Großbritannien – Veröffentlichung der Ergebnisse des Strategic Defence and Security Review


Am 19. Oktober ließ das britische Verteidigungsministerium “die Katze aus dem Sack” und veröffentlichte die Ergebnisse des Strategic Defence and Security Review (SDSR).
Wie nicht anders erwartet, stehen unter dem derzeitigen Zwang zu Einsparungen erhebliche Kürzungen der Verteidigungsausgaben ins Haus. Bis 2014 soll das Budget um real acht Prozent schrumpfen; danach will die Regierung einen allmählichen Wiederaufwuchs nicht ausschließen. Bis 2015 (dann ist übrigens schon der nächste SDSR geplant) wird das Personal bei den Streitkräften und im Ministerium um 17.000 Soldaten und 25.000 Zivilisten reduziert. Zusätzliche Investitionen wird es im Bereich der Informationstechnologie (Stichwort „Cyber Warfare“) und bei den Special Forces geben; ansonsten aber sehen sich alle drei Teilstreitkräfte vor teils sehr schmerzlichen Einschnitten.

Dies gilt auch für die Royal Navy. Sie wird bis 2015 personell um 5.000 Mann auf insgesamt 30.000 Mann schrumpfen. Die Flotte muss sich künftig mit 19 statt der bisher geplanten 23 Zerstörer / Fregatten (sechs Zerstörer TYPE 45, 13 Fregatten TYPE 23) begnügen. Die noch aktiven vier älteren Fregatten TYPE 22 werden schnellstmöglich ausgemustert. Neue Fregatten TYPE 26 bleiben in der Planung und sollen „nach 2020“ die Schiffe TYPE 23 ersetzen – ob in gleicher Stückzahl bleibt allerdings abzuwarten.

Größere Einschnitte gibt es bei Flugzeugträgern und trägergestützten Kampfflugzeugen. „Carrier Strike Capability“ wird sich in nur noch einem einzigen Flugzeugträger wieder finden. Der Flugzeugträger ARK ROYAL wird mit sofortiger Wirkung aus dem aktiven Dienst genommen. Bereits am 10. September war „still und leise“ die 2005 in „extended readiness“ an die Pier gelegte INVINCIBLE endgültig aus der Liste der Reserveflotte gestrichen worden. Das Schicksal der ILLUSTRIOUS ist vorerst noch offen. Eine Studie soll zeigen, ob sich der Flugzeugträger oder der Hubschrauberträger OCEAN besser als Einsatzplattform für Hubschrauber in amphibischen Operationen eignet. Das hier „unterlegene“ Schiff wird dann in den Reservezustand versetzt.

Marineforum - ARK ROYAL mit sofortiger Wirkung a.D. (Foto: Michael Nitz)
ARK ROYAL mit sofortiger Wirkung a.D.
Bildquelle: Michael Nitz

Am Bau der geplanten zwei neuen Flugzeugträger QUEEN ELIZABETH und PRINCE OF WALES wird zwar fest gehalten, allerdings wird das Vorhaben erheblich modifiziert. Vier Jahre später als ursprünglich geplant soll nun „bis 2020“ nur noch ein Träger nicht nur fertig gebaut, sondern auch in Dienst gestellt werden. Zwar wird auch das zweite Schiff gebaut, jedoch sofort nach Fertigstellung eingemottet (mit Option auf späteren Verkauf). Bei den geplanten Kampfflugzeugen F-35 Lightning-II wird auf die teure STOVL (Short Take-Off, Vertical Landing) Variante F-35B verzichtet und statt dessen die konventionell mit Katapult startende und in einer Fanganlage landende Version F-35C beschafft – und diese wohl auch in geringerer Stückzahl als bisher geplant (Entscheidung hierzu 2015 im Rahmen des nächsten SDSR). Für die neuen Flugzeugträger bedeutet dies eine Designmodifizierung (Einbau einer Dampf-Katapultanlage), die für Hauptauftragnehmer BAe-Systems nach den teils heftigen Diskussionen der letzten Monate aber sicher nicht gänzlich unerwartet kommt.

Trägerkampfflugzeuge F-35C werden erst ab 2020 zulaufen. Mit dem SDSR wurde allerdings auch beschlossen, schon ab 2011 sämtliche Senkrechtstarter Harrier GR9 auszumustern. Für die Royal Navy bedeutet dies bei der trägergestützten Kampfflugzeugkomponente eine fast zehnjährige Fähigkeitslücke, während der sie sich im seegestützten Flugbetrieb gänzlich mit Hubschraubern begnügen muss. Ohnehin wird sie aber bis zum Zulauf des ersten neuen Flugzeugträgers über keinen für Flugbetrieb mit Kampfflugzeugen vorgesehenen Träger mehr verfügen (ILLUSTRIOUS soll ja, wenn sie denn überhaupt in Dienst bleibt, als amphibisches Führungsschiff nur noch Hubschrauber tragen).

Eine weitere maritime Fähigkeitslücke steht auch bei einer anderen fliegenden Komponente ins Haus. Das 1996 begonnene Vorhaben zur Entwicklung und Beschaffung neuer Seefernaufklärer Nimrod MR4 wird mit sofortiger Wirkung komplett eingestellt. Zur Begründung hieß es, das Projekt sei mehr als acht Jahre hinter dem Zeitplan und hätte sich in seinen Kosten mehr als verdoppelt. Hier sei es mehr als angebracht, einen schmerzlichen Schlussstrich zu ziehen. Die Entscheidung war bereits im Vorfeld des SDSR erwartet worden. Zu einer möglichen Alternative ist bisher nichts bekannt.

Marineforum - amphibisches Transportschiff der BAY-Klasse (Foto: Dt. Marine)
amphibisches Transportschiff der BAY-Klasse
Bildquelle: Dt. Marine

Der Ersatz der nuklearstrategischen U-Boote der VANGUARD-Klasse durch Neubauten bleibt zwar auf der Agenda, wird aber um fünf Jahre verschoben. Auch bleibt noch offen, wie viele neue U-Boot gebaut werden sollen; die Entscheidung hierzu soll in 2016 fallen. Schon jetzt ist aber klar, dass die neuen strategischen U-Boote deutlich weniger Raketen tragen werden; jedes soll nur noch acht Startschächte erhalten (16 bei VANGUARD). Ein erstes neues U-Boot soll nun frühestens 2028 zulaufen; für die vier VANGUARD ist eine die Verzögerung kompensierende „Lebensverlängerung“ geplant.

Weitere Einschnitte sehen eine Verringerung der amphibischen Transportkapazität mit u.a. Ausmusterung eines der erst vor wenigen Jahren in Dienst gestellten amphibischen Transportschiffe der BAY-Klasse vor. Die Flotte der Hilfsschiffe (Royal Fleet Auxiliary) soll in Zusammensetzung und Umfang kritisch betrachtet und „dem verbliebenen tatsächlichen Bedarf“ der Flotte angepasst werden.

Der Marineführung bleibt keine Wahl, die nun verordneten Kürzungen als politische Vorgaben zu akzeptieren und zu versuchen, das Beste daraus zu machen. In einer offiziellen Mitteilung an seine Soldaten machte „First Sealord“ Admiral Sir Mark Stanhope allerdings klar, dass „weniger Schiffe auch weniger Aufgaben“ bedeuten werden. Die angekündigten Reduzierungen werden es der Royal Navy unmöglich machen, die in den letzten Jahren erheblich gewachsenen Einsatzbelastungen („stretched op-tempo“) durchzuhalten.

In Kooperation mit „MarineForum – Zeitschrift für maritime Fragen

Marineforum

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