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Schweiz - P26 - Widerstandsorganisationen in der Ära des Kalten Krieges E-Mail
Geschrieben von Philipp Hauenstein   

Kurzinformation:

Name: P26 = Projekt 26
Operationsgebiet: Schweiz
Zeitraum: 1973-1992
Organisationstyp: Elitäre Kaderorganisation (bewusst halb bzw. nicht-staatlich)
Truppenstärke: 600 Mann geplant
Ausrüstung: Panzerfäuste, Präzisionsgewehre, Maschinenpistolen, sowie Sprengstoff
Primärziel: Aufrechterhaltung des Widerstandswillens im feindbesetzten Gebiet
Sekundärziel: Zerstörung kritischer Objekte des Gegners, u.U. auch Attentate
Tertiärziel: Versorgung der Zivilbevölkerung und der Verwundeten

Details:
In der Zeit nach 1945 gab es in der Schweiz Projekte von Seiten der Schweizer Armee, die es zum Ziel hatten die Widerstandsfähigkeit im Besatzungsfall zu erhöhen. Eines der berühmtesten Projekte war der Aufbau der elitären Kaderorganisation P26. Der Begriff darf auf keinen Fall missverstanden oder gleichgesetzt werden mit dem Wort Geheimarmee.
Der Ursprung dieses Projekts lag im sicherheitspolitischen Bericht des Schweizer Bundesrates im Jahre 1973, worin es unter Ziffer 426 hieß:


„Eine Besetzung des Landes darf nicht das Erlöschen jeden Widerstandes bedeuten. Ein Gegner soll auch in diesem Fall nicht nur mit Ablehnung, sondern mit aktivem Widerstand rechnen müssen. Diese Gewissheit muss in seiner Gewinn- und Verlustrechnung ein für uns positives Element sein. […] Aber alle Möglichkeiten, günstige Voraussetzungen für den aktiven Widerstand zu schaffen, müssen früh wahrgenommen werden.“


Auf der Grundlage dieser Textzeile wurde eine Organisationsstruktur geschaffen, von der nur sehr wenige hochrangige Militärs und Politiker wussten. Das Ziel war es über den Zeitraum eines Jahrzehnts eine ca. 600 Mann starke Truppe von Spezialisten zu schaffen, die den Widerstand im feindbesetzten Gebiet weiterführen sollten, nachdem die Schweiz militärisch besiegt worden wäre und die Regierung sich im Exil aufhalten würde. Über ein Codewort per Funk wären daraufhin Widerstandszellen aktiviert worden, welche ihren Sitz in strategisch wichtigen Gebieten in der Schweiz gehabt hätten. Diese Widerstandszellen wären keine Ersatzmilitäreinheiten gewesen, sondern erfahrene patriotische Bürger und (ehemalige) Milizsoldaten, die sich durch ihren Charakter und ihre Unauffälligkeit im öffentlichen Leben auszeichneten. Der Schlüssel zum Erfolg lag in der strengen Geheimhaltung. Es wird vermutet, dass nicht einmal das MFS der DDR oder der KGB der Sowjetunion davon Kenntnis hatten. Man konnte nicht Mitglied werden aufgrund bspw. besonderer militärischer Leistungen, es wurde sehr persönlich und verdeckt vor Ort rekrutiert. Ein sog. Regionalchef rekrutierte ein Basisteam am „Lebensort“ und jedes Mitglied rekrutierte wiederum das nächste Mitglied, welches zur Bewältigung der Aufgaben im Bereitstellungsraum benötigt wurde. Jeder kannte nur so viele Teammitglieder wie nötig. Von Vorteil war dafür das Schweizer Miliz-System und die Tatsache, dass Männer bis 55 Jahren darin jährlich ihren Truppendienst absolvierten und somit einen relativ hohen militärischen Ausbildungsgrad besaßen sowie exzellente Schützen waren (Bis 1995 umfasste die Schweizer Miliz 800.000 Mann). Zu P26 gehörten Funker, Sprengstoffexperten, Logistiker sowie Personen mit Spezialkenntnissen in Propaganda- und Pressearbeit. Die jeweiligen Mitglieder wurden dann in Einzelausbildungen oder in Gruppenausbildungen (mit Maske und Tarnnamen) in ihren jeweiligen Fähigkeiten an geheimen Orten geschult und durch „Plausibel-Geschichten“ gedeckt. Eine übergeordnete Organisation bestand parallel, welche den Überblick behielt und potentielle Kandidaten überprüfte etc. Diese unterstand einem Vorgesetzten, dem Chef des P26, welcher Kontakt zur Schweizer Armee und deren höchsten Stab unterhielt. P26 war dennoch kein Teil der Armee, weshalb die Mitglieder auch nie hätten kapitulieren müssen, von formalen Gesichtspunkten her, wenn es Staat und Armee im Besatzungsfall getan hätten. Das wichtigste ist jedoch, dass es nicht darum ging Kampfeinheiten zu trainieren, sondern Männer und Frauen auszubilden, die den Widerstandswillen in der Bevölkerung über lange Zeit hinweg aufrechterhalten sollten, z.B. durch gezielte Anschläge, Sachbeschädigungen, Versorgung von Verwundeten in der Bevölkerung sowie durch die Produktion und Verteilung von Propaganda. Zudem sollten sie Hilfestellung den alliierten Sondereinsatzkräften leisten, die eventuell in der Schweiz abgesetzt worden wären, um dort gegen die sowjetischen Invasoren zu kämpfen. Fakt ist, dass P26-Kader über sehr viel taktisches und militärisches Wissen verfügten, welches sie trotz ihrer kleinen Gruppengröße dem Gegner überlegen machen sollte im Besatzungsfall.
Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde in der Schweiz die Fichen-Datenbank publik. Es handelte sich dabei um eine Datenbank über verdächtige Personen, die dem Lager der Kommunisten zugeordnet wurden, ähnlich im Ansatz einer STASI-Datenbank. Doch das Volk hatte genug von Überwachung und die Politiker mussten Aufklärung über die Vorgänge versprechen. Im Zuge der Aufklärung der Fichen 1990, wurde P26 enttarnt und von den Medien als Geheimarmee verrissen. Da diese Worte damals extrem negativ aufstießen bei der Bevölkerung, blieb den damaligen Politikern, welche völlig überfordert und vielleicht auch ungenügend den Sinn und Zweck dieser Kaderorganisation begriffen hatten, nichts anderes übrig, als P26 im Jahre 1991/92 aufzulösen. Damit verlor die Schweiz ihr bestes Kader und entehrte die Mitglieder gleichermaßen, da sich ein Grossteil der Politiker auf die Seite der Boulevard-Presse und den Sorgen um eine unkontrollierbare Geheimarmee schlugen, anstatt den Patriotismus und die Opferbereitschaft zu honorieren, die diese Männer und Frauen ihrem Land gezollt haben. Der Umgang des Staates mit diesen Bürgern ist bis heute ein schwieriges und gleichzeitig ungelöstes Kapitel Schweizer Geschichte, da Fehler in diesem Bereich nur schwer zu korrigieren sind rückwirkend.
Seit April 2007 (aufgrund einer Veröffentlichung zu P26 in der Zeitschrift Schweizer Soldat), haben ehemalige P26 die Möglichkeit sich bei einer Forschungsstelle namens REWI zu melden, um alte Kameraden kennen zu lernen aus ihrem Bereitstellungsraum und Auskunft über ihre Ausbildung zu geben. Die Forschungsergebnisse werden allerdings weiterhin unter Verschluss gehalten, um die Anonymität zu wahren.
Es gibt Gerüchte darüber das P26 nicht die einzige Kaderorganisation dieser Art in der Schweiz war und dass es für den Fall, dass P26 versagt hätte, es noch weitere Kader gab als Redundanz. Doch eines kann dieser Konzeption entnommen werden, die Schweiz wäre selbst nach einer Eroberung, eine Art Afghanistan auf Schweizer Art geworden.

Hinweis:
Es gibt Historiker, welche P26 gerne in die NATO „Stay Behind“ Armeen einordnen würden, doch es handelt sich um ein rein schweizerisches Modell einer Widerstandsorganisation im feindbesetzten Gebiet, welche nie aktiviert oder zu anderen Zwecken missbraucht wurde.




Letztes Update ( Dienstag, 22 April 2008 )
 
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