Chinas rivalisierende Partner — Noch ist es nur Streit um Rohstoffe

Dieser Artikel wird mit fre­undlich­er Genehmi­gung der “Marine­Fo­rum — Zeitschrift für mar­itime Fra­gen” veröf­fentlicht.

Marineforum

Iro­nis­cher­weise sind die wichtig­sten Wirtschaftspart­ner der Volk­sre­pub­lik Chi­na (VRC) gle­ichzeit­ig die größten Rivalen des Lan­des. Die Vere­inigten Staat­en sind mit einem Han­delsvol­u­men von 385 Mil­liar­den Dol­lar (2010) der bei Weit­em wichtig­ste Han­delspart­ner (Quelle: chi­ne­sis­ch­er Zoll); gle­ichzeit­ig ist Peking der zweitwichtig­ste Han­delspart­ner Wash­ing­tons, wobei die Han­dels­bi­lanz mehr als 4:1 zugun­sten Chi­nas aus­fällt (Quelle: US Han­del­skom­mis­sion). Rus­s­land ist sein­er­seits der wichtig­ste Energie- und Rohstof­fliefer­ant Chi­nas. In den ver­gan­genen fünf Jahren hat sich der bilat­erale Han­del zwis­chen Moskau und Peking ver­dreifacht, stellt die chi­ne­sis­che Wirtschaft­szeitschrift »Chi­na Brief­ing« fest; die VRC löste 2010 Deutsch­land als wichtig­sten Han­delspart­ner Rus­s­lands ab. 

 -

Ander­er­seits bleiben die drei Län­der poli­tis­che und strate­gis­che Rivalen. Die Span­nun­gen zwis­chen Wash­ing­ton und Peking erhal­ten gegen­wär­tig größere Aufmerk­samkeit, eben­so wie die Koop­er­a­tion der bei­den (noch) schwächeren Parteien, die sich in der Shang­hai Coop­er­a­tion Orga­ni­za­tion zusam­mengeschlossen haben, um dem Ein­fluss der USA in Asien ent­ge­gen­zuwirken. Den­noch wäre Rus­s­land blind, wenn es die demografis­chen und geografis­chen Real­itäten außer Acht ließe. Das bevölkerungsarme, aber wass­er- und rohstof­fre­iche Sibirien zieht bere­its jet­zt ille­gale Ein­wan­der­er aus Chi­na an. Ein kün­ftig (unter rus­sis­ch­er Mith­il­fe) hochgerüsteter chi­ne­sis­ch­er Staat kön­nte dur­chaus gesin­nt sein, ter­ri­to­ri­ale Ambi­tio­nen nicht nur im Ost- und im Süd­chi­ne­sis­chen Meer, son­dern auch an sein­er nördlichen Land­gren­ze zu verfolgen. 

Die Span­nun­gen in den rus­sisch-chi­ne­sis­chen bzw. US-chi­ne­sis­chen Beziehun­gen äußern sich u.a. in der Frage der kün­fti­gen Aus­beu­tung der Boden­schätze der Tief­see. Rus­s­land und Chi­na ver­fol­gen ein­er­seits eine enge energiewirtschaftliche Zusam­me­nar­beit. Chi­ne­sis­che Fir­men investieren – ganz im Sinne Moskaus – ver­stärkt in die Förderungs- und Ver­ar­beitungsin­fra­struk­tur in Rus­s­land. Im Früh­jahr 2010 lud Dmit­ry Kobylkin, Gou­verneur der autonomen Region Yama­lo-Nenets, gezielt chi­ne­sis­che Fir­men ein, Part­ner bei der Erschließung der rus­sis­chen Öl- und Gas­re­ser­ven in der rus­sis­chen Ark­tis zu werden. 

Ander­er­seits zeigt die VRC offenes Inter­esse an einem direk­ten Zugang zur Ark­tis, ohne Rus­s­land erst um Erlaub­nis fra­gen zu müssen. Vorder­gründig wird der Anspruch auf freie Pas­sage chi­ne­sis­ch­er Schiffe durch die eis­freien ark­tis­chen Gewäss­er erhoben, doch lassen die Aus­sagen chi­ne­sis­ch­er Wis­senschaftler wie Amt­sträger auch Inter­esse am Zugang zu ark­tis­chen Rohstof­fen erken­nen. Die Ark­ti­san­rain­er müssten bei der Fes­tle­gung der Gren­zen des Kon­ti­nen­talschelfs auch »die Inter­essen der inter­na­tionalen Gemein­schaft« berück­sichti­gen, erk­lärte beispiel­sweise Hu Zhengyue, Staatssekretär im chi­ne­sis­chen Außen­min­is­teri­um, im Juni 2009. Der chi­ne­sis­che Admi­ral Yin Zhuo erk­lärte am 5. März 2010, dass die Ark­tis der gesamten Men­schheit gehöre, und dass Chi­na als bevölkerungsre­ich­ster Staat der Erde eine uner­lässliche Rolle bei der Erschließung der Region spie­len müsse. 

Rus­s­land wehrt sich sein­er­seits gegen jeden Ver­such, die eige­nen Ark­ti­sansprüche infrage stellen zu lassen. Inter­es­san­ter­weise sor­gen sich einige Entschei­dungsträger in Moskau bere­its mehr um die Vorstöße Pekings als um die Ansprüche der Ark­ti­san­rain­er. Der Oberkom­mandierende der rus­sis­chen Marine, Admi­ral Vladimir Vysot­sky, erk­lärte beispiel­sweise am 4. Okto­ber 2010 gegenüber der Nachricht­e­na­gen­tur ITAR-TASS: »Wir haben beobachtet, wie einige Staat­en, die nicht Mit­glied im Ark­tis­chen Rat sind, ihre Inter­essen sehr inten­siv und auf ver­schiedene Weise ver­fol­gen. Ins­beson­dere hat Chi­na bere­its mit Nor­we­gen Abkom­men über die Erforschung der Ark­tis vere­in­bart … Ich glaube, die prob­lema­tis­chsten Beziehun­gen wer­den wir zu den Staat­en haben, die nicht anges­tammte Mit­glieder des Ark­tis­chen Rats sind.« Pre­mier­min­is­ter Vladimir Putin erk­lärte erst am 30. Juni auf einem Parteitag in Jeka­ter­in­burg, dass Rus­s­land seine »geopoli­tis­chen Inter­essen hart und kon­se­quent vertei­di­gen« werde. Let­z­tendlich auch mit Waf­fenge­walt. Rus­s­lands Mil­itär stellt zwei Son­dere­in­heit­en für Ein­sätze in der Ark­tis auf. 

Während Rus­s­land sich primär um chi­ne­sis­che Ambi­tio­nen in der Ark­tis sorgt, beobacht­en die USA vor allem Chi­nas Erkun­dung des Meeres­bo­dens im Paz­i­fik. Das beman­nte chi­ne­sis­che Tief­see­tauch­boot JIALONG unter­nahm 2010 mehrere Tauch­fahrten in bis zu 3.700 Meter Tiefe im Süd­chi­ne­sis­chen Meer. Am 26. Juli 2011 erzielte das U‑Boot, dass aus­drück­lich für die Suche nach Rohstof­fen gebaut wurde, in inter­na­tionalen Gewässern südöstlich von Hawaii eine Tiefe von 5.188 Meter. Dabei set­zte JIALONG mehrmals auf und ent­nahm u.a. Proben von poly­met­al­lenen Knollen (Gesteins­brock­en, die ver­schiedene Rohstoffe enthal­ten). Die fraglichen Gewäss­er im Ost­paz­i­fik wur­den Peking bere­its 2001 durch die Inter­na­tionale Meeres­bo­den­be­hörde (ISA) zuge­s­tanden, die VRC hat also das inter­na­tion­al ver­briefte Recht, diese Gewäss­er zu erkun­den und dort auch exk­lu­siv Rohstoffe abzubauen. 

Im Gegen­satz zu Chi­na und mehreren anderen Natio­nen ein­schließlich Rus­s­land haben die USA vor­erst keine Pläne, Rohstoffe in inter­na­tionalen Gewässern zu fördern. Ein­er­seits fehlt den USA hierzu schlicht und ein­fach das Geld; im Gegen­satz zu Peking und Moskau gibt es in Wash­ing­ton keine Mehrheit für die Bewil­li­gung der notwendi­gen staatlichen Investi­tio­nen in die Erkun­dung und Erschließung von Tief­seer­es­sourcen. Ander­er­seits haben die USA – als einzige Wirtschaft­sna­tion von Bedeu­tung – bis­lang das UN-Seerechtsabkom­men von 1982 noch nicht rat­i­fiziert; fol­glich ist Wash­ing­ton auch nicht Mit­glied der ISA und kann, im Gegen­satz zu Ver­tragsparteien wie Peking und Moskau, keinen Ein­fluss auf die Ver­gabe von Schür­frecht­en in inter­na­tionalen Gewässern ausüben. 

Allerd­ings wer­den aus­giebige Rohstoffe inner­halb der Auss­chließlichen Wirtschaft­szone (200-Meilen-Zone) um die amerikanis­chen und amerikanisch-assozi­ierten Insel­grup­pen im Paz­i­fik ver­mutet. Seit 2003 läuft eine sys­tem­a­tis­che Bestandauf­nahme der beste­hen­den Erken­nt­nisse über die Vorkom­men in diesen Gewässern. Eine einge­hende geol­o­gis­che Neu-Erkun­dung ist allerd­ings noch nicht geplant, sodass die USA immer mehr hin­ter Chi­na und auch Rus­s­land zurück­fall­en. Und dies, obwohl die US-Regierung selb­st fest­stellt, dass die zunehmende Nach­frage nach Brennstof­fen und Min­er­alien durch Chi­na und andere auf­steigende Wirtschaft­slän­der zu Eng­pässen und Preis­steigerun­gen führt, die der US-Wirtschaft all­ge­mein sowie der Rüs­tungswirtschaft ins­beson­dere nach­haltig schaden. Zudem wer­den in Chi­na 97 Prozent der so genan­nten »sel­te­nen Erden« (sel­tene Met­alle, die für viele High­tech Indus­triezweige uner­lässlich sind) abge­baut. Tief­seeförderung dieser Min­er­alien kön­nte das chi­ne­sis­che de fac­to Monopol brechen – aber nur, falls die USA oder andere west­liche Län­der und nicht Chi­na die Vorkom­men am Meeres­bo­den erschließen. 

Die chi­ne­sis­che Meeres­bo­den­erkun­dung hat aber nicht nur wirtschaftliche, son­dern auch poli­tis­che und strate­gis­che Gesichtspunkte. 

Im Som­mer 2010 pflanzte JIALONG eine chi­ne­sis­che Fahne auf dem Boden des Süd­chi­ne­sis­chen Meeres. Pro­fes­sor Zhao Jun­hai, Chefde­sign­er des Tauch­boot-Pro­jek­ts erk­lärte am 26. August 2010: »Dies mag manche Län­der provozieren, aber wir wer­den schon zurechtkom­men. Das Süd­chi­ne­sis­che Meer gehört Chi­na. Mal sehen, wer es wagt uns her­auszu­fordern (…) Wir wer­den unsere nationale Fahne set­zen, bis wir [die philip­pinis­che] Gren­ze erre­ichen. Und dann wer­den wir darüber hin­aus den Mar­i­a­nen­graben anvisieren.« 

Zhaos pro­voka­tive Aus­sagen, die in der regierungs­fre­undlichen Zeitung South Chi­na Morn­ing Post wiedergegeben wur­den, gehen weit­er. »Die Marine hat unsere bish­eri­gen Fahrten begleit­et und ich glaube, dass sie dies auch weit­er­hin machen wird. Je weit­er hin­aus wir fahren, desto mehr brauchen wir Geschütze, um uns zu verteidigen.« 

Solche Aus­sagen nähren Bedenken in den Anrain­er­staat­en des Süd­chi­ne­sis­chen Meeres, dass Peking ver­suchen kön­nte, die Förderung von Rohstof­fen im Bere­ich fremder Auss­chließlichkeit­szo­nen mit Waf­fenge­walt durchzuset­zen. Die Worte Zhaos zeu­gen auch von ein­er zunehmenden Kon­fronta­tions­bere­itschaft mit den USA. Der von Chi­na »anvisierte« Mar­i­a­nen­graben ver­läuft unmit­tel­bar östlich der Mar­i­ana-Inseln. Auf­grund des Assozi­ierungsver­trages der Inseln mit den USA befind­et sich ein Großteil des Grabens inner­halb der US-amerikanis­chen Auss­chließlichkeit­szone um die Inselgruppe. 

Die US-Posi­tion ist ein­deutig. Wash­ing­ton ver­tieft die Sicher­heitspart­ner­schaft mit den Staat­en des Süd­chi­ne­sis­chen Meeres, vom alten Ver­bün­de­ten Mani­la bis zum neuen Part­ner Hanoi. Auf inter­na­tionalen Tagun­gen unter­stützen die USA den Zusam­men­halt der Anrain­er­staat­en. Wash­ing­ton beste­ht darauf, dass die Gebi­etsstre­it­igkeit­en im Süd­chi­ne­sis­chen Meer durch mul­ti­lat­erale Ver­hand­lun­gen gelöst wer­den müssen. 

Und auf Guam – der südlich­sten Insel der Mar­i­a­nen­gruppe und noch immer sou­veränes US-Ter­ri­to­ri­um – wird die Mil­itär­präsenz aus­ge­baut. US-Außen­min­is­terin Hillary Clin­ton betonte – zulet­zt am 15. August wieder – den Stand­punkt, dass die geplanten Kürzun­gen des US-Vertei­di­gungse­tats nicht zu einem Abbau amerikanis­ch­er Stre­itkräfte im Paz­i­fikraum führen dür­fen. »Wir ste­hen zu unser­er Präsenz im Paz­i­fik. Wir sind eine paz­i­fis­che Macht.« 

Team GlobDef

Team GlobDef

Seit 2001 ist GlobalDefence.net im Internet unterwegs, um mit eigenen Analysen, interessanten Kooperationen und umfassenden Informationen für einen spannenden Überblick der Weltlage zu sorgen. GlobalDefence.net war dabei die erste deutschsprachige Internetseite, die mit dem Schwerpunkt Sicherheitspolitik außerhalb von Hochschulen oder Instituten aufgetreten ist.

Alle Beiträge ansehen von Team GlobDef →