China — 60 Jahre chinesische Marine

China

Dieser Artikel wird mit fre­undlich­er Genehmi­gung der “Marine­Fo­rum — Zeitschrift für mar­itime Fra­gen” veröf­fentlicht.

Marineforum

60 JAHRE CHINESISCHE MARINEANSPRUCH UND WIRKLICHKEIT
Von Markus Krause-Traudes

“China´s armed forces, includ­ing the Peo­ple Lib­er­a­tion Armys Navy, will always be an impor­tant force in safe­guard­ing world peace and devel­op­ment – Chi­na will nev­er seek hege­mo­ny, nor will it turn to mil­i­tary expan­sion or an arms race with oth­er nations”, so der chi­ne­sis­che Präsi­dent Hu Jin­tao in sein­er Ansprache vor 29 Ober­be­fehlshabern inter­na­tionaler Mari­nen am 23. April 2009, darunter auch der Inspek­teur der Deutschen Marine, Vizead­mi­ral Wolf­gang E. Nolt­ing, und Admi­ral Gary Roug­head, Chief of Naval Oper­a­tions, US Navy.

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Anschließend lud der Präsi­dent alle Vertreter der aus­ländis­chen Mari­nen dazu ein, gemein­sam mit ihm von Bord des Zer­stör­ers SHIJIAZHUANG die Flot­ten­pa­rade abzunehmen, die zu Ehren des sechzig­sten Jahrestages der Grün­dung der Peo­ple Lib­er­a­tion Armys Navy (PLA Navy) im Seege­bi­et vor Qing­dao, dem ehe­ma­li­gen deutschen Kolo­nial-Han­delsstützpunkt Tsing­tau, ver­anstal­tet wurde.

 Atom-U-Boot LANGER MARSCH (XIA-Klasse) bei der Flottenparade
Atom-U-Boot LANGER MARSCH (XIA-Klasse) bei der Flot­ten­pa­rade

Ins­ge­samt 25 seege­hende Ein­heit­en und über 30 Flugzeuge der PLA Navy sowie Ein­heit­en aus 14 weit­eren Natio­nen nah­men an dieser bish­er größten Parade in der Geschichte der PLA Navy teil. Höhep­unk­te der Parade waren u.a. die Atom-U-Boote LANGER MARSCH 6 und LANGER MARSCH 3, das neue Dock­lan­dungschiff KUNLUNSHAN sowie der neue süd­ko­re­anis­che Helikopterträger DOKDO.

Den inter­na­tionalen Teil der Flot­ten­pa­rade bilde­ten 20 Schiffe aus Aus­tralien, Banglade­sch, Brasilien, Frankre­ich, Indi­en, Kana­da, Neusee­land, Pak­istan, Rus­s­land, Sin­ga­pur, Thai­land und den USA sowie das mexikanis­che Segelschulschiff CUAUHTEMOC.

Docklandungsschiff KUNLUN SHAN bei der Flottenparade
Dock­lan­dungss­chiff KUNLUN SHAN bei der Flot­ten­pa­rade

Die Flot­ten­pa­rade war Teil der Feier­lichkeit­en zum 60. Geburt­stag der PLA Navy, die ins­ge­samt vier Tage dauerten und unter dem Gen­er­althe­ma »Har­mo­nious Ocean« standen. Die Feier­lichkeit­en began­nen am 20.April 2009 mit einem Emp­fang des chi­ne­sis­chen Ober­be­fehlshabers, Admi­ral Wu Shengli, für alle 29 aus­ländis­chen Del­e­ga­tio­nen und die Kom­man­dan­ten der aus­ländis­chen Schiffe, die für diesen Anlass im Hafen von Qing­dao fest­gemacht hat­ten. Der zweite Tage war geprägt von einem mar­iti­men Sym­po­sium, bei dem zahlre­iche Ober­be­fehlshaber ihre Erfahrun­gen und Vorstel­lun­gen für einen »Har­mo­nious Ocean« vorstell­ten.

Admi­ral Wu Shengli führte zu diesem Sym­po­sium ein, indem er fest­stellte, dass das 21. Jahrhun­dert ein »Marine Cen­tu­ry« sei und anschließend fünf konkrete Vorschläge für die Schaf­fung eines »Har­monis­chen Ozeans« unter­bre­it­ete: * Sich­er­stellen der Frei­heit der Hohen See und Behand­lung inter­na­tionaler mar­itimer Dis­pute unter der auss­chließlichen Autorität der Vere­in­ten Natio­nen; * Stärken von Kon­sul­ta­tion­s­mech­a­nis­men, um durch Ver­hand­lun­gen auf Augen­höhe gegen­seit­iges Ver­trauen für und bei gemein­samen Oper­a­tio­nen auf See zu schaf­fen; * Auf­nahme des Aspek­ts Mar­itime Sicher­heit in den Auf­trag aller Mari­nen, um den Bedro­hun­gen auf See gemein­sam wirkungsvoll begeg­nen zu kön­nen; * Ver­stärken der Koop­er­a­tion und des Per­son­alaus­tausches, um ein tiefes gegen­seit­iges Ver­trauen auf der Grund­lage per­sön­lich­er Kon­tak­te zu schaf­fen; * Beste­hen auf ein­er Kom­bi­na­tion von Ver­hin­derung und Behand­lung von mar­iti­men Umweltschä­den, um die natür­lichen Ressourcen der Men­schheit zu scho­nen.

Vizeadmiral Nolting vor dem Symposium
Vizead­mi­ral Nolt­ing vor dem Sym­po­sium

In seinem Beitrag zum Sym­po­sium stellte der Inspek­teur der Deutschen Marine das deutsche Ver­ständ­nis von ver­net­zter mar­itimer Sicher­heit dar und unter­strich dabei, dass auf diesem Gebi­et kün­ftig Erfolge nur durch eine sig­nifikante Inten­sivierung der multi­na­tionalen Koop­er­a­tion erzielt wer­den kön­nten. Diesen Aspekt grif­f­en im weit­eren Ver­lauf des Sym­po­siums nahezu alle hochrangi­gen Red­ner eben­falls auf.

Der dritte Tag der Feier­lichkeit­en gab hin­re­ichend Zeit und Gele­gen­heit für Besuche an Bord einzel­ner chi­ne­sis­ch­er Schiffe und der aus­ländis­chen Ein­heit­en. Die Stim­mung vor Ort war marine­typ­isch heit­er und fröh­lich, dabei ins­beson­dere aber von der aus­geprägten Neugi­er der jun­gen chi­ne­sis­chen Offiziere und Unterof­fiziere geprägt, mehr über andere Mari­nen und Natio­nen zu erfahren. Deut­lich zu spüren war in diesen Tagen aber auch das hohe Selb­st­be­wusst­sein der chi­ne­sis­chen Besatzun­gen, resul­tierend aus der Tat­sache, dass man in der Lage war, den Gästen aus aller Welt mod­erne eigene Schiffe präsen­tieren zu kön­nen. Gle­ichzeit­ig nutzten Admi­ral Wu Shengli und die Ober­be­fehlshaber der von ihm zu diesem Fest ein­ge­lade­nen Mari­nen die sich an diesem drit­ten Tag bietende Gele­gen­heit für bilat­erale Gespräche zur Ver­tiefung der gegen­seit­i­gen Beziehun­gen.

Für die PLA Navy waren diese Feier­lichkeit­en von ganz beson­der­er Bedeu­tung: Zum einen, weil nach dem alten chi­ne­sis­chen Kalen­der anlässlich eines 60.Geburtstages erst­mals die Zyklen von Sonne und Mond zusam­men­fall­en, zum anderen, da mit diesen Feier­lichkeit­en erst­mals Schritte auf dem multi­na­tionalen Par­kett gewagt wur­den. Deut­lich war der Wille der chi­ne­sis­chen Führung zu erken­nen, die stärk­er wer­dende PLA Navy als legit­ime Kon­se­quenz der wirtschaftlichen und gesamt­staatlichen Entwick­lung Chi­nas darzustellen, die durch die gezeigte Offen­heit und Trans­parenz sowie dem fes­ten Willen zur Koop­er­a­tion auf See – so die Worte des Präsi­den­ten – für keine andere Natio­nen eine Bedro­hung darstellt. Gle­ichzeit­ig wurde aber auch deut­lich, dass Peking zunehmend bere­it sein wird, seine mod­ernisierte Flotte mit der Fähigkeit zur Macht­pro­jek­tion bewusst und gezielt zum Zwecke des Schaf­fens von Frieden und Har­monie auf den Welt­meeren zu nutzen.

Der Blick in das Weißbuch Chi­nas zur Vertei­di­gung von 2008 unter­stre­icht diese bei­den Ten­den­zen: Zum einen wird dort die Vertei­di­gung auss­chließlich als Folge eines geg­ner­ischen Angriffs definiert (»strike only after the ene­my has struck«), zum anderen ist Peking dabei, Rüs­tung­spro­gramme zu ver­fol­gen, die deut­lich über diesen Zweck hin­aus­ge­hen. Es ist dieser beste­hende Zwies­palt zwis­chen der heute pub­lizierten, grund­sät­zlich defen­siv­en Ein­stel­lung der strate­gis­chen Ebene und der kün­ftig angestrebten Fähigkeit zur offen­siv­en und präemp­tiv­en, ver­net­zten Oper­a­tions­führung auf oper­a­tiv­er und tak­tis­ch­er Ebene, der den Beobachter hin­sichtlich der weit­eren Entwick­lung der chi­ne­sis­chen Marine – trotz des seit 2008 zwis­chen Chi­na und den USA geschal­teten roten Tele­fons – nach­den­klich in die Zukun­ft schauen lässt.

Gle­ich­wohl bleibt festzustellen, dass es Chi­na mit den Feier­lichkeit­en zum 60. Jahrestag der Grün­dung der PLA Navy auf eine ganz her­vor­ra­gende Art und Weise gelun­gen ist, viele Mari­nen der Welt an einen run­den Tisch zu brin­gen – darunter auch die bei­den kore­anis­chen Mari­neober­be­fehlshaber, die die Gele­gen­heit zu einem Hand­schlag und Gespräch nutzten. Als Faz­it der Feier­lichkeit­en ist festzustellen, dass der erste Schritt zur Öff­nung der PLA Navy gegenüber der Welt getan ist. Nun­mehr wird es von deutsch­er Seite darauf ankom­men, in naher Zukun­ft mit der PLA Navy in einen offe­nen Dia­log einzutreten, um als erste Maß­nahme zur Sicherung der langfristi­gen Zusam­me­nar­beit bei­der Mari­nen, u.a. ein Aus­tausch­pro­gramm für junge Offiziere zu instal­lieren.