Libyen — Fortschreibung (Informationsstand 9. April)

(mar­itime Aspek­te)
Der Aus­gang der Kämpfe zwis­chen Gaddafi-treuen Stre­itkräften und Rebellen bleibt weit­er offen. Mit Über­gang der Führung aller mil­itärischen Oper­a­tio­nen zur NATO scheinen Schnittstel­len­prob­leme aufge­treten zu sein. Zumin­d­est bekla­gen die Rebellen, die Unter­stützung aus der Luft sei nicht mehr so effek­tiv wie zuvor.

Marineforum - Rafale startet auf CHARLES DE GAULLE (Foto: MoD France)
Rafale startet auf CHARLES DE GAULLE
Bildquelle: MoD France

Dafür kön­nte es mehrere Ursachen geben: zum einen gelan­gen bish­er aus rein nationalen Quellen (u.a. Geheim­di­en­ste wie z.B. CIA) in Libyen am Boden gewonnene Zielin­for­ma­tio­nen möglicher­weise nicht mehr an die für die Ein­satza­uf­tragserteilung zuständi­gen NATO-Stellen oder kön­nen dort wegen aufwändi­ger „Infor­ma­tions­freiga­be-Ver­fahren“ nur mit erhe­blich­er Verzögerung umge­set­zt wer­den. Der Befehlshaber des für die Region zuständi­gen US Africa Com­mand ließ denn auch unverblümt durch­blick­en, dass die US-Stre­itkräfte sich „bei Bedarf“ weit­ere Ein­sätze unter rein nationaler Führung vor­be­hal­ten. Prob­leme dürften allerd­ings auch allein schon dadurch entste­hen, dass sich Rebellen und Stre­itkräfte zunehmend „eng erzah­nt“ bekämpfen, bis hin zum Straßenkampf inner­halb von Ortschaften, und bei ständig wech­sel­nden Sit­u­a­tio­nen eine ein­deutige Unter­schei­dung für als „Com­bat Air Patrol“ einge­set­zte Kampf­flugzeuge nicht immer möglich ist. Ein­satz­ab­brüche ohne Ein­greifen aber auch „Friend­ly Fire“-Zwischenfälle wie der ver­gan­genen Woche sind unter solchen Bedin­gun­gen unver­mei­d­bar.

Solche Prob­leme gel­ten auch für die vom franzö­sis­chen Flugzeugträger CHARLES DE GAULLE und vom amerikanis­chen amphibis­chen Träger KEARSARGE operieren­den Kampf­flugzeuge. Ohne klare Zielzuweisung vom Boden durch so genan­nte „Spot­ter“ wer­den auch ihre Piloten ad hoc entschei­den müssen, ob gesichtete Panz­er und Geschütze (mit Markierun­gen der libyschen Stre­itkräfte) auf Seit­en der Rebellen kämpfen, oder – mit Blick auf den durch das UN-Man­dat gebote­nen Schutz der Zivil­bevölkerung – legit­ime Ziele sind.

Die unter NATO-Führung mit Durch­set­zung des Waf­fen­em­bar­gos vor der libyschen Küste operieren­den Ein­heit­en — derzeit 18 Schiffe und Boote, darunter zwei U‑Boote – haben solche Prob­leme nicht. Sie ste­hen weit vom Geschehen an Land ent­fer­nt, und unter den Embar­gob­es­tim­mungen ist für sie jedes Libyen ans­teuernde Schiff legit­imes Ziel für möglich­es Stop­pen, Board­ing und Durch­suchung. Zwis­chen­fälle hat es bish­er nicht gegeben; es dürften derzeit aber auch nur sehr wenige Schiffe die von Gaddafi-treuen Trup­pen kon­trol­lierten libysche Häfen ans­teuern.

Marineforum - JEAN BART (Foto: franz. Marine)
JEAN BART
Bildquelle: franz. Marine

Das britis­che U‑Boot TRIUMPH (TRAFAL­GAR-Klasse) ist – ver­mut­lich nach Ver­schuss sein­er mit­ge­führten Marschflugkör­p­er Tom­a­hawk – am 1. April in die Heimat zurück gekehrt. Abge­laufen ist auch der franzö­sis­che Zer­stör­er JEAN BART. Der für Ver­bands­flu­gab­wehr um die CHARLES DE GAULLE Ein­satz­gruppe opti­mierte Zer­stör­er wird nach weit­ge­hen­der Neu­tral­isierung der libyschen Luft­waffe offen­bar nicht mehr benötigt; andere Schiffe sowie einge­set­zte Flugzeuge (AWACS) dürften seine Auf­gabe über­nom­men haben. Bei der CHARLES DE GAULLE geblieben sind allerd­ings die Fre­gat­ten DUPLEIX und ACONIT, der Ver­sorg­er MEUSE sowie ein U‑Boot der RUBIS-Klasse. Überdies wurde die Fliegende Gruppe auf dem Träger am 6. April durch zwei weit­ere Jagdflugzeuge Rafale ver­stärkt. An Bord befind­en sich nun zehn Rafale, sechs Jagdbomber Super Etendard sowie zwei Jäger­leit-Flugzeuge E‑2C Hawk­eye und SAR-Hub­schrauber.

Nach vier Tagen Wartezeit vor Mis­ura­ta ist die von der Türkei gechar­terte Fähre ANKARA schließlich ohne Genehmi­gung libysch­er Behör­den ein­ge­laufen, hat medi­zinis­che Notaus­rüs­tung ent­laden und Ver­wun­dete evakuiert. Zwei türkische Fre­gat­ten und Jagdflugzeuge der türkischen Luft­waffe sicherten das Unternehmen ab. Später nahm die Fähre auch in Beng­hazi noch weit­ere Ver­wun­dete auf. Ins­ge­samt 300 Men­schen wur­den so evakuiert. Mit offen­bar Genehmi­gung der Behör­den lief das ukrainis­che Lan­dungss­chiff KONSTANTIN OLSHANSKIY am 4. April in Tripo­lis ein. Statt der eigentlich erwarteten mehr als 800 Men­schen hat­ten sich allerd­ings nur 193 im Hafen einge­fun­den – 85 Ukrain­er, der Rest aus 14 weit­eren Staat­en der EU und der GUS. Am 8. April machte sich ein vom Inter­na­tionalen Roten Kreuz gechar­tertes Schiff in Beng­hazi auf den Weg nach Mis­ura­ta, um Nothil­fe zu brin­gen und Ver­wun­dete zu evakuieren. Detailangaben wur­den bewusst nicht gemacht.

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