Update Piraterie — Stand 09.10.2011

Nach Erhalt eines Lösegeldes (ange­blich 3,5 Mio. US-Dol­lar) haben soma­lis­che Pirat­en am 30. Sep­tem­ber den im Feb­ru­ar im Ara­bis­chen Meer gekaperten griechis­chen Mas­sen­gut­frachter DOVER frei gelassen. Schiff und Besatzung erre­icht­en drei Tage später wohlbe­hal­ten den Hafen von Salalah (Oman).

Inzwis­chen ist die Mon­sun­zeit weit­ge­hend been­det. Lediglich in den südlichen Teilen des Soma­li­abeck­ens hin­dern Wind und See­gang die Pirat­en noch an aus­gedehn­ten Kaper­fahrten auf die Hohe See. Vom Golf von Aden über das gesamte Ara­bis­chen Meer und die Seege­bi­ete nördlich der Sey­chellen bis in küsten­na­he Gebi­ete im Nordein­gang der Straße von Mosam­bik find­en sie nun aber wieder für ihre Zwecke gute Bedin­gun­gen. Die von der US Navy definierte Region mit den höch­sten Bedro­hungsstufen „Orange“ und „Rot“ zeigt sich dementsprechend deut­lich erweit­ert, entspricht jet­zt in etwa ein­er Fläche in der Größe Mit­teleu­ropas.

Täglich wer­den nun auch weit von Soma­lia ent­fer­nt wieder (mögliche) „Pirate Action Groups“ (PAG) mit Mut­ter­schif­f­en (gekaperte Dhaus oder offene so genan­nte Whaler) und Skiffs gesichtet. So beobachtet die indis­che Marine seit mehreren Tagen allein drei verdächtige Dhaus im Seege­bi­et nördlich der Sey­chellen; min­destens eine PAG ist im Ara­bis­chen Meer aktiv, zwei oder drei weit­ere vor den Küsten Kenias und Tansa­nias.

Marineforum - Piratenbedrohung (Grafik: US Navy)
Piratenbedro­hung (Grafik: US Navy)

Auch verge­ht nun kaum ein Tag ohne Über­fälle. Die recht ste­hende Karte zeigt nur einen Teil der vom 29. Sep­tem­ber bis zum 5. Okto­ber gemelde­ten, ver­sucht­en Kape­run­gen, bei denen die Pirat­en glück­licher­weise aber keine Beute machen kon­nten.

So gab es am 2. Okto­ber im Ara­bis­chen Meer einen Angriff auf den Frachter LARA RICKMERS. Während der Kapitän die Besatzung in einen Schutzraum befahl, kon­nte ein eingeschifftes bewaffnetes Sicher­heit­steam die Ver­brech­er mit Warn­schüssen auf Dis­tanz hal­ten. Aus viel zu großer Ent­fer­nung schossen sie frus­tri­ert noch eine Panz­er­faust­granate und dreht­en dann ab, um sich ein neues, weniger wehrhaftes Opfer zu suchen. Zwei Tage später kon­nte ein in Medi­en nicht näher genan­ntes Kriegss­chiff 300 sm östlich von Soko­tra eine mut­maßliche PAG stellen; da allerd­ings kein spez­i­fis­ches Ver­brechen nachzuweisen war, musste man sich damit beg­nü­gen, den Pirat­en durch Versenkung von zwei Skiffs die Möglichkeit­en zu Über­fällen zu nehmen – und sie dann mit ihrem Mut­ter­schiff ziehen lassen.

Auch weit­er südlich ver­suchen Pirat­en ihr Glück. Am 2. Okto­ber grif­f­en zwei von einem Mut­ter­schiff aus­ge­set­zte Skiffs nördlich der Sey­chellen den Chemikalien­tanker UACC SHAMS an. Ein eingeschifftes bewaffnetes Sicher­heit­steam zwang sie mit Warn­schüssen zum Abdrehen. Im gle­ichen Seege­bi­et wurde einen Tag später das Fis­chereis­chiff GLENAN näch­stes Ziel. Hier lieferte sich ein eingeschifftes Sicher­heit­steam der franzö­sis­chen Marine ein kurzes Feuerge­fecht mit den Pirat­en, die dann schnell ihr Vorhaben auf­gaben.

Über­fälle wer­den auch vor den Küsten Kenias und Tansa­nias gemeldet. Am 3. Okto­ber grif­f­en Pirat­en 80 sm vor San­si­bar das Explo­rationss­chiff OCEAN RIG POSEIDON an. Das von der brasil­ian­is­chen Petro­bras betriebene Schiff sucht im Auf­trag Tansa­nias in der Wirtschaft­szone des ostafrikanis­chen Staates nach Öl – und wird von der tansanis­chen Marine gegen Pirat­en geschützt. Let­zteres hat­ten die ins­ge­samt sieben Pirat­en offen­bar überse­hen. Als sie ver­sucht­en, das Schiff zu entern, wur­den sie sämtlich festgenom­men. Bis zu ihrer Heimkehr nach Soma­lia dürften nun erst mal Jahre verge­hen. Eben­falls vor San­si­bar griff eine andere PAG am 6. Okto­ber das sin­ga­pursche Con­tain­er­schiff COTE DE NAZRAT an. Auch hier blieben sie erfol­gre­ich, scheit­erten an einem (dies­mal britis­chen) eingeschifften bewaffneten Sicher­heit­steam, das sie mit Warn­schüssen auf Dis­tanz hielt, bis sie schließlich auf­gaben.

Im Golf von Aden schließen sich unter erhöhter Bedro­hung nun wieder mehr Han­delss­chiffe den von Kriegss­chif­f­en gesicherten Kon­vois an. Einige Kapitäne hal­ten dies (Zeitver­lust) noch immer für unnötig und ver­trauen auf ihr Glück. Solch­es Glück hat­te auch der Mas­sen­gut­frachter THEOFOROS I, den sich Pirat­en am 2. Okto­ber als Opfer ins Visi­er nah­men. 90 sm süd­west­lich von Mukallah (Jemen) grif­f­en sie mit einem Skiff an. Ein bewaffnetes Sicher­heit­steam befand sich nicht an Bord, und Warn­schüsse mit Leucht­mu­ni­tion ignori­erten die Ver­brech­er. Der Kapitän set­zte einen Notruf ab und ver­bar­rikadierte sich dann mit sein­er Besatzung in einem Schutzraum. Die Pirat­en kon­nten den Frachter entern, aber ohne Geiseln nicht effek­tiv unter Kon­trolle brin­gen. Als wenig später der Bor­d­hub­schrauber eines nahen Kriegss­chiffes vor Ort ein­traf, hat­ten sie sich bere­its wieder abge­set­zt.

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Quelle: gcaptain.com

Die Ereignisse der abge­laufe­nen Woche lassen ein­mal mehr keinen Zweifel daran, dass der derzeit beste Schutz vor ein­er Kape­rung in der Ein­schif­fung bewaffneter mil­itärisch­er oder auch zivil­er Sicher­heit­steams (Ves­sel Pro­tec­tion Detach­ment — VPD) beste­ht. Soma­lis­che Pirat­en kon­nten bish­er noch kein einziges solcher­maßen gesichertes Schiff ent­führen. Immer mehr Län­der akzep­tieren dies denn auch als Tat­sache und erlassen Geset­ze, die einen solchen Schutz für unter ihrer Flagge fahrende Schiffe erlauben; jüng­stes Land in dieser Rei­he ist Zypern, das für seine große Han­dels­flotte dem­nächst ein entsprechen­des Gesetz ver­ab­schieden wird.

In Deutsch­land bleibt man davon weit ent­fer­nt. Auf ein­er Tagung in Berlin wurde ein­mal mehr nur lap­i­dar fest­gestellt, dass wed­er Bun­de­spolizei noch Bun­deswehr über die Kapaz­itäten zur Abstel­lung von Per­son­al ver­fü­gen. Über­raschen kann dies nicht; nach den rig­orosen Einsparun­gen der let­zten Jahren ist die Per­son­aldecke so dünn gewor­den, dass über Rou­tineauf­gaben hin­aus gehen­der Bedarf nicht mehr kurzfristig gedeckt wer­den kann – und die Wieder­her­stel­lung ein­mal ver­loren­er Fähigkeit­en dauert (selb­st wenn man denn wollte).

Lei­der wird es in naher Zukun­ft für unter deutsch­er Flagge fahrende Schiffe aber auch keine Genehmi­gung zur Anheuerung zivil­er bewaffneter VPD geben. Ver­ant­wortliche Poli­tik­er, die das Prob­lem seit mehreren Jahren „aus­ge­sessen“ und sich um Lösun­gen gedrückt haben, erken­nen inzwis­chen zwar dur­chaus einen Sinn für eine solche Maß­nahme, ver­an­schla­gen nun allerd­ings die voraus­sichtliche Dauer des notwendi­gen Geset­zge­bungsver­fahrens auf „etwa zwei Jahre“. Im Klar­text heißt dies nicht weniger, als dass der deutsche Staat trotz der sehr realen, aktuellen Bedro­hung zur Zeit ganz offen­bar nicht in der Lage ist, den hoheitlichen Verpflich­tun­gen zum effek­tiv­en Schutz sein­er Han­delss­chiff­fahrt nachzukom­men. Man darf so dur­chaus damit rech­nen, dass deutsche Reed­er ver­mehrt dazu tendieren, sich durch Aus­flaggen die Recht­sor­d­nun­gen ander­er Flaggen­staat­en zunutze zu machen, ihre Schiffe unter den Schutz ander­er Staat­en zu stellen.

Aktuelle Entwick­lun­gen bei Ein­satzkräften

Der franzö­sis­che Avi­so PREMIER MAITRE L’HER hat sich am 1. Okto­ber in Brest auf den Weg ans Horn von Afri­ka gemacht. Das Schiff schließt sich offiziell zwar der Anti-Ter­ror Ein­satz­gruppe CTF 150 (Oper­a­tion „Endur­ing Free­dom“) an, wird zeitweilig aber auch die EU Nav­For in ihrer Oper­a­tion „Ata­lan­ta“ unter­stützen.

Marineforum - VPD (Foto: EU NavFor)
VPD (Foto: EU Nav­For)

Die britis­che Fre­gat­te MONMOUTH hat am 3. Okto­ber mit Rück­kehr in die Devon­port Naval Base einen sechsmonati­gen Ein­satz been­det, in dessen Rah­men sie zeitweilig auch in Anti-Pira­terie Oper­a­tio­nen vor Soma­lia einge­bun­den war.

Marineforum - PREMIER MAITRE L'HER (Foto: Deutsche Marine)
PREMIER MAITRE L’HER (Foto: Deutsche Marine)

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