Europa — sowjetisch/russische U‑Boot-Unfälle-Unfälle in Friedenszeiten und die Entsorgungsprobleme

Atom-Müll-Entsorgung auf “rus­sisch”
Zunächst einige Angaben zu den “unfrei­willi­gen Entsorgun­gen”: Wie schon ein­gangs beschrieben, ist die Gruppe der Reak­torun­fälle mit 16 Vor­fällen die größte und auch die gefährlich­ste. Nicht immer gin­gen dabei die jew­eili­gen Fahrzeuge in Ver­lust. Es liegen jedoch in allen Welt­meeren ver­streut diese strahlen­den Relik­te herum.
Zu dieser Gruppe kom­men noch die jew­eils an Bord befind­lichen Atom­sprengsätze der Raketen. Allein mit einem U‑Schiff, der “K 219”, liegen 32 Atom­sprengköpfe und zwei Atom­tor­pe­dos vor den Bermu­das auf dem Meeres­grund. Da es ja anfangs nur Diesel-U-Boote gab, von denen eben­falls einige verunglück­ten, erhöht sich die unbekan­nte Zahl der im Meer liegen­den Atom­raketen um einen weit­eren Betrag. Hierzu gesellen sich noch einzelne bisweilen “über Bord gefal­l­ene” Raketen. So weit zum Kapi­tel der “unfrei­willi­gen Entsorgung” von ent­standen­em Atom­müll!
Die “frei­willige Entsorgung” spielte sich dage­gen in den Gewässern der Karasee, der Bar­entsee und um Nojawa Seml­ja ab. Östlich dieser Insel sollen acht aus­ge­di­ente U‑Schiffe, 16 aus­gewech­selte Reak­toren und 9.000 t aus­ge­bran­nte Bren­nele­mente unter 45 m Wasser­tiefe liegen. Weite Atom­abfälle sind in Wasser­tiefen zwis­chen 20 und 150 m Tiefe versenkt. Dazu kom­men 16.000 Kubik­me­ter ver­strahlte Kühlmit­tel und auch noch eine Menge von fes­tem Atom­müll in ein­er Größenord­nung von 11.350 t! Es wird — gesamt gese­hen — von diesen Über­resten eine Strahlung von etwa 3,5 Mio. Curie entwick­elt.
Die Amerikan­er haben ein­er­seits über ihre Versenkungsstellen genauestens Buch geführt. Dabei wird auch behauptet, dass die so tief wie möglich im Meer versenk­ten Atom­reak­toren dort “gut aufge­hoben” seien, sofern sie fachgerecht gesichert sind. Diese Ver­fahrensweise ist jedoch auf rus­sis­ch­er Seite keines­falls ange­wandt wor­den. Das bezieht sich auf Reg­istrierung, Wasser­tiefe und “Ver­pack­ung”. Die ver­streut liegen­den Atom­raketen bieten eine zusät­zliche Gefahren­quelle, da in ihnen Plu­to­ni­um enthal­ten ist. Bei einem etwaigen Aus­tritt würde es zwar auf den Meeres­grund sinken, aber wegen der enorm hohen Halb­w­ertzeit von 24.000 Jahren kön­nte es dann die zur Nahrung­spro­duk­tion erforder­liche Biosphäre durch Kon­t­a­m­i­na­tion gefährden.
Rus­s­land hat inzwis­chen von seinen 248 Atom-U-Schif­f­en 126 aus­ge­mustert. 80 weit­ere soll­ten bis zum Ende des (inzwis­chen längst ver­gan­genen) Jahrtausends fol­gen. Die zwar zwis­chen­zeitlich ein­geleit­ete Ver­schrot­tung geht nur ganz langsam vor sich und “hinkt” gewaltig hin­ter dem Zeit­plan hin­ter­her, weil die finanziellen Mit­tel für diese Arbeit­en ein­fach nicht vorhan­den sind. Da eine ord­nungs­gemäße zügige Ver­schrot­tung dieser Schiffe nicht erfol­gt, ver­rot­ten sie unkon­trol­liert in Häfen und Bucht­en des Nord­meeres.
In Rus­s­land schrit­ten in den 90er Jahren ver­ant­wor­tungs­be­wusste ehe­ma­lige Mari­ne­of­fiziere gegen die von ihnen erkan­nten Gefahren aus dieser Entwick­lung ein. Kapitän Nikitin, ein ver­siert­er Inge­nieur, wurde 1996 ver­haftet. Er hat­te mit der nor­wegis­chen Umwelt­be­hörde zusam­mengear­beit­et. Dabei ging es um die nuk­learen Sicher­heits­be­din­gun­gen der Nord­meer­flotte. Die Anklage lautete auf Spi­onage und Hochver­rat, weil er Staats­ge­heimnisse an Aus­län­der ver­rat­en und verkauft habe. Ein Jahr später erg­ing es dem Kapitän Pasko genau so. Bei gle­ich­er Anklage wollte man unbe­d­ingt die von ihm her­aus­ge­fun­de­nen Missstände der Atom­mül­lentsorgung ver­tuschen. Bei­de Offiziere wur­den nach lang­wierigem Prozess freige­sprochen, Pasko jedoch später in einem weit­eren Geheimver­fahren zu fünf Jahren Gefäng­nis verurteilt.

Die nor­wegis­che Umwelt­be­hörde, die nach der Wende zunächst mit den Russen zusam­me­nar­beit­ete, wurde inzwis­chen des Lan­des ver­wiesen. Sie trifft die Fest­stel­lung, dass Rus­s­land wed­er wil­lens noch in der Lage ist, die notwendi­gen Maß­nah­men zur Säu­berung und Sanierung der Natur zu tre­f­fen. Die dor­tige weit­ere Entwick­lung kön­nte zu ein­er gewalti­gen Umweltkatas­tro­phe führen.