Schweiz — Widerstandsorganisationen 1940–1991

P26

Der Ursprung dieses Pro­jek­ts lag im sicher­heit­spoli­tis­chen Bericht des Schweiz­er Bun­desrates im Jahre 1973, worin es unter Zif­fer 426 hieß:

„Eine Beset­zung des Lan­des darf nicht das Erlöschen jeden Wider­standes bedeuten. Ein Geg­n­er soll auch in diesem Fall nicht nur mit Ablehnung, son­dern mit aktivem Wider­stand rech­nen müssen. Diese Gewis­sheit muss in sein­er Gewinn- und Ver­lus­trech­nung ein für uns pos­i­tives Ele­ment sein. […] Aber alle Möglichkeit­en, gün­stige Voraus­set­zun­gen für den aktiv­en Wider­stand zu schaf­fen, müssen früh wahrgenom­men wer­den.“

Auf der Grund­lage dieser Textzeile wurde eine Organ­i­sa­tion­sstruk­tur geschaf­fen, von der nur sehr wenige hochrangige Mil­itärs und Poli­tik­er wussten. Haup­tauf­trag des P‑26 und all ihrer drei Vorgängeror­gan­i­sa­tio­nen seit der Grün­dung der ANW am 4.9.1940 war es, die tägliche Verbindung des Exil­bun­desrates und seines Stabes in der beset­zten Schweiz sicherzustellen, und einziges verbliebenes Instru­ment des Exil­bun­desrates im beset­zten Gebi­et zu sein. Dieser nachrich­t­en­di­en­stliche und pro­pa­gan­daori­en­tierte Auf­trag schlägt sich denn auch in der Per­son­al­wahl sowie der Aus­rüs­tung der Kaderor­gan­i­sa­tion nieder.

Per­son­ell lautete das Ziel von P26 über einen Zeitraum eines Jahrzehnts eine ca. 800 Mann starke Truppe von Spezial­is­ten zu schaf­fen, die den Wider­stand im feindbe­set­zten Gebi­et weit­er­führen sollte, nach­dem die Schweiz mil­itärisch besiegt wor­den wäre und die Regierung sich im Exil aufhal­ten würde. Über ein Code­wort per Funk wären daraufhin Wider­stand­szellen aktiviert wor­den, welche ihren Sitz in bis zu 80 strate­gisch wichti­gen Gebi­eten in der Schweiz gehabt hät­ten. Diese Wider­stand­szellen wären keine Ersatzmil­itärein­heit­en gewe­sen, son­dern erfahrene patri­o­tis­che Bürg­er und (ehe­ma­lige) Miliz­sol­dat­en, die sich durch ihren Charak­ter und ihre Unauf­fäl­ligkeit im öffentlichen Leben ausze­ich­neten. D.h., nicht der bekan­nte Sportler oder Poli­tik­er son­dern eher der Lehrer, die Kranken­schwest­er oder der Zeitungsredak­teur. Die untere Alters­gren­ze lag bei 45 Jahren. Die Begrün­dung dafür liegt darin, dass die Älteren nach einem Abwehrkampf und während der Besatzung ein genaueres Bild davon hät­ten, wen man belas­ten kann bzw. wer für das Leis­ten von Wider­stand in Frage kommt und wer nicht. Der Schlüs­sel zum Erfolg lag zudem in der stren­gen Geheimhal­tung. Es wird ver­mutet, dass nicht ein­mal das MFS der DDR oder der KGB der Sow­je­tu­nion davon Ken­nt­nis hat­ten. Man kon­nte nicht Mit­glied wer­den auf­grund bspw. beson­der­er mil­itärisch­er Leis­tun­gen. Ein neues Feld­mit­glied wurde sehr per­sön­lich und verdeckt vor Ort rekru­tiert.

Ein sog. Region­alchef rekru­tierte ein Basis­team am „Leben­sort“ und jedes Mit­glied rekru­tierte wiederum das näch­ste Mit­glied, welch­es zur Bewäl­ti­gung der Auf­gaben im Bere­it­stel­lungsraum benötigt wurde. Jed­er kan­nte nur so viele Team­mit­glieder wie nötig und das waren zumeist max­i­mal zwei Per­so­n­en. Von Vorteil war das Schweiz­er Miliz-Sys­tem und die Tat­sache, dass Män­ner bis 55 Jahren darin jährlich ihren Trup­pen­di­enst absolvierten und somit einen rel­a­tiv hohen mil­itärischen Aus­bil­dungs­grad besaßen sowie exzel­lente Schützen waren (Bis 1995 umfasste die Schweiz­er Miliz 800.000 Mann). Zu P26 gehörten Funker, Sprengstof­f­ex­perten, Logis­tik­er sowie Per­so­n­en mit Spezialken­nt­nis­sen in Pro­pa­gan­da- und Pressear­beit. Die jew­eili­gen Mit­glieder wur­den in Einze­laus­bil­dun­gen oder in Grup­pe­naus­bil­dun­gen (mit Maske und Tarn­na­men) in ihren jew­eili­gen Fähigkeit­en an geheimen Orten (z.B. eine Bunker­an­lage in Gstaad) geschult und durch „Plau­si­bel-Geschicht­en“ gedeckt. Eine direk­te Verbindung zur NATO war nicht gewollt und bestand auch nicht. P26 war kein Teil des Stay Behind Pro­gramms der NATO. Jedoch wur­den Instruk­toren für P26 und deren Stab von Experten des MI6 aus­ge­bildet, welche auch Stay Behind Mit­glieder aus­bilde­ten. Diese Aus­bil­dung bein­hal­tete bspw. das Trainieren des Ver­hal­tens bei Gefan­gen­nahme und der anschliessenden Iso­la­tion sowie das über­greifende Train­ing mit dem Helikopter, Schlaubooten und U‑Booten.

Eine über­ge­ord­nete Organ­i­sa­tion bestand par­al­lel, welche den Überblick behielt und poten­tielle Kan­di­dat­en über­prüfte. Dieser Organ­i­sa­tion­steil unter­stand einem Vorge­set­zten, dem Chef des P26, welch­er Kon­takt zur Schweiz­er Armee und deren höch­sten Stab unter­hielt. Neue Mit­glieder wur­den mit­tels eines Videoban­des vom Gen­er­al­stab­schef des Eid­genös­sis­chen Mil­itärde­parte­ments begrüsst und ein­lei­t­end informiert. P‑26 war zu 100 Prozent ein Teil der Schweiz­er Armee. Die Aus­gliederung aus den gewöhn­lichen Struk­turen der Armee diente nur der Geheimhal­tung und der Fik­tion als auch um sich im Kapit­u­la­tions­fall nicht gebun­den zu fühlen. Das Eid­genös­sis­che Mil­itärde­parte­ment stellte den Gesamtbe­darf zum Auf­bau von P26 zur Ver­fü­gung: Instruk­toren, Gebäude, Fahrzeuge, Mate­r­i­al, Waf­fen Geld, Ver­sicherung, Aufge­bot­skarten und Erwerb­ser­satz. Alle Teil­nehmer unter­standen dem Mil­itärstrafrecht. Heute ist zudem bekan­nt, dass die Mit­glieder der Wider­stand­sor­gan­i­sa­tio­nen von 1940 bis 1990 unbe­waffnet waren in Frieden­szeit­en. Eine Basisaus­rüs­tung mit Chirurgiebesteck, Medika­menten, Trinkwasser­fil­tern, Chiffrierg­eräten, Karten, Kom­passen, Waf­fen zum Selb­stschutz und Mate­r­i­al für Sab­o­tage stand nicht in der Ver­fü­gungs­ge­walt der Organ­i­sa­tion son­dern unter direk­ter Kon­trolle des Gen­er­al­stab­schefs. Erst bei ein­er unmit­tel­bar bevorste­hen­den Beset­zung wäre das Mate­r­i­al in luft­dicht­en Con­tain­ern (Bild) abgegeben wor­den in dafür vor­bere­it­ete Ver­stecke. Das hier gezeigte Bild zeigt den Gen­er­al­stab­schef Arthur Liener mit der laut­los schiessenden Spezial­waffe G150 für Sab­o­ta­gen. Diese Waffe stellt eine Eige­nen­twick­lung des Schweiz­er Wider­standes dar.

P26

Bei der Auflö­sung der P26 Sek­tion in Schaffhausen im Jahr 1991 bestand die „Bewaffnung“ aus: 1x Kurzwellengerät PHÖNIX mit Zube­hör, 1x Kom­pass RECTA, 1x Chiffrierg­erät KOBRA mit Bat­teriezusätzen, 1x Satz Chiffrierun­ter­la­gen für Übungs­be­trieb, 34 Karten (Schweiz Europa), 1x Fer­n­glas Optolith, 11 grosse Kar­tons mit San­itäts­ma­te­r­i­al und Medika­menten. Keine Patrone und kein Gramm Sprengstoff.

Das wichtig­ste ist jedoch, dass es nicht darum ging Kampfein­heit­en zu trainieren, son­dern Män­ner und Frauen auszu­bilden, die den Wider­standswillen in der Bevölkerung über lange Zeit hin­weg aufrechter­hal­ten soll­ten, z.B. durch gezielte Sachbeschädi­gun­gen (Bahn­schienen block­ieren, Tele­fon­net­ze stil­l­le­gen), Ver­sorgung von Ver­wun­de­ten in der Bevölkerung sowie durch die Pro­duk­tion und Verteilung von Pro­pa­gan­da (Humor als Waffe, Unter­grundzeitung, Luft­bal­lons mit Schweiz­er Kreuz auf­steigen lassen; 1 Rap­pen Stücke mit Schweiz­er Kreuz in den Städten unauf­fäl­lig „ver­lieren“). Zudem soll­ten sie Hil­festel­lung den alli­ierten Son­dere­in­satzkräften leis­ten, die eventuell in der Schweiz abge­set­zt wor­den wären, um dort gegen die sow­jetis­chen Inva­soren zu kämpfen. Eben­so sollte Fluchthil­fe für gefährdete Mit­bürg­er geleis­tet wer­den. Mit P26 wurde allerd­ings die Durch­führung von Atten­tat­en aus der Konzep­tion der Wider­stand­sor­gan­i­sa­tion gestrichen, um Racheak­ten an der Zivil­bevölkerung vorzubeu­gen. Fakt ist, dass P26-Kad­er über sehr viel tak­tis­ches und mil­itärisches Wis­sen ver­fügten, welch­es sie trotz ihrer kleinen Grup­pen­größe dem Geg­n­er über­legen machen sollte im Besatzungs­fall. P26 war zusät­zlich noch in Redun­danz organ­isiert pro Region, wodurch bspw. Zelle B übernehmen bzw. aktiviert wer­den hätte kön­nen, wenn Zelle A ver­nichtet oder ent­tarnt wor­den wäre.

Aufdeck­ung und Auflö­sung von P26

Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde in der Schweiz die Fichen-Daten­bank pub­lik. Es han­delte sich dabei um eine Daten­bank über verdächtige Per­so­n­en, die dem Lager der Kom­mu­nis­ten zuge­ord­net wur­den, ähn­lich im Ansatz ein­er STASI-Daten­bank. Doch das Volk hat­te genug von Überwachung und die Poli­tik­er mussten Aufk­lärung über die Vorgänge ver­sprechen. Im Zuge der Aufk­lärung der Fichen 1990, wurde P26 ent­tarnt. Hinzukam, dass die einge­set­zte Par­la­men­tarische Unter­suchungskom­mis­sion, die die Vorgänge zu P26 über­prüfen sollte (PUK EMD) das Konzept von P26 falsch darstellte und somit die Fak­ten manip­uliert wur­den, um die ange­blich „pri­vate“ Organ­i­sa­tion krim­i­nal­isieren zu kön­nen. Auf diesen Zug sprangen die Medi­en auf und ver­ris­sen P26 als Geheimarmee. Da diese Worte damals extrem neg­a­tiv auf­stiessen bei der Bevölkerung, blieb den dama­li­gen Poli­tik­ern, welche völ­lig über­fordert und vielle­icht auch ungenü­gend den Sinn und Zweck dieser Kaderor­gan­i­sa­tion begrif­f­en hat­ten, nichts anderes übrig, als P26 im Jahre 1991 aufzulösen. Doch wie bere­its oben beschrieben han­delte es sich um eine Organ­i­sa­tion die zu 100 Prozent dem EMD ange­hörte und sich nicht als Geheimarmee ver­stand, noch der­ar­tig aufge­baut war.

Damit ver­lor die Schweiz ihr bestes Kad­er und entehrte die Mit­glieder gle­icher­massen, da sich ein Grossteil der Poli­tik­er auf die Seite der Boule­vard-Presse und den Sor­gen um eine unkon­trol­lier­bare Geheimarmee schlu­gen, anstatt den Patri­o­tismus und die Opfer­bere­itschaft zu hon­ori­eren, die diese Män­ner und Frauen ihrem Land gezollt haben. Eben­so blieb die Wahrheit hin­ter den manip­ulierten Fak­ten zurück.

Richtig­stel­lung der Fak­ten

Seit 2005 beschäftigt sich die Mil­itärhis­torische Stiftung des Kan­tons Zürich und die Forschungs­gruppe REWI mit dem The­ma organ­isiert­er Wider­stand. Die dafür erforder­liche Geheimhal­tung zu den Akten wurde für die REWI-Mitar­beit­er gelöst und sie began­nen damit die Akten des Gen­er­al­stabs zu sicht­en und Kon­takt zu ehe­ma­li­gen Mit­gliedern der Wider­stand­sor­gan­i­sa­tio­nen zu knüpfen. Die Forschungsergeb­nisse wer­den allerd­ings bis 2020 unter Ver­schluss gehal­ten, da bis dahin eine Sper­rfrist existiert. Ziel ist eine wahrheits­ge­treue geschichtliche Aufar­beitung der Geschichte des Schweiz­erischen Wider­standes. Im April 2007, auf­grund ein­er Veröf­fentlichung zu P26 in der Zeitschrift Schweiz­er Sol­dat, wurde das Pro­jekt auch im öffentlichen Raum bekan­nter.

Am 7. Sep­tem­ber 2009 hob der Bun­desrat die Schweigepflicht der ehe­ma­li­gen Mit­glieder der Wider­stand­sor­gan­i­sa­tio­nen auf. Für die ältesten Mit­glieder wurde damit nach 69 Jahren die Schweigepflicht been­det, welche bei Ver­let­zung ‑auch inner­halb der Fam­i­lie- nach dem Mil­itärstrafrecht mit Zuchthausstrafen geah­n­det wor­den wäre. Gle­ichzeit­ig begann Bun­desrat Ueli Mau­r­er zusam­men mit REWI damit, den noch leben­den und aufge­fun­de­nen Mit­gliedern eine Urkunde zu übergeben, zusam­men mit einem Schweiz­er Taschen­mess­er mit per­sön­lich­er Gravur. Damit wur­den die noch leben­den Mit­glieder durch den Bun­desrat ver­dankt.

Am 3. Juni und 3. Juli 2010 wurde im Bunker des Schaffhauser Zeughaus­es erst­mals eine Ausstel­lung zu P26 und deren Vor­läufer-Organ­i­sa­tio­nen öffentlich gezeigt, zusam­men mit einem Teil der Aus­rüs­tung der Feld­mit­glieder. Auf­grund der pos­i­tiv­en Res­o­nanz ist davon auszuge­hen, dass der Infor­ma­tion­sprozess in Rich­tung Öffentlichkeit weit­erge­hen wird und Details über P26 somit einem bre­it­en Pub­likum in Zukun­ft zugänglich sein wer­den. Auf­grund der Ini­tia­tive von Felix Wern­er Nöthiger (Leit­er REWI) sind zudem zwei Doku­men­tarfilme abge­dreht wor­den, deren Ausstrahlung im öffentlich rechtlichen Fernse­hen noch ausste­ht. Im Zeughaus zu Schaffhausen waren diese bere­its zu sehen und sie überzeu­gen in Bezug auf die Authen­tiz­ität vor allem durch die zahlre­ichen Inter­views und geschichtlichen Rück­blenden.

Hin­weis:

Es gibt His­torik­er, welche P26 gerne in die NATO „Stay Behind“ Armeen einord­nen wür­den, doch es han­delt sich um ein rein schweiz­erisches Mod­ell ein­er Wider­stand­sor­gan­i­sa­tion im feindbe­set­zten Gebi­et, welche nie aktiviert oder zu anderen Zweck­en miss­braucht wurde.

Angaben zum Autor:
lic. phil. Philipp Hauen­stein
Kon­takt: ph[at]worldsecuritynetwork.com
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