Piraterie — Update

Gle­ich drei mal waren soma­lis­che Pirat­en in der abge­laufe­nen Woche „erfol­gre­ich“ (zwei mal allerd­ings nur vorüberge­hend). Am 4. April kaperten sie mehr als 1.000 sm von der soma­lis­chen Küste ent­fer­nt – und weit außer­halb des von inter­na­tionalen Seestre­itkräften patrouil­lierten Gebi­etes – den süd­ko­re­anis­chen (Flagge: Sin­ga­pur) Super­tanker SAMHO DREAM. Mit 1,4 Mio. Bar­rel Rohöl an Bord war das 300.000-dwt Schiff auf dem Weg vom Irak in die USA. Mit Rück­sicht auf die als Geiseln gehal­te­nen 24 Mann Besatzung musste sich der sofort alarmierte süd­ko­re­anis­che Zer­stör­er YI SUN-SHIN (Typ KDX-II, CTF-151) damit beg­nü­gen, das Schiff auf dem let­zten Stück Weges zur soma­lis­chen Küste aus der Ferne zu beobacht­en. Am 7. April warf der Tanker vier sm vor der Küste Anker; die Pirat­en haben sofort Kon­takt zum Eign­er aufgenom­men; der Zer­stör­er hält Abstand.
Marineforum - Niederländer entern die TAIPAN (Foto: niederl. Marine)
Nieder­län­der entern die TAIPAN
Bildquelle: niederl. Marine

Am 5. April kon­nten Pirat­en im Soma­li­abeck­en 500 sm östlich der soma­lis­chen Küste das von der israelis­chen ZIM gechar­terte deutsche (Eign­er und Flagge) Con­tain­er­schiff TAIPAN kapern. Die Besatzung ver­hielt sich wie im Lehrbuch. Als klar wurde, dass Auswe­ich­manöver und Abwehrmaß­nah­men das Entern nicht ver­hin­dern kon­nten, wur­den die Schiff­s­mo­toren abgestellt, die Män­ner ver­bar­rikadierten sich in einem sicheren Raum und funk­ten von dort um Hil­fe. Die im Seege­bi­et operierende nieder­ländis­che Fre­gat­te TROMP (EU Nav­For) traf wenig später bei der manövrierun­fähig treiben­den TAIPAN ein. Als die Pirat­en nicht auf­gaben und eine Gefährdung der Besatzung der TAIPAN aus­geschlossen war, seilte der Bor­d­hub­schrauber der TROMP ein Spezialkom­man­do auf der TAIPAN ab, dass die ins­ge­samt zehn Pirat­en über­wältigte und fes­t­nahm. Nach let­zten Infor­ma­tio­nen soll Ihnen wohl in Deutsch­land der Prozess gemacht wer­den.

Am 7. April ent­führten Pirat­en den türkischen Bulk-Car­ri­er YASIN‑C, im Soma­li­abeck­en etwa 250 sm vor dem Ziel­hafen Mom­basa, Kenia. Zwei Tage später war das Schiff über­raschend wieder frei. Offen­bar war auf dem Weg an die soma­lis­che Küste die Antrieb­san­lage aus­ge­fall­en. Über­stürzt ver­ließen die Pirat­en die YASIN C wieder. Ein Schlep­per bugsiert das Schiff nun nach Mom­basa.

Drei der acht in der Vor­woche dicht vor der soma­lis­chen Küste zur Nutzung als Mut­ter­schiffe gekaperten indis­chen Dhaus sind wieder frei. Am 3. April gaben Pirat­en zunächst die KRISHNYA JYOT und ihre Besatzung wieder frei, als der Kraft­stoff aus­ging. Einen Tag später teilte eine zweite Dhau dieses pos­i­tive Schick­sal. Die dritte Dhau fand den Weg in die Schlagzeilen. Die FAIZ E OSMANI diente weit ent­fer­nt von Soma­lia etwa 250 sm östlich von Salalah (Oman) zunächst als Mut­ter­schiff bei einem Angriff auf den Frachter RISING SUN (Mar­shall Islands). Der Frachter kon­nte entkom­men, und inter­na­tionale Seestre­itkräfte macht­en sich auf die Suche nach den Pirat­en. Einen Tag später kon­nte das oman­is­che FK-Schnell­boot AL SHARQUIYAH die Dhau stellen. Als das Schnell­boot sich näherte, sprangen alle neun als Geiseln gehal­te­nen Besatzungsmit­glieder über Bord ins Wass­er. Acht kon­nten gebor­gen wer­den; ein Mann ertrank lei­der. Die Pirat­en blieben an Bord der Dhau, bis der zur Trägerkampf­gruppe der EISENHOWER gehörende US Zer­stör­er MCFAUL am Schau­platz erschien. Dessen Board­ingteam enterte die Dhau und set­zte die zehn Pirat­en fest. Sie wur­den später an einen anderen US-Zer­stör­er (CARNEY) übergeben. Nun gilt es, ein Land zu find­en, in dem sie vor Gericht gestellt wer­den kön­nen. Erfahrungs­gemäß dürfte dies sehr schwierig sein, so dass man wohl mit ihrer Freilas­sung rech­nen kann.

Marineforum - MCFAUL Boardingteam bei der Dhau (Foto: US Navy)
MCFAUL Board­ingteam bei der Dhau
Bildquelle: US Navy

Noch eine vierte indis­che Dhau war in einen Über­fall ver­wick­elt. Im Golf von Aden nutzten Pirat­en am 5. April die SAFINA AL-GAYATRI als Mut­ter­schiff für einen Angriff auf den dänis­chen Tanker TORM RAGNHILD. Dieser kon­nte zwei Skiffs aus­man­övri­eren, bis ein franzö­sis­ches Flugzeug die Pirat­en zum Abbruch ihres Vorhabens und zur Rück­kehr auf die Dhau zwang. Die her­bei gerufene türkische Fre­gat­te GELIBOLU kon­nte nur noch beobacht­en, wie die Dhau an die soma­lis­che Küste ges­teuert wurde. Eine Medi­en­mel­dung vom 9. April lässt übri­gens den Schluss zu, dass nicht nur die genan­nten acht indis­chen Dhaus vor der soma­lis­chen Küste gekapert wur­den. Dem­nach haben die Eign­er von in den Vere­inigten Ara­bis­chen Emi­rat­en behei­mateten und im Küsten­verkehr vor Soma­lia einge­set­zten Fracht-Dhaus angesichts ein­er Serie von Ent­führun­gen Ende März einen kom­plet­ten Boykott des Han­dels mit Soma­lia begonnen. Die Maß­nahme soll in Soma­lia zu Ver­sorgungsen­g­pässen und erhe­blichen Preis­steigerun­gen für Han­dels­güter geführt, aber auch bere­its die „Freilas­sung von sechs Dhaus“ bewirkt haben.

Bei min­destens drei weit­eren Angrif­f­en blieben Pirat­en erfol­g­los. Ein­er dieser Über­fälle galt am 6. April im Golf von Aden dem iranis­chen Tanker IRAN FARAZ. Iranis­che Kriegss­chiffe kon­nten die ins­ge­samt vier Skiffs vertreiben, allerd­ings nicht stellen und fest­set­zen. Erfol­g­los blieben auch Pirat­en, die am 10. April etwa 350 sm östlich von Dji­bouti von ihrem Skiff aus kurz vor Mor­gen­grauen verse­hentlich das US Dock­lan­dungss­chiff ASHLAND beschossen. Die ASHLAND erwiderte das Feuer und set­zte das Skiff in Brand. Alle sechs mut­maßlichen Pirat­en sprangen ins Wass­er, wur­den gebor­gen und an Bord des US-Kriegss­chiffes in Gewahrsam genom­men.

Marineforum - ASHLAND und das ausgebrannte Skiff (Foto: US Navy)
ASHLAND und das aus­ge­bran­nte Skiff
Bildquelle: US Navy

Am 4. April kon­nte die franzö­sis­che Fre­gat­te NIVOSE im Soma­li­abeck­en 270 sm östlich von Mogadis­chu eine mut­maßliche Piraten­gruppe „neu­tral­isieren“. An Bord des Mut­ter­schiffs und eines Skiffs wur­den Waf­fen und Pirate­naus­rüs­tung sichergestellt; sieben mut­maßliche Pirat­en wur­den in Gewahrsam genom­men. Damit sind im Monat April bish­er min­destens fünf „Pirate Attack Groups“ in See gestellt wor­den. In der Regel wer­den sie man­gels Nach­weis­es ein­er spez­i­fis­chen Straftat nach Beschlagnahme ihrer Aus­rüs­tung und Zer­störung „überzäh­liger“ Fahrzeuge mit einem Boot in Rich­tung soma­lis­che Küste ent­lassen. Man kann davon aus­ge­hen, dass sie sich dort — begeis­tert über die weit­ge­hende Risikolosigkeit ihrer Raubzüge — sofort wieder neu aus­rüsten und zu erneuten Kaper­fahrten auf­brechen. In min­destens einem Fall soll eine solcher­maßen aufge­brachte Piraten­gruppe denn auch schon nur wenig später ein zweites Mal in See gestellt (und erneut wieder frei gelassen) wor­den sein.

Die inter­na­tionalen Bemühun­gen zur „vor­beu­gen­den Neu­tral­isierung“ von Piraten­grup­pen in See wer­den nicht über­all ein­hel­lig begrüßt. So bekla­gen sich jemeni­tis­che Fis­ch­er über „schwere Über­griffe“ eines indis­ches (und möglw. auch eines rus­sis­chen) Kriegss­chiffes. Sie seien in See gestoppt und „stun­den­lang“ ver­hört wor­den; schließlich habe man sog­ar einige ihrer Boote versenkt. Jemen will ange­blich offiziell protestieren, aber eine wirk­liche Klärung dieser Vor­würfe dürfte schw­er fall­en. Pirat­en gibt es sich­er nicht nur an der soma­lis­chen Küste, und man darf dur­chaus ver­muten, dass auch einige jemeni­tis­che Fis­ch­er die Pira­terie „als Zweitjob“ betreiben. Wenn die Inder (und Russen) die Vor­würfe nicht durch ein­deutige Beweise entkräften kön­nen (und Pirat­en sind üblicher­weise bemüht, sich bei Annäherung eines Kriegss­chiffes sofort aller inkri­m­inieren­den Gegen­stände zu entledi­gen), ste­ht Behaup­tung gegen Behaup­tung – und in einem solchen Fall gilt rechtlich die Unschuldsver­mu­tung für die mut­maßlichen Pirat­en.

Am 5. April haben Pirat­en ein im März mit 12 Mann Besatzung gekapertes jemeni­tis­ches Schiff frei gelassen; ange­blich sollen 5 Mio. US-Dol­lar Lösegeld gezahlt wor­den sein (an dieser Summe scheinen jedoch Zweifel ange­bracht).

Aktuelle Entwick­lun­gen bei Ein­satzkräften

Am 5. April ist das schwedis­che Unter­stützungss­chiff CARLSKRONA in Dji­bouti eingetrof­fen. Das Schiff bere­it­et sich nun auf die am 14. April vorge­se­hene Über­nahme der Auf­gaben als Flag­gschiff der EU Nav­For („Oper­a­tion Ata­lan­ta“) vor.

Eben­falls am 5. April hat das nieder­ländis­che Dock­lan­dungss­chiff JOHAN DE WITT seinen Heimath­afen den Helder mit Kurs auf das Horn von Afri­ka ver­lasen. Das Schiff soll in etwa zwei Wochen die Fre­gat­te TROMP beim Ein­satz in der EU Oper­a­tion Ata­lan­ta ablösen.

Marineforum - JOHAN DE WITT (Foto: Michael  Nitz)
JOHAN DE WITT
Bildquelle: Michael Nitz

Unmit­tel­bar nach Ein­tr­e­f­fen der neuen rus­sis­chen Ein­satz­gruppe aus der Paz­i­fik­flotte (mit Zer­stör­er MARSHAL SHAPSHNIKOV) hat die rus­sis­che Fre­gat­te NEUSTRASHIMIY ihren am 25. Jan­u­ar begonnenen Ein­satz im Golf von Aden been­det und den Rück­marsch in die Ost­see ange­treten. Am 8. April stand das Schiff im Mit­telmeer kurz vor Pas­sage der Straße von Gibral­tar.

Por­tu­gal will die EU Nav­For („Oper­a­tion Ala­tan­ta“) mit einem Seefer­naufk­lärungs­flugzeug ver­stärken, das für bis zu vier Monate in die Region ver­legt wer­den soll.

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