Arabien — Maghreb (arabisch: ‘Ferner Westen’)

 
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Im Nor­den Afrikas– dem erst nach 640 zur ara­bis­chen Welt gehören­den Gebi­eten zwis­chen Mit­telmeer und den Savan­nen südlich des nördlichen Wen­dekreis­es – bilden das ein­st­mals sozial­is­tis­che Alge­rien als ehe­mals franzö­sis­che Kolonie, das früher ital­ienis­che Libyen, die so weltof­fen erscheinende Prä­sidi­al­re­pub­lik Tune­sien und das Kön­i­gre­ich Marokko einen Staaten­bund, der in seinen Regierungs­for­men kaum unter­schiedlich­er sein kann – die Maghreb-Staat­en.

Der Maghreb — ins­beson­dere das Kernge­bi­et der Staat­en zwis­chen Atlantik und Tune­sien sowie dem west­lichen Teil Libyens — ist der West­en Ara­bi­ens. In der jün­geren Geschichte standen die west­lich von Ägypten gele­ge­nen Maghreb-Staat­en mit Aus­nahme des unab­hängi­gen Marokko in Ober­herrschaft des Osman­is­chen Reich­es. Diese Ober­herrschaft war aber nicht beson­ders inten­siv aus­geprägt. Die osman­is­chen Prov­inzen des Maghreb waren rel­a­tiv autark, man kön­nte fast von der Stel­lung trib­utpflichtiger Vasal­len­staat­en sprechen.

Hier haben sich starke Berbere­in­flüsse erhal­ten, in eige­nen Dialek­ten, ein­er eige­nen Lebensweise und auch in eienr anderen poli­tis­chen Kul­tur. Diese Gebi­ete kon­nten sich der von 1516 bis 1517 begrün­de­ten osman­isch-türkischen Fremd­herrschaft weit­ge­hend entziehen – um so mehr, je weit­er die Ent­fer­nung zum osman­is­chen Kern­land wuchs — , allerd­ings nur zu dem Preis, zum Spiel­ball der europäis­chen Kolo­nialmächte zu wer­den, die daran gin­gen, die einzel­nen Gebi­ete Nordafrikas unter sich aufzuteilen.

Tat­säch­lich hat­te Suleiman I. (1520 — 1566) bere­its in den 1530er und 1540er Jahren von Ägypten aus den ara­bis­chen Jemen erobert, und von 1525 bis 1575 wur­den die nordafrikanis­chen Küsten mit Libyen, Tune­sien und Alge­rien unter­wor­fen — aber nicht ins osman­is­che Reich eingegliedert son­dern als trib­utpflichtige Vasal­len­staat­en mit weit­ge­hen­der Selb­st­ständigkeit erhal­ten. Ende des 16. Jahrhun­derts war mit Aus­nahme des Sul­tanats Marokko fast die ganze ara­bis­che Welt unter der nominellen Ober­ho­heit der Osma­n­en.

Im west­lichen Mit­telmeer war die Aus­gangslage allerd­ings auch etwas anders. Die spanis­che Vertrei­bung der Mus­lime (1492 wurde Grana­da erobert), der “moriscos” oder Mau­ren, führte zunächst zu einem starken Wider­stand gegen weit­ere Expan­sion­spläne der Spanier in Nordafri­ka. Spanien kon­nte keine flächen­deck­enden Eroberun­gen mehr machen, son­dern musste sich mit soge­nan­nten “pre­sidios”, gut befes­tigten Kolonien (wie Ceu­ta und Melil­la) beg­nü­gen.  Die ein­heimis­chen Fürsten­häuser von Fes (Marokko), Tlem­cen (Alge­rien) und Tunis zahlten zwar Trib­ut, blieben aber rel­a­tiv unbe­hel­ligt.

Da die starken span­sichen Hafen­fes­tun­gen schw­er zu “knack­en” waren, begann sehr bald ein Kaperkrieg ein­heimis­ch­er “Bar­baren-Kor­saren” gegen die spanis­chen Schiffe, die diese Hafen­fes­tun­gen ver­sorgten. Dieser “Piratenkrieg” gipfelte in den Seeschlacht­en, die sich Khair ad-Din (der sich 1519 den Osma­n­en ange­di­ent hat­te und dafür 2000 Jan­itscharen als Schutztruppe erhielt) und die christlichen Flot­ten, ins­beson­dere  die spanis­che Arma­da unter Flot­tenkom­man­deur Andrea Doria (1466–1560) liefer­ten. Der um 1466 auf ein­er Insel vor der türkischen Küste geborene Khair ad-Din  wurde 1532 zum Ober­be­fehlshaber der osman­is­chen Flotte, zum “Kapu­dan Pascha” sowie zum Gou­verneur de mar­iti­men Prov­inzen des osman­is­chen Reich­es ernan­nt. Er war also keineswegs ein rein­er Pirat — son­dern in ein­er ähn­lichen Stel­lung wie der “königlich britis­che Pirat” Sir Fran­cis Drake, der eben­so die spanis­chen Flot­ten heim­suchte. Osma­n­en und Spanier (und in deren Gefolge auch andere christliche Staat­en wie Flo­renz) liefer­ten sich einen regel­recht­en Kaperkrieg, bei dem die gefan­genen Matrosen und Pas­sagiere der jew­eils geg­ner­ischen Seite gle­icher­maßen ver­sklavt oder gegen hohe Lösegeldzahlun­gen frei gepresst wur­den. 

Als Khair ad-Din 1546 starb, war die gesamte nordafrikanis­che Küste für das osman­is­che Reich gesichert — und ein von Istan­bul ernan­nter Gou­verneur, ein osman­is­ch­er Flot­te­nad­mi­ral und die Ober­be­fehlshaber der osman­is­chen Jan­itscharen teil­ten sich die Macht. Ab 1671 wurde der Kom­man­deur der Jan­itscharen durch einen vom Flot­ten­be­fehlshaber ernan­nten zivilen Regen­ten, den “dey” erset­zt. Dieser erhielt in den fol­gen­den Jahrzehn­ten immer mehr Befug­nisse, während sich der von den Osma­n­en ernan­nte Gou­verneur, der pascha, zunehmend nur noch repräsen­ta­tiv­en Auf­gaben wid­mete. Nach 1710 wur­den bei­de Funk­tio­nen zusam­men gelegt — der dey über­nahm auch die Auf­gabe des paschas. Die Ober­herrschaft der Osma­n­en wurde zunehmend nominell, die weit ent­fer­n­ten und dünn besiedel­ten Regio­nen des Maghreb wur­den von ein­heimis­chen Eliten regiert, die zwar den Schutz der Osma­n­en beanspruchen kon­nten, aber selb­st weit­ge­hende Hand­lungs­frei­heit besassen.

Erst im 19. Jahrhun­dert waren die Beziehun­gen so lock­er (und die ein­heimis­chen Fürsten so schwach), dass die Europäer das von den Spaniern ein­geleit­ete Eroberungswerk, die Kolonisierung Nordafrikas, fort­führen und abschließen kon­nten.

Nach der Unab­hängigkeit ging zunächst jed­er Staat seinen eige­nen Entwick­lungsweg. Alge­rien hoffte mit dem Mod­ell ein­er zen­tral gelenk­ten sozial­is­tis­chen Staatwirtschaft Erfolg zu haben, und auch die anderen Staat­en konzen­tri­erten sich mehr auf die eigene – endlich erlangte – Unab­hängigkeit, anstatt mit den Nach­barn gemein­same Wege zu gehen. 
Erst nach dem offenkundi­gen Scheit­ern der eige­nen nationalen Ambi­tio­nen wurde 1989 die „UNION DES ARABISCHEN MAGHREB“ gebildet, um gemein­sam die Län­der zu entwick­eln und die Region zu ein­er Wirtschafts­macht – immer im Schat­ten, aber auch nach dem Vor­bild der EWG auszubauen.

Union des Ara­bis­chen Maghreb — Maghreb-Staat­en:
Mau­re­tanien, Marokko, Alge­rien, Tune­sien und Libyen haben sich zu dieser Union des Ara­bis­chen Maghreb zusam­mengeschlossen.  
Der Maghreb ist geo­graphisch ein zusam­men­hän­gen­des, riesiges Gebi­et von rund 6 Mio. qkm, die von rund 81 Mil­lio­nen Men­schen (davon über 30 Mil­lio­nen in Alge­rien) bewohnt wer­den. Diese Bevölkerung konzen­tri­ert sich im Nor­den des Gebi­etes, vor allem im Berg­land südlich des Mit­telmeeres, das von Marokko bis Tune­sien reicht – und hier wiederum zunehmend in den Städten, deren Häfen zum Mit­telmeer und nach Europa aus­gerichtet sind.  
Trotz der unter­schiedlichen poli­tis­chen Sys­teme – die Volk­swirtschaften haben ähn­liche Grund­struk­turen und ver­fü­gen jew­eils über Wirtschafts­bere­iche, die sich gegen­seit­ig ergänzen.
Alge­rien und Libyen sind mit großen Erdöl- und Erdgas­re­ser­ven geseg­net. Alge­rien hat große Ressourcen an Erdöl, Erdgas, Eisen­erz, Blei und Kohle. Alge­rien ver­fügt zugle­ich über indus­triellen Ansätzen in den Städten aus der Zeit der nachkolo­nialen Entwick­lung. Libyen, Tune­sien und Marokko ver­fü­gen über aus­gedehn­ten Strände, die schon jet­zt viele Touris­ten anziehen, und dazu große Phos­phat-Vorkom­men, die sich von Mau­re­tanien über Marokko bis Tune­sien find­en lassen; alle Staat­en haben ein gutes Schul- und Uni­ver­sitätssys­tem, das in großer Anzahl qual­i­fizierte Absol­ven­ten her­an­bildet — und poli­tis­chen Führer, die — mit Unter­stützung der EU — einiges tun, um Staat und Gesellschaft nach europäis­chem Vor­bild zu reformieren. Zugle­ich sollen die Volk­swirtschaften mod­ernisiert und dem europäis­chen Niveau angepasst wer­den.  
Die Grund­la­gen für eine pos­i­tive Entwick­lung sind nicht ungün­stig.

Den­noch scheint der lang erwartete und erhoffte Durch­bruch auszubleiben.  

Die Maghreb-Staat­en erzie­len zusam­men ein Brut­tosozial­pro­dukt (BSP), das noch unter dem des EU-Staates Spanien liegt.
Das Wirtschaftswach­s­tum – in Alge­rien derzeit (2007) jährlich etwa 3 %, in Marokko sog­ar über 9,3 % — hält mit der Bevölkerungszu­nahme nicht Schritt, weshalb das ver­füg­bare Pro-Kopf-Einkom­men effek­tiv sinkt – die Bevölkerung ver­armt. Nach Schätzun­gen der Welt­bank wird die Bevölkerung der Maghreb-Staat­en von heute 81 Mil­lio­nen bis zum Jahre 2020 auf über 110 Mil­lio­nen ansteigen. Das Wirtschaftswach­s­tum müsste mit dieser Bevölkerung­sex­plo­sion Schritt hal­ten, um den Lebens­stan­dard der Bevölkerung zu hal­ten und sog­ar zu steigern. Dies wäre erst bei einem Wirtschaftswach­s­tum von min­destens 5 % zu erwarten.

Worin liegen die Ursachen für diese Entwick­lung?  
Um es vor­weg zu sagen: der „Pil­lenen­zyk­li­ka“ der katholis­chen Kirche kann in diesen islamis­chen Län­dern nicht die Schuld für ein über­pro­por­tionales Bevölkerungswach­s­tum zugeschoben wer­den. Es ist vielmehr zu fra­gen, wo die Ursachen der unzure­ichen­den wirtschaftlichen Entwick­lung liegen.

Anstatt gemein­sam aufzutreten lassen sich die Maghreb-Staat­en auf bilat­erale Han­delsabkom­men mit der EU ein, die sich damit jew­eils zum größten Außen­han­delspart­ner der einzel­nen Staat­en der Gemein­schaft entwick­elt.
Die Wirtschaften Tune­siens (75 % Han­delsvol­u­men mit der EU), Alge­riens (63 %) oder Marokkos (60 %) sind auss­chließlich auf die EU konzen­tri­ert, während die Han­dels­bi­lanzen einen „inter­nen Waren­verkehr“ von nur etwas über 2 % des Han­delsvol­u­mens ausweisen.
Multi­na­tionale Wirtschaft­spro­jek­te sind die Pipelines, die aus Alge­rien und Libyen – über die Meerenge zwis­chen Tune­sien und Ital­ien – bzw. von Alge­rien über Marokko nach Europa führen – und damit wieder dem Han­del mit der EU, nicht aber der gegen­seit­i­gen Wirtschafts­förderung dienen. Erdöl, Erdgas, Phos­phate – aber auch Süd­früchte und Dat­teln sind die „klas­sis­chen Export­güter“ der Maghreb-Staat­en, wobei die EU durch Agrar­sub­ven­tion­ierung der eige­nen Land­wirte, Kontin­gente und Importquoten die Liefer­ung von Agrar­waren und Fer­tig­pro­duk­ten aus den Maghreb-Staat­en mas­siv behin­dert. 
Die EU selb­st liefert Indus­trieaus­rüs­tun­gen (wom­it die Indus­tri­al­isierungsan­sätze Alge­riens gebremst wer­den) und Getrei­de – in die zur Zeit des römis­chen Imperi­ums als „Kornkam­mer Roms“ beze­ich­neten Gebi­ete.  

Zukun­ftsmusik — “Desertec” Grün­er Strom für Europa:
Mit dem Export von Solarstrom nach Europa — der Bun­desumwelt­min­is­ter Sig­mar Gabriel kann schon fast als Dauer­gast im Maghreb beze­ichent wer­den — soll für die Län­der des Maghreb eine neue Devisen­quelle und für Europa eine neue Energiequelle mit “Grünem Strom für Europa” gefun­den wer­den.

Vision Desertec” — Quelle: http://www.desertec.org/de

Ex-Umwelt­min­is­ter Klaus Töpfer — der schon während seine Amt­szeit stark engagiert war — sitzt nun als Berater für “Desertec”, eines der größten Öko­pro­jek­te der Welt, aktiv.  Dieses Pro­jekt beabis­chtigt, mit solarther­mis­chen Krafw­erken und Win­dan­la­gen in den Wüsten­re­go­nen Nordafrikas bis zum Jahr 2050 rund 15 Prozent des europäis­chen Stromver­brauchs zu deck­en. West­liche Experten gehen davon aus, dass im Jahre 2025 der nordafrikanis­che Solarstrom — trotz des Trans­ports über unter­seeis­che Kabel — bil­liger wird als der aus heimis­ch­er Kohlever­stro­mung. Bis 2050, so zitiert “die Welt” Pro­fes­sor Hans Müller-Stein­hagen, den Direk­tor des Insti­tuts für Tech­nis­che Ther­mo­dy­namik des Deutschen Zen­trums für Luft- und Raum­fahrt (DLR) in Stuttgart, “kön­nten etwa 15 Prozent des gesamten deutschen Strombe­darfs mit Import­strom aus Nordafri­ka gedeckt wer­den”. Zwis­chen Marokko und Gibral­tar sowie zwis­chen Tune­sien und Ital­ien sollen entsprechende Stromk­a­bel über den Grund des Mit­telmeeres geführt wer­den. In Marokko wird derzeit (2007) mit Hil­fe der Welt­bank ein Ref­eren­zkraftwerk errichtet, mit dessen Energie zunächst die Region selb­st ver­sorgt wer­den soll. Unter der Leitung der Gesellschaft für Tech­nis­che Zusam­me­nar­beit (GTZ) sollen auch in Marokko und Tune­sien solarther­mis­che Kraftwerke errichtet wer­den, die sowohl dem eige­nen nationalen Bedarf wie auch dem Strom­ex­port nach Europa dienen sollen. Darüber hin­aus sind vor allem an der atlantis­chen Küste von Marokko bis Mau­ree­tanien ver­net­zte Wind­kraftwerke vorge­se­hen.  Diese Kraftwerke sollen in ein Netz mit geot­her­mis­chen und Bio­gaskraftwerken einge­bun­den wer­den und auch Wasser­entsaltzungsan­la­gen betreiben. Das Investi­tionsvol­u­men — über 40 Jahre gestreckt — wird auf 400 Mil­liar­den Euro geschätzt.

Tat­säch­lich wer­den die Kosten für Siliz­ium, Siliz­iumkristalle und Solarzellen in den näch­sten Jahren durch tech­nol­o­gis­chen Fortschritt und zunehmende Massen­pro­duk­tion immer gün­stiger. Gle­ichzeit­ig steigt der Wirkungs­grad der Sys­teme. Die  Kosten für die Erzeu­gung ein­er Kilo­t­wattstunde Solarstrom, die heute zwis­chen 25 und 40 Cent liegen, wer­den schon in weni­gen Jahren in Deutsch­land auf 18 Cent fall­en (Quelle: Wirtschaftswoche vom 23.04.2007 unter Zitat ein­er Stu­dio von Pho­ton Con­sult­ing). Der Kli­mawan­del tut hier ein Übriges, um die immer sel­tenere und damit teur­eren fos­silen Brennstoffe gegenüber Solarkollek­toren in Wet­tbe­werb­snachteile treten zu lassen. Ger­ade die Kern­bere­iche der Sahara und die südlichen Küsten des Mit­telmeeres eignen sich — wie glob­al kaum eine andere Region — sehr gut für Solarkraftwerke.

Extern­er Link: Desertec