USA — Der „Balisle Report“ schonungsloser Bericht über US Navy

Der „Bal­isle Report“, eine von VAdm a.D. Philip Bal­isle erstellte interne Studie der US Navy, zeigt scho­nungs­los das Ergeb­nis eines Konzeptes auf, das zwar einem richti­gen Ansatz fol­gte, in der Umset­zung aber schnell eine Eigen­dy­namik entwick­elte und nie angepasst wurde.

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Zur Kostensenkung hat­te die US Navy Ende der 90er Jahre beschlossen, in der fahren­den Flotte durch “opti­mal man­ning” über­flüs­siges Per­son­al zu reduzieren. In der Umset­zung wurde „opti­mal man­ning“ jedoch sofort als „lean man­ning“ ver­standen. Man suchte weniger nach Möglichkeit­en, den Per­son­albe­stand durch z.B. Iden­ti­fizierung von möglichen Syn­ergien wirk­lich zu opti­mieren, als vielmehr zu min­imieren.

„Über­flüs­siges“ Per­son­al fand sich schnell im Bere­ich der Schiff­sicherung. Hier gab es Seeleute, deren Haup­tauf­gabe im Ver­wun­de­ten­trans­port oder als bloßer Tele­fon­posten zu beste­hen schien. Ein Verzicht fiel leicht. Schnell reduzierte sich so die Besatzungsstärke eines ARLEIGH BURKE-Zer­stör­ers von 317 (1998) auf 254 (2009) Mann. Die Per­son­alein­schnitte gin­gen aber weit­er. Große Anteile der Aus­bil­dung an Bord wur­den durch Ler­nen am Com­put­er an Land erset­zt. In der Folge kamen junge Seeleute an Bord, die von ihnen zu bedi­enende Anla­gen und Geräte noch nie in der Prax­is gese­hen hat­ten und nun aufwändig am Arbeit­splatz angel­ernt wer­den mussten (wobei auch die Anzahl der Aus­bilder an Bord ger­ade erst „opti­miert“ wor­den war). Tem­poräre Abstel­lun­gen von Bor­d­per­son­al in Land­di­en­st­stellen entwed­er direkt in Ein­satzge­bi­ete (Irak, Afghanistan) oder als Vertreter für dor­thin abkom­mandiertes Per­son­al sorgten auf den Schif­f­en für weit­eres Per­son­alfehl. So gehen Kampf­schiffe heute mit durch­schnit­tlich 8% unter ihrer neu definierten min­i­malen Besatzungsstärke in monate­lange Ein­sätze.

Trotz der kleineren Besatzun­gen blieben die Forderun­gen an bor­deigene Wartung und Instand­set­zung unverän­dert. Zwar hat­te die fahrende Flotte erwartet, im Zuge der Besatzungsre­duzierung wesentliche Anteile der Wartung und Instand­set­zung in die Stützpunk­te an Land abzugeben, aber dort hat­te man in eigen­er Umset­zung der Weisung zu „opti­mal man­ning“ inzwis­chen auch Per­son­al abge­baut. Für das Bor­d­per­son­al ist die Wochenar­beit­szeit von 67 auf 70 Stun­den gestiegen – mit entsprechen­den Moti­va­tion­sein­brüchen. Vor allem die ver­min­derte bor­deigene Wartung zeigt zunehmend Wirkung. Aus­fälle (ger­ade auch bei kri­tis­chen Anla­gen wie z.B. im Bere­ich des Gefechts­führungssys­tems Aegis) sind an der Tage­sor­d­nung. Früher ver­fehlten bei den rou­tinemäßi­gen Über­prü­fun­gen durch das Board of Inspec­tions and Sur­vey etwa 3,5 % der Schiffe die Stan­dards; inzwis­chen hat sich die „Durch­fal­lquote“ vervier­facht (14%). Es kommt zu ver­mehrten Ablö­sun­gen von Kom­man­dan­ten.

Der „Bal­isle-Report“ fordert nun drin­gend dazu auf, das fehlende Per­son­al zu ergänzen. An Bord müssten ins­ge­samt 4.500 neue Dien­st­posten geschaf­fen wer­den; an Land weit­ere etwa 2.000. Sollte der Neg­a­tivtrend nicht schon bald umgekehrt wer­den, dro­ht­en erhe­bliche Kon­se­quen­zen für die Flot­ten­stärke. Die derzeit­i­gen Defizite bei Wartung und Instand­hal­tung dürften die „Leben­szeit­en“ von Schif­f­en um etwa 10 % verkürzen. Ohne (teure) Anpas­sung ihres Ship­build­ing Plan müsste sich die US Navy dann wohl von ihrer anvisierten 313-Ship Fleet ver­ab­schieden.

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