Allgemein — Geändertes geopolitisches Verständnis

 

Samuel Hunt­ing­ton — Die These vom “Zusam­men­prall der Kul­turen“
1993 ver­set­zte die These vom “Zusam­men­prall der Kul­turen” vor allem Islamwis­senschaftler und Ori­en­tal­is­ten in helle Aufruhr — der Poli­tik­wis­senschaftler Samuel Hunt­ing­ton warnte vor ein­er neuen Gefahr, dem Islam als ein­er bedrohlichen Zivil­i­sa­tion. 
Inzwis­chen ist die Auseinan­der­set­zung zwis­chen Islam und west­lichen Indus­tri­es­taat­en auch in den pop­ulären Bericht­en z.B. von P. Scholl-Latour ein Kern­punkt der poli­tis­chen und wirtschaftlichen Aus­lands­berichter­stat­tung. 
Bei näherem Hin­se­hen stellt sich aber eine gewisse Dif­feren­zierung her­aus. 
Es geht nicht um Islam gegen Chris­ten­tum, die Akteure sind vielmehr regionaler gegliedert. Nor­dameri­ka ist mit Europa nicht in ein­er Lin­ie, und auch die islamis­chen Staat­en Iran, Türkei und Irak ste­hen an unter­schiedlichen Stellen in dieser Gemen­ge­lage. 

Bere­its Hunt­ing­ton will die bish­er gültige Ein­teilung der Welt in eine erste, zweite und dritte zugun­sten ein­er Unter­schei­dung nach kul­tureller Ein­heit, Städte, Regio­nen, eth­nis­chen Grup­pen, Nation­al­itäten, religiösen Grup­pen aufgeben. Er unter­schei­det die Kul­tur ein­er südi­tal­ienis­chen Stadt von der ein­er nordi­tal­ienis­chen, bei­de seien aber gemein­samer ital­ienis­ch­er Kul­tur, die sich ihrer­seits z.B. wieder von deutschen Städten unter­schei­det — und die europäis­che Gemein­schaft unter­schei­det sich wieder von ara­bis­chen oder chi­ne­sis­chen Erschei­n­ungs­for­men. 

Für deutsche Ver­hält­nisse ließe sich der Ver­gle­ich schon auf­bauend mit den Unter­schieden zwis­chen einem alt­bayrischen Dorf und den fränkischen Fach­w­erk­baut­en begin­nen. 

  • Wer sein Leben lang in der alt­bay­erischen Land­schaft mit seinen Block­häusern und den flach geneigten Däch­ern ver­bracht hat, der empfind­et die fränkischen Fach­w­erkhäuser als “fremd”, als “frem­dar­tig”, und noch im Mit­te­lal­ter war das poli­tis­che Selb­stver­ständ­nis des “wir”, der sich zusam­menge­hörig empfind­en­den Men­schen gegenüber “den Frem­den”, “den Anderen” auch von den Haus­land­schaften geprägt. 

  • Die näch­ste Stufe des “wir” bilden die bis zum Anfang des let­zten Jahrhun­derts beste­hen­den Eigen­staat­en, die sich in den heuti­gen Bun­deslän­dern zum Teil wiederfind­en. Bay­ern und Preußen — noch immer ein Gegen­satz, auch wenn es den Staat “Preußen” nicht mehr gibt; aber seine Bevölkerung, die Bewohn­er der Haupt­stadt Berlin und des Lan­des Bran­den­burg, lebt weit­er.

  • Der Nation­al­staat Deutsch­land war — und ist — die näch­ste Stufe der Ein­heit, bildet den näch­sthöheren Hor­i­zont des “Wir-Gefühls” im Ver­hält­nis zu “den Anderen”, den “Aus­län­dern”. 

  • Und mit zunehmender Reise- und Urlaub­serken­nt­nis bildet sich unbe­wusst eine weit­ere, noch höher liegende “Wir-Ebene.” Roman­is­che und Gotis­che Kirchen find­en sich nicht nur in Deutsch­land, son­dern auch in Frankre­ich, Eng­land, Ital­ien. Alle diese Län­der haben in ihren alten Städten Gebäude dieses Baustils, der in Frankre­ich als “franzö­sis­ch­er Stil” beze­ich­net wird.

Die Großs­tadt Berlin unter­schei­det sich in ihrer erleb­baren Architek­tur, in ihrer “Sinneswelt” mit Häusern, U‑Bahn und Straßen­verkehr nicht wesentlich von Paris oder Lon­don, die Unter­schiede zwis­chen einem meck­len­bur­gis­chen Dorf und der Welt­stadt Berlin sind wesentlich größer als die zwis­chen Berlin und den anderen europäis­chen Großstädten.
Der europäis­che Eini­gung­sprozess tut ein Übriges — aus wirtschaftlichen Bünd­nis­sen entste­ht eine poli­tis­che Ein­heit, verkör­pert im Europäis­chen Par­la­ment und erleb­bar im “Euro”, der gemein­samen Währung. 
Es sind nur noch wenige Münzsamm­ler, die €-Münzen aus anderen Län­dern der eige­nen Samm­lung zuführen, ganz selb­stver­ständlich aber gehören die unter­schiedlichen nationalen Prä­gun­gen zum über­all akzep­tierten Zahlungsmit­tel.
Hier hat sich eine weit­ere, höher gele­gene “Wir-Ebene” gebildet und beze­ich­nen­der­weise beteili­gen sich am Irak-Krieg 2003 mit Eng­land und Däne­mark zwei Staat­en der europäis­chen Gemein­schaft auf Seite der USA (und in klar­er Abgren­zung gegenüber europäis­chen Posi­tio­nen), die nicht der €-Zone ange­hören. Andere europäis­che Regierun­gen wie Ital­ien oder Spanien haben die USA zwar ver­bal unter­stützt, dann aber — auf Druck der eige­nen Bevölkerung ? — eine weit­ere, darüber hin­aus­ge­hende Beteili­gung unter­lassen.

Zurück zu Hunt­ing­ton und mit anderen Worten: 
Hunt­ing­ton definiert Zivil­i­sa­tion als größt­möglichen Zusam­men­schluss auf ein­er größt­möglichen Ebene von Iden­tität, die durch gemein­same objek­tive Kri­te­rien wie Sprache, Geschichte, Reli­gion, Sit­ten, Insti­tu­tion und eine sub­jek­tive Zuge­hörigkeit (Selb­sti­den­ti­fizierung) gekennze­ich­net ist. 
Eine solche Zivil­i­sa­tion kann (wie z.B. bei der ara­bis­chen Nation) auch mehrere Staat­en umschließen, eine solche Zivil­i­sa­tion kann sich aber auch in “Sub­zivil­i­sa­tio­nen” aufteilen, wie z.B. bei den west­lichen Staat­en zwis­chen Nor­dameri­ka und Europa oder auch im östlichen Asien zwis­chen Chi­na und Japan. 
Dieser Ansatz scheint sich immer mehr durchzuset­zen. 

Da die Denkweise des Men­schen von sein­er Sprache geprägt ist — man “denkt in sprach­lichen Begrif­f­en” — ist die unter­schiedlich Sprache, die Zuge­hörigkeit zu ein­er anderen Sprach­fam­i­lie nicht nur ein hör- und wahrnehm­bares Abgren­zungskri­teri­um. In der Sprache drück­en sich eine Vielzahl kul­tureller Selb­stver­ständlichkeit­en aus. Jede Sprache formt eine eigen­tüm­liche Denkstruk­tur (lin­guis­tis­ches Rel­a­tiv­ität­sprinzip),  wer unter­schiedlich spricht, der denkt auch unter­schiedlich — und daher bilden die Sprach­fam­i­lien auch eine Bruch­zone zwis­chen der Denkweise der Men­schen. Man “ver­ste­ht” den anderen nicht nur wortwörtlich nicht mehr — auch das “Ver­ständ­nis” für die Gedanken- und Inter­essenswelt des anderen geht an ein­er sprach­lichen Bar­riere ver­loren. Die Geschichte von der “baby­lonis­chen Sprachver­wirrung”, die den “Turm­bau zu Babel” ver­hin­derte, hat so dur­chaus auch einen tief­er­en Sinn.

Dazu kommt eine weit­ere Tren­nung:
Reli­gion und Sitte sind nicht nur “volk­stümel­nd touris­tis­che Folk­lore-Ele­mente”. Die Reli­gion prägt die ethis­che Grun­de­in­stel­lung des Men­schen von Kindes­beinen an. 
Religiöse Grundw­erte wie Näch­sten­liebe, Güte und Tol­er­anz — aber auch der “Heilige Krieg” sind in Ide­alen per­son­al­isiert, sind die Ide­al­bilder ein­er Gesellschaft und damit ein gesellschaftlich­es Ziel, das tief im Inneren — unter der “Bewusst­sein­sebene” — das moralisch-ethis­che Han­deln ein­er Gesellschaft bes­timmt. 

Gegenkon­trolle:
Kriegerische Auseinan­der­set­zun­gen spie­len sich dort aber, wo “Wir” und “die Anderen” zusam­men­stoßen. Wenn denn die These Hunt­ing­tons zutrifft, dann müssten die Ver­w­er­fungszo­nen zwis­chen den Zivil­i­sa­tio­nen, die Bruch­lin­ien zwis­chen den Kul­turen sehr viel deut­lich­er von kriegerischen Auseinader­set­zun­gen geprägt sein als es im inneren dieser Kul­tur- und Zivil­i­sa­tion­s­ge­mein­schaft der Fall ist.

Tat­säch­lich deuten die immer wieder auf­flack­ern­den Kon­flik­te ger­ade an den Bruch- und Ver­w­er­fungszo­nen zwis­chen sprach­lich-/re­ligiös unter­schiedlichen Bevölkerun­gen darauf hin, dass sich der “Zusam­men­prall der Kul­turen” auf die Men­schen sehr viel mehr in kriegerischen Kon­flik­ten entlädt als jedes andere Inter­esse — man gewin­nt die inter­es­sante Erken­nt­nis, dass sich die derzeit­i­gen Kon­flik­te fast aus­nahm­s­los an den Grenzbere­ichen der einzel­nen regionalen Zivil­i­sa­tio­nen ereignen:

Einige Beispiele:

Israel:

  • Die Staats­grün­der Israels haben sich für das dem ara­bis­chen ver­wandte Hebräisch als Nation­al­sprache entsch­ieden, obwohl dur­chaus auch andere Möglichkeit­en wie etwa “Jid­disch” bestanden. Den­noch ist Israel ein Fremd­kör­p­er im ara­bis­chen Umfeld.

  • Das liegt zum einen und sich­er auch vor­rangig an der unter­schiedlichen Reli­gion — Juden­tum und Islam sind zwar eben­falls ver­wandt, der Islam hat sich auch aus jüdis­chen Wurzeln entwick­elt, aber bei­de Reli­gio­nen sind doch sehr unter­schiedlich.

  • Dazu kommt die “west­liche Gesellschaft” der Israelis, die im ara­bisch-islamis­chen Umfeld als “Ver­west­lichung” beze­ich­net wird. 

Irak: 

  • Der Dauerkon­flikt mit Iran und den Kur­den find­et an der Bruch­lin­ie zwis­chen der indoarischen und der semi­tis­chen Sprach­fam­i­lie statt.

  • Daneben gibt es eine religiöse Auseinan­der­set­zung zwis­chen schi­itis­chen und sun­nitschen Arabern, die aber nur inner­halb des Irak stat­tfind­et und bei den Auseinan­der­set­zun­gen im sprach­lichen Gren­zge­bi­et im Hin­ter­grund bleibt.

Türkei:

  • Der Dauerkon­flikt zwis­chen Kur­den und Türken ist ein Kon­flikt zwis­chen ver­schieden­sprachi­gen Völk­ern.

Kauka­sus:

  • Die “lokalen Kriege” zwis­chen Arme­niern und (turk­sprachi­gen) Aser­bei­d­schan­ern sind genau­so Kriege zwis­chen ver­schieden­sprachi­gen Völk­ern wie der Unab­hängigkeit­skrieg der Tschetsch­enen gegen die rus­sis­che Staats­macht.

  • Ver­schärft wird diese Kon­flik­t­lage durch die unter­schiedliche religiöse Zuge­hörigkeit der ver­schiede­nen Völk­er des Kauka­sus.

Afghanistan:

  • Trotz der religiösen Ein­heit ist Afghanistan in einen Dauerkon­flikt ver­wick­elt — der sich immer wieder auf die Auseinan­der­set­zung zwis­chen den osti­ranis­chen Tal­iban und den Muja­hed­din der “Nord­front” zurück­führen lässt — deren stärk­ste Partei die von Gen­er­al Dos­tum geführte ubsekisch-turk­sprachige Grup­pierung darstellt.

Indi­en — Pak­istan:

  • Hin­di und Urdu sind zwei prak­tisch iden­tis­che Sprachen, die mit dem per­sis­chen nahe ver­wandt sind. Hier ist der Kon­flikt religiös motiviert. Das Pak­istanis­che Staatsver­ständ­nis beruht ger­adezu auf der religiösen Abgren­zung des Islamis­chen Staates gegenüber der über­wiegend hin­duis­tis­chen, säku­laren indis­chen Union.

Diese Beispiele lassen sich beliebig fort­set­zen, was zur Erken­nt­nis und Bestä­ti­gung führt:
Fast jed­er Kon­flikt lässt sich auf eine solche sprach­lich-religiöse Tren­nung zurück­führen.

Während aber in der Ver­gan­gen­heit — während des “Kalten Krieges” — die eige­nen kul­turellen Inter­essen vom Gegen­satz der bei­den Welt­mächte überdeckt waren, ist mit dem Ende dieser Bipo­laren Dual­ität wieder Platz für die Entwick­lung der Eigen­ständigkeit­en gegeben. 
Die aktuelle poli­tis­che Entwick­lung fördert also dur­chaus die Region­al­isierung der Welt­mächte — allerd­ings in ein­er etwas mehr “geo­graphisch region­al” geän­derten Ein­teilung als von Hunt­ing­ton angenom­men.

 

Team GlobDef

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