Deutschland — Ein Jahrhundert deutsche U‑Boote

Deutsch­land wird zum Welt­mark­t­führer bei den nicht nuk­learen U‑Booten
Weit­ere Beson­der­heit­en von U206 A sind die amag­netis­che Bauweise aus Austen­it-Stahl und die geringe Eigengeräusch­ab­strahlung. Daraus ergibt sich auch eine weit­ge­hende Unempfind­lichkeit gegen Seem­i­nen mit Mag­net- und Akustikzün­dern sowie gegenüber der mag­netis­chen Anom­alieor­tung aus der Luft (MAD). Die geringe Größe von nur 500 Ton­nen bietet der Aktiv-Sonaror­tung ein kleines Ziel­maß. Mit draht­ge­lenk­ten Schw­ergewicht­stor­pe­dos DM 2 A3 für Seeziel- und U‑Boot-Bekämp­fung in acht Tor­pe­dorohren brin­gen die Boote eine rel­a­tiv hohe Waf­fen­zu­ladung an den Geg­n­er. Diese Merk­male wur­den von der U‑Boot-Rüs­tungsin­dus­trie mit ihren bei­den Bauw­erften HDW in Kiel und Nord­seew­erke in Emden auch auf größere Expor­ten­twürfe des IKL, wie U209, über­tra­gen. Weit über 100 U‑Boote deutsch­er Prove­nienz sind sei­ther bei zahlre­ichen Mari­nen im Ein­satz. Die Merk­male sind offen­sichtlich so überzeu­gend, dass es der deutschen Indus­trie gelang, zum Welt­mark­t­führer im nicht-nuk­learen U‑Bootbau aufzusteigen, obwohl die eigene Marine nach Abliefer­ung der Klasse U206 dreißig Jahre lang kein neues U‑Boot mehr in Dienst stellte. Marineforum U-Boot Klasse 206A mit Minengürtel An einem Nach­fol­ge­muster für die Zeit nach der Lebens­dauer­gren­ze der Klasse U206 wurde seit den achtziger Jahren gear­beit­et. Dass der daraus ent­standene 1.500-Tonnen-Entwurf U212 in seinen Anfän­gen noch ein Kind des Kalten Krieges ist, lässt sich an der »Tak­tis­chen Forderung« vom Dezem­ber 1987 able­sen. Darin heißt es, das Boot müsse uneingeschränkt und flex­i­bel in allen Teilen des Oper­a­tions­ge­bi­etes, mit Schw­er­punkt in der Ost­see, ein­set­zbar sein.

Das bedeutete Fähigkeit­en zur getaucht­en Flach­wasser­pas­sage aus dem Stützpunkt Eck­ern­förde über die nur 17 Meter tiefe Kade­trinne südlich der dänis­chen Insel Fal­ster, Kampf gegen Lan­dungsver­bände in der Danziger Bucht und Gebi­etssicherung­sop­er­a­tio­nen in der Nor­we­gensee bis hin zur U‑Boot-Jagd im Nord­meer. Vor allem aber bedeutete es weit­ge­hende Außen­luftun­ab­hängigkeit und Sig­nat­u­rar­mut in den Bere­ichen Akustik, Mag­netik, Hydro­dy­namik und Wärme­ab­strahlung.

Die mit dem größten Entwick­lungsrisiko behafteten Kom­po­nen­ten bei U212 waren der per­ma­nent erregte Antrieb­smo­tor, ein Per­masyn-Motor der Fa. Siemens, Erlan­gen, und das Brennstof­fzellen- Mod­ul mit Fest­stof­felek­trolyt, mit dem die Außen­luftun­ab­hängigkeit erre­icht wer­den sollte. Schon seit Beginn der 80er Jahre hat­te die Indus­trie, unter­stützt durch Mit­tel des Bun­des, an der Entwick­lung ein­er für U‑Boot-Antriebe geeigneten Brennstof­fzelle gear­beit­et, die in ein­er Flüs­sigelek­trolyt-Ver­sion an Land und an Bord eines U‑Bootes für die betriebliche Eig­nung aus­giebig erprobt wor­den war.

Seit 1987 hat­te sich so einiges in der Welt verän­dert – das sicher­heit­spoli­tis­che Umfeld, die strate­gis­che Lage des wiedervere­in­ten Deutsch­lands, Auf­trag und Umfang der Stre­itkräfte, die Rüs­tungss­chw­er­punk­te, das Vertei­di­gungs­bud­get – nichts war mehr wie zuvor. Zusam­men mit tech­nis­chen Prob­le­men bei der Entwick­lung waren diese Rah­menbe­din­gun­gen erschw­erend für die Real­isierung eines so anspruchsvollen Pro­jek­ts wie U212. Sie erforderten Anpas­sun­gen und Nach­s­teuerun­gen, die zu ein­er zweiein­hal­b­jähri­gen Verzögerung führten, bis schließlich 1994 der Bau­ver­trag über ein 1. Los von zunächst vier Ein­heit­en geschlossen wer­den kon­nte, dem 1996 Ital­ien mit zwei weit­eren Booten beitrat.

Im bedarfs­be­grün­den­den Phasendoku­ment vom Mai 1994 war nun keine Rede mehr von der Ost­see, son­dern als Schw­er­punkt des Oper­a­tions­ge­bi­ets wer­den »die europäis­chen Seege­bi­ete und der Nor­dat­lantik« fest­gelegt. Als Haup­tauf­gaben von U212 wer­den genan­nt: Lan­gan­hal­tende Präsenz im Oper­a­tions­ge­bi­et ohne regionale Ein­schränkung, unent­deck­tes Aufk­lären und Überwachen von Seege­bi­eten, Binden geg­ner­isch­er Seestre­itkräfte, Sich­ern von Seege­bi­eten und Schlüs­sel­po­si­tio­nen sowie Ver­wehren der unge­hin­derten geg­ner­ischen Nutzung von Seege­bi­eten und See­verbindungslin­ien durch Bekämpfen von Über­wasserzie­len und U‑Booten, allein oder im Ver­bund mit anderen schwim­menden und fliegen­den U‑Boot-Jagd­kräften.

Neun Brennstof­fzel­len­mod­ule zu je 34 KW ver­lei­hen dem Boot seine her­aus­ra­gend­ste Fähigkeit: Das tief getauchte Operieren über mehrere Wochen ohne externe Luftzu­fuhr. Auf Grund der Kom­bi­na­tion von Diesel­gen­er­a­tor und der nach wie vor für Höch­st­fahrt erforder­lichen, herkömm­lichen Fahrbat­terie ist U212 A ein »Hybrid-Boot«. Zur Sig­naturver­ringerung wurde die bewährte amag­netis­che Bauweise beibehal­ten. Verbesserte nich­takustis­che Aufk­lärungska­paz­itäten durch mod­erne Sehrohre, ein mod­ernes FüWES (Führungs- und Waf­fenein­satzsys­tem) und eine Rei­he von Hochleis­tungs-Sonarsys­te­men und neuar­ti­gen Kom­mu­nika­tion­san­la­gen befähi­gen das Boot zur effizien­ten Auf­tragser­fül­lung. Mit dem glas­faserge­lenk­ten Schw­ergewicht­stor­pe­do DM 2 A4 erre­icht es Kampfent­fer­nun­gen bis weit über den Hor­i­zont hin­aus. Am 3. Mai diesen Jahres wurde das let­zte Boot des 1. Los­es, U34, in Dienst gestellt.

Die Deutsche Marine befind­et sich in den vier Jahren seit der Eröff­nung des Kampfes gegen den Ter­ror – auch mit U‑Booten – in ent­fer­n­ten Seege­bi­eten mit Bünd­nis- und Koali­tion­spart­nern im kon­tinuier­lichen Ein­satz. Ein oper­a­tiv­er Bedarf von acht U‑Booten ist in der Konzep­tion der Bun­deswehr fest­gelegt, um das Unter­wasser­spek­trum der Seekriegführung abdeck­en zu kön­nen. Für die ver­bun­dene Kriegführung im Zusam­men­spiel mit eige­nen und ver­bün­de­ten Ein­heit­en aller Teil­stre­itkräfte ist darüber hin­aus die Fähigkeit zur Ver­net­zten Oper­a­tions­führung (NetOpFü) unverzicht­bar. Im Sep­tem­ber 2006 wurde der Bau­ver­trag für das 2. Los der Klasse U212 A mit zwei weit­eren Ein­heit­en geschlossen, damit die Boote ab 2012 zulaufen kön­nen. Befähi­gung zu NetOpFü und Inte­gra­tion zusät­zlich­er Sys­teme sowie tech­nisch weit­er entwick­el­ter Kom­po­nen­ten unter­schei­den es vom 1. Los, schiff­baulich jedoch wird es weit­ge­hend iden­tisch sein. Obwohl ein oper­a­tiv­er Bedarf von acht U‑Booten beste­ht, wird der Gesam­tum­fang der deutschen U‑Boot-Waffe ab 2012 – nach Außer­di­en­st­stel­lung der let­zten Ein­heit­en der Klasse U206 A und Zulauf des 2. Los­es U212 A – zunächst auf sechs Plat­tfor­men absinken. Zwei Boote eines 3. Los­es sind noch nicht in der Bun­deswehrpla­nung abge­bildet. Daran gilt es zu arbeit­en.