Dossier: Ostturkistan


China

Ostturkistan – Hsinkiang (Xinjiang)
Chinas „wilder Westen“ ist geprägt von wechselnder Herrschaft: Immer wieder – seit Jahrtausenden – gelang es chinesischen Generalen, hier Militärstützpunkte zu errichten und eine dem „Himmelsthron“ unterstellte Militärherrschaft auszuüben, in der Siedler der Han aus dem Mutterland angesiedelt wurden.
Immer wieder aber auch – in Zeiten der Schwäche – konnten die Oasenbewohner zur Selbständigkeit gelangen, geriet das Wüsten- und Steppenland mit seinen Oasen in die Herrschaft von Reitervölkern (türkische Hsiung nu oder Hunnen, Mongolen), die selbst zum Teil wieder den chinesischen Kaiserthron bestiegen und ihre Heimatlande wie auch das Gebiet des heutigen „Hsinkiang“ als „Morgengabe“ in das chinesische Reich einbrachten.
So errichtete China schon 60 v.d.Zw. ein Militärgouvernement der Westgebiete (xiyuduhu) im Gebiet südlich des Tianshan, im Tarimbecken, das nominell bis IU 1 n.d.Zw. bestand. Schon unter Wudi wurden chinesische Wehrbauern auch in Xinjiang (übersetzt: Neumark) angesiedelt, u.a. in der Turfan-Oase. 
Dann bildeten sich südlich des Tianshan rasch wieder Xiongnu-Staaten, die in einem mehr oder weniger ständigen Tributverhältnis zu China standen. Neue militärische Vorstöße des Generals Ban Chao (73 und 78) führten zu einer neuerlichen Aufrichtung eines chinesischen Protektorats. Es fiel gegen Ende der Han-Dynastie, zwischen 150 und 200, allmählich in sich zusammen, hatte also insgesamt etwa drei Jahrhunderte Bestand, im östlichsten Teil etwas länger als im westlichen.
Dieses „Hin und Her“ der chinesischen Oberherrschaft sollte sich in der Geschichte stets wiederholen. Als die Mongolen den Kaiserthron in Peking einnahmen reichte das Herrschaftsgebiet Pekings bis nach Europa, sogar der blutrünstige Tamerlan (Timur Lenk), der Bezwinger der „Goldenen Horde“ leistete noch 1394 – kurz vor seinem Tod – Tributzahlungen an die chinesische Ming-Dynastie und noch in der Zeit der letzten Mandschu-Dynastie lag die Westgrenze der Herrschaft Chinas am Rande des Balkash-Sees im heutigen Kasachstan.
Erst durch eine Reihe von „ungleichen Verträgen“ verlor China – gleichlaufend mit dem Vordringen der europäischen Kolonialmächte an der Küste – immer mehr Territorium an die Zaren. Die russische Expansion erreichte sogar Ostturkestan, bis Stalin im II. Weltkrieg (1942) gezwungen wurde, seine (erst seit 1933 unter chinesischen Gouverneuren stationierten) Schutztruppen aus der Region abzuziehen und an seine gefährdete Westfront zu verlagern.
Kein Wunder also, dass Chinesen die Gebiete von Hsinkiang als uralten Bestandteil von China, dem „Reich der Mitte“ zugehörend, ansehen.

Dieser Machtanspruch hat wenig mit der Bevölkerung zu tun, die hier siedelt. 

XINJIANG heute:
Seit 1955 genießt Ostturkestan – auch in der Schreibweise (H)Sinkiang oder Xinjiang einen Sonderstatus als “Autonome Region der Uiguren”. Daneben gibt es Kasachen, Tadjiken und – vor allem – zunehmend Han-Chinesen, die diese Provinz Chinas besiedeln.

Die Uiguren oder Uighuren gehören zu den Chagatai-Türken, die den Namen von einem Sohn Dschingis-Khans ableiten. Der Dialekt dieser Stämme gehört zum Ost-Türkischen oder „Turki“. Uighuren (Uygur, Uighur) und Usbeken (Özbek) sind zwei Namen für den gleichen Volksstamm, der seit Jahrhunderten die Oasen entlang der Seidenstraße bewohnt. In Ostturkestan umfasst das Siedlungsgebiet der Uighuren vor allem die Gebiete zwischen den traditionellen "Ästen der Seidenstraße", dem Gebiet entlang der heutigen Hauptroute über Urumqui nach Kasachstan, das Gebiet an der nördlichen Oasenrute am Tarim-Becken entlang bis Kaschgar und die südlich der Tarim-Wüste gelegene Oasenstrecke über Shache bis Dunhuang. Die Uighuren sind Oasenbewohner, keine Nomaden.

Der historische Uighuren-Name (Yugur – ein buddhistischer Stamm) wurde um 1500 zuletzt gebraucht. Die Nachfolger dieses alten Uiguren-Stammes sind die „Sari Uygor“ (Gelb-Uiguren) aus Kansu (China). Deren Name wurde um 1920 auf die Usbeken im heutigen Ostturkestan neu angewandt (Neu-Uiguren oder „Yeni Uigur).

Die Usbeken selbst sollen sich erst im 14. Jahrhundert unter der Führung eines mongolischen (?) Emirs namens Özbek aus dem kasachisch-kirgisischen Volksstamm gelöst haben. Ihre Schriftsprache, das Quwatay (Tschagatai) wurden für die Bezeichnung der Ost-Türkischen Volksstämme namensgebend. Allerdings wird das Uigurische in Chinas "wildem Westen" zunehmend zurück gedrängt. Die Sprache der Einheimischen wurde als Vorlesungssprache in den Hochschulen abgeschafft, und Mandarin vom ersten Schuljahr an als Unterrichtssprache genutzt.

Die in Usbekistan (Özbekistan) lebenden Usbeken werden mit knapp 8 Millionen angegeben, insgesamt sind es im gesamten Bereich der ehemaligen UdSSR rund 10 Millionen Angehörige dieses Volkes, dazu kommen 650.000 Usbeken in Afghanistan und etwa 15.000 in China.
Die „Neu-Uiguren“ leben mit fast 3,8 Millionen Menschen in China, dazu kommen rund 200.000 Personen in den Grenzen der ehemaligen UdSSR und etwa 30.000 „Salaren“ (Salar), die isoliert am Ufer des Hoangho leben.

Das Gebiet von Ost-Turkestan ist seit Jahrhunderten von türkischen Stämmen besiedelt, die sich auch ihrer Gemeinsamkeit durchaus bewusst waren. Ein türkischer Sprachwissenschaftler des 11. Jahrhunderts, Mahmut von Kaschgar, hat unter dem Titel „Divan –i Lügat – it – Türk“ (Gesammelter Wortschatz des Türkischen) in Bagdad, am Sitz der Kalifen, sogar das gesamte Wissen seiner Zeit über die Türken zusammengetragen.

Das heißt aber nicht, dass die Uighuren auch die Mehrheit der Bevölkerung in der nach ihnen benannten autonomen Region stellen.

Zwischen der mongolischen Grenze und der Verkehrsachse über Urumqui nach Kasachstan haben sich kasachische Nomaden angesiedelt, und entlang der Grenze zu Pakistan liegt ein geschlossenes Siedlungsgebiet der Tadjiken.

China verfolgt seit Jahren eine ausgeprägte „Sinisierungspolitik“. Schon unter Mao wurden Oppositionelle und auch die „Roten Garden“ in ganzen Kolonnen nach Xinjiang beordert, und heute bieten wirtschaftliche Anreize einen starken Beweggrund für Han-Chinesen, aus den überbevölkerten Land- und Küstengebieten in diese Region umzusiedeln.

1949 waren nur 300.000 der insgesamt 5 Mio. Einwohner der "Uigurischen Auotnomen Region Xinjiang" ethnsiche Chinesen. Insgesamt sollen sich heute rund 7,5 Millionen Uighuren und über 1 Million Kasachen, aber auch über 6,5 Millionen Han-Chinesen, fast 1 Million Hui und eine Vielzahl anderer Minoritäten wie Kirgisen und Tadschiken das Land teilen.  
Aber was heißt jetzt wieder „das Land“?.
Tatsächlich beschränkt sich die Ansiedlung der Chinesen im Wesentlichen noch auf die prosperierenden Städte entlang der Verkehrswege, die über Turfan und Urumqui (Urumtschi) nach Kasachstan sowie über Korka, Lunnan, Aksu und Kashgar nach Pakistan führen. Nach Westen zu wird auch der Bevölkerungsanteil der Chinesen in den Städten und Oasen – noch – immer niedriger. Dennoch ist China dabei, durch staatlich geförderte Umsiedelungen das Bevölkerungsverhältnis deutlich zu ändern, die türkischen Stämme, wie Scholl-Latour es ausdrückt, „zu überwuchern“.

In Urumtschi (Urumji) – der Haupt- (und boomenden Industrie-)Stadt – bilden die Han-Chinesen inzwischen – zunehmend – über 80 % der Bevölkerung. Dazu kommen noch etwa 10 % Hui, reinrassige Han-Chinesen, die allerdings vor Jahrhunderten zum Islam bekehrt wurden und inzwischen in ganz China verteilt sind. Obwohl sich die Hui nur aufgrund ihres Glaubens von der Mehrheit der Bevölkerung Chinas unterscheiden haben sie sogar am Huang-Ho eine eigene autonome Region erhalten. Es kann durchaus vermutet werden, dass die Hui (oder Dunganen) Abkömmlinge der Han-Chinesen sind, die seit Jahrtausenden als Wehrbauern in Hsinkiang angesiedelt wurden und mit den dort beheimateten türkischen Stämmen auch den Islam angenommen haben.
Wer nachrechnet wird feststellen, dass für die Uighuren in Urumtschi – der Hauptstadt der Region – bestenfalls noch ein Bevölkerungsanteil von 10 % verbleibt. Urumtschi ist inzwischen eine chinesische Boom-Town mit 30- und 40-stöckigen Hochhäusern, die den Vergleich mit den Hafenstädten im Osten nicht zu scheuen braucht.  

Über 300.000 ethnische Han-Chinesen strömen derzeit (2006) jährlich durch Korla nach Westen – und zigtausende bleiben in der Stadt hängen.  

Im Bezirk Aksu – auf halbem Weg nach Kaschgar gelegen – hat sich auf Maos Befehl in den 60er Jahren sogar die ganze Achte kommunistische Feldarmee in der Manier des alten „Wehrbauerntums“ niedergelassen und eine blühende Agrarzone geschaffen. Von den rund 200.000 Einwohnern sind inzwischen knapp 60 % Chinesen, während sich nur etwas über 40 % der Bevölkerung zu den Uighuren zählt. Hier kam es noch um 1980 zu blutigen Zusammenstößen zwischen uighurischen Nationalisten und der chinesischen Volkesbefreiungsarmee. In Shule, einer riesigen Garnisonsstadt bei Kaschgar, sind zehntausende chinesischer Soldaten als "demobilisierte Einheiten in Reservestatus" mit dem Aufbau von Landwirtschaft und Industrie beschäftigt, und jederzeit mobilisierbar. Peking fürchtet die Unabhängigkeitsbestrebungen uighurischer Nationalisten. Erst Anfang 2007 kam es zu Schießereien zwischen der chinesischen Polizei und der Ostturkestanischen Islamischen Bewegung (Etim), der Kontakte zu den Taliban und Al Quaida nachgesagt werden. Beweise für diese Verbindungen hat Peking bisher (2007) noch nicht vorgelegt, und weil die paschtunischen Taliban und die von Turkvölkern und Tadjiken gebildete Koalition in Nordafghanistan konträre Positionen einnehmen, ist eine intensive Zusammenarbeit derzeit wohl auch nicht zu erwarten.

Erst in der alten Handelsstadt Kaschgar (Kashi) – dem alten und neuen Verkehrsknotenpunkt, in dem sich die Seidenstraße in die südliche Route nach Pakistan und die nördliche nach Kirgistan und Usbekistan teilt – machen die Uighuren noch über 80 % der Stadtbevölkerung aus, und im Grenzdistrikt selbst zählen fast 90 % der Bewohner zu den islamischen Uighuren. Die staatlich gelenkte Migration ist aber dabei, hier 300.000 Han-Chinesen aus der übervölkerten Szetschuan-Provinz anzusiedeln. China verfolgt dabei nicht nur eine Politik der ethnischen Unterwanderung.  Die kulturelle Autonomie der türkisch-islamisch geprägten Einheimischen wird gezielt "trocken gelegt". Die 1992 in Kaschgar eröffnete Koranschule ist nach drei Jahren wieder geschlossen worden, das staatliche Amt für religiöse Angelegenheiten gibt einen "zensierten Koran" heraus, und Jugendliche unter 18 Jahren dürfen die Moscheen nicht betreten. Im Mai 1999 wurde die neue, 1.451 km lange Eisenbahnverbindung von Turpan (Provinz Xinjiang) an der Hauptlinie nach Kasachstan im Nordwesten Chinas bis nach Kashgar vollendet. Kashgar ist zugleich der Endpunkt des berühmten Karakorum-Highways, der über den Khunjurabpaß nach Pakistan bis zum Indischen Ozean führt. Von Kashgar soll die Bahnlinie bis ins zentralasiatische Ferganatal und von dort aus bis nach Europa verlängert werden. Diese zukünftige Bahnlinie wird auch als Paris-Shanghai-Bahn bezeichnet und ist Teil des im Rahmen des EU-geförderten TRACECA-Programms (TRACECA = Verkehrskorridor Europa-Kaukasus-Asien). 

Auch entlang der südlichen Route der Seidenstraße – zwischen der Wüste Taklamakan im Norden und dem Kuniun-Gebirge und Tibet im Süden – gehören immer noch 90 % der Bevölkerung zu den Uiguren. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein – die Oasen mit ihren Bauern und die Basare strahlen immer noch den Charme orientalischer Weisheit aus.

Beide großen Völker – die Chinesen und die türkischen Stämme – leben getrennt voneinander, jeweils in der „eigenen Welt“, die so gut wie keine Kontakte zur jeweils anderen Volksgruppe aufweist. Damit leben beide Völker auhc in getrennten Wirtschaftssystemen. Der von Peking geförderte wirtschaftliche Boom der Provinz (s. u.)  nimmt die  Urbevölkerung nicht mit,  diese lebt weiter in ihrer traditionellen Wirtschaft und die ökonomische Kluft zwischen den zunehmend wohlhabenderen Chinesen und den  Turkvölkern wird immer größer.

Entlang der Seidenstraße sind schon immer Händler, aber auch Eroberer und ganze Völkerwanderungen geflutet, sind religiöse Ideen vorgedrungen und haben sich viele Völker vermischt und eine Heimat gefunden. Nationalstaaten im Sinne einer „Volksheimat“ war über Jahrtausende dem Denken der Menschheit fremd. Die „Herrschaft von Herrschern“ hat zur Reichsbildung und zur Verschiebung von Grenzen geführt. Ein Reich war immer das Herrschaftsgebiet einzelner Personen oder Fürstenhäuser, und noch bis zum 1. Weltkrieg haben z.B. in der Donaumonarchie Deutsch-Österreicher, Ungarn Tschechen und Slowaken selbstverständlich in einem Reich zusammen gelebt. Erst der erwachende europäische Nationalismus und der Gedanke von der Volksherrschaft, der Demokratie, führten zur Bildung von Nationen, von Nationalitäten und Nationalstaaten, wobei das jeweilige Staatsvolk – so die idealisierte Denkweise – auch über den eigenen Staat verfügen sollte. Das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ – Grundlage des heutigen Völkerrechts – wäre ohne diese Ideen aus der Zeit von Aufklärung und Nationalbürgertum kaum denkbar.
Das „türkische Nationalbewußtsein“ ist erst mit der Zerschlagung des Osmanischen Reiches unter Atatürk erwacht, auch im Widerstreit zu „großtürkischen Ideen“ die den Jungtürken unter Führung des Sultansadjutant Ismail Enver Pascha mit "einem völkischen Rasse-Konzept", einem Großreich von Thrakien bis Mittelasien, vorschwebten.

Und auch in Ost-Turkestan regt sich Widerstand gegen die Sinisierung des Landes. Gerade in der Türkei und in Deutschland wird um Unterstützung für sezessionistische Bestrebungen geworben. Über das Internet (siehe externe Links) findet die sezessionistische Opposition eine breite Öffentlichkeit. Uighurische Saboteure und Partisanen haben in Afghanistan bei den Taliban (den in Pakistan ausgebildeten „Koranschülern“) Ausbildungslager durchlaufen – merkwürdigerweise also genau bei den islamistischen Eiferern, die mit Unterstützung der pakistanischen Streitkräfte den Konflikt um Kaschmir am sieden halten; und tatsächlich fördern auch pakistanische Prediger die Re-Islamisierung in der Region. 
Es ist ein fragiles Bündnisinteresse, ideologisch lediglich geeint durch den „gemeinsamen Gegner Indien“, das Chinas und Pakistans islamische Regierungen zu Verbündeten gemacht hat.

Externe Links:
East Turkistan – (www.eastturkistan.com)