Update Piraterie — Geiseln für die Freilassung von Piraten

Soma­lis­che Pirat­en haben am 16. April den im Sep­tem­ber 2010 vor Tansa­nia gekaperten Pro­duk­ten­tanker ASPHALT VENTURE frei gelassen, allerd­ings einen Teil der Besatzung als Geiseln behal­ten. Sieben Inder sollen erst frei kom­men, wenn im Gegen­zug von der indis­chen Marine fest genommene Kumpane auf freien Fuß geset­zt wer­den. Am 23. April ließen Pirat­en nach Erhalt von Lösegeld auch den griechis­chen Frachter EAGLE und den liberi­an­is­chen Mas­sen­gut­frachter RENUAR frei. Für die EAGLE kon­nten sie 6 Mio. US-Dol­lar ein­stre­ichen; zum für die RENUAR gezahlten Lösegeld gibt es keine Infor­ma­tio­nen.

Marineforum - ROSALIA D'AMATO (Foto: via EU NavFor)
ROSALIA D’AMATO
Bildquelle: via EU Nav­For

Anhal­tend ruhiges Wet­ter beschert den Pirat­en rund um das Horn von Afri­ka und im Ara­bis­chen Meer weit­er­hin „Hoch­sai­son“. Am 21. April kon­nten sie im Ara­bis­chen Meer, 350 sm südöstlich von Salalah (Oman), den ital­ienis­chen Mas­sen­gut­frachter ROSALIA D’AMATO kapern. Die später ein­tr­e­f­fende türkische Fre­gat­te GIRESUN (NATO) musste sich damit beg­nü­gen, ein nach dem Entern zurück gelassenes Skiff zu versenken. Drei Tage später stieß die US Fre­gat­te STEPHEN W. GROVES (NATO) auf den n Rich­tung soma­lis­che Küste fahren­den Frachter, der das Pirat­en-Mut­ter­schiff JIH CHUN TSAI 68 (ein im März 2010 gekapertes tai­wane­sis­ches Fis­chereis­chiff) und zwei Skiffs im Schlepp hat­te. Nach kurzem Feuer­wech­sel musste auch die US-Fre­gat­te sich damit beg­nü­gen, die zwei Skiffs zu versenken und dann abstaffeln, um die Geiseln nicht zu gefährden.

Weit­ere Über­fälle blieben glück­licher­weise erfol­g­los. Am 21. April kon­nten Pirat­en im Ara­bis­chen Meer zwar den süd­ko­re­anis­chen Frachter HANJIN TIANJIN kapern, aber keine Geiseln in ihre Hand brin­gen. Die Besatzung hat­te sich in einem Schutzraum ver­bar­rikadiert und um Hil­fe gefunkt. Als der süd­ko­re­anis­che Zer­stör­er CHOI YOUNG vor Ort ein­traf, hat­ten die Pirat­en ihre Beute bere­its aufgegeben und das Weite gesucht. Im östlichen Ein­gang zum Golf von Aden brachen am 22. April Pirat­en einen Über­fall auf den Pro­duk­ten­tanker RUDEEF GNA ab, als ein eingeschifftes bewaffnetes Sicher­heit­steam ihre Schüsse erwiderte.

Auch aus dem südlichen Soma­li­abeck­en wer­den wieder Über­fälle gemeldet. Am 24. April ver­sucht­en Pirat­en zunächst den Pro­duk­ten­tanker PORT UNION zu kapern, beschossen diesen auch bere­its, brachen ihr Vorhaben aber sofort ab, als ein bewaffnetes Sicher­heit­steam Warn­schüsse abgab. Erfol­g­los blieben sie zwölf Stun­den später auch bei dem Ver­such, den Chemikalien­tanker ATLANTIA zu entern. Heftige Auswe­ich­manöver hin­derten sie am Ein­hak­en ein­er Enter­leit­er am Heck des Schiffes. Die ATLANTIA kam mit leicht­en Schä­den davon. Bei­de Vor­fälle ereigneten sich im Seege­bi­et zwis­chen Tansa­nia und den Sey­chellen, aber auch in der nördlichen Straße von Mosam­bik sollen wieder Pirat­en gesichtet wor­den sein.

Zwei Pirat­en-Mut­ter­schiffe kon­nten aus dem Verkehr gezo­gen wer­den. Am 20. April stieß das dänis­che Mehrzweckschiff ESBERN SNARE (NATO) direkt vor der soma­lis­chen Küste auf eine Dhau, die ein bekan­ntes Piraten­lager ans­teuerte. Die Pirat­en flüchteten sich sofort in ein Skiff. Ein dänis­ches Board­ingteam wurde mit Gewehrfeuer auf Dis­tanz gehal­ten, bis das Skiff schließlich das ret­tende Ufer erre­ichte, wo ein Gelän­dewa­gen die Pirat­en auf­nahm. Am 24. April dirigierte im Ara­bis­chen Meer ein Aufk­lärungs­flugzeug (CTF-151) die türkische Fre­gat­te GIRESUN (NATO) zu ein­er Dhau, die zuvor wahrschein­lich in einen gescheit­erten Über­fall auf den Frachter VIENNA EXPRESS ver­wick­elt war. Eine Durch­suchung förderte Waf­fen und Pirate­naus­rüs­tung zutage; die mut­maßlichen Pirat­en wur­den in Gewahrsam genom­men, dürften bei unklar­er Beweis­lage für ein konkret began­ge­nes Ver­brechen wohl aber schon wieder auf freiem Fuß sein (türkische Behör­den melden grund­sät­zlich nur Fes­t­nah­men, schweigen aber zu Freilas­sun­gen).

Marineforum - GIRESUN stellte Mutterschiff (Foto: NATO)
GIRESUN stellte Mut­ter­schiff
Bildquelle: NATO

Die unver­min­dert zahlre­ichen Über­fälle unter­stre­ichen, dass die bish­eri­gen Bemühun­gen der inter­na­tionalen Staatenge­mein­schaft und der in der Region operieren­den Mari­nen bei Weit­em nicht aus­re­ichen, die „Plage“ einzudäm­men, auch wenn nur ein geringer Prozentsatz der Kaper­ver­suche erfol­gre­ich ist. Eine zweitägige Kon­ferenz in Dubai (Vere­inigte Ara­bis­che Emi­rate) sollte neue Lösungsan­sätze brin­gen. Außen­poli­tik­er, Reed­er und Experten aus mehr als 50 Län­dern waren zur Ver­anstal­tung mit dem The­ma “Glob­al Chal­lenge, Region­al Respons­es: Forg­ing a Com­mon Approach to Mar­itime Pira­cy” angereist; konkrete Ergeb­nisse gab es allerd­ings offen­bar nicht; zumin­d­est fan­den Medi­en sie nicht erwäh­nenswert. In das Bild von „Taten­losigkeit auf hohem Niveau“ passt die Freilas­sung von 18 mut­maßlichen Pirat­en, die am 5. April nach einem gescheit­erten Angriff auf den sin­ga­purschen Frachter PACIFIC OPAL auf dem finnis­chen Minen­leger POHJANMAA (EU Nav­For) in Gewahrsam genom­men waren. Nach­dem sich in mehr als zwei Wochen kein Staat gefun­den hat­te, der zu ein­er Strafver­fol­gung bere­it war, wur­den die 18 Män­ner am 21. April an der soma­lis­chen Küste abge­set­zt.

Die Pirat­en reg­istri­eren natür­lich, dass sie bei fehlen­der Bere­itschaft der inter­na­tionalen Staatenge­mein­schaft zu wirk­lich effek­tiv­en Maß­nah­men in ihren Vorhaben nur punk­tuell gestört wer­den und überdies auch nur geringe per­sön­liche Risiken einge­hen. Bei solchen Aus­sicht­en haben sie begonnen, ihr Geschäft zum richti­gen „Busi­ness“ auszuweit­en. In Soma­lia verkaufen Piraten­ban­den „Aktien-Beteili­gun­gen“ an lokale Clans, um so größere und schnellere Boote, mehr Waf­fen und bessere elek­tro­n­is­che Aus­rüs­tung beschaf­fen zu kön­nen. Die Aus­sicht­en der Inve­storen für eine lukra­tive Div­i­dende sind nicht schlecht. Immer­hin wur­den in 2010 ins­ge­samt 238 Mio. US-Dol­lar an Lösegeldern „erwirtschaftet“.

Gute Geschäfte wit­tern auch pri­vate Sicher­heits­fir­men. Inzwis­chen sind es weltweit mehr als 100 Fir­men, die soma­lis­chen Behör­den und Region­alfürsten Aus­bil­dung und Aus­rüs­tung (incl. Bewaffnung) von „Mari­nen“ zur Bekämp­fung der Pira­terie anbi­eten. Die inter­na­tionale Poli­tik betra­chtet dies mit zunehmen­dem Unbe­ha­gen. Sich­er nicht zu Unrecht befürchtet man, dass solche unko­or­dinierten Pro­jek­te die Insta­bil­ität in Soma­lia nur noch ver­stärken kön­nten – wirk­liche Alter­na­tiv­en hat man bish­er aber nicht zu bieten.

Aktuelle Entwick­lun­gen bei Ein­satzkräften

Am 18. April hat sich die US-Fre­gat­te STEPHEN W. GROVES (OLIVER HAZARD PER­RY-Klasse) der NATO-Oper­a­tion Ocean Shield angeschlossen. Das Schiff befind­et sich schon seit Feb­ru­ar in der Region, war dort allerd­ings nicht mit der Bekämp­fung von Pira­terie befasst, son­dern führte im Rah­men des US-Vorhabens „Africa Part­ner­ship Sta­tion (East) 2011“ Aus­bil­dung­shil­fe bei regionalen ostafrikanis­chen Mari­nen durch.

Am 20. April hat sich in Rota (Spanien) die Fre­gat­te SANTA MARIA auf den Weg ans Horn von Afri­ka gemacht. Sie soll Schwest­er­schiff CANARIAS in der EU Nav­For (Oper­a­tion Ata­lan­ta) ablösen.

Am 27. April hat die rus­sis­che Ein­satz­gruppe mit Zer­stör­er ADMIRAL VINOGRADOV, Tanker PECHENGA und Hochsee­bergeschlep­per SB-522 ihren Auf­trag im Golf von Aden been­det und den Rück­marsch zur heimatlichen Paz­i­fik­flotte ange­treten. Ablö­sung soll aus der Nord­flotte kom­men, wo sich „in Kürze“ eine neue Ein­satz­gruppe auf den Weg machen soll. Zu deren Zusam­menset­zung gibt es noch keine Angaben. Mitte April war bei der Nord­flotte aber zu hören, dass „in diesem Jahr“ ein Anti-Pira­terieein­satz für den Zer­stör­er VIZEADMIRAL KULAKOV (UDALOY-Klasse) geplant ist. Das Schiff war nach mehr als 18-jähriger (Beginn im März 1991) Werftliegezeit in der Ost­see erst im Dezem­ber in den oper­a­tiv­en Betrieb der Nord­flotte zurück gekehrt.

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