Ein­satzre­ich­weite landgestützter Flugzeuge bes­timmt wird — offen­siv tätig zu sein, kann seine Stärke auch anderen aufzwin­gen. “Pow­er pro­jec­tion” nen­nt man diese Fähigkeit auf neudeutsch.  Hierzu gehören kon­ven­tionelle Waf­fen, mit denen die Kriege dann tat­säch­lich geführt wer­den.  Wer hier gut gerüstet und (einem Nich­tatomwaf­fen­staat) über­legen ist, kann seinen Anspruch mit Gewalt durch­set­zen. Das gilt vor allem für Inter­ven­tion­skriege in anderen Wel­tre­gio­nen. Je höher die Fähigkeit ist, tech­nisch über­legene Inter­ven­tion­strup­pen in weit ent­fer­nte Ein­satzge­bi­ete zu schick­en, desto mächtiger ist der so gerüstete Staat. Flugzeugträger und eine entsprechende Flotte von Begleitschif­f­en — oder auch gut aus­ge­baute Basen weit jen­seits der eige­nen Küsten — ver­lei­hen eine glob­ale Offen­sivfähigkeit. Hier sind die USA, in großem Abstand gefol­gt von Europa (dessen glob­al ver­streute kolo­niale Über­reste entsprechende Basen abgeben) ein­deutig dominierend.

Die einzel­nen Träger, die Brasilien, Rus­s­land, Indi­en (und wohl bald auch Chi­na) im Bestand haben, sind den US-Flot­ten weit unter­legen und wohl nur für das unmit­tel­bare Umfeld geeignet, und für Ein­sätze gegenüber Drittstaat­en. “Brasilien, Rus­s­land, Indi­en (und wohl bald auch Chi­na)” — sind das zufäl­lig auch die BRIC-Staat­en, die wir auf ein­er nach­fol­gen­den Seite als “Wirtschaftsmächte der Zukun­ft” näher vorstellen? Alle diese Staat­en besitzen Atom­waf­fen (oder zumin­d­est das know how dazu) um sich “unan­greif­bar” zu machen — und sie sind stark genug, einen Angriff auf das eigene Ter­ri­to­ri­um mit kon­ven­tionellen Waf­fen zumin­d­est erhe­blich zu erschw­eren — wenn nicht gar zu vere­it­eln. Insoweit sind diese Staat­en zumin­d­est mil­itärisch als “Großmächte” aufz­u­fassen. Und mit jedem Peso, mit jed­er Rupie, mit jedem Yuan, der in Lateinameri­ka oder Asien in die Rüs­tung investiert wird, ver­lieren die bish­eri­gen Hege­mo­nialmächte an Inter­ven­tions­fähigkeit in der Region.

Nach den vor­ge­nan­nten Kri­te­rien “Fläche, Bevölkerung, mil­itärische Stärke und Wirtschaft­skraft” wird Indi­en und Brasilien das Poten­tial zuge­sprochen wer­den müssen, als fün­ftes und sech­stes Mit­glied in den Kreis der “vier Akteuere” (USA, EU, Rus­s­land und Chi­na) aufgenom­men zu wer­den. Brasilien und Indi­en wer­den heute übere­in­stim­mend mit Rus­s­land und Chi­na zu den Staat­en mit dem stärk­sten wirtschaftlichen Wach­s­tumspo­ten­tial gerech­net (siehe die Aus­führun­gen zu den BRIC-Staat­en auf den Folge­seit­en) — und poli­tis­che wie mil­itärische Stärke ist eine nahezu zwangsläu­fige Folge der Wirtschaft­skraft eines Staates (siehe Chi­na oder auch Süd­ko­rea), so wie eine nach­lassende Wirtschaft­skraft auch mit einem Ver­lust mil­itärisch­er Kraft und schwinden­dem poli­tis­chen Ein­fluss ein­herge­ht. Rus­s­land und Nord­ko­rea sind dafür genau­so Beispiele wie der glob­al sink­ende Stern der USA.

 

Tat­säch­lich zeich­net sich nach dem Ende der Kolo­nial­isierung und des “Kalten Krieges” eine zunehmend mul­ti­po­lare Welt ab. Die BRIC-Staat­en Chi­na, Indi­en, Rus­s­land und Brasilien entwick­eln sich genau­so zu regionalen Machtzen­tren wie die Bünd­nisse von Staatenge­mein­schaften in  Europa (EU) Lateinameri­ka (Mer­co­sur) und Südostasien (Asean) um Indone­sien. Andere Staaten­bünd­nisse — etwa der Ara­bis­chen Liga — “treten auf der Stelle”. Die inneren Dif­feren­zen sind (noch) zu groß, um zu ein­er gemein­samen wirk­samen Poli­tik zu find­en. Allerd­ings ist die Über­win­dung dieser nachkolo­nialen Alt­las­ten vielfach nur eine Frage der Zeit. Das Bewust­sein von “Gemein­samkeit” ist bei den Völk­ern vielfach deut­lich aus­geprägter als bei den Regieren­den der nachkolo­nialen Einzel­staat­en.

Die Bil­dung regionaler Machtzen­tren geht ein­her mit der Revi­tal­isierung his­torisch­er Beziehun­gen — die auf gewach­se­nen Bindun­gen, ins­beson­dere im Bere­ich der Sprache, der Reli­gion und der regionalen Wirtschaft­skon­tak­te auf­bauen.

Aus den Sprachen sind die Völk­er — nicht aus den Völk­ern die Sprachen ent­standen”
(Isidor von Sevil­la)
Die gemein­same Sprache ist das Grun­dele­ment des mod­er­nen Nation­algedankens. Auf Basis der gemein­samen Sprache entwick­elt sich ein “Wir-Gefühl”, das für die Bil­dung von Natio­nen wichtig  ist. Die Sprache ist das Mit­tel der Ver­ständi­gung und des Ver­ste­hens, die Grund­lage für Han­del und Gewerbe, für Erzie­ung und Beratung, für die Mei­n­ungsäusserung, die Diskus­sion, die Mei­n­ungs­bil­dung und die Bil­dung von Werten und Wertege­mein­schaften. “Ich ver­ste­he Dich nicht” ist nicht nur im über­tra­ge­nen son­dern vor allem auch im wortwörtlichen Sinn der ver­nich­t­end­ste Satz des gegen­seit­i­gen Unver­ständ­niss­es. Der Men­sch ist ein Gemein­schaftswe­sen — aber nur wenige gemein­same Gesten wie Lachen und Weinen sind allen Men­schen gle­ich. Die Sprache ist das Mit­tel der Ver­ständi­gung zwis­chen den Men­schen. Der Men­sch “denkt in Sprache”. Auf Basis der gesproch­enen Ver­ständi­gung entwick­elt sich eine Kul­turge­mein­schaft. Die Nation­al­bil­dung der Staat­en Europas erfol­gte im Wesentlichen an der Sprache — die Sprach­gren­zen waren immer auch die Gren­zen zum Frem­den, und noch heute krankt Bel­gien an der Span­nung zwis­chen Fla­men und Wal­lo­nen.

Die gemein­same Sprache ist daher — noch vor der gemein­samen Reli­gion und Kul­tur — das wesentliche Ele­ment für die Bil­dung von Gemein­schaften und Natio­nen. Mod­erne Medi­en set­zen auf die Sprache als gemein­sames Bindeglied, als das Medi­um, mit dem Gedanken und Über­legun­gen am leicht­esten “tran­s­pi­ortiert” wer­den kön­nen — auch, um Ein­fluss zu gewin­nen.  Obskure islamistis­che Ter­rorvere­inigug­nen nutzen das Inter­net — und selb­stver­ständlich die englis­che  Sprache, um ihre Botschaften weit zu streuen. Und auch “anders herum” geht der Weg: Bun­deszen­trale fur poli­tis­che Bil­dung, Deutsche Welle, Goethe-Insti­tut Inter Nationes und das Insti­tut fur Aus­lands­beziehun­gen etwa haben nach Mel­dung des “Eura­sis­chen Mag­a­zins” ein Inter­net­por­tal “Qantara.de” ein­gerichtet, das neben englisch und deutsch in ara­bisch, auf indone­sisch (eienr malayis­chen Sprache) und in türkisch erscheint. Darüber hin­aus erre­ichen Kom­mu­nika­tion­ssatel­liten für TV-Pro­gramme über die Staats­gren­zen hin­weg einen ganzen Sprachraum.

Am Beispiel der Ara­bis­chen Staat­en (250 bis 300 Mio. Men­schen in einem zusam­men­hän­gen­den Sied­lungs­ge­bi­et vom Atlantik bis zum indis­chen Ozean) und der türkischsprachi­gen Staat­en Eurasiens (min­destens 145 Mio. Men­schen in einem rel­a­tiv geschlosse­nen Sied­lungs­ge­bi­et) — jew­eils über zwei Kon­ti­nente verteilt -stellt sich daher auch die Frage, ob eine rein geo­graphis­che Ein­teilung der Län­der abso­lut richtig ist, oder ob es — ger­ade wenn es um das Ver­ständ­nis ein­er zunehmend mul­ti­po­laren Welt geht — nicht bess­er ist, diese Bünd­nisse und regionale und kul­turelle Eigen­heit­en als Hin­ter­grund ein­er Organ­i­sa­tion­sein­teilung zu sehen.

Ein Zusam­men­schluss der ara­bis­chen sowie der türkischsprachen Staat­en — auf dem Weg über eine immer engere Koop­er­a­tion ähn­lich dem Vor­bild der EU — kön­nte diesen Staaten­grup­pen eben­falls ein glob­ales Gewicht geben. Das ist nicht ganz abwegig. Schließlich haben auch südamerikanis­che Län­der (Mer­co­sur) und die malayisch geprägten ASEAN-Staat­en Südostasiens die EU zum Vor­bild für ihre Koop­er­a­tion erk­lärt.

Ger­ade bei den let­zt­ge­nan­nten Staatenge­mein­schaften ist inter­es­sant festzustellen, dass sich die Bil­dung dieser Grup­pen an Hand von eth­nis­chen, d.h. vor allem von sprach­lich-kul­turellen Gemein­samkeit­en vol­lzieht.
Die UNESCO *) emp­fahl schon vor Jahren, zur Unter­schei­dung der ver­schiede­nen Völk­er statt der Ein­teilung in Rassen von kul­turellen Grup­pen (cul­tur­al groups) zu sprechen, welch­es später als eth­nis­che Gruppe über­set­zt wurde: “Cul­tur­al groups, or nation­al, lin­guis­tic, reli­gious and geo­graph­i­cal groups, do not nec­es­sar­i­ly coin­cide with racial groups. The cul­tur­al traits of such groups have no demon­strat­ed causal con­nex­ion with hered­i­tary racial traits. Amer­i­cans are not a race, nor are Eng­lish­men, French­men, Spaniards, Turks or Chi­nese, nor any oth­er nation­al group. Mus­lims and Jews are no more races than are Catholics and Protes­tants. These cul­tur­al groups are not describ­able as races because each cul­tur­al group is com­posed of many dif­fer­ent races. Seri­ous errors are habit­u­al­ly com­mit­ted when the term race is used in pop­u­lar par­lance; the term should nev­er be used when speak­ing of such human cul­tur­al groups.”
*) vgl. The race con­cept. Results of an inquiry UNESCO Paris, 1952, Seite 73 und 99 (pdf)

 

EINE NEUE ORDNUNG? *)

FOCUS: “Ste­ht uns eine neue Wel­tord­nung mit den Super­mächt­en USA und Chi­na bevor?”
Gen­sch­er: “Nein, es wird eine mul­ti­po­lare Wel­tord­nung sein, in der große Staat­en eine erhe­bliche Rolle spie­len, natür­lich die USA, aber auch Rus­s­land, Japan, Indi­en, Chi­na, Brasilien. Es wird zudem Kraftzen­tren neuer Art geben, näm­lich regionale Zusam­men­schlüsse wie die Europäis­che Union oder die ASEAN-Staat­en.”
(der ehe­ma­lige Außen­min­is­ter Hans-Diet­rich Gen­sch­er im FOCUS-Inter­view, 22.05.2006)

Seit­dem fast 90 Prozent der Welt­bevölkerung aufge­hört haben, bloße Objek­te der Welt­geschichte zu sein, ist die Dele­git­imierung der europäisch-amerikanis­chen Dom­i­nanz wohl unwider­ru­flich deut­lich gewor­den.

ANALYSE:

  • In den kom­menden Dekaden bis zur Mitte des 21. Jahrhun­derts wird es zu ein­er Ver­schiebung des wirtschaftlichen und poli­tis­chen Gewicht­es ver­schieden­er Wel­tre­gio­nen und einzel­ner Staat­en kom­men.
  • Asien, aber auch einzelne Sub­re­gio­nen in Lateinameri­ka, Afri­ka sowie im Nahen und Mit­tleren Osten wer­den wirtschaftlich und poli­tisch weit­er an Bedeu­tung gewin­nen.
  • Chi­na wird möglicher­weise in den näch­sten zwanzig bis dreißig Jahren zur größten Volk­swirtschaft auf­steigen, Indi­en kön­nte bis zur Jahrhun­dert­mitte zu den USA auf­schließen, falls sich der gegen­wär­tige Trend fort­set­zt.
  • Auf­strebende Mächte wie Brasilien, Südafri­ka oder das wieder­erstark­ende Rus­s­land wer­den gle­ich­falls eine größere Rolle in Weltwirtschaft und inter­na­tionaler Poli­tik spie­len.
  • Europa und die USA wer­den rel­a­tiv an Ein­fluss ver­lieren und ste­hen bere­its heute vor der Her­aus­forderung, auf die zukün­fti­gen Entwick­lun­gen angemessen zu reagieren.
  • Die wis­senschaftliche Poli­tik­ber­atung kann einen Beitrag dazu leis­ten, die zukün­fti­gen Entwick­lungstrends, aber auch mögliche Krisen und Kon­flik­te genauer zu erfassen, und dabei helfen, adäquate außen­poli­tis­che Strate­gien zu entwick­eln.

zitiert aus “Eura­sis­ches Mag­a­zin, Zukün­ftige glob­ale Machtver­schiebun­gen: Die Debat­te in den deuschen Think­tanks” vom 30.06.2008

Spätestens ab Mitte dieses Jahrhun­derts (neuere Stu­di­en sprechen sog­ar vom Jahre 2030 oder früher) wer­den drei der vier größten Volk­swirtschaften in Fer­nost liegen, neben den USA wer­den Japan, Indi­en und vor allem Chi­na genan­nt.  Bere­its zur Jahrtausendwende lebte die Hälfte der Men­schheit in Asien, während der “klas­sis­che” West­en, also vor allem Europa, die USA, Kana­da, Aus­tralien und Neusee­land, nur noch knapp ein Zehn­tel der Welt­bevölkerung stellte.

Was ist daran neu?” würde der 2010 ver­stor­bene britis­che Ökonom Angus Mad­di­son auf diese Aus­sagen wohl antworten. Dieser hat die Brut­toin­land­spro­duk­te (BIP) aller Natio­nen seit dem Jahr eins errech­net. Und auch, wenn vieles auf groben Annah­men und Schätzun­gen beruht: “Die Mad­di­son-Sta­tis­tik liefert viele über­raschende Ergeb­nisse. Heutzu­tage gilt Chi­na als auf­strebende Wirtschafts­macht, die den West­en bedro­ht. Dabei ist das his­torisch betra­chtet nichts Neues: Chi­na dominierte über mehrere Jahrhun­derte hin­weg die ganze Welt. Im Jahre 1500 war das chi­ne­sis­che Kaiser­re­ich unter der Ming-Dynas­tie die größte Volk­swirtschaft der Erde. Unge­fähr ein Vier­tel des gesamten Welt­sozial­pro­duk­ts wurde in Chi­na erwirtschaftet.”

Bere­its im Jahr 1000 gehörte das Gebi­et der späteren UdSSR zu den größten Wirtschaftsmächt­en der Erde — vor allem durch das dama­lige Mon­golen­re­ich. Von 1938 bis 1980 schob sich die UdSSR auf Platz zwei der Wirtschaftsmächte vor.

Bald kön­nten sich his­torische Nor­malver­hält­nisse wieder­her­stellen. SPIEGEL ONLINE hat die BIP-Werte für 2012 und 2030 auf Basis der von der Welt­bank prog­nos­tizierten BIP-Zuwach­srat­en hochgerech­net — denn Mad­di­son hat die Werte nur bis zum Jahr 2008 erfasst. Nach dieser Schätzung wird Chi­na die USA im Jahr 2030 als größte Volk­swirtschaft der Welt ablösen. Das Auf­streben der Welt­macht Chi­nas ist so gese­hen gar keine Rev­o­lu­tion, son­dern eine Rück­kehr zum his­torischen Regelfall.” - so berichtet SPIEGEL ONLINE im April 2014 über die Forschun­gen des ehe­ma­lige Pro­fes­sors der Uni­ver­sität Gronin­gen.

Chi­na, Indi­en, das Gebi­et der späteren UdSSR (heute zwis­chen Rus­s­land und den zen­tralasi­atis­chen Turk­staat­en aufzuteilen), das römis­che Reich (das in der Europäis­chen Union wie in den ara­bis­chen Staat­en Nordafrikas und des Nahen Ostens geo­graphis­che Nach­fol­ger hat), die iranis­chen Staat­en vom Iran bis Tad­schik­istan, die “neue Welt” mit Nor­dameri­ka, Lateinameri­ka und Aus­tralien — und das von den Ban­tu-Natio­nen geprägte Afri­ka  das sind nun ein­mal gemein­same, regionale Wirtschaft­sräume, die in der Lage sind, glob­ale Bedeu­tun­gen zu erlan­gen. 

 

Volk­swirtschaftliche Analy­sen:
Seit der von David Ricar­do (1771 — 1823) entwick­el­ten “The­o­rie der kom­par­a­tiv­en Vorteile” ist eigentlich nachgewiesen, dass inter­na­tionale Arbeit­steilung und freier Han­del den Wohl­stand der beteiligten Län­der steigert.

Ricar­dos The­o­rie beruht auf ein­er ein­fachen Rech­nung:

geset­zt den Fall, dass

  • in Por­tu­gal 90 Arbeit­er zur Pro­duk­tion von 1000 Ballen Tuch und 80 Arbeit­er für die Pro­duk­tion von 1000 Fass Wein benötigt wer­den
  • in Eng­land dage­gen 100 Arbeit­er für 1000 Ballen Tuch und 120 Arbeit­er für 1000 Fass Wein benötigt wer­den,
  • wom­it in bei­den Län­dern 2000 Ballen Tuch und 2000 Fass Wein durch ins­ge­samt 390 Arbeit­er erzeugt wären;

dann wür­den bei ein­er Spezial­isierung

  • die gle­iche Zahl der Arbeit­er (100 + 120 = 220) in Eng­land ins­ge­samt 2.200 Ballen Tuch erzeu­gen,
  • die gle­iche Zahl der Arbeit­er (90 + 80 = 170) in Por­tu­gal  ins­ge­samt (1000 + 1125=) 2.225 Fass Wein erzeu­gen,
  • wom­it die gle­iche Zahl der Arbeit­er in bei­den Län­dern 2.200 Ballen Tuch und 2.225 Fass Wein erzeu­gen würde.

Der “Mehrertrag” durch die Spezial­isierung beträgt also 200 Ballen Tuch und 125 Fass Wein. Damit wird bei gle­ichem Ein­satz durch Arbeit­steilung und Han­del ein kom­par­a­tiv­er Vorteil erzielt.

Ricar­dos Unter­suchung des “kom­par­a­tiv­en Vorteils” belegt the­o­retisch, dass es sich sog­ar für Län­der, die alle Pro­duk­te preiswert­er erzeu­gen kön­nen als andere, lohnt, sich zu spezial­isieren und den Han­del mit weniger wet­tbe­werb­s­fähi­gen Län­dern aufzunehmen. Wenn sich jedes Land auf die Pro­duk­tion der Güter spezial­isiert, die es selb­st (rel­a­tiv zu anderen Gütern) kostengün­stiger her­stellen kann, dann wer­den die eige­nen Ressourcen in die pro­duk­tivste Nutzung gelenkt.

Diese Über­legung ist also die the­o­retis­che Grund­lage der Glob­al­isierung, sie belegt, dass es für alle Beteiligten wirtschaftlich ist, andere Län­der in den arbeit­steili­gen Han­del einzu­binden.

Tat­säch­lich scheint die mit der Glob­al­isierung ein­herge­hende inter­na­tionale Arbeit­steilung auch zu einem erhe­blichen Wohl­stand­splus bei den so genan­nten Entwick­lungslän­dern, den späteren Schwellen­län­dern, geführt zu haben.

Der Invest­ment­banker Meryll Lynch veröf­fentlichte im Novem­ber 2006 eine Studie, die das wirtschaftliche Poten­tial der Schwellen­län­der aufzeigt. Diese erstreck­en sich über 75 Prozent der Land­flächen, beherber­gen 80 % der Welt­bevölkerung und erwirtschaften gut 50 % des weltweit­en Brut­toin­land­spro­duk­ts (BIP). Sie ver­fü­gen über 70 % der weltweit­en Devisen­re­ser­ven und einen Leis­tungsüber­schuss von 700 Mrd. Dol­lar, dem ein Defiz­it der etablierten Indus­trielän­der — ange­führt von den USA — in gle­ich­er Höhe gegenüber ste­ht. In nur zehn Jahren, von 1995 bis 2005, ist das amerikanis­che Han­dels­de­fiz­it gegenüber Chi­na von 34 Mil­liar­den US-Dol­lar auf über 200 Mil­liar­den US-Dol­lar angewach­sen. Die Schwellen­län­der wer­den immer weniger krise­nan­fäl­lig und haben das Poten­tial, wieder — wie bis zum Jahr 1820 — rund 80 % des weltweit­en BIPs zu erwirtschaften. Eine Bewäl­ti­gung von inter­na­tionalen Krisen ist zunehmend nur noch mit weit­eren Akteuren möglich.

Anlässlich der Finanzkrise im Okto­ber 2008 for­mulierte dies Bun­de­saußen­min­is­ter Stein­meier in einem Inter­view mit dem SPIEGEL (13.10.2008, S. 49) so:

Die Neuord­nung der Welt, die schon seit ger­aumer Zeit zu beobacht­en ist, beschle­u­nigt sich. Im poli­tis­chen Bere­ich hieß das bish­er vor allem, dass die alte Block­kon­fronta­tion des Kalten Krieges durch eine neue, noch unfer­tige Ord­nung erset­zt wird. Die Finanzkrise ver­schärft diesen Wan­del nun drama­tisch. … Natür­lich wird der West­en weit­er­hin eine starke inter­na­tionale Rolle spie­len, aber die Schwellen­län­der wer­den sich mit noch größer­er Kraft ein­schal­ten. Genau diese auf­streben­den Akteure müssen wir jet­zt schon stärk­er in die inter­na­tionalen Beziehun­gen und ins Krisen­man­age­ment der G-8-Staat­en ein­binden, und zwar poli­tisch wie wirtschaftlich. .…. Wir brauchen eine Welt­fi­nanz­gruppe, ein­er erweit­erte G-8, um über eine Neuord­nung der glob­alen Finanzbeziehun­gen zu reden. Dazu soll­ten neben den G-8-Staat­en auch die kom­menden Wirtschaftsmächte wie Brasilien, Indi­en, Chi­na mit gle­ichen Recht­en und Pflicht­en gehören, vielle­icht auch das eine oder andere Land aus dem ara­bis­chen Raum. …”

Im Jahre 2011 analysierte Alexan­der Busch (“Wirtschafts­macht Brasilien”, Hanser-Ver­lag) den Wan­del:

Das neue poli­tis­che Selb­st­be­wusst­sein kam erst­mals beim Tre­f­fen der Welthandel­sor­gan­i­sa­tion (WTO) 2003 in Can­cún zum Vorschein. Brasiliens Diplo­mat­en schmiede­ten eine Allianz, die mehr als die Hälfte der Welt­bevölkerung ver­trat. .… Europa und die USA waren völ­lig über­rascht


Can­cún ist eine der his­torischen Weg­marken für den weltweit­en Machtwech­sel, bei dem die Indus­tri­es­taat­en nicht nur wirtschaftlich, son­dern auch poli­tisch an Ein­fluss ver­lieren gegenüber den auf­steigen­den Volk­swirtschaften. Dieser Wand­lung­sprozess find­et inzwis­chen immer schnelle statt. …”

 

 

Es zeichnet sich eine neue Machtverteilung ab

Im Okt. 2007 teilte sich die Wirtschaft­skraft der von Gen­sch­er genan­nten Staat­en wie fol­gt auf:

1. USA 13262,1 Mrd $
2
. Euro Zone 10445,5 Mrd $
darin Ger­many 2890,1 Mrd $
 
3
. Japan 4463,6 Mrd $  
4
. Chi­na 2554,2 Mrd $
5
. Britain 2357,6 Mrd $
6
. Rus­sia 975,3 Mrd $  
7
. Brazil 966.8 Mrd $
8. India 854,5 Mrd $
 
 

Und im Jahr 2009 sieht die Rei­hen­folge schon anders aus:

1. USA 14.000 Mrd. $  
2
. Euro Zone
darin Ger­many 3.100 Mrd. $
 
3
. Japan 5.000 Mrd. $  
4
. Chi­na 4.800 Mrd. $  
5
. Britain  
6
. Brazil  1.300 Mrd. $
7
. Rus­sia 1.200 Mrd.
gle­ichauf mit India 1.200 Mrd. $


Aus: IHT print, Seite 17 Glob­al Econ­o­my watch
sources: Bloomberg, IMF local gov­ern­ment agen­cies- (für 2009 FAZ vom 26.07.2009 unter Bezug auf IWF Prog­nose)

Der Ver­gle­ich mit 2009 zeigt: Die BRIC-Staat­en (s.u.) haben also die glob­ale Finanzkrise offen­bar bess­er über­standen als die etablieren Indus­tri­es­taat­en. Während früher Chi­na als “Werk­bank der Welt” und Brasilien und Rus­s­land als “Rohstof­fliefer­an­ten” erhe­blich von den glob­alen Wirtschaft­szyklen abhängig waren, entwick­elt sich heute eine wesentlich stärke Unab­hängigkeit. Indi­en ist seit jeher eine Aus­nahme — die Bin­nen­nach­frage (der heimis­che Kon­sum mahct fast 70 % der Wirtschaft­sleis­tung) der ständig wach­senden Mit­telschicht befeuert die Wirtschaft Indi­ens. Aber auch Chi­na und Brasilien entwick­eln eine immer stärkere Bin­nen­nach­frage. Vor allem auch mit staatlichen Investi­tio­nen in der Infra­struk­tur (mit Bah­nen, Kraftwerken, Straßen) wird der Nach­frageschwäche aus den west­lichen Indus­tri­es­taat­en getrotzt — und eine ständig wach­sende Mit­telschicht treibt auch in Chi­na zuse­hends die Bin­nen­nach­frage voran. Das kom­pen­siert den Exportein­bruch und sta­bilis­ert die Rohstoff­preise, von denen Brasilien und Rus­s­land prof­i­tieren, auf rel­a­tiv hohem Niveau. Brasilien lebt dazu auch von ein­er zunehmend wach­senden Mit­telis­chicht und entsprechen­der Bin­nen­nach­frage — und vom “Spitzen-know-how”, das führende Indus­trie­un­ternehmen wie Embraer (Flugzeug­bau) oder Petro­bras (Tief­see­ex­plo­ration von Ölvorkom­men) inzwis­chen weltweit haben,

Wirtschaftswach­s­tum hängt auch von ein­er aus­re­ichend steigen­den Energiev­er­sorgung ab. Die Nutzung von Atom­kraftwerken und deren Neubau war ein Indiz — sowohl für das “know how” eines Staates wie auch für das Wach­s­tum der Energiev­er­sorgung. Wenn man 2011 — mit Fukushi­ma erfol­gte wohl nicht nur in Deutsch­land eine Neube­w­er­tung der Atom­en­ergie — als “Trendwende” sieht, dann sind die Neubau­vorhaben von Atom­kraftwerken dur­chaus geeignet, einen Trend zu eruieren. Tat­säch­lich waren nach Quellen der IAEA Anfang März 2012 weltweit inge­samt 436 Atom­kraftwerke in Betrieb. 13 Kernkraftwerke waren im Jahr 2011 endgültig abgeschal­tet wor­den — und ins­ge­samt 63 Atom­kraftwerke in Bau. 

Die stärk­ste “Bauwut” zeigt Chi­na (26 Kernkraftwerke), gefol­gt von Russs­land (10 Kernkraftwerke) und Indi­en (7 Kernkraftwerke). Mit Süd­ko­rea (3 Kernkraftwerke in Bau), Japan und Tai­wan (jew­eils zwei Atom­kraftwerke) fol­gen drei andere ostasi­atis­che Staat­en auf den “weit­eren Plätzen”. Während in der “Kern-EU” nur noch vere­inzelt Kernkraftwerke gebaut wer­den (Finn­land und Frankre­ich bauen jew­eils 1 Kraftwerk) zeigen vor allem die osteu­ropäis­chen Staat­en (Slowakei, Bul­gar­ien und die Ukraine bauen jew­eils 2 Atom­kraftwerke) entsprechende “Aufhol­tenden­zen”. Auch die Atom­macht Pak­istan set­zt auf Kernkraft und errichtete zu diesem Zeit­punkt 2 Kernkraftwerke.  Argen­tie­nien, Brasilien und die USA liegen mit je einem Atom­kraftwerk “im Bau” auf den hin­teren Rän­gen — und das, obwohl die meis­ten der 104 in Betrieb befind­lichen US-Atom­kraftwerke über 30 Jahre im Dienst und dementsprechend ver­al­tet und abgenutzt sind.  

Die aus­drück­liche Auf­nahme Indi­ens und Brasiliens mag über­raschen. Sind das nicht die Län­der mit den größten Slums? Sowohl Bom­bay (Mum­bay) als auch die Fave­las in Rio sind doch exem­plar­ische Beispiele für schlimm­ste Elend­squartiere — und da sollen neue Welt-, zumin­d­est Regionalmächte entste­hen?

Der amerikanis­che Har­vard-Pro­fes­sor Edward Glaeser sieht ger­ade in den Armen­vierteln einen guten Indika­tor für Pros­per­ität. Wer dor­thin ziehe lebe in den Elendsvierteln schon bess­er als die vere­lende Land­bevölkerung, und in den Städten entste­hen ökonomis­che Tur­bo­gen­er­a­toren für die wirtschaftliche Entwick­lung eines Lan­des. “Es gibt eine beina­he per­fek­te Kor­re­la­tion zwis­chen Urban­isierung und Pros­per­ität”, so Glaeser (“Tri­umph of the City: How Our Graetest Inven­ton Makes Us Rich­er, Smarter, Green­er, Health­i­er, an Hap­pi­er”; The Pen­guion Press, New York 2011). Die Wolkenkratzer in Shang­hai sind insofern nichts anderes, als die hor­i­zon­tal gewach­se­nen Wohn­si­los der ehe­ma­li­gen Land­be­wohn­er, die sich man­gels eines starken Staates (der für entsprechende Woh­nungs­baupro­gramme sorgt) in Indi­en oder Brasilien zunächst in den ausufer­n­den Flächen­sied­lun­gen der Slums nieder­lassen. Aber auch dort ist mit zunehmender Ver­sorgung mit Elek­tritz­ität, Wasserver­sorgung und Kanal­i­sa­tion eine zunehmende “Auf­besserung” der Wohn­si­t­u­a­tion ver­bun­den, die dann auch in steigen­den Einkom­men und zunehmen­dem Wohl­stand der Bevölkerung kor­re­liert. Ja, die Aufwen­dun­gen für die Infra­struk­tur sind in den Slum­sied­lun­gen höher als für Hochhäuser — es wer­den mehr Leitun­gen ver­legt, mehr Straßen gebaut — aber dementsprechend nach­haltiger ist auch die dadurch gener­ierte Nach­frage, wen­ngle­ich zum Preis von höheren ökol­o­gis­chen Belas­tun­gen (Flächen­ver­brauch, Arbeitswege).

Ein weit­er­er Punkt um sowohl unab­hängig vom Wohlwollen ander­er Staat­en wie auch zukun­fts­fähig zu sein, sind die Aus­gaben für Forschung und Entwick­lung (F & E). Nur, wer in der Spitzen­gruppe der Inno­va­tion­sstaat­en ste­ht, hat die Möglichkeit, dauer­haft in der Spitzen­gruppe der wichtig­sten Indus­tri­es­taat­en zu verbleiben.

Das kann am Beispiel Chi­nas aufgezeigt wer­den.  Bis 2020 soll Chi­na min­destens 70 % der für die Wirtschaft erforder­lichen Tech­nolo­gien selb­st beherrschen. Seit 1995 stiegen die Aus­gaben für Forschung und Entwick­lung jährlich im Schnitt um etwa 20 % auf (Stand 2011) rund 100 Mrd. US-$. Weltweit wer­den (nach Veröf­fentlichung des SPIEGEL, 19/2012) im Jahr 2012 “voraus­sichtlich rund 1,4 Bil­lio­nen Dol­lar für Forschung und Entwick­lung aus­gegeben.” Darin sind Forschungsaufwen­dun­gen pri­vater Konz­erne, z.B. von VW (6,26 Mrd. €), Nokia (4,94 Mrd. €), Daim­ler (4,85 Mrd. €) oder Sanofi-Aven­tis (4,39 Mrd. €) mit enthal­ten.

Ein Gegen­beispiel sind die ara­bis­chen Län­der. Von 1980 — 2000 wur­den in allen ara­bis­chen Län­dern — an der Bevölkerungszahl gemessen mit den USA ver­gle­ich­bar — nur 77 Paten­tanträge ein­gere­icht (und das auch nur in Ägypten, das somit den Spitzen­platz der ara­bis­chen Forschung ein­nimmt). Selb­st das “reiche Sau­di-Ara­bi­en” hat mit seinen Hochschulen in der Ver­gan­gen­heit falsche Schw­er­punk­te geset­zt. Wer einen Hochschu­la­b­schluss in Islamis­ch­er The­olo­gie oder Islamis­che Philoso­phie hat, kann zwar in den the­ol­o­gis­chen Stre­it­igkeit­en und Spitzfind­igkeit­en der islamis­chen Lehre glänzen — kaum aber in der Weltwirtschaft oder auch “nur” am Oper­a­tionstisch seinen Mann ste­hen. Erst in jün­ger­er Zeit haben sich auch die reichen ara­bis­chen Staat­en zu ein­er anderen Ori­en­tierung entschlossen. In Sau­di-Ara­bi­en, Dubai und anderen Staat­en schießen neue Forschung­sein­rich­tun­gen aus dem Boden.

Entschei­dend ist aber nicht die absolute Höhe der Aus­gaben, son­dern let­z­tendlich der Anteil am Brut­toin­land­sprd­kut (BIP), der in den einzel­nen Staat­en (ein­schließlich pri­vater Forschungsaus­gaben) für F & E frei gestellt wird. Dabei ist die Höhe der Anteile sehr unter­schiedlich. In Europa reicht das Spek­trum von 0,5 % des BIP (Griechen­land) über 2,87 % (Deutsch­land) bis 3,8 % (Finn­land).

 

G-20 — die wichtig­sten Indus­trie- und Schwellen­län­der:
Die “neuen Akteure” auf der glob­alen Spiel­wiese wer­den zweifel­los aus der Gruppe der zwanzig wichtig­sten Indus­trie- und Schwellen­län­der der Erde kom­men. Die “G-20” ist ein aus 19 Staat­en und der Europais­chen Unon beste­hen­der informeller Zusam­men­schluss. In der Gruppe der Zwanzig wichtig­sten Indus­trie- und Schwellen­län­der leben rund 62 Prozent der Welt­bevölkerung, die 2008 laut CIA World Fact Book auf sich rund 77 Prozent des Welt-Brut­to­na­tionaleinkom­mens (BNE) vere­ini­gen (jew­eils in US-Dol­lar gerech­net).

Land (Wirtschafts­bünd­nis) Bevölkerung
in Mil­lio­nen
in Prozent BNE Mil­liar­den
Dol­lar
in Prozent
Welt 6.700,0 100,0 54.620,0 100,0
Vere­inigte Staat­en 304,0 4,5 13.840,0 25,3
Japan 127,2 1,9 4.384,0 8,0
Deutsch­land (EU) 82,4 1,3 3.322,0 6,1
Vere­inigtes Kön­i­gre­ich (EU) 61,0 0,9 2.773,0 5,1
Frankre­ich (EU) 64,0 1,0 2.560,0 4,7
Chi­na 1.330,0 19,9 3.251,0 6,0
Ital­ien (EU) 58,1 0,9 2.105,0 3,9
Kana­da 33,2 0,5 1.432,0 2,6
Mexiko 110,0 1,6 893,4 1,6
Indi­en 1.148,0 17,1 1.099,0 2,0
Süd­ko­rea 48,4 0,7 957,0 1,8
Brasilien (Mer­co­sur) 196,4 2,9 1.314,0 2,4
Aus­tralien 21,0 0,3 908,0 1,7
Rus­s­land 140,7 2,1 1.290,0 2,4
Türkei 71,9 1,1 663,4 1,2
Indone­sien (ASEAN) 237,5 3,5 432,9 0,8
Sau­di-Ara­bi­en (GCC) 28,1 0,4 376,0 0,7
Südafri­ka 48,8 0,7 282,6 0,5
Argen­tinien (Mer­co­sur) 40,5 0,6 260,0 0,5
G-20 4.151,2 62,0 42.143,0 77,2

Stand: 2008 (Quelle: Wikipediafett her­vorge­hoben sind Staat­en mit > 100 Mio. Bevölkerung oder > 1.000 Mrd. $ Wirtschaft­skraft)

Ursache für die Bil­dung dieser Gruppe war die Erken­nt­nis, dass der “West­en”, also die Indus­trielän­der der Erde, die glob­alen Krisen immer weniger alleine bewälti­gen kön­nen. Aus­gelöst durch die  Asienkrise 1997 tre­f­fen sich Repräsen­tan­ten dieser Staat­en regelmäßig ein­mal jährlich. Die durch den US-Immo­bilien­crash aus­gelöste glob­ale Finanzkrise 2008/2009 zeigt erneut, dass sich die “Schw­ergewichte” der Wirtschaftsmächte auf unserem Globus ver­schieben. Wir haben in der o.g. Län­derliste einige Staat­en beson­ders markiert. Es sind Staat­en, die nach unser­er Ansicht beson­ders für eine Führungsrolle in Frage kom­men. Das sind etwa Staat­en, die mehr Ein­wohn­er als die (abtre­tende) Welt­macht Rus­s­land mobil­isieren kön­nen. Neben den Kri­te­rien der Bevölkerungszahl und der Wirtschaft­skraft gibt es freilich auch andere Kri­te­rien, etwa die Größe eines Lan­des und den damit ver­bun­de­nen Rohstof­fre­ich­tum, die das Poten­tial eines Staates aus­machen. Län­der, die für sich alleine nicht genü­gend Poten­tial aufweisen, kön­nten die Möglichkeit nutzen, sich im Bünd­nis mit anderen entsprechend zu pro­fil­ieren. Die EU, ASEAN und MERCOSUR oder die ARABISCHE LIGA oder auch eine Koop­er­a­tion der turk­sprachi­gen Staat­en stellen solche (poten­tiellen) Bünd­nisse dar, die bere­its bish­er in unter­schiedlich­er Stärke ver­wirk­licht wur­den.

Bemerkenswert ist in diesem Zusam­men­hang, dass die glob­ale Finanzkrise 2008/2009 die etablierten Wirtschaftsmächte unter den G-20 Staat­en offen­bar wesentlich härter trifft als die Schwellen­län­der, denen auch weit­er­hin ein Wach­s­tum auf reduziertem Niveau und gerin­gere Haushalts­de­fizite prog­nos­tiziert wer­den.

Wach­s­tum in Prozent Haushalt­se­fiz­it in Prozent des BIPs
Land 2009 2010 2009 2010
Vere­inigte Staat­en - 1,6 + 1,7 - 7,5 - 9,1
Japan - 1,4
Deutsch­land - 2,3 + 0,7 - 2,9 -4,2
Vere­inigtes Kön­i­gre­ich - 2,8 + 0,2 - 8,8 - 9,6
Frankre­ich - 1,8 + 0,4 - 5,4 - 5,0
Ital­ien - 2,0 + 0,3 - 3,8 - 3,7
Euro-Zone: + 0,1 + 0,9
Chi­na + 6,0 + 7,2 - 2,7 - 1.9
Kana­da
Mexiko
Indi­en + 5,8 + 6,5 - 4,4 - 4,0
Süd­ko­rea
Brasilien + 1,3
Aus­tralien
Rus­s­land - 2,2
Türkei
Indone­sien
Sau­di-Ara­bi­en + 5,1
Südafri­ka
Argen­tinien

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Die FAZ — sich­er kein linkes, den Kom­mu­nis­mus ver­her­rlichen­des Blatt — schreibt dazu am 31. März 2009: “Vor dem G-20-Gipfel   —     Das Ende der chi­ne­sis­chen Zurück­hal­tung .…

Auch wenn die Fol­gen der Wirtschaft­skrise noch nicht voll­ständig abse­hbar sind: Schon heute ist klar, dass sie die Verän­derun­gen der inter­na­tionalen Machtver­hält­nisse beschle­u­nigt und die Entwick­lung der Volk­sre­pub­lik Chi­na zum glob­alen Machtzen­trum neben Ameri­ka begün­stigt hat. Für den „Auf­stieg Chi­nas“ kön­nte die Krise ein his­torisch­er Wen­depunkt sein.”

Im Jahre 2011 kon­sta­tiert Alexan­der Busch (“Wirtschafts­macht Brasilien”, a.a.O.) sog­ar den vol­l­zo­ge­nen Wech­sel:
“… Keine andere Insti­tu­ion zeigt das so deut­lich wie die G-8, die Gruppe der Welt­mächte. Noch 2007 in Heili­gen­damm unter der Führung von Angela Merkel wur­den die Präsi­den­ten Brasiliens, Chi­nas, Indi­ens, Mexikos und Südafrikas am zweit­en Tag des Tre­f­fens zu Kaffe und Kirchen einge­flo­gen. Wie artige Kinder, die den Erwach­se­nen die Hand schüt­teln dür­fen, bevor sie wiede aus der guten Stube geführt wer­den. Die The­men wur­den ihnen vorgegeben. sie kon­nten ihre Mei­n­un­gen dazu äußern. Ins Pro­tokoll kam nichts. Das wars.
Ganz anders ging es im April 2009 zu, also knapp zwei Jahre später beim G-20 Gipfel in Lon­don. Die Weltwirtschaft stand am Abgrund. Allen Beteiligten war klar, dass die weltweite Krise nur gemein­sam gelöst wer­den kann. Also mit den neuen Wirtschaf­s­mächt­en. Ohne Brasilien, Chi­na und Indi­en wäre jed­er Beschluss wenig wirk­sam gewe­sen. Zumal diese Staat­en in dieser Weltwirtschaft­skrise im Ver­gle­ich zu den Indus­trielän­dern wirtschaftlich sta­bil daste­hen.

 

Die regelmäßi­gen Tre­f­fen der Präsi­den­ten der BRICS-Staat­en, also Brasilien, Rus­s­land, Indi­en, Chi­na und nun Südafri­ka, sind Aus­druch dieser entste­hen­den neuen Wel­tord­nung. Erst­mals zeigten diese Staat­en beim Klimagipfel Ende 2009 in Kopen­hagen ihre Muskeln. Sie tagten aus­giebig untere­inan­der und ließen die USA und Europäer vor der Tür warten.

Etwas weniger abstrakt — und zugle­ich augen­fäl­lig für die zunehmende Bedeu­tung der so genan­nten “Schwellen­län­der” für den eige­nen, deutschen, Arbeits­markt ist der Absatz von “Luxus­fahrzeu­gen” für die wach­sende Mit­telschicht dieser Län­der. Die Wirtschaftswoche (Aus­gabe Nr. 23 v. 04.06.2012) bringt das an Beispiel des KFZ-Her­stellers “BMW” auf den Punkt. Von 2010 auf 2011 stieg der Absatz der Fahrzeuge des bay­erischen Her­stellers

- in Rus­s­land um 40 % auf 30.167 Fahrzeuge,

- in Süd­ko­rea um 43 % auf 27.400 Fahrzeuge,

- in der Türkei um 31 % auf 16.753 Fahrzeuge,

- in Brasilien um 54 % auf 15.214 Fahrzeuge und

- in Indi­en um 50 % auf 9.371 Fahrzeuge.

Bei diesen steigen­den Absatz­zahlen ist es kein Wun­der, dass sich der Her­steller mit der Aus­lagerung von Pro­duk­tio­nen für den regionalen Absatz­markt in die genan­nten Län­der befasst — was dort wiederum Arbeit­splätze schafft, und erneut die wirtschaftlich rel­e­vante Mit­telschicht stärkt.

Im Fol­gen­den wollen wir einzel­nen Grup­pierun­gen inner­halb der G-20 Staat­en unsere beson­dere Aufmerk­samkeit wid­men.

Die BRIC-Staat­en:
Tat­säch­lich repräsen­tieren die nach ihren Angangs­bucht­staben so genan­nten “BRIC-Staat­en” (Brasilien, Rus­s­land, Indi­en und Chi­na) mehr als 40 Prozent der Welt­bevölkerung und beherrschen fast ein Drit­tel der Land­masse der Erde — und wenn es diesen Län­dern gelingt, ihre wirtschaftlichen Entwick­lung­sprob­leme “im Griff zu hal­ten”, poli­tisch sta­bil zu bleiben und den Wohl­stand und damit die Kaufkraft der Bevölkerung zu mehren, dann wer­den diese Län­der — heute vielfach als “Schwellen­län­der” beze­ich­net — im glob­alen Wirtschaft­saus­tausch und in der Welt­poli­tik kün­ftig eine zunehmend bedeu­ten­dere Rolle spie­len. “Die vier BRIC-Staat­en wer­den, so eine Gold­man-Sachs-Studie, bis zum Jahr 2050 unter den Top 6 der stärk­sten Volk­swirtschaften sein.”

Extern­er Link: FTDDie BRIC-Staat­en ver­mark­ten sich selb­st

Dabei ergänzen sich die Volk­swirtschaften dieser Staat­en gegen­seit­ig. Brasilien und Rus­s­land liefern Rohstoffe und Tech­nolo­gie, Indi­en ste­ht für High tech — und Chi­na für die Werk­bank. Ergänzt mit anderen Staat­en kön­nen diese Staat­en einen Wirtschaft­skreis­lauf in Gang hal­ten, der ohne die etablierten west­lichen Indus­tri­es­taat­en auskommt.
Brasilien ist führen­der Pro­duzent und Expor­teuer ein­er enorm bre­it­en Rei­he von Rohstof­fen wie Eisen­erz, Baux­it, Sojabohnen, Kaffe. Rind­fleisch oder Orangen­saftkonzen­tat und dem­nächst von Erdöl, das in einem beien Gür­tel vor der Küste von Rio des Janeiro im Meer gefun­den wurde. Es geht zunehmend dazu über, die Ver­ar­beitung der Rohstoffe in eige­nen Indus­trien durchzuführen.
Rus­s­land entwick­elt sich seit der Präsi­dentschaft Putins von einem ges­trauchel­ten kranken Land zu neuem Macht­be­wusst­sein — und ist mit seinen Öl- und Gasvor­räten der Staat, der die Wirtschaft der EU und Chi­nas mit Brennstoff befeuert. Daneben begin­nt zunehmend die Umstrutkurierung der Wirtschaft in eine mod­erne Indus­triege­sellschaft, die auf­grund der Über­reste der sow­jetis­chen Kom­bi­nate mit beina­he rasender Geschwindigkeit von­stat­ten geht. Das volk­swirtschaftlich 2007 wel­weit an siebter Stelle liegende Land wird — bei Beibehal­tugn des seit der Jahrtausendwende dauer­haft vorgelegtem Wirtschaftswach­s­tums von 6 % — bis 2016 den fün­ften Platz erre­ichen kön­nen, hin­ter den USA, Chi­na, Japan und Indi­en.
Indi­en ste­ht seinem asi­atis­chen Rivalen nicht weit nach. Es prof­i­tiert von britisch über­nommen­er Rechtsstaatlichkeit und Eliteschulen, Demokratie — und dem zunehmenden Arbeit­skräfte­man­gel in den chi­ne­sis­chen Boom­pro­v­inzen an der Küste. Nicht wenige der Her­steller, die als Bil­lig­pro­duzen­ten die Indus­trieal­isierung Chi­nas ein­geleit­et haben, nehmen inzwis­chen Ver­lagerun­gen vor, etwa in das Niedriglohn­land Indi­en.
Chi­na verze­ich­net seit Jahren mehr als 10% Steigerung des Brut­toin­land­spro­duk­ts — jährlich -, ver­braucht weltweit jede dritte Tonne Stahl, ist bei Alu­mini­um (30 Prozent der weltweit­en Nach­frage), Kuper (25 %) und Stahl inzwis­chen welt­größter Abnehmer und zweit­größter Ölkon­sument nach den USA.

Die vier BRIC-Staat­en begin­nen zunehmend zu kooperieren. So trafen sich — nach ein­er Mel­dung von RIA Novosti — die Außen­min­is­ter von Brasilien, Rus­s­land, Indi­en und Chi­na im Mai 2008 bei einem Tre­f­fen in Jeka­ter­in­burg (Ural), um die Energiesicher­heit und die Sit­u­a­tion in der glob­alen Wirtschaft zu besprechen. Es ist unzweifel­haft, dass sich die vier Staat­en um eine entsprechende Koor­di­na­tion in Wirtschafts­fra­gen bemühen. Darüber hin­aus gibt es engere Verbindun­gen zwis­chen Chi­na, Iran, Venezuela und Rus­s­land (wie bilat­erale Invest­ment­fonds), um — wie RIA Novosti (Venezuela und Iran schließen Pakt gegen US-Impe­ri­al­imus — mit Rus­s­land?) berichtet — die jew­eili­gen Regierun­gen “von der von ihr gehas­sten Notwendigkeit befreien, den mark­twirtschaftlichen Spiel­regeln zu fol­gen. Damit würde die .… Wirtschaft nicht von der Weltkon­junk­tur, son­dern von konkreten Inve­storen abhängig gemacht.” Die bish­er eher auf Pop­ulis­mus aus­gerichtete Show gewinne immer greif­bar­er an wirtschaftlich­er Bedeu­tung. Vor allem sei dies eine Reak­tion auf die amerikanis­che Außen­poli­tik: “Den Län­dern, die poten­tiell zur „Achse des Bösen“ gezählt wer­den und die zu „demokratisieren“ sind, bleibt nichts Anderes übrig als sich zusam­men­zuschließen.”

Dabei scheint ger­ade die wirtschaftliche Entwick­lung Chi­nas den The­o­rien vom Zusam­men­hang mark­twirtschaftlich­er Entwick­lung und Demokratisierung zu wider­sprechen. Chi­na funk­tion­iert wirtschaftlich wie ein gigan­tis­ch­er Staatskonz­ern. Vor­stand und Auf­sicht­srat sitzen als Regierung in Peking, und die unter­ge­ord­neten Ebe­nen haben bei der Umset­zung der Direk­tiv­en aus der Zen­trale real­tiv große Hand­lungsspiel­räume. Dieser Weg scheint ger­ade für weniger entwick­elte Län­der ungeah­nte Erfolge zu brin­gen.

Chi­nas BIP wuchs seit 1976 in jed­er Dekade real um mehr als 100 %, mit einem Spitzen­wert von 140 %  (1986 bis 1995) und ein­er leicht­en Abflachung auf 131 % (1996 bis 2005).

Indi­en, der zweite asi­atis­che “New­com­er” legt ständig steigende Wach­s­tum­srat­en auf das Par­kett, zulet­zt mit 76 % (1996 bis 2005 — und 61 % in der vorherge­hen­den Dekade) immer noch Spitzen­werte, die jedem amerikan­sichen und europäis­chen Poli­tik­er als “Traum” erscheinen.

Rus­s­land erre­ichte von Jan­u­ar bis Sep­tem­ber 2006 eine BIP-Steigerung von 6,5 Prozent gegenüber dem Vor­jahrszeitraum und kann sich damit in die Riege der asi­atis­chen Spitzen­re­it­er ein­rei­hen.

Brasilien - der vierte Mata­dor des Quar­tetts, das hier ein­mal entsprechend seinem BIP-Wach­s­tum in umgekehrter Rei­hen­folge aufgezählt wird, erre­ichte eben­falls steigende Zuwach­srat­en: von real 3,0 % im Jahre 2005 über real 3,7 % BIP Wach­s­tum 2006 zu zu ein­er BIP Wach­s­tum­sprog­nose von 4,4 % (für das Jahr 2007) ste­ht die Wirtschaft­sen­twick­lung des poten­tiell stärk­sten Lan­des Südamerikas den anderen Staat­en der BRIC-Gruppe kaum nach.

Tat­säch­lich nehmen — wie schon vor Jahren vorherge­sagt — die Han­delsströme zwis­chen den BRIC-Staat­en zumin­d­est in Teil­bere­ichen mas­siv zu. Der Han­del zwis­chen Chi­na und Brasilien wuchs alleine im ersten Hal­b­jahr 2010 gegenüber dem Vor­jahreszeitraum um 60 %. Chi­na wurde 2009 größter Export­markt Brasiliens — zu 2/3 von Min­er­alien und Sojabohnen umfasst, während Brasilien von Chi­na fast auss­chließlich Fer­tig­pro­duk­te importiert. Der Export der lateinamerikanis­chen Län­der nach Chi­na ist von weniger als 5 Mil­liar­den 1999 auf fast 50 Mil­liar­den US-Dol­lar 2009 gestiegen, während die Importe aus Chi­na nach Lateinameri­ka von fast 7 Mil­liar­den 1999 auf 73 Mil­liar­den US-Dol­lar 2009 gestiegen sind und 2008 mit 87 Mil­liar­den US-Dol­lar ihren Höch­st­stand erre­icht­en.

Allerd­ings wach­sen auch die regionalen Han­dels­beziehun­gen. Nach den USA, der EU und Japan stellen die ASEAN-Staat­en im Jahr 2010 den viert­größten Export­markt Chi­nas — und den drittgrößten Import­markt. Die “Schwellen­staat­en” unter­stützen sich in ihrer wirtschaftliche Entwick­lung also gegen­seit­ig.

Eine weit­ere Zahl soll die Bedeu­tung der BRIC-Staat­en verdeut­lichen: eine netwick­elte Volk­swirtschaft benötigt Energie — dementsprechend ist der Bau von Kraftwerken ein Indiz für das Wach­s­tum ein­er Volk­swirtschaft. Und kom­plexe Tech­nik wie Atom­kraft benötigt sehr viel kno how. Der Bau von Atom­kraftwerken zeigt also symp­to­ma­tisch nicht nur den Entwick­lungs­stand, son­dern auch die Entwick­lung ein­er Volk­swirtschaft. Von den Anfang 2011 in Bau find­lichen 65 neuen Atom­kraftwerken sollen über 2/3 in Chi­na, Indi­en und Rus­s­land fer­tig gestellt wer­den — und 100 weit­ere Reak­toren sind (nun auch in Brasilien) in Pla­nung.

Die IBSA-Gruppe:

Eine andere möglich Kom­bi­na­tion von über­na­tionaler Zusam­me­nar­beit von Schwellen­län­dern sei hier auch noch erwäh­nt: Indi­en — Brasilien — Südafri­ka: die IBSA-Gruppe. Bere­its im Jahr 2006 hat eine Arbeits­gruppe der Uni­ver­sität Kas­sel auf die Inten­sivierung der tri­lat­erale Koop­er­a­tion dieser Schwellen­län­der hingewiesen. “Indi­en, Brasilien und Südafri­ka, auch IBSA-Gruppe genan­nt, sind die wichtig­sten Wirtschaftsmächte ihrer Regio­nen. Schon seit einiger Zeit bemühen sich die Regierun­gen dieser drei Län­der, durch Aus­bau der tri­lat­eralen Beziehun­gen eine Vor­re­it­er­rolle bei der Süd-Süd-Koop­er­a­tion zu spie­len und ein poli­tis­ches und ökonomis­ches Gegengewicht zu den mächti­gen Indus­trien­atio­nen des Nor­dens zu schaf­fen.” Es wäre zumin­d­est eine “Unter­las­sungssünde” wenn wir diese poten­tiellen Koop­er­a­tion mit ihrem großen Poten­tial hier nicht erwäh­nen wür­den. Während sich die BRIC-Staat­en eher über wirtschaftliche Gemein­samkeit­en definieren und zu ein­er glob­alen Abstim­mung kom­men, spielt in der IBSA-Gruppe auch die mil­itärische Zusam­me­nar­beit eine Rolle. Mit “IBSAMAR” wer­den regelemäßige gemein­same Manöver der Mari­nen von Indi­en, Brasilien und Südafri­ka abge­hal­ten.

BRIC + IBSA” — oder: “BRIC + S” — die BRICS-Staat­en:

Eine Kom­bi­na­tion bei­der Grup­pierun­gen stellt die zunehmende Ver­wen­dung des Begriffs “BRICS-Staat­en” dar. Dabei wer­den die BRIC-Staat­en — Brasilien, Rus­s­land, Indi­en und Chi­na — durch das “S” für Südafri­ka ergänzt.

Monopole auf Rohstoffe

Es ist wie ver­hext: die Rohstoffe verteilen sich nicht gle­ich­mäsig auf die Län­der der Erde. Was wir bei Öl (21 % der weltweit­en Vorkom­men in den GUS-Staat­en) und Gas (Rus­s­land und die Golflän­der teilen sich die Löwenan­teile) schon wis­sen, gilt auch für andere Rohstoffe, die in ein­er mod­er­nen Welt immer wichtiger wer­den. Die wichtig­sten Pro­duzen­ten von Eisen­erz sind die GUS-Staat­en, Chi­na und Aus­tralien. Nick­el find­et kommt haupt­säch­lich aus Kana­da (25 %) und den GUS-Län­dern (21 %). Für Chrom haben Südafri­ka (> 35 %) und die GUS-Staat­en ( 39 %) teilen sich nahezu konkur­ren­z­los die weltweit­en Vorkom­men an Pal­la­di­um. Kobald find­et sich über­wiegend im Kon­go (42 %) und den USA ( 53 %) und Brasilien (>22 %) gewon­nen. Chi­na ver­fügt über 86,2 % der weltweitn Ger­man­icum-Vorkom­men, ein beschei­den­er Rest von knapp 9 % liegt in der Mon­golei — und Chi­na (~ 58 %) sowie Japan (~ 1 %) teilen sich die gröten Vorkom­men an Irid­i­um. Ohne diese so exo­tisch anmu­ten­den Min­er­alien würde vieles von unser­er heuti­gen Tech­nik nicht funk­tion­ieren — Mobil­tele­fone als Beispiel.
Soll sich der West­en diese Vor­räte (nach dem Beispiel der Kolo­nial­herrschaft und dem Mot­to “Blut für Öl”) mit Gewalt sich­ern, oder doch eher friedliche Han­dels­beziehun­gen einen glob­alen Ware­naus­tausch auf der Basis gegen­seit­iger Abhängigkeit­en bevorzu­gen? Der indus­tri­al­isierte West­en würde anstelle der fehlen­den Rohstoffe sein “know how” in diesen Aus­tausch ein­brin­gen kön­nen — und über die vorhan­dene bre­ite “Wis­sens­ge­sellschaft” auch weit­er­hin einen tech­nol­o­gis­chen Wis­sensvor­sprung behal­ten.
Tat­säch­lich hat bish­er der friedliche Waren- und Dien­stleis­tungsaus­tausch im Zuge der “Glob­al­isierung” die “friedliche Vari­ante” den Regelfall gegeben. Kolo­niale Reflexe sind vere­inzelt fest­stell­bar, führen aber in großem Maßstab nicht zum gewün­scht­en Erfolg. Der Irak mag dazu als abschreck­endes Beispiel hin­sichtlich der Förderung und der Ver­fü­gungs­ge­walt über die irakische Ölvorkom­men gel­ten.

Steigende Devisenreserven in den Schwellenländern

Der Wirtschaft­sauf­schwung der Schwellen­län­der wirkt sich auch in steigen­den Exporten (Chi­na) und Dien­stleis­tun­gen (Indi­en) aus — und spült immer mehr Geld in die Kassen dieser Län­der. Inzwis­chen hort­en die Schwellen­län­der knapp 3/4 aller Devisen­re­ser­ven weltweit. Die Ein­la­gen der (oft geschmäht­en) klas­sis­chen Finanzin­sti­tute der Weltwirtschaft muten dage­gen mar­gin­al an.
Der Inter­na­tionale Währungs­fonds (IWF) — die “Feuer­wehr für Zahlungs­bi­lanzprob­leme der Mit­gliedsstaat­en — ver­fügte 2007 über Ein­la­gen in Höhe von 346,6 Mrd. Dol­lar. Das Kred­itvol­u­men des IWF sank dage­gen vin 96,3 Mrd. $ (Ende 2004) auf 16,1 Mrd. (im März 2008) — auch dank der hohen Rück­zahlungsquoten von vor­ma­li­gen “Stützungsempfängern” wie Brasilien.
Die Welt­bank - zur Finanzierung von großen Infra­struk­tur­pro­jek­ten und Entwick­lung­shil­fe­pro­gram­men — kon­nte 2007 magere 24,7 Mrd. Dol­lar für Kred­ite und Investi­tio­nen vergeben.

Chi­nas Devisen­re­ser­ven sind vom Jahr 2000 (168 Mrd. $) an stetig inner­halb von gut 5 Jahren auf 925 Mrd.  $ (Mai 2006) gestiegen. Japan (843 Mrd. $), und erst recht die alten Wirtschaftsmächte wie die Euro-Staat­en (173 Mrd. $) und die USA (41 Mrd. $) sind abgeschla­gen, was die Mächtigkeit zu Investi­tio­nen in Drit­tlän­dern bet­rifft — und damit die Möglichkeit, sich Rohstof­fquellen zu erschließen.

Und auch die Regierun­gen von Brasilien, Rus­s­land und Indi­en kön­nen auf immer höhere Devisen­re­ser­ven blick­en, die — vernüftig einge­set­zt — die Wirtschaft der Län­der noch mehr ankurbeln und stärken wer­den. Brasilien kon­nte Mitte 2007 gut 110 Mrd. US-$ ausweisen, Rus­s­land ver­fügte Anfang 2008 über Devisen­re­ser­ven von gut 500 Mrd. US-$, und Indi­en hat  von 1991 bis  Ende 2007 seine Devisen­re­ser­ven um den Fak­tor 40 vervielfacht — auf über 300 Mrd. $. Das macht diese Län­der unab­hängiger von Währungsspeku­la­tio­nen, von den ungeliebten Aufla­gen des IWF — erlaubt die Ver­sorungssicher­heit der eige­nen Wirtschaft mit Rohstof­fen abzu­sich­ern und ermöglicht gezielte Investi­tio­nen zur Förderung der eige­nen Wirtschaft. Chi­na ver­gab 2007 über 20 Mrd. $ Kred­ite an afrikanis­che Län­der — und sicherte sich damit die Ver­sorgung mit Rohstof­fen für seine boomende Wirtschaft. Indi­en war mit 2,5 Mrd. Kred­itvol­u­men dabei — eine Erhöhung auf über 5 Mrd. in 2008 ist angekündigt — und investierte zusät­zlich 500 Mio. $ in eigene Pro­jek­te in Entwick­lungslän­dern. Die Kred­ite Chi­nas und Indi­ens alleine für Afri­ka waren also in der Höhe etwa dem Kred­itvol­u­men ver­gle­ich­bar, das von der Welt­bank weltweit aus­gegeben wurde.

Die USA kom­men dage­gen in der Liste der zehn Staat­en mit den größten Fremd­währungsre­ser­ven gar nicht vor:

Staat­en mit den größten Devisen­re­ser­ven im Jahr 2008.

Rank Rang Country/Monetary Author­i­ty Land / Mon­e­tary Author­i­ty bil­lion USD (end of month ) Mrd. USD (Ende des Monats) change in year 2007 Verän­derung im Jahr 2007
1 Flagge der Volksrepublik China Chi­na $ 1682 (March) 1 $ 1682 (März) 1 +43.3% +43,3%
2 Flagge Japan Japan Japan $ 1004 (April) $ 1004 (April) +8.7% +8,7%
Flagge Europa Euro­zone Euro­zone $ 563 (March) $ 563 (März) +16.6% +16,6%
3 Flagge Russland Rus­sia Rus­s­land $ 537 ( May 9 ) 2 $ 537 (9. Mai) 2 +59.2% +59,2%
4 Flagge von Indien India Indi­en $ 313 ( May 2 ) 2 $ 313 (2. Mai) 2 +64.4% +64,4%
5 Flagge der Republik China Tai­wan ( ROC ) Tai­wan (ROC) $ 289 (April) $ 289 (April) +2.7% +2,7%
6 Flagge von Südkorea South Korea Süd­ko­rea $ 260 (April) $ 260 (April) +9.7% +9,7%
7 Flagge von Brasilien Brazil Brasilien $ 197 ( May 8 ) 3 $ 197 (8. Mai) 3 +105.9% +105,9%
8 Flagge von Singapur Sin­ga­pore Sin­ga­pur $ 176 (April) $ 176 (April) +19.1% +19,1%
9 Flag of Hong Kong Hong Kong Hong Kong $ 160 (April) $ 160 (April) +14.6% +14,6%
10 Flagge Deutschland Ger­many Deutsch­land $ 150 (March) $ 150 (März) +20.3% +20,3%

(Quelle: Wikipedia )

Gel­dan­lage nicht mehr im US-$:
Wie wir in unserem USA-Dossier aus­ge­führt haben, ist inzwis­chen das “Ende des Dol­lar-Jahrhun­derts” gekom­men. Während früher in Krisen­zeit­en der US-Dol­lar gehort­et wurde ist seit Som­mer 2006 eine umge­drehte Wan­derungs­be­we­gung festzustellen. Das inter­na­tionale Kap­i­tal ver­lässt die USA. Investi­tio­nen und Gel­dan­la­gen (pri­vates Beteilungskap­i­tal der “pri­vate euitiy” -Fonds) wer­den zunehmend in den boomenden Schwellen­län­dern mit ihren stark wach­senden Märk­ten vorgenom­men, die eine wesentlich bessere Verzin­sung des Anlagekap­i­tals und eine sicherere Gel­dan­lage ver­sprechen. So tritt der Euro zunehmend — wenn auch in kleinen Schrit­ten — an die Stelle des US-$, auch bei Geschäften mit Öl und Gas. Rus­s­land geht sog­ar so weit, eine Ver­rech­nung in Rubel zu über­legen — misst der eige­nen Währung also mehr Sta­bil­ität zu als dem US-$.
Die Devisen­zuwächse der Schwellen­län­der wer­den nicht mehr in $-Anlei­hen angelegt, mit denen die USA ihre “Wirtschaft auf pump” finanzierten. Stattdessen fließt das Kap­i­tal in den Euro-Raum, was auch auf­grund der steigen­den Kur­swerte dieser Währung einen zusät­zlichen Gewin­nef­fekt ver­spricht. So set­zt die rus­sis­che Zen­tral­bank beim Auf­bau ihrer Devisen­re­ser­ven ver­stärkt auf den Euro. Chi­nas Staats­bank ist sog­ar noch weit­er gegan­gen. Nicht nur Devisen­zuwächse wer­den nicht mehr in Dol­lar angelegt — im August 2007 haben Chi­nas Staats­banker (erst­mals in der Geschichte) US-Staat­san­lei­hen verkauft, in der Größenord­nung von 14 Mrd. $. Manche Kom­men­ta­toren sprechen sog­ar davon, dass “Kap­i­tal aus den USA floh” (Niko­laus Piper, Süd­deutsche Zeitung, 3.11.2007 S. 4). Der Euro macht heute (2007) schon etwa ein Vier­tel der inter­na­tionalen Währungsre­ser­ven aus. Vor­re­it­er für diesen Umschwung sind die reichen Golflän­der. In Quater ist der Dol­larbe­stand im Devisen­topf auf magere 40 % reduziert wor­den (Stand 2007).

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Andere Währun­gen wie Chi­nas Yuan als inter­na­tionale Währung?

Inner­halb eines knap­pen Jahres — von Jan­u­ar bis Novem­ber 2007 — haben die Kurse der Währun­gen der Schwellen­län­der im Ver­hält­nis zum US-$ einen enor­men Auf­schwung genom­men.

  • der südafrikanis­che Rand stieg gegenüber dem US-$ um 18 %

  • der brasil­ian­is­che Real stieg gegenübe dem US-$ um 16 %

  • die indis­che Rupie stieg gegenüber dem US-$ um 13 %

  • Chi­nas Währung — der Ren­min­bi — wird auf einem kün­stlich niedri­gen Kurs gehal­ten, um die Exportwirtschaft des Lan­des nicht zu beein­trächti­gen.

Gle­ichzeit­ig nimmt die Wirtschaft­skom­pe­tenz der etablierten Welt­mächte schein­bar ab. Das Leis­tungs­bi­lanzde­fiz­it der “Weltwirtschafts­macht Nr. 1” wird immer größer — von 140 Mrd. “Miesen” im Jahre 1997 über 300 Mrd. (1999) bis auf 792 Mrd. (2005).

Aus den Devisen­re­ser­ven der einzel­nen Staat­en ergibt sich ein weit­er­er Punkt: das Finanzvol­u­men wird ja bei Banken angelegt, die mit dem Geld wirtschaften und Gewinne erzie­len. Dementsprechend waren zum Stand Novem­ber 2007 drei Banken aus Chi­na zu den Spitzen­re­it­ern der Branche aufgestiegen.  Nach dem Börsen­wert — der auch die Erwartung der Aktionäre in das kün­ftige Ergeb­nis der Geschäft­stätigkeit wiedespiegelt — bilden die Indus­tri­al a. Com­mer­cial Bank of Chi­na (CBC — 364 Mrd. US-$), die Chi­na Con­struc­tion Bank (253 Mrd. $) und die Bank of Chi­na (229 Mrd. $) die drei größten Banken der Welt. An viert­er Stelle fol­gt die britis­che HSBC (224 Mrd. $) vom alten Finanzzen­trum Lon­don. Amerikanis­che Banken (Bank of Amer­i­ca — 200 Mrd. $, Cit­i­group — 188 Mrd. $ und die CP Mor­gan Chase — 146 Mrd. $) mus­setn Ende 2007 schon als “abgeschla­gen” gew­ertet wer­den.

Glob­ale Finanz- und Wirtschaft­skrise 2008 / 2009

Der “Bankenkrach” vom Sep­tem­ber 2008 — die schon Monate vorherge­hende Finanzkrise der USA war die dro­hende Göt­ter­däm­merung, das “Wet­ter­leucht­en der glob­alen Finanzwirtschaft” —  machte inzwis­chen inner­halb weniger Tage die Vor­ma­cht­stel­lung der Wall­street vol­lends zunichte. Die Süd­deutsche Zeitung brachte dies bere­its am 19. Sep­tem­ber “auf den Punkt”: >Die glob­ale Finanzwirtschaft … dürfte weniger amerikanis­che und europäis­che, dafür mehr ara­bis­che und asi­atis­che Züge tra­gen. Die Men­schen in Sin­ga­pur, Shang­hai, Seoul und am Per­sis­chen Golf wer­den nicht so schnell vergessen, wie die Banker zu ihnen pil­gerten, und um Kap­i­tal bet­tel­ten. New York wird ein wichtiger Finanz­platz bleiben, aber ver­mut­lich nicht mehr Finanzhaupt­stadt der Welt.< Und auch der Wirtschaft­sno­bel­preisträger Joseph Stiglitz äusserte sich am 22. Sep­tem­ber gegenüber der FAZ ähn­lich: >Ins­ge­samt wird die Bedeu­tung der asi­atis­chen Wirtschaft weit­er zunehmen. Ameri­ka hat seine Ökonomie nicht gut gem­anagt, Asien wächst hinge­gen ras­ant. Es gibt einen Wan­del, eine Ver­lagerung der Wirtschafts­macht. Ameri­ka ist zwar noch eine starke Macht, die nicht über Nacht ver­drängt wer­den kann, aber es gibt bere­its ein Sig­nal hin zu ein­er Weltwirtschaft mit mehreren starken Län­dern.<

Mit den Bestre­bun­gen der US-Noten­bank lässt sich für die zweite Jahreshälfte eine kon­junk­turelle Erhol­ung erhof­fen. Unter­dessen entwick­eln sich aus­gerech­net die Schwellen­län­der zum Motor der Weltwirtschaft. Trotz stark­er Ein­bußen geht es in Chi­na beispiel­sweise mit einem Wach­s­tum von fünf Prozent noch immer aufwärts.” — so kom­men­tiert der Pri­vat­banki­er Alexan­der Met­ten­heimer (Mer­ck Finck & Co) Anfang Feb­ru­ar 2009 in der Wirtschaftswoche die glob­ale Finanzkrise.

Tat­säch­lich bewälti­gen viele der so genan­nten “Schwellen­län­der” diese glob­ale Krise wesentlich bess­er als die Indus­tri­es­taat­en, allen voran die USA, die am Rande eines Abgrunds torkeln oder bere­its in den Abgrund gestürzt sind. Für die EU wird etwa durch­schnit­tlich in 2009 ein gegenüber 2008 um 1,8 % reduziertes BIP prog­nos­tiziert, während für Chi­na noch ein Wirtschaftswach­sum  von 5,5 % für 2009 erwartet wird (FTD 23.01.2009). Auch Iür Indi­en wird 2009 noch ein Wirtschaftswach­s­tum von bis zu 6 % erwartet (FAZ 31.01.2009), und  auch Sau­di-Ara­bi­en soll sich ein Wach­s­tum von über 5 % erar­beit­en (FAZ 25.01.2009).

Chi­nas Wirtschaftswach­s­tum ver­ringerte sich 2008 auf 9 %, nach­dem fünf Jahre lang — bis 2007 — zweis­tel­lige Wach­s­tum­srat­en erzielt wor­den waren und Chi­nas Regierung von der Angst vor Über­hitzung umgetrieben wurde. Chi­nas Wirtschaft ist im Wesentlichen durch den Export gespeist, der in Folge der glob­alen Finanzkrise zusam­men gebrochen ist. Das Wirtschaftswach­s­tum ist reduziert — weist aber noch eine Größe auf, von denen die west­lichen Indus­tri­es­taat­en nur träu­men kön­nen.

Indi­en - der asi­atis­che Konkur­rent der Chi­ne­sen — ist in wesentlich gerin­gerem Maße auf Export angewiesen als Chi­na. Der Ein­bruch der glob­alen Nach­frage wird also die Inder voraus­sichtlich wesentlich weniger tre­f­fen als die Chi­ne­sen.

Selb­st Rus­s­land - das von west­lichen Experten als das Land mit der schlecht­esten Wirtschaft­spoli­tik beze­ich­net wird und daher wohl am ärg­sten unter der weltweit­en Finanzkrise zu lei­den hätte — hat­te 2008 noch ein Wirtschaftswach­s­tum von voraus­sichtlich um 5,6 Prozent zu verze­ich­nen.

Aus­tralien, Brasilien und Rus­s­land sowie die Erdöl- und Gas­ex­portieren­den Län­der des Nahen Ostens und Zen­tralasiens lei­den vor allem unter den sink­enden Rohstoff­preisen. Allerd­ings wird dadurch auch die Rohstof­fver­sorgung für die bei­den asi­atis­chen Boom­län­der gün­stiger, was deren Wirtschaft­sleis­tung und die eigene Bin­nenkon­junk­tur fördern dürfte. Dazu kommt, dass Rohstoffe endlich sind — mit steigen­der Knap­pheit steigt der Preis der Rohstoffe, und so ist ein Prei­sein­bruch etwa am Öl- und Gas­markt allen­falls als vorüberge­hende Erschei­n­ung zu bew­erten.

Die weltweite Finanzkrise kön­nte also dur­chaus dazu beitra­gen, den Aus­tausch der Schwellen­län­der untere­inan­der zu ver­stärken und diese befähi­gen, zu den etablierten Indus­trien­atio­nen noch mehr aufzu­holen.

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Neue Rang­folge unter den Weltwirtschaftsmächt­en:
Chi­na — die USA — Indi­en und dann Europa — so erwartet Gold­mann-Sachs im Jahre 2050 die am BIP ori­en­tierte Rei­hen­folge der wichtig­sten Wirtschaftsmächte, und von der Ein­wohn­erzahl her wer­den Indi­en und Chi­na — vor den USA und Wes­teu­ropa — die Welt dominieren (Quelle: SPIEGEL, 11.09.2006). Und weil wirtschaftliche Macht meis­tens auch mit poli­tis­ch­er Macht ein­herge­ht (moralis­che Autoritäten wie der Dalai Lama oder der Papst im Vatikan üben — selb­st wenn sie über einen eige­nen Staat herrschen — eine andere Art von “Macht” aus), wird mit dieser Wirtschaft­sän­derung auch eine neue Wel­tord­nung entste­hen, es gibt neue Akteure, “die die Welt beherrschen”.

Die Finan­cial Times Deutsch­land wid­mete Anfang 2008 eine ganze Artikelserie diesen “Mächt­en von mor­gen”. Nach den “BRIC-Staat­en” (Brasilien, Rus­s­land, Indi­en und Chi­na) wur­den Ägypten, Indone­sien, Kolumbi­en, Nige­ria, Mexiko, Südafri­ka, Viet­nam und die Türkei als Län­der vorgestellt, die mit bestem Zukun­ftspo­ten­tial in das neue Jahrtausend gehen wür­den.

Aus den ein­sti­gen “Schwellen­mächt­en” haben sich soge­nan­nte “Anker­län­der” entwick­elt. Das sind Staat­en, die für die sta­bilen Ver­hält­nisse in ihrer Region und für die Nach­barn so wichtig gewor­den sind, dass ihre sichere “Ver­ankerung” — so das Ende 2004 entwick­elte Konzept des BMZ — auch im Inter­esse Deutsch­lands liegt. Es sind Staat­en, die “glob­al eine wach­sende Rolle in der Gestal­tung inter­na­tionaler Poli­tik” ein­nehmen. Tat­säch­lich agieren vor allem auch Chi­na und Brasilien immer mehr auf der inter­na­tionalen Bühne.
Mit dem Pekinger Afrik­agipfel — bei dem über 40 Staats- und Regierungschefs aus Afri­ka in Peking inten­siv umwor­ben wur­den — zeigt Chi­na im Herb­st 2006 offen, dass es Afri­ka zunehmend als Inter­essens­ge­bi­et und Part­nerre­gion begreift. Von 1995 bis 2006 wur­den 27 Öl- Gas- und Erzpro­jek­te mit afrikanis­chen Staat­en abgeschlossen. Chi­na errichtet Häfen, baut Eisen­bah­nen, U-Bah­nen, Flughäfen, Telekom­net­ze und ganze Stadtre­gio­nen neu auf und entsendet ein uner­müdlich­es Heer von Arbeit­skräften — ohne von den afrikanis­chen Geschäf­s­part­nern Min­dest­stan­dards in der Sozialpolitk, der Kor­rup­tions­bekämp­fung oder beim Umweltschutz zu fordern. Chi­na dient sich damit ger­ade despo­tis­chen Führerper­sön­lichkeit­en auf dem afrikanis­chen Kon­ti­nent an. Bis 2010 soll — so wurde auf dem Gipfel in Peking angekündigt — Han­del, chi­ne­sis­che Investi­tio­nen und Entwick­lung­shil­fe in Afri­ka ver­dop­pelt wer­den. Zehn Mrd. $ Vorzugskred­ite wur­den offeriert, gle­ichzeit­ig Mil­liar­den­schulden erlassen und eine Unmenge an Hil­fen vom Bau von Agrarzen­tren, Dorf­schulen und Kliniken bis hin zu Aus­bil­dung, Stipen­di­en und weit­eren Hil­fen zuge­sagt.

Auch Brasilien betra­chtet die Süd-Süd-Koop­er­a­tion als außen­poli­tis­che Pri­or­ität mit beson­derem Schw­er­punkt in Afri­ka. Brasilien hat mit 22 afirkanis­chen Staat­en entwick­lungspoli­tis­che Koop­er­a­tio­nen vere­in­bart und führt gemein­same Flot­ten­manöver und Fre­und­schafts­be­suche mit afrikanis­chen Staat­en durch.

Staat­en wie die USA, Rus­s­land, Brasilien, Chi­na, Japan und Indi­en oder Aus­tralien und Staatenge­mein­schaften wie die EU , MERCOSUR , die ASEAN-Staat­en oder auch die ARABISCHE LIGA und die Gemein­schaft der türkischsprachi­gen Staat­en Eurasiens repräsen­tieren Gemein­schaften von (sub-)kontinentalen Aus­maßen und kön­nen (bei entsprechen­der Sol­i­dar­ität und Entwick­lung) von der Aus­dehnung (Fläche) und der damit ver­bun­de­nen Menge an Ressourcen (Boden­schätze) und/oder auch von der Bevölkerung (Poten­tial) jew­eils für sich beanspruchen, in glob­alen Spiel der Mächte mitre­den zu kön­nen.

Dabei darf man sich aber von den absoluten Zahlen nicht täuschen lasssen. Gemessen am realen BIP pro Kopf liegt Chi­na mit 24.000 HK-$ (Stand 2005, kaufkraft­bere­inigt) nur knapp vor dem Bürg­erkriegs­land Sri Lan­ka. “Einkom­mensin­seln” wie Hongkong (203.000 HK-$) kön­nen nicht darüber hin­weg täuschen, dass die Masse der Land­bevölkerung noch weit hin­ter der Entwick­lung her­hinkt. Indi­en (12.000 HK-$ pro Kopf) fol­gt sog­ar nach den armen Philip­pinen (17.000 HK-$), dem von bürg­erkriegsähn­lichen Unruhen erschüt­terten Pak­istan (14.000 HK-$) und liegt nur knapp vor Kam­bod­scha (8.000 HK-$).

Auswirkun­gen auf die inter­na­tionale Poli­tik:
Für die Poli­tik stellt sich die Frage, wie mit dieser geän­derten geopoli­tis­chen Sit­u­a­tion umge­gan­gen wer­den kann. Auch Welt­mächte wie die USA ger­at­en bei ein­er klas­sis­chen Hege­mo­ni­alpoli­tik an die Gren­zen der eige­nen Leis­tungs­fähigkeit.  Selb­st wenn heute eine Welt­macht wie die USA ein Waf­fen­em­bar­go gegen einen Staat der Erde ver­hängt — es find­en sich andere Staat­en oder Staatenge­mein­schaften, die den Platz dieses Liefer­an­ten bin­nen kürzester Zeit ein­nehmen. Und auch eine direk­te Inter­ven­tion gegenüber kleineren Staat­en erscheint immer prob­lema­tis­ch­er.
Viet­nam und Afghanistan, Soma­lia und Irak ste­hen syn­oym für das Debakel von Welt­mächt­en, deren agieren alleine auf mil­itärisch­er Stärke und unter gle­ichzeit­iger Mis­sach­tung kul­tureller Eigen­heit­en beruht. Die Ein­bindung kleiner­er Staat­en in eth­nisch-kul­turell begrün­de­ten Staatenge­mein­schaften ver­bi­etet bei gemein­samer Sol­i­dar­ität der Beteiligten zunehmend jede Art von Druck “von Außen”, Druck sowohl wirtschaftlich­er wie auch mil­itärisch­er Art.

Die — von Wirtschaft­sex­perten bere­its vor Jahren fest­gestellte Entwick­lung — hat inzwis­chen auch zu poli­tis­chen Diskus­sio­nen geführt — und wird im Ergeb­nis von der Poli­tik im Wesentlichen geteilt.

Im März 2008 “haben die drei wichtig­sten deutschen außen- und entwick­lungspoli­tis­chen Think­tanks, das Deutsche Insti­tut für Entwick­lungspoli­tik (DIE), das GIGA Ger­man Insti­tute of Glob­al and Area Stud­ies und die Stiftung Wis­senschaft und Poli­tik (SWP) zusam­men mit Vertretern des Auswär­ti­gen Amtes, des Bun­desmin­is­teri­ums für wirtschaftliche Zusam­me­nar­beit und Entwick­lung (BMZ) und des Bun­deskan­zler­amtes über „Neue Führungsmächte/Ankerländer – Her­aus­forderun­gen und Per­spek­tiv­en für die Poli­tikgestal­tung Deutsch­lands“ berat­en.”

Das Eura­sis­che Mag­a­zin hat in sein­er Juli-Aus­gabe 2008 die wichtig­sten Ergeb­nisse dieser Tagung doku­men­tiert. Wir erin­nern  hier auf die bere­its zu Beginn dieser Seite erfol­gte Zusam­men­fas­sung der Analyse (Die aus­führliche Doku­men­ta­tion der Tagung find­et sich bei GIGA Ger­man Insti­tute of Glob­al and Area Stud­ies und im Eura­sis­chen Mag­a­zin).

 *) Anmerkung:

Unsere Über­schrift ent­stand im Jan­u­ar 2008. Wir freuen uns, dass Jim O’Neill, “der Rock­star von God­man Sachs” in seinem Buch “DIE MÄRKTE VON MORGEN” (1. Auflage 2012) mit seinem Kapi­tel “Eine neue Wel­tord­nung” zu den gle­ichen Ergeb­nis­sen kommt, wie wir — nicht nur in der Über­schrift.

Die Über­schrift der “WELT AM SONNTAG” vom 23. März 2014 unter dem Titel “Risiko! Die neue Ord­nung der Welt” befasst sich nur mit einem Teilaspekt der Entwick­lung — der Rück­kehr Rus­s­lands zur alten “Macht­poli­tik”, der aber zugle­ich den wirtschaftlichen Zusam­men­bruch des Lan­des zur Folge haben kön­nte.

Samuel Huntington — Die These vom “Zusammenprall der Kulturen”

1993 ver­set­zte die These vom “Zusam­men­prall der Kul­turen” vor allem Islamwis­senschaftler und Ori­en­tal­is­ten in helle Aufruhr — der Poli­tik­wis­senschaftler Samuel Hunt­ing­ton warnte vor ein­er neuen Gefahr, dem Islam als ein­er bedrohlichen Zivil­i­sa­tion.
Inzwis­chen ist die Auseinan­der­set­zung zwis­chen Islam und west­lichen Indus­tri­es­taat­en auch in den pop­ulären Bericht­en z.B. von P. Scholl-Latour ein Kern­punkt der poli­tis­chen und wirtschaftlichen Aus­lands­berichter­stat­tung.
Bei näherem Hin­se­hen stellt sich aber eine gewisse Dif­feren­zierung her­aus.
Es geht nicht um Islam gegen Chris­ten­tum, die Akteure sind vielmehr regionaler gegliedert. Nor­dameri­ka ist mit Europa nicht in ein­er Lin­ie, und auch die islamis­chen Staat­en Iran, Türkei und Irak ste­hen an unter­schiedlichen Stellen in dieser Gemen­ge­lage. Chi­na und Indi­en (und im Übri­gen auch Japan) fehlen dage­gen in dem Szenario “Islam gegen Chris­ten­tum” völ­lig. Dabei sind ger­ade diese auf­streben­den asi­atis­chen Riesen im neuen Jahrtausend noch von viel größer­er Bedeu­tung als die in sich uneini­gen islamis­chen Staat­en. Es lohnt sich also, die Inten­tio­nen Hunt­ing­tons näher zu analysieren — und nicht nur auf das Ver­hält­nis von zwei großen monothe­is­tis­chen Reli­gio­nen zu reduzieren.

Hunt­ing­ton will die bish­er gültige Ein­teilung der Welt in eine erste, zweite und dritte zugun­sten ein­er Unter­schei­dung nach kul­tureller Ein­heit, Städte, Regio­nen, eth­nis­chen Grup­pen, Nation­al­itäten, religiösen Grup­pen aufgeben. Er unter­schei­det die Kul­tur ein­er südi­tal­ienis­chen Stadt von der ein­er nordi­tal­ienis­chen, bei­de seien aber gemein­samer ital­ienis­ch­er Kul­tur, die sich ihrer­seits z.B. wieder von deutschen Städten unter­schei­det — und die europäis­che Gemein­schaft unter­schei­det sich wieder von ara­bis­chen oder chi­ne­sis­chen Erschei­n­ungs­for­men.

Für deutsche Ver­hält­nisse ließe sich der Ver­gle­ich schon auf­bauend mit den Unter­schieden zwis­chen einem alt­bayrischen Dorf und den fränkischen Fach­w­erk­baut­en begin­nen.

  • Wer sein Leben lang in der alt­bay­erischen Land­schaft mit seinen Block­häusern und den flach geneigten Däch­ern ver­bracht hat, der empfind­et die fränkischen Fach­w­erkhäuser als “fremd”, als “frem­dar­tig”, und noch im Mit­te­lal­ter war das poli­tis­che Selb­stver­ständ­nis des “wir”, der sich zusam­menge­hörig empfind­en­den Men­schen gegenüber “den Frem­den”, “den Anderen” auch von den Haus­land­schaften geprägt.

  • Die näch­ste Stufe des “wir” bilden die bis zum Anfang des let­zten Jahrhun­derts beste­hen­den Eigen­staat­en, die sich in den heuti­gen Bun­deslän­dern zum Teil wiederfind­en. Bay­ern und Preußen — noch immer ein Gegen­satz, auch wenn es den Staat “Preußen” nicht mehr gibt; aber seine Bevölkerung, die Bewohn­er der Haupt­stadt Berlin und des Lan­des Bran­den­burg, lebt weit­er.

  • Der Nation­al­staat Deutsch­land war — und ist — die näch­ste Stufe der Ein­heit, bildet den näch­sthöheren Hor­i­zont des “Wir-Gefühls” im Ver­hält­nis zu “den Anderen”, den “Aus­län­dern”.

  • Und mit zunehmender Reise- und Urlaub­serken­nt­nis bildet sich unbe­wusst eine weit­ere, noch höher liegende “Wir-Ebene.” Roman­is­che und Gotis­che Kirchen find­en sich nicht nur in Deutsch­land, son­dern auch in Frankre­ich, Eng­land, Ital­ien. Alle diese Län­der haben in ihren alten Städten Gebäude dieses Baustils, der in Frankre­ich als “franzö­sis­ch­er Stil” beze­ich­net wird.

Die Großs­tadt Berlin unter­schei­det sich in ihrer erleb­baren Architek­tur, in ihrer “Sinneswelt” mit Häusern, U-Bahn und Straßen­verkehr nicht wesentlich von Paris oder Lon­don, die Unter­schiede zwis­chen einem meck­len­bur­gis­chen Dorf und der Welt­stadt Berlin sind wesentlich größer als die zwis­chen Berlin und den anderen europäis­chen Großstädten.
Der europäis­che Eini­gung­sprozess tut ein Übriges — aus wirtschaftlichen Bünd­nis­sen entste­ht eine poli­tis­che Ein­heit, verkör­pert im Europäis­chen Par­la­ment und erleb­bar im “Euro”, der gemein­samen Währung.
Es sind nur noch wenige Münzsamm­ler, die €-Münzen aus anderen Län­dern der eige­nen Samm­lung zuführen, ganz selb­stver­ständlich aber gehören die unter­schiedlichen nationalen Prä­gun­gen zum über­all akzep­tierten Zahlungsmit­tel.
Hier hat sich eine weit­ere, höher gele­gene “Wir-Ebene” gebildet und beze­ich­nen­der­weise beteili­gen sich am Irak-Krieg 2003 mit Eng­land und Däne­mark zwei Staat­en der europäis­chen Gemein­schaft auf Seite der USA (und in klar­er Abgren­zung gegenüber europäis­chen Posi­tio­nen), die nicht der €-Zone ange­hören. Andere europäis­che Regierun­gen wie Ital­ien oder Spanien haben die USA zwar ver­bal unter­stützt, dann aber — auf Druck der eige­nen Bevölkerung ? — eine weit­ere, darüber hin­aus­ge­hende Beteili­gung unter­lassen.

Abd al-Rahman Ibn Khaldun (1332 — 1406)

Die Erken­nt­nis ist nicht neu. Bere­its dieser ara­bis­che Wis­senschaftler und His­torik­er ver­suchte eine Erk­lärung der Frage, warum Reiche — Impe­rien — entste­hen und ver­fall­en. Mit dem sozi­ol­o­gis­chen Begriff de “Asabiya” glaubte Ibn Kaldun den entschei­den­den Fak­tor beschreiben zu kön­nen. De Zusam­men­halt ein­er Gesellschaft, das “Wir-Gefühl” ein­er Gemein­samkeit führt nach Ibn Khal­dun zur Bil­dung von starken Gesellschaften. Dabei sind — nach dem amerikanis­chen Evo­lu­tions­bi­olo­gen Peter Turchin — ger­ade die kon­fronta­tiv­en Kon­tak­te an eth­nis­chen Bruch­zo­nen entschei­dend, um ein “Ander­s­sein” wahrnehmen zu kön­nen und darauf auf­bauend die eigene Gesellschaf­si­den­tität zu verin­ner­lichen.
Das römis­che Imperi­um sei als Reak­tion der römisch-griechisch-etruskischen Stadt­staat­en auf die gemein­same Bedro­hung durch die Kel­tenwan­derung ent­standen, die Eroberung und Roman­isierung Gal­liens lies die ehe­ma­li­gen keltischen Län­der in die “Wir-Gesellschaft” ein­treten, an deren Gren­zen nun die “anderen”, die bar­barisch ger­man­is­chen Stämme am Limes standen.
Und das römis­che Imperi­um ging erst unter, als diese ger­man­is­chen Stämme das weströmis­che Kern­land über­ran­nten — und durch die Spal­tung zwis­chen der “west­lichen römis­chen” und der “östlichen ortho­dox­en” Kirche auch das “Wir-Gefühl” ver­loren ging. Das so isolierte Ostrom kon­nte den Ansturm eines neuen, islamis­chen Imperi­ums aus Arabern und Türken nicht mehr stand­hal­ten — zumal sog­ar Heerzüge aus dem West­en Europas plün­dernd über dieses Relikt des römis­chen Reich­es her­fie­len.

Das “Deutsche Reich” kann als (späte) Reak­tion auf die franzö­sis­che Herrschaft über die Lan­des­fürsten unter Napoleon ver­standen wer­den.

Auch die Europäis­che Union ent­stand an der “metaeth­nis­chen Bruch­lin­ie” zwis­chen dem “kap­i­tal­is­tis­chen West­en” und dem “kom­mu­nis­tis­chen Osten”. Die als gemein­same Bedro­hung emp­fun­dene sow­jetis­che Dik­tatur führte zur Ver­nach­läs­si­gung der Gegen­sätze zwis­chen den wes­teu­ropäis­chen Natio­nen, die noch vor weni­gen Jahrzehn­ten zwei Weltkriege aus­lösten. Die “deutsch-franzö­sis­che Erbfeind­schaft” wurde angesichts dieser Bedro­hung in weni­gen Jahren auch emo­tion­al über­wun­den.
Nach dem Zusam­men­bruch der kom­mu­nis­tis­chen Bedro­hung enwick­elt sich auch die NATO auseinan­der — die Gegen­sätze zwis­chen den USA und Europa treten immer deut­lich­er zu Tage.

Jugoslaw­ien zer­brach, als die “Wir-Iden­tität” der einzel­nen Völk­er gegenüber dem Zusam­menge­hörigkeits­ge­fühl der “Süd­slawen” immer größer wurde. Es gab keinen “äusseren Druck”, der Slowe­nen, Kroat­en, Bosnier und Ser­ben “zusam­men geschweißt” hätte. Das mächtige benach­barte Europa der EU wurde als Ver­lock­ung und nicht als Bedro­hung emp­fun­den.

So gese­hen brauchen Impe­rien, die über die Nation­al­staat­en hin­aus mehrere Natio­nen umfassen, eine “Bedro­hung” von Aussen, einen gemein­samen Geg­n­er, der die inneren Gegen­sätze zurück drängt und über­wind­bar macht, und so ein “Wir-Gefühl” gegenüber “den Anderen” enwick­eln lässt. Es wird abzuwarten sein, ob das “neue Rus­s­land” weit­er­hin als Katalysator für ein “europäis­ches Wir-Gefühl” wirken kann, ob die Unter­schiede zwis­chen dem (katholisch geprägten) und spanisch/portugiesisch sprechen­den Südameri­ka, dem englisch sprechen­den (evan­ge­likal geprägten) Nor­dameri­ka, der (durch die katholis­chen und evan­ge­lis­chen Chris­ten geprägten) EU und der “ortho­dox­en Zivil­i­sa­tion” (mit den “slaw­is­chen Natio­nen” Rus­s­land, Weißrus­s­land, Ukraine und Ser­bi­en sowie Moldaw­ien, Georgien und Arme­nien) eigene “Blöcke” entste­hen lassen. Es bliebe auch abzuwarten, ob die “gelbe Gefahr Chi­na”, “der Islam” als Katalysator für ein weit­eres Zusam­menwach­sen der Europäer oder gar der “west­lichen (christlich geprägten)  Kul­turen” aus­re­ichen.

Zurück zu Hunt­ing­ton und mit anderen Worten:
Hunt­ing­ton entwick­elt seine These vom “Clash of Civ­i­liza­tions” vor allem an der Bruch­lin­ie zwis­chen “dem West­en” und “dem Islam”. Er definiert Zivil­i­sa­tion als größt­möglichen Zusam­men­schluss auf ein­er größt­möglichen Ebene von Iden­tität, die durch gemein­same objek­tive Kri­te­rien wie Sprache, Geschichte, Reli­gion, Sit­ten, Insti­tu­tion und eine sub­jek­tive Zuge­hörigkeit (Selb­sti­den­ti­fizierung) gekennze­ich­net ist.
Eine solche Zivil­i­sa­tion kann (wie z.B. bei der ara­bis­chen Nation) auch mehrere Staat­en umschließen, eine solche Zivil­i­sa­tion kann sich aber auch in “Sub­zivil­i­sa­tio­nen” aufteilen, wie z.B. bei den west­lichen Staat­en zwis­chen Nor­dameri­ka und Europa oder auch im östlichen Asien zwis­chen Chi­na und Japan.
Dieser Ansatz scheint sich immer mehr durchzuset­zen.

Da die Denkweise des Men­schen von sein­er Sprache geprägt ist — man “denkt in sprach­lichen Begrif­f­en” — ist die unter­schiedlich Sprache, die Zuge­hörigkeit zu ein­er anderen Sprach­fam­i­lie nicht nur ein hör- und wahrnehm­bares Abgren­zungskri­teri­um. In der Sprache drück­en sich eine Vielzahl kul­tureller Selb­stver­ständlichkeit­en aus. Jede Sprache formt eine eigen­tüm­liche Denkstruk­tur (lin­guis­tis­ches Rel­a­tiv­ität­sprinzip),  wer unter­schiedlich spricht, der denkt auch unter­schiedlich — und daher bilden die Sprach­fam­i­lien auch eine Bruch­zone zwis­chen der Denkweise der Men­schen. Man “ver­ste­ht” den anderen nicht nur wortwörtlich nicht mehr — auch das “Ver­ständ­nis” für die Gedanken- und Inter­essenswelt des anderen geht an ein­er sprach­lichen Bar­riere ver­loren. Die Geschichte von der “baby­lonis­chen Sprachver­wirrung”, die den “Turm­bau zu Babel” ver­hin­derte, hat so dur­chaus auch einen tief­er­en Sinn.

Dazu kommt eine weit­ere Tren­nung:
Reli­gion und Sitte sind nicht nur “volk­stümel­nd touris­tis­che Folk­lore-Ele­mente”. Die Reli­gion prägt die ethis­che Grun­de­in­stel­lung des Men­schen von Kindes­beinen an.
Religiöse Grundw­erte wie Näch­sten­liebe, Güte und Tol­er­anz — aber auch der “Heilige Krieg” sind in Ide­alen per­son­al­isiert, sind die Ide­al­bilder ein­er Gesellschaft und damit ein gesellschaftlich­es Ziel, das tief im Inneren — unter der “Bewusst­sein­sebene” — das moralisch-ethis­che Han­deln ein­er Gesellschaft bes­timmt.

Gegenkon­trolle:
Kriegerische Auseinan­der­set­zun­gen spie­len sich dort aber, wo “Wir” und “die Anderen” zusam­men­stoßen. Wenn denn die These Hunt­ing­tons zutrifft, dann müssten die Ver­w­er­fungszo­nen zwis­chen den Zivil­i­sa­tio­nen, die Bruch­lin­ien zwis­chen den Kul­turen sehr viel deut­lich­er von kriegerischen Auseinader­set­zun­gen geprägt sein als es im inneren dieser Kul­tur- und Zivil­i­sa­tion­s­ge­mein­schaft der Fall ist.

Tat­säch­lich deuten die immer wieder auf­flack­ern­den Kon­flik­te ger­ade an den Bruch- und Ver­w­er­fungszo­nen zwis­chen sprach­lich-/re­ligiös unter­schiedlichen Bevölkerun­gen darauf hin, dass sich der “Zusam­men­prall der Kul­turen” auf die Men­schen sehr viel mehr in kriegerischen Kon­flik­ten entlädt als jedes andere Inter­esse — man gewin­nt die inter­es­sante Erken­nt­nis, dass sich die derzeit­i­gen Kon­flik­te fast aus­nahm­s­los an den Grenzbere­ichen der einzel­nen regionalen Zivil­i­sa­tio­nen ereignen:

Einige Beispiele:

Israel:

  • Die Staats­grün­der Israels haben sich für das dem ara­bis­chen ver­wandte Hebräisch als Nation­al­sprache entsch­ieden, obwohl dur­chaus auch andere Möglichkeit­en wie etwa “Jid­disch” bestanden. Den­noch ist Israel ein Fremd­kör­p­er im ara­bis­chen Umfeld.

  • Das liegt zum einen und sich­er auch vor­rangig an der unter­schiedlichen Reli­gion — Juden­tum und Islam sind zwar eben­falls ver­wandt, der Islam hat sich auch aus jüdis­chen Wurzeln entwick­elt, aber bei­de Reli­gio­nen sind doch sehr unter­schiedlich.

  • Dazu kommt die “west­liche Gesellschaft” der Israelis, die im ara­bisch-islamis­chen Umfeld als “Ver­west­lichung” beze­ich­net wird.

Irak:

  • Der Dauerkon­flikt mit Iran und den Kur­den find­et an der Bruch­lin­ie zwis­chen der indoarischen und der semi­tis­chen Sprach­fam­i­lie statt.

  • Daneben gibt es eine religiöse Auseinan­der­set­zung zwis­chen schi­itis­chen und sun­nitschen Arabern, die aber nur inner­halb des Irak stat­tfind­et und bei den Auseinan­der­set­zun­gen im sprach­lichen Gren­zge­bi­et im Hin­ter­grund bleibt.

Türkei:

  • Der Dauerkon­flikt zwis­chen Kur­den und Türken ist ein Kon­flikt zwis­chen ver­schieden­sprachi­gen Völk­ern.

Kauka­sus:

  • Die “lokalen Kriege” zwis­chen Arme­niern und (turk­sprachi­gen) Aser­bei­d­schan­ern sind genau­so Kriege zwis­chen ver­schieden­sprachi­gen Völk­ern wie der Unab­hängigkeit­skrieg der Tschetsch­enen gegen die rus­sis­che Staats­macht.

  • Ver­schärft wird diese Kon­flik­t­lage durch die unter­schiedliche religiöse Zuge­hörigkeit der ver­schiede­nen Völk­er des Kauka­sus.

Afghanistan:

  • Trotz der religiösen Ein­heit ist Afghanistan in einen Dauerkon­flikt ver­wick­elt — der sich immer wieder auf die Auseinan­der­set­zung zwis­chen den osti­ranis­chen Tal­iban und den Muja­hed­din der “Nord­front” zurück­führen lässt — deren stärk­ste Partei die von Gen­er­al Dos­tum geführte ubsekisch-turk­sprachige Grup­pierung darstellt.

Indi­en — Pak­istan:

  • Hin­di und Urdu sind zwei prak­tisch iden­tis­che Sprachen, die mit dem per­sis­chen nahe ver­wandt sind. Hier ist der Kon­flikt religiös motiviert. Das Pak­istanis­che Staatsver­ständ­nis beruht ger­adezu auf der religiösen Abgren­zung des Islamis­chen Staates gegenüber der über­wiegend hin­duis­tis­chen, säku­laren indis­chen Union.

Diese Beispiele lassen sich beliebig fort­set­zen, was zur Erken­nt­nis und Bestä­ti­gung führt:
Fast jed­er Kon­flikt lässt sich auf eine solche sprach­lich-religiöse Tren­nung zurück­führen.

Während aber in der Ver­gan­gen­heit — während des “Kalten Krieges” — die eige­nen kul­turellen Inter­essen vom Gegen­satz der bei­den Welt­mächte überdeckt waren, ist mit dem Ende dieser Bipo­laren Dual­ität wieder Platz für die Entwick­lung der Eigen­ständigkeit­en gegeben.
Die aktuelle poli­tis­che Entwick­lung fördert also dur­chaus die Region­al­isierung der Welt­mächte — allerd­ings in ein­er etwas mehr “geo­graphisch region­al” geän­derten Ein­teilung als von Hunt­ing­ton angenom­men.

Vor diesem Hin­ter­grund ergibt sich fol­gende mul­ti­po­lare Wel­tein­teilung:

  • das spanisch/portugiesischsprachige, katholis­che Südameri­ka mit drei Sub­zivil­i­sa­tio­nen (Brasilien — knapp 180 Mio. Men­schen, Mexiko und den indi­an­isch geprägten Anden­staat­en); diese Region hat auf dem ersten gesamt­sü­damerikanis­chen Energie-Gipfel auf der Isla Mar­gari­ta in Venezuela die Bil­dung ein­er »Union der Südamerikanis­chen Natio­nen« (UNASUR) nach dem Vor­bild de EU beschlossen und am 24. Mai 2008 die entsprechen­den Verträge unterze­ich­net. Mit Una­sur soll bis zum Jahr 2025 eine der Europäis­chen Union ver­gle­ich­bare Inte­gra­tion von Südameri­ka erre­icht wer­den. Geplant sind gemein­same Währung, Par­la­ment und Reisepässe.

  • das protes­tantisch geprägte, anglo­phone Nor­dameri­ka mit den USA und Kana­da (über 300 Mio. Men­schen)

  • das katholisch-/protes­tantisch geprägte Wes­teu­ropa, also die EU (knapp 500 Mio. Men­schen)

  • das ortho­dox-slaw­isch geprägte Osteu­ropa mit Weißrus­s­land, der Ukraine und Rus­s­land bis Sibirien und über 150 Mio. Men­schen (die Kon­flik­te im Kauka­sus sind so zusagen an der Bruch­zone zum islamisch-türkischen und islamisch-europäis­chen Sprachraum)

  • Ozeanien mit Aus­tralien und Neusee­land

  • das kon­fuzian­isch geprägte Ostasien mit Chi­na (1,3 Mrd. Men­schen) mit der Mon­golei, mit Tai­wan, Korea und ein­er Sub­zivil­i­sa­tion Japan (130 Mio. Men­schen),

  • Südostasien (ASEAN) — mit über 560 Mio. Ein­wohn­ern, über­wiegend dem mala­y­sis­chen Sprachraum ange­hörend und mit drei Sub­zivil­i­sa­tio­nen (bud­dhis­tis­ches Fes­t­land, islamis­che und christlich-katholis­che Insel­staat­en)

  • das hinduistisch/buddhistisch geprägte Indi­en (1,2 Mrd. Men­schen) mit Sub­zivil­i­sa­tio­nen in Pak­istan östlich des Indus, Bangla Desh, Cey­lon und den Male­di­v­en — eigentlich auch mit Bur­ma, das aber im Dreieck zwis­chen den Ein­fluss­bere­ichen Indi­ens, Chi­nas und SO-Asiens liegt (und von Bürg­erkriegen geschwächt ist)

  • die islamisch geprägten Staat­en des indoeu­ropäschen Sprachraums mit Iran, Afghanistan, Tad­schik­istan und Pak­istan west­lich des Indus (wobei Pak­istan sich aus dem Zivil­i­sa­tions­bere­ich Indi­en löst — zwar sprach­lich noch zuge­hörend, aber im Kon­flikt mit der Regional­macht Indi­en)

  • die bere­its ein­mal unter den Seld­schuken weit­ge­hend geein­ten islamisch-türkischen Staat­en Eurasiens mit ca. 150 Mio. Men­schen (der Kon­flikt in Afghanistan spielt sich genau an der kul­turellen Bruch­lin­ie zwis­chen Türken (Nordal­lianz / Usbeken — Dos­tum) und indoarischen Sprach­gren­ze ab, eben­solch­es gilt für die kur­dis­che Unab­hängigkeits­be­we­gung)

  • die islamisch-ara­bis­chen Staat­en (Ara­bis­che Liga mit 250 bis 300 Mio. Men­schen) — die Kon­flik­te sind auch hier im Grenzbere­ich zu den benach­barten Zivil­i­sa­tions­bere­ichen (Iran — indoarisch, Kur­den — indoarisch, Türkei — eura­sisch, Israel — hebräisch, Äthiopi­en — christlich, Sudan — afrikanisch):

  • lediglich mit “Schwarz-Afri­ka” gibt es noch Prob­leme; die nachkolo­nialen Gren­zen sind so willkür­lich durch die Sied­lungs­ge­bi­ete der Völk­er und Stämme gezo­gen, dass eine klare Dif­feren­zierung und Ein­teilung noch nicht so recht möglich ist;
    die his­torisch gewach­se­nen kul­turell-zivil­isatorischen Ein­heit­en wur­den in der Zeit des Kolo­nial­is­mus zer­schla­gen, neue regionale Zen­tren haben sich aber noch nicht gebildet, der Kon­ti­nent ver­har­rt in Ago­nie und Krisen.
    Es scheinen sich aber auch hier auf der Basis der his­torisch gewach­se­nen Eth­nien mehrere “Sub­zen­tren” her­auszu­bilden

  • Sudan-Afri­ka” (Sudan-Sprachen) zwis­chen dem Sene­gal und Sudan mit dem “Schw­ergewicht Nige­ria” (und auch hier find­en die Kon­flik­te — z.B. der Bürg­erkrieg im Sudan und in Nige­ria selb­st — an den Bruch- und Ver­w­er­fungszo­nen zu den anderen Zivil­i­sa­tion­s­ge­bi­eten, im Sudan etwa zur ara­bis­chen Welt statt) und

  • das ursprünglich von europäis­chen Weißen europäisierte Südafri­ka, das zunehmend eine mul­ti­kul­turelle Hin­ter­grund­prä­gung erhält und immer mehr von der Mehrheit der Ban­tu-Völk­er “afrikanisiert” wird und sich immer mehr zu ein­er Führungs­macht im Süden des Kon­ti­nents entwick­elt, als Führungs­macht also von “Ban­tu-Afri­ka”, die südliche Hälfte Afrikas, mit ca. 150 Mio. Men­schen, deren Gemein­samkeit­en auftrund der Kolo­nial­gren­zen durch nation­al­isierte Ein­flusskon­flik­te der Stämme über­lagert wer­den, mit den Staat­en im Einzugs­bere­ich des Kon­go und einem weit­eren Sub­zen­trum im Osten des Kon­ti­nents (Tansa­nia, Ugan­da) unter ara­bisch-islamis­chem Ein­fluss.

Etwa ein Dutzend dieser Mächte oder Bünd­nisse wird wohl bis zum Jahr 2050 deut­lich her­vortreten. Nach dem Stand von 2007 beste­ht dabei eine klare Aus­gangs­ba­sis für fol­gende Staat­en oder Bünd­nisse:
Ein­wohn­er (Mio.)
BIP (Mrd. $)
Mil­itäraus­gaben (Mrd. $)
Atom­waf­fen Offen­sivpoen­tial

(Flugzeugträger)

EU, darunter

Deutsch­land

Frankre­ich

GB

494

82

64

62

16.753

3.297

2.562

2.728

257

37

54

60

x

8

0

1

3

NORDAMERIKA

darunter USA

Kana­da

301

33

13.811

1.326

547

15

x 11
Chi­na 1.320
3.280
58
x - angekündigt -
Indi­en 1.123
1.171
24
x 1
OSTEUROPA

daruner Rus­s­land

 

142

 

1.291

 

35

x

1

LATEINAMERIKA

darunter Brasilien

 

192

 

1.314

 

15

1

ASEAN

darunter Indone­sien

563

226

1.273

433

18

4

1

(Thai­land)

Japan 128
4.377
44
ARABISCHE LÄNDER
~ 274
TURKSTAATEN ~ 150
IRANISCHE LÄNDER

Kon­flikt oder Befruch­tung?

Bei all den Unter­schieden darf man nicht überse­hen, dass neben dem Kon­flikt auch und ger­ade die gegen­seit­ige Befruch­tung, der kul­turelle Aus­tausch die Nach­barschaft zwis­chen ver­schiede­nen Kul­turen bes­timmt.

Es sind nicht nur die “ara­bis­chen Zahlen”, das Alge­bra, die in Europa (und nicht nur dort) diese Tat­sache bele­gen.

Die Gemein­samkeit­en etwa zwis­chen der auf europäis­chem Boden ent­stande­nen “sozialen Mark­twirtschaft” und der islamis­chen Wirtschaft sind — wie die FAZ am 07.November 2010 aus­führt — wesentlich größer als man “gemein­hin” annimmt.

Die FAZ benen­nt den ara­bis­che His­torik­er und Gesellschaftswis­senschaftler Abdul Rah­man Ibn Chal­dun (1332 bis 1406), der “Ele­mente for­muliert” habe, “die später Teil der sozialen Mark­twirtschaft gewor­den sind.” “Er erkan­nte die Bedeu­tung des Eigen­tums, der Haf­tung dieses Eigen­tums und der Eigen­tum­srechte, er sah den Zusam­men­hang zwis­chen Recht­sor­d­nung und Eigen­tum, er machte sich Gedanken, wie Inter­es­sen­grup­pen zu kon­trol­lieren sind und wie Sub­sidiar­ität funk­tion­ieren kann, wie wichtig eine unab­hängige Mark­tauf­sicht und eine unab­hängige Zen­tral­bank sind, und er for­mulierte Ratschläge, wie gegen Mark­t­miss­brauch vorzuge­hen sei.”

Auch der schot­tis­che Nation­alökonom und Moral­philosoph Adam Smith (1723 bis 1790) beschränk­te den Eigen­nutz durch sit­tliche Gren­zen, nach dem zweit­en Weltkrieg wurde dessen The­o­rien in Deutsch­land — ergänzt durch Maß­nah­men der sozialen Sicherung und Umverteilung der Einkom­men — zur herrschen­den Wirtschaft­side­olo­gie, der “sozialen Mark­twirtschaft”.

Eine Unter­suchung der Kon­rad-Ade­nauer-Stiftung habe — so die FAZ — in drei Kon­feren­zen in Ankara, Berlin und Abu Dhab ergeben, dass es ord­nungspoli­tisch zwis­chen der sozialen Mark­twirtschaft und der Wirtschaft­sor­d­nung der islamis­chen Welt große Gemein­samkeit­en gibt, “und dass beispiel­sweise die jüng­ste Finanzkrise nicht aus­ge­brochen wäre, hätte sich die Wirtschaft­sor­d­nung heute an den gemein­samen Werten bei­der ori­en­tiert.” Die FAZ kommt zu dem Schluss, bei­de Ord­nun­gen seien “mehr als reine Wirtschaftsmod­elle und mit ein­er „sozialen“ Kom­po­nente auch Gesellschaftsmod­elle, die sich stark an der Sol­i­dar­ität und der Sozial­bindung des Eigen­tums ori­en­tieren. Bei­de über­lassen dem Markt nicht alles, son­dern greifen kor­rigierend dort ein, wo das Gerechtigkeit­sempfind­en ein anderes Ergeb­nis wün­schenswert macht. Das ist in der islamis­chen Wirtschaft nicht anders als in der sozialen Mark­twirtschaft deutsch­er Prä­gung. In bei­den darf der Men­sch nicht alles, was er kann. Die Gemein­samkeit­en sind größer, als viele erwarten. Diese Erken­nt­nis kön­nte die Ver­här­tung, die auf bei­den Seit­en ent­standen ist, vielle­icht wieder etwas aufwe­ichen.

Ele­mente der deutsche “soziale Mark­twirtschaft”, die Deutsch­land zu ein­er einzi­gar­ti­gen wirtschaftlichen Stär­lke im europäis­chen Raum ver­holfen hat, find­en im Zuge der EU zunehmend auch Berück­sich­ti­gung auf wes­teu­ropäis­ch­er Ebene. Europa und der Islam ste­hen sich wirtschaft­spoli­tisch insofern näher, als es die USA und Wes­teu­ropa sind.

Die zunehmene “Mul­ti­po­lar­ität” der Erde dürfte dazu führen, dass solche kon­ti­nen­tale Eigen­heit­en wieder ver­stärkt wahrgenom­men wer­den und punk­tuelle Koor­di­na­tio­nen der einzel­nen Macht­blöcke zunehmen - jed­er der Beteiligten hat eigene Inter­essen und eigene Wertevorstel­lun­gen, die sich ein­mal zu anderne kon­klu­dent und ein anderes mal kon­trär ver­hal­ten.

Das wird zwar von Anhängern überkommen­er Hege­mo­ni­al­struk­turen beklagt, im End­ef­fekt wird das aber dazu führen, dass die Absprachen eine Mehrheit unter den Akteuren find­en, die den meis­ten der Beteiligten Vorteile oder zumin­d­est keine Nachteile brin­gen.
Damit wird dann die Entwick­lung dieser Beteiligten beschle­u­nigt, zumin­d­est aber nicht gehemmt. Was im End­ef­fekt zu mehr Wohl­stand für alle führen würde.

Ein Wandel zum Dialog der Kulturen?

In ein­er viel beachteten Vor­lesung anlässlich seines Besuch­es in Deutsch­land hat Papst Benedikt XVI. im Sep­tem­ber 2006 der religiös begrün­de­ten Gewal­tan­wen­dung eine klare Absage erteilt und zu einem wis­senschaftlich geführten Dia­log der Kul­turen aufgerufen.

Der entschei­dende Satz in dieser Argu­men­ta­tion gegen Bekehrung durch Gewalt lautet: Nicht ver­nun­ft­gemäß han­deln, ist dem Wesen Gottes zuwider (…) In diesen großen Logos, in diese Weite der Ver­nun­ft laden wir beim Dia­log der Kul­turen unsere Gesprächspart­ner ein. Sie sel­ber immer wieder zu find­en ist die große Auf­gabe der Uni­ver­stität.”
Diese Aus­sage — auf­grund eines in der Vor­lesung ver­wen­de­ten Zitates, das der Papst ver­wandte um daraus seine Grun­daus­sage abzuleit­en, lei­der vielfach unver­standen — ste­ht im Kon­text zu anderen Aus­sagen sein­er Pas­toral­reise, in der sich der Papst über das Ver­hält­nis von Reli­gion und Gewalt äusserte. Gle­ichzeit­ig zu diesem Aufruf zum Dia­log fand in Kasach­stan das Zweite Welt­tr­e­f­fen der Reli­gio­nen statt. Der Rek­tor der wichtig­sten islamis­chen Hochschule, Sche­ich Tanta­wi von der Al Azhar in Kairo, war mit anderen Mus­li­men genau­so vertreten wie Repräsen­tan­ten christlich­er Reli­gio­nen, Kar­di­nal Etchegaray von der kath. Kirche, der öku­menis­che Patri­arch Barholomäus aus Istan­buld, Met­ro­pol­it Phi­laret aus Min­sk, Patrich Gare­gin II für die armenis­che Kirche, ein Oberra­bin­er der sephardis­chen Juden, führende Vertreter bud­dhis­tis­ch­er Gemein­den aus Japan, Korea, Chi­na und der Mon­golei, ein Sprech­er der Parsen (Zarathus­tra), Vertreter der Hin­duis­ten —   in allen war es ein Anliegen, den friedlichen Dia­log der Kul­turen zu unter­stützen.

Auch die fol­gende erste Aus­land­sreise des Pap­stes in die Türkei stand ganz im Zeichen eines friedlichen “Dialogs der Reli­gio­nen”, der in einem Dia­log der Kul­turen unverzicht­bar ist.

Allerd­ings muss man sich bei dem Ver­such des Dialogs verge­gen­wär­ti­gen, dass sich die unter­schiedliche Kul­turen auch  in wesentlichen Punk­ten bis hin zu einem völ­lig unter­schiedlichen Denkansatz unter­schei­den.

Im West­en ist der Einzelne stolz darauf, eine Per­sön­lichkeit, ein Indi­vidu­um zu sein. Hier­aus entwick­elte sich der Begriff der Men­schen­rechte als uni­versell allen Men­schen zuste­hen­den per­sön­lichen Recht­en auf Frei­heit — auf freie Ent­fal­tung der Per­sön­lichkeit. Einen Höhep­unkt des abendländis­chen Denkens stellt in let­zter Kon­se­quenz die Aufk­lärung dar, die ratio­nale Analyse eines Sys­tems von Ursache und Wirkung, die bere­its in der Antike im Begriff des “logos” angelegt wurde.

Um die Beziehun­gen der Indi­viduen untere­inan­der zu regeln ist die west­liche Kul­tur eine Kul­tur der Nor­men gewor­den, die durch den Staat (Recht und Ord­nung) oder duch indi­vidu­elle Vere­in­barun­gen (Ver­trag) vorgegeben wer­den und strik­te (“pacta sunt ser­van­da”) einzuhal­ten sind.

Diese Überzeu­gun­gen gibt es im ostasi­atis­chen Denken nicht!  Men­sch und Gemein­schaft sind eins, den Men­schen gibt es nur als Grup­pen­we­sen. Soziale Ein­heit­en bes­tim­men das Leben ihrer Mit­glieder. Die Eltern, der “ältere Brud­er”, der Lehrer, der Vorge­set­zte — sie haben die Ver­ant­wor­tung für ihre nach­ge­ord­neten Grup­pen­mit­glieder. Die Hier­ar­chie der Fam­i­lie, des Betriebs (als Familein­er­satz), des Volkes ist die natür­liche Ord­nung im sozialen Miteinan­der. Eine Regierung hat die natür­liche Entschei­dungs­ge­walt, und solange es den Men­schen gut geht gibt es keinen Grund, die Entschei­dungs­ge­walt der Regierung in Frage zu stellen. Erst Hunger­snöte und Naturkatas­tro­phen haben zum Sturz der chi­ne­sis­chen Dynas­tien geführt, die mit diesen Ereignis­sen das “Man­dat des Him­mels” ver­loren hat­ten. “Indi­vid­u­al­is­mus” wird im chi­ne­sis­chen als “Ego­is­mus” und in Japan mit dem Begriff des „ein­samen Wolfs“ über­set­zt. Ein ein­samer Wolf geht ein, er ist wed­er fähig zu über­leben, noch sich fort zu pflanzen — das ostasi­atis­che Ide­al spiegelt somit genau die gegen­teilige Auf­fas­sung zum amerikanis­chen Helden, der als “lone­some Cow­boy” seinen Mann ste­ht und die Stadt — oder die Welt — ret­tet.

Der Men­sch ist nach asi­atis­chem Ver­ständ­nis in die Geset­ze des Uni­ver­sums (Gestirn­skon­stel­la­tio­nen, Energiefor­men, Geis­tern und Ahnen) einge­bun­den, ist ihnen aus­geliefert und bes­timmt mit seinem Ver­hal­ten, ob er diese natür­liche Ord­nung bestätigt oder stört. Die Har­moniesicherung, das kon­flik­t­freie Miteinan­der, ist die wichtig­ste asi­atis­che Ver­hal­tens- und Hand­lungs­maxime. Die schlimm­ste Demü­ti­gung ist der “Gesichtsver­lust”, die Bla­m­age in der Gemein­schaft. Dem wenn-dann und entwed­er-oder-Prinzip des abendländisch-christlichen Denkens ste­ht das taois­tis­che yin-yang Prinzip von gegen­seit­i­gen Bedin­gun­gen und Inter­de­pen­den­zen gegenüber. Vor der verk­lausul­lierten Beziehung durch Regeln (Ver­trag) ste­ht die per­sön­liche Ebene, das angestrebte har­monis­che Miteinan­der. Die Beziehun­gen sind durch ein ständi­ges Geben und Nehmen gekennze­ich­net, mit dem Bestreben, ständig eine opti­male “win-win” Sit­u­a­tion für alle Beteiligten zu erzie­len. Ein Ver­trag ist danach nicht der Schlusspunkt ein­er Beziehung son­dern ein Grund­kon­sens, der ein­er ständi­gen Erneuerung und Fein­ab­stim­mung bedarf. Die per­sön­liche Beziehung, das gegen­seit­ige Ver­ste­hen und Ver­trauen ist die Voraus­set­zung für eine geschäftliche Zusam­me­nar­beit. Dieses Ver­trauen ist inner­halb der sozialen Gemein­schaft — etwa de Fam­i­lie — bere­its von Grund auf vorhan­den, während Fremde erst lang­wierig das Ver­trauen gewin­nen müssen. Deshalb ist es wed­er über­raschend, dass Ver­tragsver­hand­lun­gen in Ostasien mit lan­gen gemein­samen Feiern zur Ver­tiefung der per­sön­lichen Beziehun­gen begleit­et wer­den (die etwa in Japan auch zur Betrieb­skul­tur gehören), noch dass kaum abgeschlosse­nen Verträge erneut nachver­han­delt wer­den — etwas, was für den west­lichen Geschäfts­mann (“pacta sunt ser­van­da”), der seinen Ver­trag nach lang­wieri­gen Ver­hand­lun­gen endlich in “trock­e­nen Tüch­ern” wäh­nt, undenkbar ist. Wer in dieser Sit­u­a­tion auf den abgeschlosse­nen Ver­trag behar­rt ent­pup­pt sich in ostasi­atis­chen Augen als unsozial und damit wenig ver­trauenswürdig.

Was Werbe­strate­gen unter dem Begriff Neu­ro­mar­ket­ing für sich ent­deck­en muss auch und ger­ade in der poli­tis­chen Analyse und Diskus­sion einen Platz find­en — denn Poli­tik ist die Lehre vom Zusam­men­leben der Men­schen, und in ein­er glob­alen Welt auch der glob­al beste­hen­den Kul­turen.

Gemein­same Auf­gaben
Der Beginn des neuen Jahrhun­derts war durch einen Schock geprägt — den 11. Sep­tem­ber — und der sei­ther andauernde “Krieg gegen den Ter­ror” und ein paar hun­dert gewalt­bere­ite Ter­ror­is­ten über­lagert (ins­beson­dere in den USA) die öffentliche Wahrnehmung ander­er Kon­flik­te. Es gibtaber wesentlich tiefer gehende Prob­leme deren Lösung nur auf inter­na­tionaler Ebene mach­bar ist — und bei denen vor allem die USA als Führungs­macht der west­lichen Welt gefragt sind.

  1. Das die Ver­bren­nung von fos­silen Energi­eträgern und Holz erhe­blich zur Freiset­zung von Treib­haus­gasen und damit zum weltweit­en Kli­mawan­del beige­tra­gen hat wird heute von keinem vernün­ftigten Men­schen mehr bezweifel. Dass dieser Kli­mawan­del zugle­ich zu erhe­blichen — auch wirtschaftlichen — Auswirkun­gen und mas­siv­en Belas­tun­gen bis hin zu katas­trophalen Über­schwem­mungen, Stür­men und Bergrutschen führen wird darf inzwis­chen eben­falls als gesichert gel­ten. Deshalb wurde 1992 in Rio de Janeiro eine Kli­ma-Rah­menkon­ven­tion beschlossen, das auch von den USA rat­i­fiziert wurde — aus kurzsichti­gen Gewin­ner­wä­gun­gen für die amerikanis­che Ölin­dus­trie wurde die Rat­i­fizierung des auf dieses Basis von 98 Staat­en beschlosse­nen Kyoto-Pro­tokolls durch die Regierung Bush aber abgelehnt. Die USA als welt­größter Emit­tent von Treib­haus­gasen kön­nen sich der Ver­ant­wor­tung für das glob­ale Kli­ma nicht entziehen, wenn sie weit­er­hin den moralis­chen Anspruch als Führungs­macht aufrecht erhal­ten kön­nen. Was die USA (und die entwick­el­ten Indus­trielän­der) für sich in Anspruch nehmen kön­nen sie den Entwick­lungslän­dern mit ihrem Nach­holbe­darf nicht ver­weigern. Es wird Zeit, dass eine Führungs­macht die Ini­ti­tia­tive für eine weltweit koor­dinierte Energiepoli­tik ergreift und damit zugle­ich eine weltweite Kli­ma- und Umweltschutzpoli­tik in Angriff nimmt. Die USA unter der Regierung Bush jr. ver­sagen offen­bar — dage­gen hat Deutsch­land unter der Kan­z­lerin Merkel diese Umwel­tini­tia­tive ergrif­f­en und ver­sucht, gemein­sam mit den anderen EU-Mit­gliedern hier endlich vernün­ftige Lösun­gen einzu­fordern.

  2. Im Jahr 2000 wurde auf einem Welt­gipfel gemein­sam beschlossen, bis zum Jahr 2015 die Zahl der von Armut betrof­fe­nen Men­schen mit einem Tage­seinkom­men von weniger als einem Dol­lar zu hal­bieren. Dies gelingt nur durch wirtschaftliche Entwick­lung der so genan­nten “Entwick­lungslän­der”. Tat­säch­lich ist nicht ein­mal im Ansatz erkennbar, wie dieses ehrgeizige Ziel erre­icht wer­den soll. Durch pro­tek­tion­is­tis­che Han­delshin­dernisse des West­ens — der USA und der EU — wer­den die Anstren­gun­gen der Entwick­lungslän­der sog­ar kon­terkar­ri­ert. Die Entwick­lung­shil­fe der USA ist im Ver­hält­nis zum amerikanis­chen Sozial­pro­dukt beschä­mend ger­ing. Dafür wird weltweit etwa das zwanzig­fache der Gelder, die zur Armuts­bekämp­fung bere­it gestellt wer­den, für Mil­itäraus­gaben ver­wen­det.

  3. Das Ende des “Kalten Krieges” gibt die Möglichkeit, den Rüs­tungswet­t­lauf zu beschränken. Auch hier sind die größten Mil­itär­mächte zuvorder­st gefragt, sich zu posi­tion­ieren. Die USA haben aber eine Rei­he von inter­na­tionalen Verträ­gen nci­ht rat­i­fiziert oder gekündigt (ABM-Ver­trag zur Begren­zung von Raketen­ab­wehrsys­ten, Atom­test­stop­pver­trag CTB) und entwick­eln neue nuk­leare Waf­fen und neue Abwehrsys­teme. Das wird zwangsläu­fig zumin­d­est auch Rus­s­land und Chi­na zu eige­nen Anstren­gun­gen her­aus­fordern. Die so beteiligten Mächte ver­stoßen gegen Artikel VI. des Nichtver­bre­itungsver­trages, der die Ver­tragsparteien seit 1968 verpflichtet “in redlich­er Absicht Ver­hand­lun­gen über wirk­same Maß­nah­men zur Beendi­gung des nuk­learen Wet­trüstens und zur nuk­learen Abrüs­tung” zu führen. Gle­ichzeit­ig wird den “atom­aren Habenicht­sen” ein wun­der­bares Argu­ment zur Hand gegeben, nun­mehr doch selb­st den Sta­tus von Atom­waf­fen­staat­en anstreben zu dür­fen. Der dadurch entste­hende erneute atom­are Rüs­tungswet­t­lauf hat aber mit der Abwehr von Ter­ro­ran­schlä­gen nichts zu tun. Wenn die mehrfachen “overkill-Kapaz­itäten” abgeschafft wür­den, zugle­ich ver­bun­den mit der inter­na­tionalen Äch­tung von chemis­chen und biol­o­gis­chen Waf­fen (mit Kom­pe­tenz zur Strafver­fol­gung durch den Inter­na­tionalen Strafgericht­shof) wäre der Men­schheit ins­ge­samt ein großer Schritt in eine friedliche Zukun­ft gelun­gen.

Frieden ist mach­bar
Um Kon­flik­te beizule­gen, muss man sie erst ver­ste­hen

(Süd­deutsche Zeitung, 27.08.2007)

Unter dieser Über­schrift bespricht Jeanne Rub­n­er in der Süd­deutschen Zeitung das Buch von Clau­dia Faber: “Gemein­sam für den Frieden — Was wir dafür tun kön­nen”
(Ravens­burg­er Ver­lag, 2007, 80 Seit­en).

Es wen­det sich an die jüng­ste Gen­er­al­tion, die Gen­er­a­tion der Zukun­ft. Allerd­ings sind die Über­legun­gen, die darin geäussert wer­den, bisweilen auch für uns Ältere bedenkenswert. Ich darf dazu aus der Buchbeschrei­bung einige Sätze zitieren:

… Und die Beispiele, dass blutige Auseinan­der­set­zun­gen auch beigelegt wer­den kön­nen, machen Mut: Zehn Jahre lang herrschte in Sier­ra Leone Bürg­erkireg, seit ein paar Jahren wird das zer­störte Land wieder aufge­baut. Das ehe­ma­lige Jugoslaw­ien kon­nte mit Hil­fe der Nato und der Vere­in­ten Natio­nen befriedet wer­den, in Nordir­land .…

Frieden ist mach­bar — lehrt dieses Buch. … Die UN, so macht­los sie manch­mal sein mögen, spie­len eine wichtige Rolle, eben­so wie einzelne Vor­bilder: Mar­tin Luter King, Mut­ter There­sa, Nel­son Man­dela, der Dalai Lama oder auch Aung San Suu Kyi, die durch ihren friedlichen Protest gegen die Mil­itärdik­tatur in Bir­ma die Welt immer wieder erin­nert, dass die Gen­eräle dort das Volk unter­drück­en.…

Vielle­icht kön­nen auch die Seit­en hier und unser Diskus­sions­fo­rum dazu beitra­gen, etwas mehr Ver­ständ­nis für die Sit­u­a­tion ander­er Men­schen und ander­er Kul­turen zu erhal­ten. Sich­er kann man in rel­a­tiv weni­gen Zeilen nicht alle Facetten eines kom­plex­en Sys­tems tief­gründig erläutern. Daher wird manch­es vere­in­fachend sein, sich­er aber auch fehler­haft in der Analyse und Bew­er­tung: nie­mand ist per­fekt. Aber wir bemühen uns um Sach­lichkeit und Objek­tiv­ität, und auch um Ver­ständ­nis. Dazu kann der Dia­log beitra­gen.