Update Piraterie — Stand 19.11.2011

Aus allen Seege­bi­eten am Horn von Afri­ka und im Indik, von der Meerenge des Bab el Man­deb bis ins Ara­bis­che Meer und weit nach Süden zur Straße von Mosam­bik, wer­den ver­suchte Über­fälle und verdächtige Annäherun­gen von Skiffs an Han­delss­chiffe gemeldet, aber neue Beute kon­nten Pirat­en offen­bar nicht machen.

Marineforum - Karte: gcaptain.com
Karte: gcaptain.com

So wurde am 15. Novem­ber vor dem Ostaus­gang des Golfs von Aden der sin­ga­pursche Pro­duk­ten­tanker BW DANUBE von zwei Skiffs ange­grif­f­en. Der Kapitän befahl die Besatzung bis auf das Brück­en­team in einen Schutzraum und fuhr dann scharfe Auswe­ich­manöver. Ein bewaffnetes Sicher­heit­steam war nicht an Bord, aber als Sig­nal­mu­ni­tion abge­feuert wurde, dreht­en die Pirat­en den­noch ab und kehrten zu ihrem wartenden Mut­ter­schiff zurück.

Weit­er südlich, im Soma­li­abeck­en 450 sm östlich von Kenia, hat­ten Pirat­en mit einem Skiff einige Tage zuvor das Con­tain­er­schiff ER COPENHAGEN ange­grif­f­en. Auch hier war kein bewaffnetes Sicher­heit­steam an Bord, der Kapitän befahl die Besatzung in einen Schutzraum und fuhr dann Auswe­ich­manöver – bis die Pirat­en schließlich auf­gaben. Am Schiff und eini­gen Con­tain­ern ent­standen Schä­den durch Beschuss mit Hand­waf­fen und Panz­er­faust­granat­en. Im Nordteil der Straße von Mosam­bik meldete ein Han­delss­chiff am 14. Novem­ber die „verdächtige Annäherung“ von drei Skiffs, kon­nte sich aber einem möglichen Angriff entziehen. Weit­ere Über­fälle scheit­erten am 16. Novem­ber knapp nördlich der Komoren sowie am 17. Novem­ber östlich von Kenia. In diesen bei­den Fällen brachen die Pirat­en ihre Angriffe nach Warn­schüssen eingeschiffter Sicher­heit­steams sofort ab.

Während die an diesen Über­fällen beteiligten Pirat­en nun auf neue Beute warten, kon­nten Kriegss­chiffe zwei Piraten­grup­pen aus dem Verkehr ziehen – wenn auch sich­er nur vorüberge­hend. Am 12. Novem­ber sichtete ein japanis­ches Aufk­lärungs­flugzeug im Golf von Aden, nahe dem beson­ders beobachteten und teils auch gesicherten Seev­erkehr­sweg (IRTC – Inter­na­tion­al Rec­om­mend­ed Tran­sit Cor­ri­dor), ein verdächtiges Skiff. Das herange­führte dänis­che Mehrzweckschiff ABSALON (NATO) kon­nte das Boot abfan­gen. Ein Board­ingteam ent­deck­te „Pirate­naus­rüs­tung“, die kon­fisziert wurde. An Bord wurde genug Kraft­stoff, Wass­er und Lebens­mit­tel gelassen; die sieben mut­maßlichen Pirat­en durften dann Kurs auf Soma­lia nehmen. Ein bere­its began­ge­nes Ver­brechen war ihnen nicht nachzuweisen.

Drei Tage später stieß das spanis­che Wach­schiff INFANTA CRISTINA (EU Nav­For) eben­falls im Golf von Aden auf die pak­istanis­che Dhau AL TALAL. Das unter der Flagge der Komoren fahrende kleine Frachtschiff war zwölf Tage zuvor von soma­lis­chen Pirat­en gekapert und seit­dem als Mut­ter­schiff genutzt wor­den. Als das Kriegss­chiff sich näherte, war­fen die Pirat­en sofort alle Waf­fen über Bord. Die bis dahin als Geiseln gehal­tene Besatzung der Dhau nutzte die Gele­gen­heit und über­wältigte ihre Ent­führer. Das spanis­che Board­ingteam stieß auf keinen Wider­stand mehr.

Marineforum - Boardingteams der INFANTA CRISTINA an der Dhau (Foto: span. Marine)
Board­ingteams der INFANTA CRISTINA an der Dhau (Foto: span. Marine)

Die Pirat­en waren allerd­ings schon bald wieder auf freien Fuß. Der Kapitän der Dhau hat­te offen­bar kein Inter­esse daran, als möglich­er Zeuge in einem Gerichtsver­fahren (in einem frem­den Land) wertvolle Zeit zu ver­lieren, und ohne seine Aus­sage bestand keine Möglichkeit ein­er Strafver­fol­gung. Während die Dhau mit Kraft­stoff, Wass­er und Lebens­mit­teln für die Weit­er­fahrt in einen sicheren oman­is­chen Hafen ver­sorgt wurde, musste die INFANTA CRISTINA die Pirat­en an die soma­lis­che Küste brin­gen und dort abset­zen. Sie wer­den sich schnell zum Lager ihrer Kumpane durch­schla­gen, dort neu aus­rüsten und zu ein­er weit­eren Kaper­fahrt auf­brechen.

Kurzmel­dun­gen

70 sm vor dem Nigerdelta, in einem Ölfeld des Chevron Konz­erns, haben Bewaffnete am 18. Novem­ber das Off­shore-Ver­sorgungss­chiff C‑ENDEAVOUR geen­tert und drei Besatzungsmit­glieder als Geiseln genom­men. Hier sind allerd­ings weniger „nor­male“ Pirat­en zu ver­muten, son­dern eher eine mil­i­tante Gruppe der im Nigerdelta aktiv­en MEND-Rebellen.

Die Vertei­di­gungsmin­is­ter Südafrikas und Mosam­biks haben eine Vere­in­barung (Mem­o­ran­dum of Intent) zur gemein­samen „sig­nifikan­ten Reduzierung der Bedro­hung durch soma­lis­che Pirat­en in der Straße von Mosam­bik“ geschlossen.

Indi­en und die Male­di­v­en wollen die Seev­erkehr­swege nahe der Insel­gruppe in gemein­samen, koor­dinierten See- und Luft­pa­trouillen schützen.

In Frankre­ich hat der erste Prozess gegen mut­maßliche soma­lis­che Pirat­en begonnen. Die sechs Män­ner waren 2008 festgenom­men wor­den, als ein Spezialein­satzkom­man­do der franzö­sis­chen Marine eine von ihnen ent­führte franzö­sis­che Segel­jacht befre­ite.

Die nieder­ländis­che Regierung hat nationale Reed­er gewarnt, auf eigene Faust bewaffnete Sicher­heit­steams anzuheuern. Man werde für beson­ders gefährdete Schiffe aus­re­ichend mil­itärische Sicher­heit­steams (in 2012 zunächst 50) bere­it stellen, und dies sei „völ­lig aus­re­ichend“; pri­vate Aktio­nen blieben ver­boten.

Vor der Küste Benins hat eine gemein­sam von den Mari­nen Benins und Nige­rias aufgestellte Ein­satz­gruppe acht mut­maßliche Pirat­en festgenom­men. Die näheren Umstände wur­den nicht gemeldet, aber die Pirat­en „brüder­lich geteilt“: je vier wur­den zur Strafver­fol­gung an die Behör­den Benins und Nige­rias über­stellt.

Aktuelle Entwick­lun­gen bei Ein­satzkräften

Die japanis­chen Zer­stör­er SAMIDARE und UMIGIRI haben nach Ablö­sung durch zwei andere Zer­stör­er ihren Ein­satz am Horn von Afri­ka been­det und die Heim­reise ange­treten. Am 12. Novem­ber liefen sie zu einem mehrtägi­gen Hafenbe­such in Colom­bo (Sri Lan­ka) ein. Die por­tugiesis­che Fre­gat­te FRANCISCO DE ALMEIDA (ex-nieder­ländis­che KAREL DOOR­MAN-Klasse) hat mit Ein­laufen in Liss­abon ihren mehrmonati­gen Ein­satz zur Unter­stützung der NATO Oper­a­tion „Ocean Shield“ been­det.

Die 10. Ein­satz­gruppe der chi­ne­sis­chen Marine (Zer­stör­er HAIKOU, Fre­gat­te YUNZHENG und Ver­sorg­er POYANG HU) hat nach 13 Tagen Marschfahrt den östlichen Golf von Aden erre­icht und sich dort mit der 9. Ein­satz­gruppe (Zer­stör­er WUHAN, Fre­gat­te YULIN, Ver­sorg­er QINGHAIHU) getrof­fen. Bei­de Ver­bände wer­den im Zuge der Über­gabe einige Tage gemein­sam operieren (Kon­vois begleit­en), bevor die 9. Gruppe dann die Heim­reise nach Chi­na antritt.

Marineforum - Chinesen üben im Golf von Aden (Foto: offz)
Chi­ne­sen üben im Golf von Aden (Foto: offz)

Die deutsche Fre­gat­te LÜBECK hat am 18. Novem­ber ihren Heimath­afen Wil­helmshaven mit Kurs auf das Horn von Afri­ka ver­lassen. Das Schiff soll sich in den kom­menden Monat­en der EU Nav­For in Oper­a­tion „Ata­lan­ta“ anschließen und die Fre­gat­te BAYERN in dieser Auf­gabe ablösen. Rück­kehr nach Deutsch­land ist im April 2012 geplant.

Tai­wan über­legt ange­blich die Entsendung eines Marin­e­ver­ban­des „mit min­destens einem Kriegss­chiff und einem Ver­sorg­er” ans Horn von Afri­ka. Sie soll­ten die zahlre­ichen vor der soma­lis­chen Küste fahren­den tai­wane­sis­chen Fis­ch­er vor Pirat­en schützen. Medi­en melden, der Ver­band solle evtl. schon an diesem Woch­enende aus­laufen. Offizielle Dien­st­stellen wollen die Berichte wed­er bestäti­gen noch demen­tieren. Ähn­liche Über­legun­gen hat­te es schon vor zwei Jahren gegeben; sie waren aber offen­bar wieder ad acta gelegt wor­den. Tai­wan hat zu keinem Land in der Region diplo­ma­tis­che Beziehun­gen, und tai­wane­sis­che Kriegss­chiffe kön­nten sich in einem Ein­satz dort auch in keinem Hafen logis­tisch abstützen. Die Entsendung eines Marin­e­ver­ban­des wäre so mit „enor­men Her­aus­forderun­gen“ ver­bun­den. Deut­lich ein­fach­er und sich­er auch effek­tiv­er wäre die Ein­schif­fung bewaffneter (mil­itärisch­er) Sicher­heit­steams auf den tai­wane­sis­chen Fis­chereifahrzeu­gen. Kriegss­chiffe kön­nen ohne­hin nur punk­tuell operieren, d.h. nur Fis­ch­er in unmit­tel­bar­er Nähe schützen.

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