Somalia

Erneut hat Pira­terie am Horn von Afri­ka den Weg in die inter­na­tionalen Schlagzeilen gefun­den.

Marineforum - LE PONANT (Foto: Mer et Marine) Am 4. April kaperten Pirat­en im Golf von Aden den franzö­sis­chen Kreuz­fahrt­segler LE PONANT. Die 88-m Luxu­sy­acht befand sich auf dem Rück­weg von den Sey­chellen nach Frankre­ich, an Bord keine Pas­sagiere, son­dern nur die 30 Mann Besatzung. Mit­ten im Golf von Aden, mehr als 100 km von der Küste Soma­lias ent­fer­nt, kon­nten Pirat­en sich nachts mit kleinen, wahrschein­lich von einem Mut­ter­schiff aus­ge­set­zten Booten unerkan­nt dem Segler näh­ern, ihn entern und prak­tisch ohne Gegen­wehr unter Kon­trolle brin­gen.

Die Pirat­en gehörten zur in der Region wohl notorischsten Gruppe „Soma­li Marines“, einem Net­zw­erk soma­lis­ch­er ehe­ma­liger Fis­ch­er, die in Pira­terie ein lukra­tiveres Einkom­men sehen. Sie ver­fü­gen über eine mod­erne Aus­rüs­tung, die von Hand­waf­fen über Panz­er­fäuste bis hin zu Satel­li­ten­tele­fo­nen reicht. Ein Großteil der geschätzt min­destens etwa 150 (hohe Dunkelz­if­fer) Über­fälle des let­zten Jahres gehen auf das Kon­to der „Soma­li Marines“. Dabei geht es vor allem um Lösegeld, nach dessen Zahlung die gekaperten Schiffe meist unbeschadet wieder frei kom­men. Reed­er sind in der Regel sofort bere­it, Geld zu zahlen, um Schiff und Besatzung möglichst schnell zurück zu erhal­ten, und nicht immer wer­den Behör­den über­haupt informiert. Gegen­wehr oder gewalt­same Befreiungsver­suche sind nicht in ihrem Inter­esse.

Marineforum - COMMANDANT BOUAN (Foto: Prezelin) Die Pirat­en steuerten die LE PONANT dicht unter die soma­lis­che Küste und dann an dieser ent­lang nach Süden. Mit dem Über­flug eines aus Dji­bouti ges­tarteten Hub­schraubers machte die franzö­sis­che Marine von Beginn an klar, dass sie über den Pirate­nakt informiert war und das Schiff nun nicht mehr aus den Augen lassen würde. Der Segler wurde zunächst aus der Luft mit MPA Breguet Atlan­tique 2 und dann von der herange­führten Fre­gat­te COMMANDANT BOUAN (Typ AVISO A-69) eng – auch inner­halb soma­lis­ch­er Hoheits­gewäss­er — beschat­tet.

Am 7. April gin­gen die Pirat­en bei Eyl vor Anker, nah­men Kon­takt zur Reed­erei auf und began­nen Lösegeld­ver­hand­lun­gen. Die franzö­sis­che Regierung schloss Zahlun­gen kat­e­gorisch aus, erk­lärte aber zugle­ich auch, das Leben der Geiseln nicht mit ein­er gewalt­samen Befreiungsak­tion gefährden zu wollen. Um auf Even­tu­al­itäten vor­bere­it­et zu sein, wur­den Sol­dat­en des Antiter­rorkom­man­dos GIGN auf dem Luftwege nach Dji­bouti ver­legt.

Marineforum - Google Maps Als einige Pirat­en zur Auf­fül­lung von Vor­räten mit einem Boot an Land woll­ten, zeigte sich, dass ihr Rück­halt in der örtlichen Bevölkerung nur ger­ing ist. Erst nach einem kurzen Feuerge­fecht mit örtlichen Milizen (mit zwei Toten) kon­nten sie an Land gehen. Der Region­al­go­u­verneur erk­lärte unverblümt, er wäre „glück­lich, wenn die Pirat­en getötet“ wür­den.

Nach Erfahrun­gen früher­er Schiff­sent­führun­gen stellte man sich auf mehrwöchige Ver­hand­lun­gen ein, und die franzö­sis­che Marine beorderte Ver­stärkun­gen in die Region. Am 9. April nahm der derzeit auf ein­er Aus­bil­dungsreise nahe Mada­gaskar kreuzende Hub­schrauberträger JEANNE D’ARC Kurs auf die soma­lis­che Küste, wahrschein­lich um eine Oper­a­tionsplat­tform für mögliche Hub­schraubere­in­sätze zu bieten. Zugle­ich wur­den franzö­sis­chen Medi­en zufolge aus Toulon der Zer­stör­er JEAN BART und das Dock­lan­dungss­chiff SIROCO in Marsch geset­zt.

Allen Befürch­tun­gen zum Trotz fand die Ent­führung dann doch ein sehr schnelles, vor allem aber für die Geiseln glück­lich­es Ende. Nach Zahlung eines Lösegeldes durch die Reed­erei (genan­nt wer­den 2 Mio. US-Dol­lar) wur­den alle Geiseln am 11. April frei gelassen, und die Pirat­en ver­ließen auch die LE PONANT. Als sie sich mit von offen­bar von Kom­plizen bere­it gehal­te­nen Jeeps lan­dein­wärts abset­zen woll­ten, griff die sich bish­er beobach­t­end zurück hal­tende franzö­sis­che Antiter­ror­ein­heit ein. Hub­schrauber Gazelle kon­nten durch Beschuss min­destens einen der Jeeps stop­pen, die Sol­dat­en dann sechs der Pirat­en ergreifen (die übri­gen entka­men) und auch einen Teil des Lösegeldes sich­er stellen. Die Festgenomme­nen wur­den auf die COMMANDANT BOUAN gebracht; auf sie wartet die Aburteilung in Frankre­ich – sich­er in einem öffentlichkeitswirk­sam auch auf Abschreck­ung set­zen­den Prozess.

Auch wenn die Ent­führung der LE PONANT damit been­det ist, dürfte in den kom­menden Tagen und Wochen eine „Fort­set­zung“ zu erwarten sein. Diverse Kom­mentare lassen erken­nen, dass man in Frankre­ich nicht ein­fach zur Tage­sor­d­nung überge­hen wird, ja dass der “Fall LE PONANT” vielle­icht der berühmte Tropfen sein kön­nte, der zumin­d­est am Horn von Afri­ka das Fass “Pira­terie” zum Über­laufen bringt.

Marineforum - Admiral Vysotsky (Foto: russ. Marine) Zum einen wer­den die vor Ort befind­lichen und zulaufend­en (bish­er keine Infor­ma­tion ob JEAN BART und SIROCO wieder zurück beordert wur­den) Kräfte in den kom­menden Tagen ver­mut­lich ver­suchen, im Sinne ein­er „Nacheile“ die „Soma­li Marines“ und ggf. auch andere Piraten­grup­pen empfind­lich zu tre­f­fen. Die Unter­stützung einiger regionaler Machthaber scheint dabei ziem­lich sich­er. Zum anderen spricht Außen­min­is­ter Kouch­n­er von einem Vorstoß, das Prob­lem Pira­terie nun im Rah­men der Vere­in­ten Natio­nen „aktiv“ anzuge­hen. Inter­na­tion­al abges­timmte, erhöhte Marinepräsenz (mit robusten Rules of Engage­ment) sowie ein dicht­es Aufk­lärungsnetz (Satel­liten, Luft, Fer­n­melde) wären hier mögliche Optio­nen.

Inter­es­sant ist in diesem Zusam­men­hang auch eine Bemerkung des rus­sis­chen Marinebe­fehlshabers, Admi­ral Vladimir Vysot­sky. Mit Blick auf die Vorgänge um die LE PONANT sagte dieser am 10. April: „Präsenz auf den Welt­meeren wird der Rus­sis­chen Marine ermöglichen, rus­sis­che Han­delss­chiffe und Fis­chfangflot­ten gegen Piratenüber­fälle zu schützen“. Das gelte ins­beson­dere für dicht befahrene Seege­bi­ete (wie den Golf von Aden) und Regio­nen mit inten­sivem Fis­chfang.

Ob die Erk­lärung des Admi­rals als Ankündi­gung real­er Ein­sätze zu inter­pretieren ist, bleibt zunächst abzuwarten. Für die frühere sow­jetis­che Marine gehörte jeden­falls per­ma­nente Präsenz in Aden und am Horn von Afri­ka bei Soco­tra sowie zur Sicherung von Fis­chfangflot­ten vor der west­afrikanis­chen Küste (Mau­re­tanien) zur oper­a­tiv­en Rou­tine.

In Koop­er­a­tion mit “Marine­Fo­rum — Zeitschrift für mar­itime Fra­gen

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