Update Piraterie

Update Pira­terie

Die deutsche Fre­gat­te RHEINLAND-PFALZ lief am 8. April in Mombasa/Kenia ein und über­gab die sieben beim Über­fall auf den deutschen Marine­tanker SPESSART festgenomme­nen Pirat­en den keni­an­is­chen Behör­den. In Abstim­mung mit deutschen Behör­den wird ihnen dort der Prozess gemacht. Am 10. April haben Pirat­en den am 26. März gekaperten nor­wegis­chen Chemietanker BOW ASIR (ver­mut­lich nach Lösegeldzahlung) frei gelassen.

Noch vor zwei Wochen äußerten sich Poli­tik­er angesichts deut­lich zurück gehen­der Über­fälle zuver­sichtlich, dass die Patrouillen zahlre­ich­er Kriegss­chiffe im Golf von Aden und vor der soma­lis­chen Küste Wirkung zeigen. Experten warn­ten aber bere­its. Für die ver­min­derte Anzahl von Über­fällen seien wohl eher saisonale Aspek­te (Wet­ter) ver­ant­wortlich; dies werde sich noch im April ändern. In der nun abge­laufe­nen Woche sahen sich die Pes­simis­ten (oder waren es die Real­is­ten?) in vollem Umfang bestätigt. Eine ganze Serie teils spek­takulär­er Über­fälle brachte das The­ma Pira­terie wieder an die Spitze der inter­na­tionalen Schlagzeilen.
Während die kanadis­che Fre­gat­te WINNIPEG (mit Hub­schraubere­in­satz) am 4. April noch einen Angriff auf den Frachter PACIFIC OPAL vere­it­eln kon­nte, und am 10. April östlich von Mukalla/Jemen der Ver­such scheit­erte, den nord­ko­re­anis­chen Frachter RYU GYONG zu kapern, fie­len am 5. April ein jemeni­tis­ch­er Schlep­per und einen Tag später der britis­che Frachter MALASPINA CASTLE in die Hände der Pirat­en. Am 4. April kaperten Pirat­en überdies die franzö­sis­che Segely­acht TANIT (deren Skip­per zuvor auch ein­dringlich­ste War­nun­gen ignori­ert hat­te) und steuerten sie in Rich­tung Punt­land. Bevor sie dort die Küste erre­icht­en, griff am 10. April die franzö­sis­che Marine ein. Ein Spezialkom­man­do befre­ite die Yacht. Zwei Pirat­en und lei­der auch eine der fünf Geiseln kamen dabei ums Leben; die restlichen vier Geiseln blieben unversehrt; drei Pirat­en wurde festgenommen.

Diese Über­fälle ereigneten sich im (patrouil­lierten) Golf von Aden. Eine ganze Serie von Über­fällen erfol­gte aber weit ent­fer­nt im Gebi­et zwis­chen Mada­gaskar bis nördlich der Sey­chellen, hun­derte Kilo­me­ter östlich der soma­lis­chen Küste. Ganz offen­sichtlich haben die Pirat­en kein Prob­lem, Alter­na­tiv­en zum inter­na­tion­al patrouil­lierten Golf von Aden zu find­en. Am 4. April scheit­erten sie hier zunächst noch mit dem Ver­such den israelis­chen Frachter AFRICA STAR zu kapern (die Besatzung hat­te das Schiff mit u.a. Stachel­draht gegen Über­fälle vor­bere­it­et). Weniger Glück hat­te der deutsche Frachter HANSA STAVANGER, der am gle­ichen Tag gekapert und zur soma­lis­chen Küste (Harad­here) ges­teuert wurde. Das Schiff befand sich weit ent­fer­nt von Kriegss­chif­f­en, die ihm hät­ten helfen kön­nen. Den­noch: der Reed­er hat­te die Pas­sage nicht bei der EU Oper­a­tion Ata­lan­ta angekündigt – und damit auch auf dur­chaus vorhan­dene spez­i­fis­che Gebi­etswar­nun­gen verzichtet. Zwei Tage später wurde im gle­ichen Gebi­et das tai­wane­sis­che Fis­chereifahrzeug WIN FAR 161 gekapert. 

Die spek­takulärste – bei Redak­tion­ss­chluss andauernde – Aktion ereignete sich am 8. April. 300–400 sm östlich von Mogadishu grif­f­en Pirat­en den Frachter MAERSK ALABAMA (dänis­ch­er Eign­er, US-Flagge) an. Das Schiff war mit u.a. 400 Con­tain­ern für Soma­lia bes­timmter Hil­f­s­gütern des World Food Pro­gramme auf dem Weg nach Mom­basa (dort sollte die Ladung auf andere Schiffe umge­laden und dann – von Kriegss­chif­f­en der EU Oper­a­tion Ata­lan­ta gesichert – weit­er nach Soma­lia trans­portiert werden. 

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Das Schiff fährt gele­gentlich auch unter Char­ter des US Vertei­di­gungsmin­is­teri­ums. Die Besatzung war dementsprechend gut aus­ge­bildet und kon­nte den Angriff zurückschla­gen. Den Pirat­en gelang es allerd­ings, den Kapitän als Geisel zu nehmen und sich mit diesem in ein Ret­tungs­boot des Frachters zu flücht­en (ihre eige­nen Skiffs hat­ten sie – weil „nicht mehr benötigt“ – bei der Kape­rung sich selb­st über­lassen). Während die MAERSK ALABAMA inzwis­chen unter Schutz in Rich­tung Mom­basa ges­teuert wird, dauert die Geisel­si­t­u­a­tion um das mit­ten im Indik treibende Boot am 11. April an. Direkt vor Ort sind inzwis­chen der US-Zer­stör­er BAINBRIDGE und die Fre­gat­te HALYBURTON; der amphibis­che Träger BOXER (zugle­ich auch Flag­gschiff der US-geführten Anti-Pira­terie Ein­satz­gruppe CTF-151) ist im Zulauf. US-Navy Seefer­naufk­lär­er P3‑C Ori­on patrouil­lieren das Gebi­et. Die Pirat­en kön­nen mit ihrer Geisel mit dem Ret­tungs­boot aus eigen­er Kraft keine Küste erre­ichen. Um ihre eigentlich aus­sicht­slose Lage zu verbessern, sollen sich am 10. April Pirat­en mit vier anderen, früher gekaperten Schif­f­en samt zahlre­ichen Geiseln auf den Weg zu ihnen gemacht haben. Zwei Schiffe haben offen­bar das ost­so­ma­lis­che Eyl ver­lassen. Das am 6. April gekaperte tai­wane­sis­che Fis­chereis­chiff WIN FRA 161 war noch in der Region. Die in Harad­here fest­ge­hal­tene deutsche HANSA STAVANGER soll sich zunächst eben­falls auf dem Weg gemacht haben, am 11. April allerd­ings umgekehrt sein (ange­blich Navigationsprobleme). 

Die neuer­liche Über­fallserie weit ent­fer­nt von den patrouil­lierten Gebi­eten mit dem erst­ma­li­gen Über­fall (mit Geisel­nahme) auf ein Schiffes unter US-Flagge hat die Diskus­sion zu über bloße Präsenz- und Geleitauf­gaben hin­aus gehen­den mil­itärischen Optio­nen im Kampf gegen Pirat­en neu belebt. Zum einen zeigt die franzö­sis­che Befreiungsak­tion, dass zumin­d­est einige Natio­nen nicht länger bere­it sind, dem Treiben der Pirat­en weit­ge­hend taten­los zuzuse­hen und auch das Risiko von Befreiungsak­tio­nen einge­hen. Zum anderen wächst in den USA offen­bar die Bere­itschaft, den Pirat­en nun durch Angriffe auf ihre infra­struk­turelle Basis an Land nach­haltig die Grund­lage für ihre Ver­brechen zu entziehen. Der ange­se­hene US-Sen­a­tor John Ker­ry fordert öffentlich die „Ver­fol­gung von Pirat­en in ihre Land­stützpunk­te“. Medi­en bericht­en, dass US Spe­cial Forces bere­its Oper­a­tionspläne aus­gear­beit­et haben. Man warte „nur noch auf grünes Licht von Präsi­dent Obama“. 

    Aktuelle Entwick­lun­gen bei Einsatzkräften

In ein­er Change-of-Com­mand Zer­e­monie hat Griechen­land die Führung der EU Oper­a­tion Ata­lan­ta — Ein­satz­gruppe an Spanien übergeben. Mehrere Ein­heit­en waren dazu in Dji­bouti ein­ge­laufen (vielle­icht auch Anreiz für die sich­er gut informierten Pirat­en, Über­fälle im vorüberge­hend dün­ner patrouil­lierten Gebi­et zu wagen). In Reak­tion auf die neuen Pira­teriege­bi­ete set­zt die EU Ein­satz­gruppe nun auch spanis­che und franzö­sis­che Seefer­naufk­lärungs­flugzeuge ein. Sie sollen vor allem nach Pirat­en-Mut­ter­schif­f­en suchen, von denen im Ara­bis­chen Meer min­destens drei (eines ange­blich unter ägyp­tis­ch­er Flagge) ver­mutet werden.

Die bei­den japanis­chen Zer­stör­er SAZANAMI und SAMIDARE führten einen ersten Ver­sorgungsstopp in Dji­bouti durch. Ihre Rules of Engage­ment wur­den inzwis­chen erweit­ert. Sie dür­fen sich nun auch „wehren, wenn sie bei Hil­feleis­tung für nicht-japanis­che Schiffe von Pirat­en ange­grif­f­en“ werden.

Die zweite chi­ne­sis­che Ein­satz­gruppe hat auf dem Weg ins Ein­satzge­bi­et die Straße von Malak­ka passiert und am 10. April den Indik erre­icht. Aus Sin­ga­pur hat sich am 9. April das Dock­lan­dungss­chiff PERSISTANCE (mit zwei Hub­schraubern) zu einem drei­monati­gen Ein­satz auf den Weg gemacht. 

Tai­wane­sis­che Poli­tik­er fordern nach der Kape­rung des Fis­chereis­chiffes „unverzügliche Aktion“; das Vertei­di­gungsmin­is­teri­um weist aber darauf hin, dass die „diplo­ma­tis­che Lage“ (fehlende Außen­beziehun­gen, und damit auch keine logis­tis­chen Abstützmöglichkeit­en) sowie die große Ent­fer­nung einen Ein­satz von Kriegss­chif­f­en unmöglich machen.

In Koop­er­a­tion mit “Marine­Fo­rum — Zeitschrift für mar­itime Fra­gen

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