Libyen — Die Lage in Libyen zeigt sich auch nach mehreren Wochen unverändert

Im Vorder­grund der NATO Oper­a­tion „Uni­fied Pro­tec­tor“ ste­ht der Schutz der Zivil­bevölkerung. Die zunehmende Ver­lagerung von Kämpfen aus offen­em Gelände in die Nähe von Städten oder gar in bewohnte Ortschaften selb­st macht dies aus der Luft schwierig, wenn nicht unmöglich; zu eng sind die ver­fein­de­ten Grup­pen miteinan­der verzah­nt, und fast immer find­en sich auch unbeteiligte Zivilis­ten in direk­ter Nähe der Kämpfe.

Dies zeigt sich beson­ders in der Hafen­stadt Mis­ra­ta, die seit Wochen eingeschlossen ist und unter heftigem Beschuss liegt. Nur wenige Schiffe kon­nten bish­er den Hafen anlaufen, um human­itäre Hil­f­s­güter (Lebens­mit­tel, Medika­mente) zu liefern und Men­schen zu evakuieren. Aktiv ist hier beson­ders die in Genf ansäs­sige Inter­na­tion­al Orga­ni­za­tion for Migra­tion (IOM). Die von ihr gechar­terten Fähren IONIAN SPIRIT und RED STAR ONE kon­nten immer­hin schon ins­ge­samt fünf Fahrten nach Mis­ra­ta durch­führen und dabei fast 5.000 Men­schen aufnehmen und nach Beng­hazi brin­gen. Die let­zte Fahrt der RED STAR ONE endete allerd­ings vorzeit­ig, als der Kapitän sich im heftigem Beschuss der Stadt entschloss, die Ein­schif­fung von Zivilis­ten abzubrechen und sofort auszu­laufen. Mehr als 1.500 Men­schen, meist schwarz-afrikanis­che Wan­der­ar­beit­er (u.a. aus Ghana), blieben im Hafen zurück. Wann es weit­ere Evakuierun­gen durch zivile Schiffe geben wird, bleibt vor­erst offen. Am 29. April erk­lärten Gad­dhafi-treue Trup­pen, sie hät­ten im Hafen von Mis­ra­ta und in der Hafene­in­fahrt Seem­i­nen gelegt.

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LIVERPOOL und SETUBAL EXPRESS
Bildquelle: Roy­al Navy

Die NATO über­legt die Schaf­fung eines von Kriegss­chif­f­en gesicherten „Seeko­r­ri­dors“ zur libyschen Küste, durch den human­itäre Hil­fe fließen soll, der zivilen Schif­f­en aber auch Han­del mit den libyschen Rebellen ermöglichen soll. Ein solch­er Kor­ri­dor dürfte aber eher im Gebi­et der östlichen Rebel­len­hochburg Beng­hazi entste­hen, als beim heftig umkämpften Mis­ra­ta. Zugle­ich wird das gegen (Gaddhafi-)Libyen ver­hängte Embar­go durchge­set­zt.

Am 17. April fing der britis­che Zer­stör­er LIVERPOOL das Ro-/Ro-Schiff SETUBAL EXPRESS ab, das von Mal­ta aus auf dem Weg nach Tripo­lis war. An Bord sollen sich auch für Gad­dhafi-Loy­al­is­ten bes­timmte Fahrzeuge befun­den haben. Das Schiff wurde nach Saler­no (Ital­ien) umgeleit­et.

Dass eine Überwachung und Durch­set­zung des Embar­gos notwendig ist, zeigt ein schon einige Wochen zurück liegen­der Vor­fall. Anfang April, als das Embar­go bere­its erk­lärt war, die NATO aber noch nicht mit der sys­tem­a­tis­chen Durch­set­zung begonnen hat­te, hat­te der ital­ienis­che Tanker VALLE DI NAVARRA mit ein­er Ladung Kraft­stoff im tune­sis­chen Hafen La Skhi­ra fest gemacht. Dort wurde die Ladung dann auf den libyschen Tanker ANWAAR LIBYA (gehört ein­er libyschen Fir­ma, die allerd­ings nicht auf der Embar­go-Liste der Vere­in­ten Natio­nen stand) umgepumpt und von diesem ins von Gad­dhafi-treuen Trup­pen kon­trol­lierte west­liche Libyen gebracht. Am 21. April war die ANWAAR LIBYA erneut auf dem Weg von Tripo­lis nach Tune­sien. Dies­mal stoppte ein NATO-Kriegss­chiff den Tanker. Der Kapitän hat­te keine Ein­wände gegen ein Board­ing, das nur zeigte, dass das Schiff keine Ladung an Bord hat­te, son­dern in Bal­last fuhr. Nun bleibt erst ein­mal abzuwarten, ob und wo die ANWAAR LIBYA erneut ver­suchen wird, von einem anderen zivilen Tanker Kraft­stoff umzupumpen. Der Trans­port der Ladung nach Libyen dürfte dies­mal aber deut­lich schwieriger wer­den.

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BATAAN
Bildquelle: US Navy

Bei den im Rah­men von „Uni­fied Pro­tec­tor“ einge­set­zten inter­na­tionalen Seestre­itkräften gibt es regelmäßig Umgrup­pierun­gen und Ablö­sun­gen. So hat am 25. April die franzö­sis­che Fre­gat­te COURBET ihr Schwest­er­schiff ACONIT in der Flugzeugträgerkampf­gruppe um die CHARLES DE GAULLE abgelöst. Am 26. April lief das spanis­che U-Boot MISTRAL aus Carta­ge­na aus; es erset­zt Schwest­er­boot TRAMONTANA. Am 27. April hat sich in Bul­gar­ien die Fre­gat­te DRAZKI (ex-bel­gis­che WANDELAAR) auf den Weg vor die libysche Küste gemacht, um sich dort der NATO-Embar­go­op­er­a­tion anzuschließen.

Eben­falls am 27. April erre­ichte der amphibis­che Träger BATAAN der US Navy das zen­trale Mit­telmeer. Die BATAAN Amphibi­ous Ready Group löst die KEARSARGE Amphibi­ous Ready Group im Ein­satz vor Libyen ab. An Bord der BATAAN sind Jagdbomber AV-8B Har­ri­er und Kampfhub­schrauber der US Marine Corps eingeschifft.

In Großbri­tan­nien hat sich am 26. April der Hub­schrauberträger OCEAN gemein­sam mit dem amphibis­chen Trans­ports­chiff MOUNTS BAY, dem Flot­ten­tanker WAVE KNIGHT und dem Ver­sorg­er FORT ROSALIE auf den Weg ins Mit­telmeer gemacht. Die Schiffe gehören zum nationalen Ver­band Cougar-11, von dem Dock­lan­dungss­chiff ALBION, amphibis­ches Trans­ports­chiff CARGIAN BAY und Fre­gat­te SUTHERLAND schon vor Ostern ins Mit­telmeer ver­legt hat­ten. Die Ver­legung des britis­chen Ver­ban­des ste­ht nicht in direk­tem Zusam­men­hang mit der Lage in Libyen, schafft aber Voraus­set­zun­gen für möglicher­weise kurzfristig entste­hende Forderun­gen nach einem Ein­greifen („Con­tin­gency“). Task Force Cougar-11 führt eine länger geplante, mehrmonatige Reise zu Besuchen bei und Übun­gen mit verbündeten/befreundeten Mari­nen in Mit­telmeer, Indik und Gol­fre­gion durch. ALBION und CARDIGAN BAY sind derzeit an der Küste Zyper­ns mit amphibis­chem Train­ing beschäftigt.

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