Piraterie

Update Pira­terie

Eine ganze Serie von Über­fällen wurde in der abge­laufe­nen Woche gemeldet. Auch der zulet­zt über­wiegend ruhige – weil dicht patrouil­lierte – Golf von Aden war wieder betrof­fen. Am 5. Novem­ber wurde im Ostein­gang des Golfes, ca. 120 sm südöstlich von Mukalla/Jemen, der unter liberi­an­is­ch­er Flagge fahrende Frachter BBC THAMES von Pirat­en in einem Skiff ange­grif­f­en. Die in der Nähe operierende deutsche Fre­gat­te BREMEN (EU Nav­For) reagierte auf den Notruf mit einem Hub­schraubere­in­satz und kon­nte ein Skiff stellen. Bei der anschließen­den Durch­suchung wur­den Waf­fen und Muni­tion, darunter auch Panz­er­fäuste, sichergestellt. Da die mut­maßlichen Pirat­en aber nicht „in fla­granti“ ertappt wor­den waren und ihnen auch kein spez­i­fis­ches Ver­brechen nachzuweisen war, durften sie – ent­waffnet – mit ihrem Skiff ihres Weges ziehen. Am gle­ichen Tag grif­f­en Pirat­en im Sicher­heit­sko­r­ri­dor des Golfes von Aden mit einem Skiff den griechis­chen (Flagge: Pana­ma) Frachter THEOFORUS I an. Das Schiff ret­tete sich mit Auswe­ich­manövern. Die kurz danach ein­tr­e­f­fende türkische Fre­gat­te GEDIZ (NATO) kon­nte ein verdächtiges Skiff auf­brin­gen und auch Waf­fen, Muni­tion und Pirate­naus­rüs­tung sich­er­stellen. Die fünf Insassen wur­den fest­ge­set­zt. Unter den für NATO-Ein­heit­en gel­tenden Bes­tim­mungen dürften sie allerd­ings schon bald wieder auf freien Fuß geset­zt wer­den oder auch bere­its wor­den sein (Anmerkung: türkische Medi­en bericht­en immer stolz über Fes­t­nah­men; die meist fol­gende spätere Freilas­sung wird dann aber nicht öffentlich bekan­nt gemacht).

Der Schw­er­punkt der Pirate­nak­tiv­itäten der abge­laufe­nen Woche lag aber ein­mal mehr abseits des Golfes von Aden, teils sehr weit ent­fer­nt. In der Nähe der soma­lis­chen Küste (vor Eyl) wollen Pirat­en nach eige­nen Angaben am 31. Okto­ber ein jemeni­tis­ches Fis­chereifahrzeug gekapert haben. Eine Bestä­ti­gung dafür ste­ht allerd­ings noch aus. Fis­chereifahrzeuge wur­den schon des Öfteren ent­führt, allerd­ings nicht zur Erpres­sung von Lösegeld, son­dern um — mit ihrer Besatzung als Geisel — sie als Mut­ter­schiffe für weit­ere Über­fälle zu nutzen. Zwis­chen den Sey­chellen und der soma­lis­chen Küste grif­f­en Pirat­en am gle­ichen Tag den franzö­sis­chen Thun­fis­chfänger AVEL VAD an, brachen ihr Vorhaben nach Warn­schüssen eingeschiffter franzö­sis­ch­er Sol­dat­en allerd­ings schnell ab.

Mutiger waren dage­gen mut­maßliche Pirat­en am 1. Novem­ber vor der Küste von Punt­land. Das Board­ingteam der mit dem Geleit von Schif­f­en des World Food Pro­gramms beauf­tragten nor­wegis­che Fre­gat­te FRITJOF NANSEN (EU Nav­For) hat­te ohne auf Prob­leme zu stoßen drei Dhaus inspiziert und wollte dies nun auch bei ein­er vierten tun, als es von dort beschossen wurde.

Marineforum - norwegische FRITJOF NANSEN (Foto: RNoN)
Nor­wegis­che FRITJOF NANSEN
Bildquelle: RNoN

Die nor­wegis­chen Sol­dat­en erwiderten das Feuer, zogen sich in sichere Ent­fer­nung zurück und kehrten schließlich auf ihr Schiff zurück (Fort­set­zung des Geleitauf­trages). Eine Ver­fol­gung der mut­maßlichen Pirat­en gab es (mit Rück­sicht auf Ter­ri­to­ri­al­gewäss­er?) nicht. Aus Punt­land hieß es später, die Nor­weger hät­ten zwei „Fis­ch­er“ getötet und weit­ere vier ver­let­zt. Warum harm­lose Fis­ch­er allerd­ings mit automa­tis­chen Waf­fen ihrem Gewerbe nachge­hen und plöt­zlich auf im Anti-Pira­terieein­satz befind­liche Sol­dat­en das Feuer eröff­nen, wurde nicht näher erläutert.

Weit­ere Über­fälle konzen­tri­erten sich auf die offe­nen Seege­bi­ete des Indik. 350 sm östlich von Mom­basa (Kenia) grif­f­en Pirat­en in zwei Skiffs am 2. Novem­ber zunächst den US Frachter HARRIETTE an, kon­nten aber nicht an Bord gelan­gen. Wenige Stun­den später ver­suchte die ver­mut­lich gle­iche Piraten­gruppe mit drei Skiffs einen Angriff auf den nieder­ländis­chen Tanker JO CEDAR, der sich eben­falls mit Auswe­ich­manövern ret­ten kon­nte. Die deutsche Fre­gat­te KARLSRUHE (EU Nav­For) wurde sofort in das Gebi­et beordert, um die dor­tige „Piratenbedro­hung zu neu­tral­isieren“. Die KARLSRUHE kon­nte am 3. Novem­ber auch ein verdächtiges Skiff stop­pen, dessen vier Insassen bei Erscheinen des Kriegss­chiffes sofort Gegen­stände über Bord war­fen und dann behaupteten, ein­fache Fis­ch­er zu sein (Net­ze oder anderes Fis­chfang­gerät fan­den sich jedoch nicht). Für Pira­terie geeignete Aus­rüs­tung wurde kon­fisziert, danach die Män­ner mit ihrem Skiff man­gels Beweisen wieder frei gelassen. Sie sind nun für einige Tage aus dem Verkehr gezo­gen, müssen zur Wieder­aus­rüs­tung wohl erst zum weit ent­fer­n­ten Heimat­stützpunkt zurück kehren (sofern sie nicht von einem Mut­ter­schiff „nachver­sorgt“ wer­den).

Erfol­gre­ich­er waren Pirat­en am 5. Novem­ber. 500 sm südlich von Mogadis­chu kaperten sie den 53.600 ts großen griechis­chen (Flagge: Mar­shall Islands) Bulk Car­ri­er DELVINA samt 21 Mann Besatzung. Das Schiff wird jet­zt nach Nor­den in Rich­tung soma­lis­che Küste ges­teuert.

Die EU betra­chtet die Entwick­lung abseits des Golfes von Aden, wo die Lage durch mas­sive Präsenz von Seestre­itkräften inzwis­chen weit­ge­hend unter Kon­trolle scheint, mit zunehmender Sorge. Der Vor­sitzende des EU Mil­i­tary Com­mit­tee sprach am 4. Novem­ber von der Notwendigkeit, den Mari­neein­satz im Soma­li­abeck­en deut­lich auszuweit­en. Zur Zeit habe man hier drei oder vier Fre­gat­ten im Ein­satz; im kom­menden Jahr wer­den man in den riesi­gen Seege­bi­eten sich­er bis zu zehn Schiffe benöti­gen.

In Peking hat am 6. Novem­ber eine zweitägige Kon­ferenz begonnen, auf der prak­tisch sämtliche am Horn von Afri­ka im Kampf gegen Pira­terie engagierten Staat­en und Organ­i­sa­tio­nen – von EU und NATO bis hin zu Rus­s­land, Japan, Indi­en und natür­lich Chi­na – über Möglichkeit­en ein­er besseren Koor­di­na­tion ihrer Oper­a­tio­nen berat­en wollen. Nach der Ent­führung des chi­ne­sis­chen Frachters DE XIN HAI (19 Okt) hat­te Chi­na bere­its vorgeschla­gen, den Golf von Aden in Zuständigkeits­ge­bi­ete aufzuteilen. Kon­vois wür­den dann von Gebi­et zu Gebi­et übergeben („par­ti­tioned escort“) und bräucht­en nicht mehr aufwändig durch den gesamten Golf von Aden geleit­et wer­den. Dies würde den Ein­satz nicht nur effek­tiv­er und kostengün­stiger machen, son­dern kön­nte vor allem auch Mit­tel zu Oper­a­tio­nen abseits des Golfes von Aden im offe­nen Indik frei set­zen.

Nicht uner­wartet, hat die spanis­che Regierung dem nach diversen Angrif­f­en und der Ent­führung der ALAKRANA zunehmenden öffentlichen Druck zu einem besseren Schutz der Thun­fis­chfangflotte nachgegeben. Am 30. Okto­ber wurde ein Gesetz ver­ab­schiedet, das „spanis­chen Schif­f­en außer­halb spanis­ch­er Gewäss­er“ die „Ein­schif­fung von Sicher­heitsper­son­al“ (von Sol­dat­en ist – noch –nicht die Rede) ges­tat­tet. Erlaubt sei dabei der Ein­satz von Waf­fen, die „effek­tiv geeignet sind, Angriffe zu ver­hin­dern und die Schiffe zu schützen“.

Die deutsche Regierung soll am 2. Novem­ber entsch­ieden haben, die am 27. Okto­ber von der Fre­gat­te KARLSRUHE nach einem Angriff auf einen franzö­sis­chen Thun­fis­chfänger fest­ge­set­zten sieben mut­maßlichen Pirat­en zur Strafver­fol­gung an ein anderes Land auszuliefern. Mögliche Optio­nen sind Frankre­ich, Kenia oder die Sey­chellen.

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