Update Piraterie — Stand 26.02.2012

In einem aktuellen Bericht gibt das Office of Drugs and Crime der Vere­in­ten Natio­nen die Anzahl soma­lis­ch­er Pirat­en mit ins­ge­samt etwa 3.500 an. In den meis­ten anderen Quellen war bish­er von etwa 2.000 die Rede. Man mag nun darüber disku­tieren, ob die bish­eri­gen Zahlen schlichtweg falsch waren, oder aber die soma­lis­chen Pirat­en mit ihrem „lukra­tiv­en Geschäftsmod­ell“ in der jüng­sten Ver­gan­gen­heit regen Zulauf hat­ten. In jedem Fall wird deut­lich, dass zu ein­er nach­halti­gen Lösung des “Prob­lems Pira­terie” in dem ostafrikanis­chen Land weit mehr notwendig ist als bloße Patrouillen von Seestre­itkräften mit gele­gentlichen Fes­t­nah­men einiger weniger Ver­brech­er. Auf der in der abge­laufe­nen Woche in Lon­don (Großbri­tan­nien) durchge­führten inter­na­tionalen Soma­lia Con­fer­ence wurde dies zwar ähn­lich gese­hen, aber reale Beschlüsse zur Umset­zung dieser Erken­nt­nis gab es nicht. Mel­dun­gen britis­ch­er Medi­en, die britis­che Regierung über­lege, den Hub­schrauberträger OCEAN mit Kampfhub­schraubern und Roy­al Marines zur direk­ten Bekämp­fung soma­lis­ch­er Pirat­en (und radikal-islamis­ch­er al-Shabaab Milizen) in ihren Land­basen vor die soma­lis­che Küste zu beordern, sind wohl erst ein­mal nicht mehr als bloße Gerüchte.

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LEILA (Quelle: gcaptain.com)

In der Region kon­nten soma­lis­che Pirat­en wieder ein­mal min­destens ein Schiff ent­führen. Am 16. Feb­ru­ar kaperten sie im Ara­bis­chen Meer, nahe der oman­is­chen Küste, den in den Vere­inigten Ara­bis­chen Emi­rat­en reg­istri­erten kleinen Ro-/Ro-Frachter LEILA. Das Schiff mit sein­er gemis­cht indisch/pakistanisch/somalischen Besatzung ist regelmäßig in der Region unter­wegs. Es ist klein, alt (Bj. 1973) und wenig wert. Experten erwarten denn auch keine Lösegeld­forderung und ver­muten eine Nutzung der LEILA als Mut­ter­schiff für weit­ere Raubzüge.

Möglicher­weise wurde noch ein weit­eres, ähn­lich­es Schiff ent­führt, denn zum eben­falls in den VAE reg­istri­erten kleinen Frachter SAVINA-FAHAD ging „im Indis­chen Ozean“ der Funkkon­takt ver­loren. Das Schiff hat­te in Kismayo (Soma­lia) eine Ladung Holzkohle an Bord genom­men.

In der gesamten Region sind mehrere Piraten­grup­pen in See unter­wegs, und es wur­den auch einige ver­suchte Über­fälle gemeldet. Dabei deutet sich möglicher­weise eine neue Tak­tik an, denn in zumin­d­est einem Fall sollen Pirat­en mit ihrem Mut­ter­schiff einen Maschi­nen­schaden simuliert und einen vor­beifahren­den Frachter „um Hil­fe gebeten“ haben.

Am 18. Feb­ru­ar grif­f­en Pirat­en mit einem Skiff im Soma­li­abeck­en, etwa 500 sm östlich der Sey­chellen, einen Chemikalien­tanker an, brachen nach Warn­schüssen eines eingeschifften ziviles bewaffneten Sicher­heit­steams den Über­fall aber schnell wieder ab. Am 22. Feb­ru­ar wurde im Ost­teil des Golfs von Aden der Tanker NORTH STAR (Flagge: Sin­ga­pur) ange­grif­f­en. Auch hier kon­nte ein eingeschifftes ziviles bewaffnetes Sicher­heit­steam die Pirat­en nach kurzem Feuerge­fecht zum Abdrehen ver­an­lassen.

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Board­ingteam der BERLIN stoppt mut­maßliche Pirat­en (Foto: EU Nav­For)
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SOMERSET (Foto: Deutsche Marine)

Der in der Nähe operierende Ein­satz­grup­pen­ver­sorg­er BERLIN (EU Nav­For) der Deutschen Marine nahm sofort Kurs auf den Schau­platz des Geschehens. Bor­d­hub­schrauber kon­nten das flüch­t­ende Skiff stellen; ein Board­ingteam nahm die acht Insassen in Gewahrsam. Über ihr weit­eres Schick­sal ist noch nicht entsch­ieden. Strafver­fol­gung in Deutsch­land kommt sich­er nicht in Frage, und wenn die mut­maßlichen Pirat­en nicht einem regionalen Staat übergeben wer­den kön­nen, dürften sie schon bald wieder frei gelassen (an der soma­lis­chen Küste abge­set­zt) wer­den. Ihr mut­maßlich­es Mut­ter­schiff – eine Dhau – wird indes durch ein anderes Kriegss­chiff der EU Nav­For aufmerk­sam beobachtet.

Ein in der let­zten Woche an dieser Stelle dargestell­ter Zwis­chen­fall sorgt weit­er für Schlagzeilen. An Bord des ital­ienis­chen Tanker ENRICA LEXIE als Sicher­heit­steam eingeschiffte Marine­in­fan­ter­is­ten des San Mar­co Reg­i­mentes der ital­ienis­chen Marine hat­ten vor der südindis­chen Küste bei einem „angenomme­nen“ Über­fall ver­mut­lich zwei indis­che Fis­ch­er erschossen. Die indis­che Küstenwache fing den Tanker ab und „geleit­ete“ ihn nach Kochi. Zwei Marine­in­fan­ter­is­ten wur­den festgenom­men; auf sie wartet indis­chen Medi­en zufolge eine Mor­dan­klage. Die ital­ienis­che Marine behauptet, die Män­ner hät­ten lediglich Warn­schüsse in die Luft und ins Wass­er abgegeben; das Skiff sei dabei gar nicht getrof­fen wor­den. Klarheit kann hier nur eine Unter­suchung der Waf­fen (bal­lis­tis­ch­er Ver­gle­ich) brin­gen, die bei ein­er gerichtlich ange­ord­neten Durch­suchung der ENRICA LEXIE inzwis­chen von den indis­chen Behör­den sichergestellt wur­den.

Eine erste Kon­se­quenz aus dem Vor­fall gibt es bere­its. Indi­ens Seeschiff­fahrts­be­hörde fordert für alle frem­den Schiffe, die mit bewaffneten Sicher­heit­steams an Bord indis­che Gewäss­er befahren, ein so genan­ntes „Flag-State Endorse­ment’. Damit würde die Regierung eines Staates, unter dessen Flagge ein Schiff fährt, direkt ver­ant­wortlich für jede von dem eingeschifften Sicher­heit­steam durchge­führte Aktion.

Aktuelle Entwick­lun­gen bei Ein­satzkräften

Die japanis­che Marine hat die Ablö­sung ihrer im Golf von Aden mit Geleitschutza­uf­gaben operieren­den Ein­heit­en vol­l­zo­gen. Im Ein­satz sind nun die Zer­stör­er MURASAME und HARUSAME, während die in den let­zten Monat­en einge­set­zten Zer­stör­er TAKANAMI und OONAMI in Rich­tung Heimat abge­laufen sind. Auf dem Weg dor­thin trafen sie am 22. Feb­ru­ar zu einem kurzen Hafenbe­such in Colom­bo (Sri Lan­ka) ein.

Am 24. Feb­ru­ar erre­ichte die britis­che Fre­gat­te WESTMINSTER (TYPE 23) den Golf von Aden. Haup­tauf­trag ist die Teil­nahme an der Anti-Ter­ror Oper­a­tion „Endur­ing Free­dom“, aber erst ein­mal schloss sich das Schiff der multi­na­tionalen CTF-151 im Anti-Pira­terieein­satz an.

Für Schwest­er­schiff SOMERSET ging am gle­ichen Tag mit dem Ein­laufen in der heimis­chen Naval Base Devon­port eine im August 2011 begonnene Ein­satz­fahrt in der Mit­telost-Region („East of Suez Deploy­ment“) zu Ende. Auch die SOMERSET war dabei zeitweilig in Anti-Pira­terieein­sätze einge­bun­den.

In Koop­er­a­tion mit “Marine­Fo­rum — Zeitschrift für mar­itime Fra­gen

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