China – Erste Probefahrten des „neuen“ Flugzeugträgers


Der frühere sowjetische Flugzeugträger VARYAG (ein neuer Name steht noch nicht fest) führt erste Probefahrten in See durch.

Marineforum - Nachtfahrt (Foto: china-defense.com)
Nachtfahrt
Bildquelle: china-defense.com

Obwohl das Schiff in den letzten Wochen permanent im Sucher von Hobbyfotografen lag und auch schon den „Blauen Peter“ gesetzt hatte (die Flagge ruft traditionell „die Besatzung vom Landurlaub an Land an Bord zurück“ und kündigt ein Auslaufen binnen 24 Stunden an), gibt es vom Ablegen am 9. August nur einige wenige undeutliche Bilder. Vor Morgengrauen, bei Dunkelheit und Dunst, zogen Schlepper das Schiff von der Pier in Dalian und bugsierten es in Richtung See. Bei Sonnenaufgang bot sich Beobachtern nur noch eine leere Pier.

Das 67.000 ts große Schwesterschiff der russischen ADMIRAL KUZNETSOV war 2002 als nicht fertig gestellter Rohbau von der Ukraine gekauft und nach Dalian geschleppt worden. Angeblich wollte man die VARYAG zum schwimmenden Kasino umbauen, aber militärische Bewachung und die Dauer der Arbeiten deuteten schnell auf eine militärische Verwendung. Spätestens 2006 bestanden kaum noch Zweifel, dass die VARYAG zum ersten Flugzeugträger der chinesischen Marine fertig gebaut wurde. Man ging von einer wahrscheinlichen Nutzung als Ausbildungsträger aus; sogar ein angeblicher künftiger Name (SHI LANG) wurde bereits genannt, ist inzwischen aber angeblich vom Tisch. Erste „Hochrechnungen“ sahen den Beginn von Probefahrten bereits 2009; tatsächlich hat es nun noch zwei Jahre länger gedauert.

Bis zur operativen Einsatzfähigkeit der ex-VARYAG wird noch geraume Zeit vergehen; Experten rechnen mit etwa zwei Jahren, aber auch dann werden Entwicklung, Erprobung und abschließende Einführung einer Einsatzdoktrin (Trägerkampfgruppen-Konzept) wohl noch nicht abgeschlossen sein. Die jetzt begonnene erste Probefahrt soll nur sehr kurz sein und dürfte mit bloßer Erprobung von schiffstechnischen Anlagen (Maschinen, Ruder) sowie grundlegender Fernmelde- und Navigationsausrüstung primär dem „Nachweis der Fähigkeit zur sicheren Teilnahme am Seeverkehr“ dienen. Nach nur wenigen Tagen (ein zur Probefahrt vor der Küste eingerichtetes Sperrgebiet war bis zum 13. August terminiert) wird der Flugzeugträger nach Dalian zurück kehren, um seine Endausrüstung abzuschließen, vielleicht auch noch einmal eingedockt werden.

Offizielle chinesische Erklärungen sprechen von einem Schiff, das der „Ausbildung und Forschung“ (Sammlung von Erfahrungen) dienen soll, und Expertenmeinungen unterstützen dies. Seriöse Quellen gehen davon aus, dass es Jahre dauern wird, bis die chinesische Marine alle mit Flugbetrieb von einem sich in See bewegenden Schiff verbundenen Herausforderungen „sicher“ bewältigt haben wird und sehen die ex-VARAG denn auch nur als Vorreiter (Übungsplattform) auf dem Weg zur Beschaffung neuer, selbst entwickelter Flugzeugträger. Mindestens eins, vielleicht sogar zwei solche Schiffe sollen 2010 bereits in der Nähe von Schanghai auf Kiel gelegt worden sein. Das oft genannte Lieferdatum 2015 klingt allerdings sehr optimistisch.

Auch wenn bis zur vollen operativen Einsatzbereitschaft einer ersten chinesischen Trägerkampfgruppe noch Jahre vergehen werden, sorgt allein schon die erste kurze Probefahrt der ex-VARYAG für Aufregung. Das US-Außenministerium hat China offen aufgefordert, doch die Notwendigkeit von Flugzeugträgern zu begründen. Ob man diese Frage auch Indien stellt? Taiwan erklärte seinen neu entwickelten Seeziel-FK Hsiung Feng III sofort offiziell zum „Carrier Killer“, mit dem man das Schiff im Konfliktfall unmittelbar versenken werde. Einige „Analysen“ sehen in der ex-VARYAG eine veritable Herausforderung, wenn nicht gar Bedrohung für die US Navy; der Flugzeugträger werde China helfen, das Südchinesische Meer zum Binnensee zu machen, ja China sei nun sogar auf Kurs, die USA als globale Seemacht abzulösen. Die Vertreter dieser Auffassungen sollten vielleicht auch einmal den “Einfluss” des russischen Flugzeugträgers ADMIRAL KUZNETSOV (immerhin ja Schwesterschiff der ex-VARYAG) auf das globale seestrategische Gleichgewicht betrachten.

Marineforum - Einige Tage vor dem Auslaufen (Foto: china-defense.com)
Einige Tage vor dem Auslaufen
Bildquelle: china-defense.com

Wesentliche Punkte werden in vielen Kommentaren übersehen, vielleicht (mit Blick auf „Lobbying“ für eigene Rüstungsvorhaben) aber auch bewusst ignoriert. Die ex-VARYAG wird nicht permanent zur Verfügung stehen, sondern sich gerade in den kommenden Jahren zu routinemäßiger Wartung aber auch zu nicht geplanten Instandsetzungen noch relativ häufig in der Werft wieder finden. Vermutlich wird es nach Indienststellung und Abschluss erster Einsatzausbildung (ab Mitte 2012?) argwöhnisch beobachtete „Ausflüge“ in den Indik und über die japanische Inselkette hinaus in den Westpazifik geben, aber diese werden bloßen Prestigezwecken und der (medienwirksamen) Darstellung militärischer Macht dienen. Für einen offenen Krieg taugt die VARAYG kaum, wäre nur lukratives Primärziel, würde zum Eigenschutz erhebliche andere Kräfte binden und dürfte gerade in Auseinandersetzung mit hochgerüsteten Marinen wie der US Navy eher Abstand als Kampf suchen.

Einsatzrollen werden denn auch überwiegend gesehen in

  • regionaler wie überregionaler Präsenz;
  • Einschüchterung nicht sonderlich hoch gerüsteter regionaler Nachbarn (Kanonenbootpolitik, ohne tatsächlich zu schießen);
  • Unterstützung von Kriseneinsätzen mit niedriger Bedrohung;
  • “Botschafter in Blau“ (demonstratives Anbieten als global agierender Partner).

Seine Hauptrolle wird der erste chinesische Flugzeugträger aber mit großer Wahrscheinlichkeit – wie auch offiziell erklärt – in der Ausbildung und Sammlung erster Erfahrungen beim Betrieb eines Flugzeugträgers, Flugbetrieb mit Flächenflugzeugen sowie bei der Erarbeitung von Einsatzverfahren für die in einigen Jahren folgenden Flugzeugträger-Neubauten finden.

In Kooperation mit „MarineForum – Zeitschrift für maritime Fragen

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