Deutschland — Ein Jahrhundert deutsche U‑Boote

Im Zweit­en Weltkrieg begann ein gnaden­los­er Kampf
Am 3. Sep­tem­ber 1939, als Großbri­tan­nien und Frankre­ich mit ihrer Kriegserk­lärung auf Hitlers Angriff auf Polen reagierten, waren jedoch erst 51 U‑Boote in Dienst gestellt und weit­ere 78 im Bau. 18 Boote der Typen I, VII und IX standen seit Ende August bere­its in ihren Plan­quadrat­en vom Nor­den Schot­t­lands bis vor Gibral­tar, 14 Boote des kleinen Typs II in der südlichen Nord­see und im Englis­chen Kanal. Im Glauben, es han­dele sich um einen Trup­pen­trans­porter, versenk­te Kapitän­leut­nant Lemp an jen­em 3. Sep­tem­ber mit U30 getaucht den Pas­sagier­dampfer ATHENIA, 250 Seemeilen west­lich der Hebri­den. Die deutsche Regierung leugnete die Versenkung, die Seekriegsleitung befahl Dönitz Geheimhal­tung der Umstände – die entsprechende Seite ver­schwand aus Lemps Kriegstage­buch. 128 von den 1.400 Pas­sagieren der ATHENIA kamen ums Leben. Die inter­na­tionale Presse bezichtigte die Deutschen der unmen­schlichen Kriegführung. U48 versenk­te am 5. Sep­tem­ber nach Prisenord­nung die ROYAL SCEPTRE, das erste von fast 2.500 Han­delss­chif­f­en, die im Zweit­en Weltkrieg deutschen U‑Booten zum Opfer fall­en soll­ten. Nach mehreren Zwis­chen­fällen, bei denen nach Prisenord­nung aufgestoppte Han­delss­chiffe Notrufe mit Posi­tion an Land­stellen gefunkt und in einem Fall sog­ar das Feuer auf U38 eröffnet hat­ten, wurde von der deutschen Führung ab 30. Sep­tem­ber die Prisenord­nung aufge­hoben und Mitte Novem­ber der uneingeschränk­te U‑Boot-Krieg gegen die britis­che und franzö­sis­che Han­delss­chiff­fahrt erk­lärt. Im Ver­gle­ich dazu waren im Ersten Weltkrieg 29 Monate bis zu dieser Maß­nahme ver­gan­gen.

U29 war am 17. Sep­tem­ber erst­mals gegen ein Kriegss­chiff erfol­gre­ich. Der tor­pedierte britis­che Flugzeugträger COURAGEOUS nahm fast die Hälfte der über 1.200 Mann starken Besatzung und 52 Flugzeuge mit in die Tiefe. Die Asdic-Geräte des Geleitschutzes hat­ten U29 nicht orten kön­nen. Dönitz Ein­schätzung schien sich zu bestäti­gen. Der pro­pa­gan­dis­tisch wirkungsvoll­ste Coup gelang Kapitän­leut­nant Prien mit U47, der am 13. Okto­ber in die geschützte Reede der britis­chen Home-Fleet in Scapa Flow ein­drang und das alte Schlachtschiff ROYAL OAK versenk­te – 833 Mann fan­den den Tod. Prien – nun der »Sti­er von Scapa Flow« – wurde mit dem Rit­terkreuz, die ganze Besatzung mit dem Eis­er­nen Kreuz aus­geze­ich­net. Dönitz, der bere­its am 1. Okto­ber 1939 zum Kon­ter­ad­mi­ral befördert wor­den war, wurde Befehlshaber der U‑Boote – BdU.

Die U‑Boote führten nun ohne die Restrik­tio­nen der Prisenord­nung einen – trotz viel­er human­er Aktio­nen von Kom­man­dan­ten – gnaden­losen Kampf gegen einen zum Durch­hal­ten entschlosse­nen, eben­so gnaden­losen Feind. Das Jahr 1939 endete mit 800.000 BRT versenk­ten Schiff­s­raums bei neun ver­lore­nen Booten. Doch schon im Feb­ru­ar 1940 kon­nte die Hand­voll U‑Boote – mehr waren auf Grund des zu langsamen Aufwuch­ses noch nicht an die Front zu brin­gen – einen Monat­ser­folg von 170.000 BRT verze­ich­nen. Die Sta­tis­tik der britis­chen Admi­ral­ität wies jedoch aus, dass nur sieben der 164 seit Kriegs­be­ginn versenk­ten Schiffe aus geschützten Kon­vois her­aus versenkt wor­den waren. Dönitz‘ Rudeltak­tik kon­nte mit der gerin­gen Anzahl von Booten noch nicht funk­tion­ieren. Dann kam, etwa zeit­gle­ich mit der Schlacht um Nor­we­gen, von April bis Juni 1940, die Tor­pe­dokrise. Keines der U‑Boot-Asse, wed­er Prien, noch Kretschmer, noch Schultze kon­nte einen Erfolg verze­ich­nen. Die Mag­net-Annäherungszün­der der neuen Tor­pe­dos ver­sagten. Die U‑Boote mussten auf ihren Schuss­po­si­tio­nen vor Nor­we­gen britis­che Schlachtschiffe, Kreuzer, Zer­stör­er und Trup­pen­trans­porter ziehen lassen, nach­dem ihre »Aale« die Ziele wirkungs­los unter­laufen hat­ten.

Nach der deutschen Inva­sion Nor­we­gens und dem Sieg der Wehrma­cht über Frankre­ich im Som­mer 1940 war mit der von Trond­heim bis La Rochelle reichen­den Kette von Stützpunk­ten an den beset­zten Küsten die ungün­stige Lage im »nassen Dreieck« der deutschen Bucht Ver­gan­gen­heit – beson­ders für die U‑Boote. Aber Dönitz hat­te noch immer nicht mehr als 29 oper­a­tive Boote, die Ver­luste hiel­ten sich mit den Neuzugän­gen die Waage. Nach Über­win­dung der Tor­pe­dokrise nahm der BdU mit den weni­gen Booten die Rudeltak­tik auf. Aufk­lärungs­flugzeuge der Luft­waffe standen ihm nicht zur Ver­fü­gung, um die größte Schwierigkeit, das erst­ma­lige Auffind­en eines Kon­vois, zu vere­in­fachen. Der Dechiffrier­di­enst (B‑Dienst) war es, der die Infor­ma­tio­nen für die Pre­miere ein­er gelenk­ten Grup­pen­op­er­a­tion von U‑Booten am 28. August bere­it­stellte. Die Angriff­sko­or­di­na­tion von vier U‑Booten erfol­gte von Land aus dem U‑Boot-Haup­tquarti­er. Zwar gelang es nur, fünf von 53 Schif­f­en aus dem Kon­voi SC 2 zu versenken, aber das Prinzip des Füh­lung­hal­tens„ Meldens und des Her­an­holens ander­er Boote sowie des nächtlichen Über­wasseran­griffs war erfol­gre­ich nachgewiesen wor­den. Die Grund­la­gen für die großen Geleitzugschlacht­en der kom­menden bei­den Jahre waren gelegt. Fähige Kom­man­dan­ten wie Prien und geschick­te Tak­tik­er und Men­schen­führer wie Schultze, Schep­ke, Kretschmer, Lüth und Topp wur­den zu U‑Boot-Assen und nicht zulet­zt auch zu Helden der Nazi-Pro­pa­gan­da. 1940 und 1941 kon­nten je 4,4 Mil­lio­nen BRT alli­ierten Han­delss­chiff­s­raums versenkt wer­den, 22 bzw. 35 U‑Boote gin­gen ver­loren. Im Monat März 1941 star­ben mit ihren Besatzun­gen Prien und Schep­ke. Kretschmer geri­et in kanadis­che Gefan­gen­schaft. Mit 263.000 BRT sollte er erfol­gre­ich­ster U‑Boot-Kom­man­dant des Zweit­en Weltkrieges bleiben.