Deutschland — Unsere Marine im Einsatz

Basis See als konzep­tioneller Ansatz für die Zukun­ft

Damit komme ich zum drit­ten Teil, der konzep­tionellen Aus­rich­tung. Wir haben uns entsch­ieden, die konzep­tionelle Aus­rich­tung im Grunde genom­men auf zwei Ele­menten aufzubauen. Sie wis­sen, dass wir die Marine als »Expe­di­tionary Navy« aus­richt­en wollen. Das gilt eben­so für die anderen Teil­stre­itkräfte und im Bünd­nis, denn auch die NATO-Trans­for­ma­tion hat »expe­di­tionary capa­bil­i­ties« zum Ziel. Die NRF ist hier­für das entsprechende »test­bed«.

Die Fähigkeit­en, die wir über Jahrzehnte aufge­baut und entwick­elt haben, ger­ade in der Rand­meerkriegführung vor der eige­nen Küste, müssen wir zukün­ftig weltweit zum Tra­gen brin­gen. Es geht darum, auch an weit ent­fer­n­ter Küste durch­hal­te­fähig gegenüber mil­itärischen Geg­n­ern operieren zu kön­nen. Expe­di­tionary Oper­a­tions sind auf ein begren­ztes mil­itärisches Ziel aus­gerichtet, sie sind zeitlich befris­tet und müssen im Wesentlichen ohne Host Nation Sup­port auskom­men. Lang andauernde Oper­a­tio­nen, wenn sich die Truppe im Land ein­richtet, wenn hier Feld­lager betoniert wer­den, wenn das zwölfte Kontin­gent einge­set­zt wird, besitzen keinen Expe­di­tionary Charak­ter mehr. Zeitliche Begren­zung, die Begren­zung mil­itärisch­er Ziele und vor allem die man­gel­nde Unter­stützung durch Host Nation Sup­port bieten uns einen Ansatz, diese konzep­tionelle Ziel­rich­tung weit­er zu entwick­eln. Das Stich­wort lautet: Basis See.

Wie stellen wir uns vor, einen wesentlichen Baustein von Expe­di­tionary Oper­a­tions unter dem Stich­wort Konzep­tidee Basis See weit­er zu entwick­eln. Unter Basis See ver­ste­hen wir einen konzep­tionellen Ansatz zur Erschließung der See, um eigene Kräfte, also nicht nur der Marine, im Rah­men stre­itkräftege­mein­samer Oper­a­tio­nen über und von See zeit­gerecht, flex­i­bel, weitest­ge­hend unab­hängig ver­legen, voraussta­tion­ieren, führen, ein­set­zen und unter­stützen zu kön­nen.

Die Konzep­tidee ist aus­gerichtet auf die nach KdB wahrschein­licheren Ein­sätze bei inter­na­tionaler Krisen­be­wäl­ti­gung und Kon­flik­tver­hü­tung von See aus mit mil­itärischen Mit­teln. Sie ist aus­gerichtet auf die Teil­habe an teil­stre­itkraft­ge­mein­samen Szenaren, aber nach wie vor auch an multi­na­tionalen Oper­a­tio­nen. Als Marine kommt es uns dabei darauf an, nicht nur auf einzelne Fähigkeit­skat­e­gorien oder Fähigkeit­sträger abzuheben, son­dern zu verdeut­lichen, dass alle Fähigkeit­en der Marine mehr oder weniger in diesem Konzept eine Heimat find­en und hierzu beitra­gen kön­nen.

Es geht zum Beispiel um Aufk­lärung, die wir von der See aus auch über Land durch­führen kön­nen. Es geht um logis­tis­che Unter­stützung, die wir von See aus organ­isieren kön­nen. Es geht um Führung von See aus. Es geht um den Schutz einge­set­zter Trup­pen an Land von See aus und es geht natür­lich auch um die Wirkung im Ein­satz, auch um die Wirkung an Land, die wir eben­falls bere­it­stellen wollen. Eine solche Nutzung der See als Basis ist dann sin­nvoll, wenn einge­set­zte Trup­penkontin­gente an Land möglichst klein gehal­ten wer­den sollen, Stich­wort »foot­print«. Das erlaubt z.B. der Teil­stre­itkraft Heer, sich auf eigene Kern­fähigkeit­en, auf die Kamp­faufträge zu konzen­tri­eren.

Viele unter­stützende com­bat sup­port, com­bat ser­vice sup­port Funk­tio­nen kön­nen von See aus bess­er und effizien­ter mit gerin­ger­er Bedro­hung für das einge­set­zte Per­son­al und auch mit weniger Per­son­al wahrgenom­men wer­den. Entschei­dend ist, dass diese Zusam­me­nar­beit mit dem Heer, der Luft­waffe, dem Zen­tralen San­itäts­di­enst und der Stre­itkräfte­ba­sis gemein­sam aus­ge­plant wird, so dass jed­er seine Fähigkeit­en entsprechend dieses Konzeptes weit­er entwick­eln kann.

In einem ersten Schritt haben wir aufge­lis­tet, was wir mit den vorhan­de­nen Mit­teln und Fähigkeit­en heute schon leis­ten kön­nen. Dieses haben wir in ein­er so genan­nten Konzep­tionellen Grund­vorstel­lung Basis See niedergelegt. Es han­delt sich dabei um ein Doku­ment, das außer­halb der Doku­menten­hier­ar­chie der KdB oder des CPM liegt, aber dur­chaus auch im Sinne des Gen­er­alin­spek­teurs genutzt wer­den soll, um Fähigkeit­en weit­er zu entwick­eln. Wir haben diese konzep­tionellen Grund­vorstel­lun­gen mit den anderen Teil­stre­itkräften abges­timmt und sie dem Gen­er­alin­spek­teur vorgelegt. Er hat uns nun­mehr den Auf­trag erteilt, dieses Doku­ment in Fed­er­führung bis zum Ende des Jahres mit den anderen Teil­stre­itkräften zu final­isieren und ihm zur Unter­schrift vorzule­gen. Auch hier sind wir auf einem guten Weg.

Eine zweite Säule unser­er konzep­tionellen Aus­rich­tung möchte ich nur kurz ansprechen. Das ist die Ver­ant­wor­tung der Marine für den Schutz Deutsch­lands, sein­er Ver­bün­de­ten und der See­verbindungslin­ien. Der Schutza­uf­trag ist nach wie vor ein Auf­trag für die Bun­deswehr und bet­rifft natür­lich auch die Marine. Er ist nicht ter­ri­to­r­i­al begren­zt. Er bet­rifft sowohl den Schutz der eige­nen Küste vor mil­itärisch­er Bedro­hung als auch den Schutz des inter­na­tionalen Seev­erkehrs und damit auch den Schutz deutsch­er Han­delss­chiffe.

Über die wirtschaftliche Abhängigkeit der Bun­desre­pub­lik Deutsch­land brauche ich hier vor diesem Gremi­um kein Wort zu ver­lieren. Die Fak­ten zur mar­iti­men Abhängigkeit, die vom Flot­tenkom­man­do jährlich her­aus­gegeben wer­den, sind Ihnen in den wesentlichen Ergeb­nis­sen sich­er bekan­nt. Es muss uns allen klar sein, dass die wirtschaftliche Abhängigkeit und die Pros­per­ität Deutsch­lands, aber auch der anderen west­lichen Staat­en und der EU von freien Seev­erkehr­swe­gen abhängig sind. Das müssen wir berück­sichti­gen und auch in der Außen­darstel­lung gegenüber der Poli­tik und gegenüber der Öffentlichkeit noch stärk­er her­ausstellen.

Das Gefährdungspoten­zial auf See ist vielfältig. Die Wahrnehmung konzen­tri­ert sich in den let­zten Jahren ver­stärkt auf Pira­terie, auf organ­isierte Krim­i­nal­ität und auf Ter­ror­is­mus. Die Sta­tis­tiken des Inter­na­tion­al Mar­itime Bureau in Kuala Lumpur weisen darauf hin, dass die Anschläge zwar zahlen­mäßig etwas herunter gegan­gen sind, die Bru­tal­ität aber immer mehr zunimmt.

Aber wir dür­fen uns eben nicht nur auf diese im eigentlichen Sinne nicht­mil­itärischen Risiken konzen­tri­eren. Vielmehr müssen wir auch berück­sichti­gen, dass sehr schnell auch wieder orig­inäre mil­itärische, regionale Kon­flik­te mit tra­di­tionellen mil­itärischen Geg­n­ern auf uns zukom­men kön­nen, und auch darauf müssen wir vor­bere­it­et sein. Das ist unter anderem auch ein­er der Gründe, weswe­gen wir als eine der weni­gen europäis­chen Mari­nen auch die Fähigkeit zur drei­di­men­sion­alen U‑Jagd nach wie vor für erforder­lich hal­ten. Hier spielt, ich hat­te es ein­gangs schon erwäh­nt, natür­lich U 212 für uns eine wesentliche Rolle.

Aus den konzep­tionellen Grund­vorstel­lun­gen Basis See wollen wir neue Fähigkeit­en und neue Pro­jek­te entwick­eln. Ich möchte in diesem Zusam­men­hang kurz auf unsere Über­legun­gen einge­hen, die wir im FüM, aber auch gemein­sam mit den anderen Teil­stre­itkräften hin­sichtlich der Stärkung der Fähigkeit zur Mobil­ität angestellt haben.

Die KdB und ihre Folge­doku­mente unter­schei­den zwis­chen strate­gis­ch­er, oper­a­tiv­er und tak­tis­ch­er Mobil­ität. Die Unter­schiede liegen im Grunde genom­men in der Reich­weite, in der Dis­tanz. Darüber hin­aus muss man aber auch qual­i­ta­tiv unter­schei­den, zwis­chen Trans­port als einem Ele­ment und Ver­legung als einem weit­eren Aspekt der Mobil­ität. Beim Trans­port wer­den Massen- und Stück­güter oder auch Per­son­al trans­portiert. Bei der Ver­legung wer­den Fähigkeitspakete an einen anderen Ort ver­bracht. Hier geht es darum, ein­satzfähige Truppe möglichst nah ins Ein­satzge­bi­et hinein zu ver­brin­gen, ohne dass dies im Rah­men eines umfan­gre­ichen force inte­gra­tion train­ing zusam­menge­führt und geübt wer­den muss.

Im Bere­ich des strate­gis­chen Trans­portes ist zwis­chen­zeitlich eine Grund­be­fähi­gung erre­icht. Im Herb­st 2006 wurde mit Däne­mark ein Ver­trag geschlossen, der der Bun­deswehr kurzfristi­gen Zugang zu gewerblichem gesicherten strate­gis­chen See­trans­port ermöglicht und zwar in Form von zunächst zwei und später drei Ro/Ro-Schif­f­en. Damit hat die Bun­deswehr Zugang zu Trans­portka­paz­itäten von bis zu 8.000 Lane Meter. Das ist aber nur ein Teil der erforder­lichen Fähigkeit­en. Der Marine muss es darum gehen, auch eine gesicherte mil­itärische Seev­er­lege­fähigkeit zu schaf­fen. Dies ist in der KdB dur­chaus auch als Fähigkeits­forderung angelegt.

In einem Sem­i­nar See- und Seeluft­stre­itkräfte im Feb­ru­ar an der Führungsakademie der Bun­deswehr in Ham­burg wurde unter Beteili­gung aller Führungsstäbe auf Refer­at­sleit­erebene diese Fähigkeits­forderung analysiert. Dabei wurde abgeleit­et, welche Aus­prä­gung sin­nvoller weise als »Lev­el of Ambi­tion« zugrunde gelegt wer­den sollte. Als Ergeb­nis wurde fest­gelegt, die europäis­chen Über­legun­gen zum Ein­satz ein­er EU Bat­tle Group als Maßstab zu nehmen. Eine solche EU Bat­tle Group beste­ht aus einem ver­stärk­ten Infan­teriebatail­lon von ins­ge­samt etwa 1.500 Sol­dat­en. Darin enthal­ten ist ein großer Anteil Unter­stützungsper­son­al, der bei ein­er Ver­legung über See und Unter­stützung von See deut­lich reduziert wer­den kann. Daher wurde als Ziel­größe ein Ver­lege­beitrag von etwa 800 Sol­dat­en fest­gelegt, von denen dann etwa 500 für einen Ein­satz an Land ver­bracht wer­den müssen.

Die ersten Schritte sind gemacht und ich hoffe, es gelingt uns, dieses so weit zu verdicht­en und weit­er voran zu brin­gen, dass wir dieses Pro­jekt in einen der näch­sten Bun­deswehrpläne aufnehmen kön­nen.