Update Piraterie — Stand 16.Oktober 2011

Soma­lis­che Pirat­en sind nun wieder in fast allen Seege­bi­eten vor dem Horn von Afri­ka aktiv – vom südlichen Roten Meer über den Golf von Aden und das Ara­bis­che Meer bis ins Soma­li­abeck­en und die Straße von Mosam­bik. Kaum ein Tag verge­ht, ohne dass mut­maßliche Piraten­mut­ter­schiffe und Skiffs gesichtet oder Über­fälle gemeldet wer­den.

Marineforum - PAG Alert Map (NATO Shipping Centre)
PAG Alert Map (NATO Ship­ping Cen­tre)
Marineforum - KÖLN versenkt Whaler (Foto: EU NavFor)
KÖLN versenkt Whaler (Foto: EU Nav­For)

Eine vom NATO Ship­ping Cen­tre erstellte und regelmäßig auf­datierte „Alert Map“ zeigt die Gebi­ete, in denen mut­maßliche „Pirate Action Groups“ (PAG) aktuell auf Beute warten.

Am 7. Okto­ber meldete ein Han­delss­chiff im südlichen Roten Meer, knapp nördlich der Meerenge des Bab el Man­deb, die „verdächtige Annäherung“ von drei Skiffs, kon­nte mit Auswe­ich­manövern einen möglichen Angriff aber ver­mei­den. Am 11. Okto­ber grif­f­en im Nordein­gang der Straße von Mosam­bik, 40 sm nördlich der Komoren, ein Han­delss­chiff an, das sich eben­falls mit Auswe­ich­manövern ret­ten kon­nte.

Zugle­ich lassen Mel­dun­gen über eine ver­mis­ste jemeni­tis­che Dhau und ein keni­an­is­ches Fis­chereifahrzeug ver­muten, dass die Pirat­en zügig weit­ere mögliche Mut­ter­schiffe für ihre Zwecke „requiri­eren“. Am 8. Okto­ber verkün­dete die „Marine“ Punt­lands die Befreiung ein­er wenige Tage zuvor gekaperten Dhau vor der Küste der autonomen soma­lis­chen Teil­re­pub­lik.

Inter­na­tionale Seestre­itkräfte sind nach „Eröff­nung der neuen Piraten­sai­son“ neben der Sicherung von Kon­vois vor allem auch bemüht, mit Hil­fe inten­siviert­er Luftaufk­lärung in den weit­en Seege­bi­eten des offe­nen Indik mögliche PAG zu iden­ti­fizieren und dann vor­beu­gend zu neu­tral­isieren.

So fing die deutsche Fre­gat­te KÖLN (EU Nav­For) im Soma­li­abeck­en, 200 sm östlich von Tansa­nia, ein mit Kraft­stoffton­nen und ander­er möglich­er Pirate­naus­rüs­tung beladenes, offenes Boot (so genan­nter „Whaler“) ab – offen­bar ein Pirat­en-Mut­ter­boot. Die vier Insassen wur­den vorüberge­hend fest­ge­set­zt, Aus­rüs­tung beschlagnahmt und ihr Whaler dann versenkt. Da es keine Beweise für ein bere­its began­ge­nes Ver­brechen gab, wur­den die mut­maßlichen Pirat­en allerd­ings schon bald wieder freige­lassen. Die Fre­gat­te set­zte sie an der soma­lis­chen Küste ab.

Zen­trales Ereig­nis der abge­laufe­nen Woche war die Kape­rung und nach­fol­gende Befreiung des ital­ienis­chen Frachters MONTECRISTO. Das Schiff war am 11. Okto­ber im Ara­bis­chen Meer – 500 sm von der soma­lis­chen Küste ent­fer­nt – unter­wegs, als es von Pirat­en geen­tert wurde.

Der Kapitän set­zte einen Notruf ab und ver­bar­rikadierte sich mit sein­er gesamten Besatzung in einem Schutzraum. Inter­na­tionale Seestre­itkräfte reagierten schnell. Ein Seefer­naufk­lär­er P-3C Ori­on der US Navy lokalisierte die MONTECRISTO 200 sm südöstlich der oman­is­chen Küste – mit Kurs auf Soma­lia. Koor­diniert vom ital­ienis­chen Zer­stör­er ANDREA DORIA (derzeit Führungss­chiff für die NATO Oper­a­tion „Ocean Shield“) nah­men mehrere Kriegss­chiffe Kurs auf die Posi­tion.

Marineforum - Befreiung der MONTECRISTO (Foto: NATO)
Befreiung der MONTECRISTO (Foto: NATO)

Der britis­che Ver­sorg­er FORT VICTORIA und die US-Fre­gat­te DE WERT fin­gen die MONTECRISTO in den frühen Mor­gen­stun­den des 11. Okto­ber ab. Als fest stand, dass die Besatzung noch immer sich­er im Schutzraum ver­bar­rikadiert war und die Pirat­en keine Geiseln in ihrer Hand hat­ten, stürmten Ein­satz­grup­pen mit Hub­schraubern und Booten den Frachter. Gegen­wehr gab es nicht; alle elf Pirat­en ergaben sich sofort. Sie wur­den zunächst unter Bewachung an Bord der MONTECRISTO interniert. Inzwis­chen sind sie offen­bar auf dem Weg nach Ital­ien, wo ihnen der Prozess gemacht wer­den soll.

Immer mehr Län­der denken um und bil­li­gen bewaffnete Sicher­heit­skräfte (Ves­sel Pro­tec­tion Detach­ment – VPD) auf unter ihrer Flagge in pirat­en-gefährde­ten Gebi­eten fahren­den Han­delss­chif­f­en. Noch am Tage der Ent­führung der MONTECRISTO kündigte die ital­ienis­che Regierung an, ital­ienis­che Han­delss­chiffe im Indik kün­ftig durch eingeschiffte Sol­dat­en schützen zu wollen. Bere­its am 7. Okto­ber hat­te das nieder­ländis­che Kabi­nett für das Jahr 2012 die Abstel­lung von ins­ge­samt 50 mil­itärischen VPD beschlossen (in diesem Jahr waren es noch 5). Ihr Ein­satz soll fall­weise für beson­ders gefährdete Schiffe genehmigt wer­den; falls mehr als 50 Ein­sätze notwendig wer­den soll­ten, werde man unter Rück­griff auf Reservis­ten entsprechend auf­s­tock­en.

Auch Großbri­tan­nien, dessen Regierung VPD bish­er entsch­ieden abgelehnt hat­te, rev­i­diert seine Poli­tik. Außen-Staatssekretär Belling­ham erk­lärte in ein­er viel beachteten Rede, die Ein­schif­fung von (auch zivilen) VPD biete erwiesen­er­maßen den besten Schutz gegen Pirat­en. Man könne ein­fach nicht ignori­eren, dass noch kein einziges solcher­maßen gesichertes Schiff ent­führt wor­den sei. Die sehr „kom­plex­en“ Geset­zge­bungsver­fahren zur Erlaub­nis bewaffneter zivil­er VPD als „tem­po­rary mea­sure“ seien fast abgeschlossen. In ein­er zweit­en Maß­nahme will Großbri­tan­nien auf den Sey­chellen eine neue „nachrich­t­en­di­en­stliche Zelle“ ein­richt­en (bzw. deren Ein­rich­tung finanzieren), die die Finanzwege der Piraten­bosse und ihrer Hin­ter­män­ner aufk­lären und unterbinden soll. Dazu wür­den auch Offiziere der vom britis­chen Innen­min­is­teri­um „unter­stützten“ (aber nicht geführten), ressort-unab­hängi­gen Seri­ous and Organ­ised Crime Agency (SOCA, gegrün­det 2006) abgestellt.

Marineforum -
CAPE BIRD (Foto: vesseltracker.com)
Marineforum - JAMARAN bei Verabschiedung (Foto: ISNA)
JAMARAN bei Ver­ab­schiedung (Foto: ISNA)

WESTAFRIKA

Am 8. Okto­ber ent­führten Pirat­en im Golf von Guinea, etwa 90 sm südlich von Lagos (Nige­ria) den deutschen (Flagge Mar­shall Islands) Chemikalien­tanker CAPE BIRD. Sechs Tage später wur­den Schiff und Besatzung wohlbe­hal­ten wieder frei gelassen. Ob Lösegeld gezahlt oder Ladung gestohlen wurde, ist bei Redak­tion­ss­chluss noch nicht bekan­nt. Üblicher­weise steuern Pirat­en in der Region ent­führte Schiffe in abgele­gene Bucht­en vor der Küste (Nigerdelta), um sie dort soweit möglich zu ent­laden. Die erbeutete Ladung (über­wiegend Rohöl und Ölpro­duk­te) wird dann auf dem Schwarz­markt verkauft. Lösegeld­forderun­gen für ein Schiff und seine Besatzung sind vor West­afri­ka die Aus­nahme.

Aktuelle Entwick­lun­gen bei Ein­satzkräften

Am 9. Okto­ber wurde die 15. Anti-Pira­terieein­satz­gruppe der iranis­chen Marine nach 85 Tagen Ein­satz im Golf von Aden in der Heimat zurück begrüßt und zugle­ich die 16. Ein­satz­gruppe ver­ab­schiedet. Zu ihr gehören der Flot­ten­ver­sorg­er BANDAR ABBAS sowie die neue leichte Fre­gat­te JAMARAN. Das im Iran unter der Pro­jek­t­beze­ich­nung „Mowj“ entwick­elte und gebaute, dort offiziell als “Zer­stör­er” beze­ich­nete 1.400 ts große Kampf­schiff war im Feb­ru­ar 2010 der Marine übergeben wor­den. Die Beteili­gung an der 16. Anti-Pira­terieein­satz­gruppe wird der erste Ein­satz der JAMARAN in außer­heimis­chen Gewässern. Mit ort­süblich­er Euphorie und Übertrei­bung wurde ihre Ver­ab­schiedung in diesen Ein­satz denn auch als Meilen­stein auf dem Weg zu iranis­chen Mari­ne­op­er­a­tio­nen auf den Ozea­nen der Welt gepriesen.

In der Straße von Mosam­bik hat die franzö­sis­che Fre­gat­te NIVOSE (FLO­RE­AL-Klasse) am 12. Okto­ber die Anti-Pira­terie Übung (teils wohl auch Oper­a­tion) „Oxide“ begonnen. „Oxide“ rei­ht sich in von der franzö­sis­chen Marine aus­gerichtete, jährliche regionale Aus­bil­dungsvorhaben ein, in die auch die Mari­nen Südafrikas und Mosam­biks einge­bun­den sind. Am nun begonnenen „Oxide“ sind diese offen­bar aber nicht mit eige­nen Schif­f­en oder Booten beteiligt, son­dern haben lediglich Offiziere auf der NIVOSE eingeschifft.

Das dänis­che Mehrzweckschiff ABSALON läuft am 16. Okto­ber aus seinem Heimath­afen aus. Die ABSALON soll sich am Horn von Afri­ka für zwei Monate der NATO Oper­a­tion „Ocean Shield“ anschließen. Für das Schiff wird dies nicht der erste Anti-Pira­terieein­satz. ABSALON und Schwest­er­schiff ESBERN SNARE hat­ten in den let­zten Jahren schon mehrfach an das Horn von Afri­ka ver­legt und waren hier sowohl an der NATO Oper­a­tion „Ocean Shield“ als auch an der EU Oper­a­tion „Ata­lan­ta“ beteiligt.

In Koop­er­a­tion mit “Marine­Fo­rum — Zeitschrift für mar­itime Fra­gen

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