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Lateinamerika - Brasilien (Brazil) - Übersicht E-Mail
Geschrieben von Erich Sczepanski   
Artikel Inhalt
Übersicht
Einführung
Wirtschaftliche Entwicklung
Eigene Stärken Brasiliens
Rohstofflager der Welt
Wirtschaftsentwicklung
Wirtschaftszentren
Landreform und Infrastruktur
einzelne Industriebereiche
Energieprobleme
Erdöl und Ölersatz
Nuklearprogramm
Staatshaushalt
Militärisches Potential













".. Auf internationalem Parkett strotz Brasilien vor Selbstbewusstsein. In den Welthandelsgesprächen glaubt die Regierung kaum mehr Konzessionen gegenüber den Industrieländern machen zu müssen. Außenminister Celso Amorim äußerte jüngst, die von Brasilien seit langem geförderte Öffnung der Agrarmärkte werde angesichts der weltweit knappen Nahrungsmittel schon vom Markt geschaffen."
(FAZ 26.05.200)

Wirtschaftliche Entwicklung:
In den letzten Jahren vor der Jahrtausendwende gehörte Brasilien zu den wirtschaftlichen Krisenstaaten der Erde. Der Real war nach Jahren einer immer künstlicher aufrecht erhaltenen Dollarbindung abgewertet worden, die Auslandsverschuldung betrug fast 272 Mrd. $ - dem Land drohte (wie Argentinien zwei Jahre später) die Zahlungsunfähigkeit. In dieser Zeit wurde ein bescheidener Professor (ColumbiaUniversity, New York und Wharton School), Antonio Fraga, zum Chef der brasilianischen Zentralbank berufen. Mit Zinssenkungen wurde die Wirtschaft angekurbelt - und mit dem damals größten Kredit der IWF-Geschichte über 30 Mrd. $ die Zahlungsunfähigkeit Brasiliens vermieden. Der PLAN ging auf.  

Brasilien war im Jahr 2006 die zehntgrößte Volkswirtschaft der Welt - und Goldmann-Sachs, das bekannte Wirtschaftsinstitut, sieht Brasilien in drei Dekaden zur weltweit fünftgrößte Volkswirtschaft wachsen. Brasilien hat den Ehrgeiz, neben China und Indien zu den wichtigsten aufstrebenden Wirtschaftsmächten des neuen Jahrtausends zu werden. Dazu ist ein ehrgeiziges Investitionsprogramm angekündigt. Das hierzu benötigte Geld scheint inzwischen ausreichend vorhanden zu sein.

Brasiliens Regierung konnte 2006 mehr als 10 Mrd. $ Auslandsschulden vorzeitig tilgen und Deviseneinnahmen von rund 160 Mrd. $ einstreichen. Das zunächst vor allem durch den Export (Zucker, Sojabohnen, Kaffee, Eisenerz) getragene BIP wuchs 2006 um 3,7 % und wird 2007 um weitere 4,5 % zulegen. Auch für das Jahr 2008 sind Wachstumsraten um 5 % prognostiziert. Die vom Rohstoffexport gespeisten Devisenreserven haben sich von der 3. Dekade 2006 an gerechnet binnen eines Jahres (!) auf 170 Mrd. $ verdoppelt (Stand Ende Okt. 2007). Die Devisenreserven sind höher als die Auslandsschulden des Landes. Damit steigt auch die Importfähigkeit. Alleine Deutschland konnte in den ersten Monaten des Jahres 2007 den Export nach Brasilien um 24 % gegenüber 2006 (5,9 Mrd. $) steigen. 

Brasilien ist aber auch ein Land extremer Gegensätze; >>Sklavenarbeit und hochmoderner Flugzeugbau, Regionen wie in der Ersten und in der Dritten Welt existieren nebeneinander. << und >> Gemäß unseren Studien ist Brasilien Weltmeister in sozialer Ungleichheit…<< - so beschreibt Carlos Lopez, UN-Koordinator für Brasilien, die wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation des Landes. Besonders beunruhigend sei, >>dass sich die Gegensätze zwischen Reich und Arm erst in den letzten beiden demokratischen Jahrzehnten des Landes verschärft << hätten.
Lopez kritisiert damit indirekt die neoliberale Wirtschafts- und Sozialpolitik des Landes, die auch von den konservativen Bischöfen der kath. Kirche kritisiert wird und durch harte Auflagen des Internationalen Währungsfonds erzwungen worden war. >> Nie sah man so viel Elend auf den Straßen.<< betonte Kardinal Agnelo, der Vorsitzende der Bischofskonferenz dieses überwiegend katholischen Landes. 
Die Politik des IWF und der Weltbank >>destabilisieren sie das Land, das ja für sein Bestehen ein funktionierendes Geldsystem und ein System braucht, das den Einsatz der Steuermittel regelt.<< - so Michel Chossudovsky, Professor für Wirtschaftswissenschaft an der Universität Ottawa.
Quelle: www.tenc.net  
Der Informationsdienst der Deutschen Wirtschaft in Köln (Ausgabe Nr. 38 vom 18. Sept. 2003) hält dagegen: >> Die Auflagen sind nötig, um das Vertrauen der Finanzmärkte in die jeweiligen Länder wiederherzustellen. … Länder wie Mexiko, Russland oder Brasilien, die seit 1994 von einer Krise betroffen waren und vom IWF unterstützt wurden, haben schnell wieder beachtliche Wachstumsraten erreicht. << 
Die Armut umfasst nicht nur den bekannt unterentwickelten Nordosten. Auch in den wirtschaftlichen Metropolen, in Rio und Sao Paulo, verschärft sich das Elend der wirtschaftlichen Unterschicht. Aufgrund der hohen Bevölkerungsdichte sind die sozialen Gegensätze sogar noch extremer, die Slums und Favelas der Großstädte, in denen Rauschgiftbanden und kriminelle Milizen die Herrschaft ausüben, wächst extremer sozialer Sprengstoff. Auf diesem Nährboden gedeihen neue sozialistische Parteien. Brasilien entwickelt sich - symptomatisch für die Südamerikanischen Staaten - nach "links" und trennt sich damit politisch zunehmend von den vorherrschend konservativen Strömungen der USA.

Externer Link:
Favelas: Favelas und ihre Bewohner - (www.brasilien.de)  

Die Wirtschaftsentwicklung Brasiliens wird kaum so deutlich wie in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit den Industriestaaten.  Aus "Entwicklungshilfe" wurde "entwicklungspolitische Zusammenarbeit" (EZ), bei der Brasilien nicht nur Almosenempfänger ist, sondern ein Partner auf hohem Niveau. Brasilien empfängt immer noch (Stand 2006) jährlich rund 85 Mio. $ an bilateraler finanzieller Hilfe, und partizipiert an über 300 Projekten der zwischenstaatlichen technischen Zusammenarbeit, die vor allem mit Japan (52 %) und Deutschland( 18 %), England und Frankreich - also den EU-Staaten - vereinbart wurden, aber der Kern dieser Zusammenarbeit wird von High-Tech-Spezialisten und Administratoren geleistet. Die zur Armutsbekämpfung in Brasilien entwickelten sozialen Techniken wie das Programm "Bolsa Escola" (Sozialhilfe gegen regelmäßigen Schulbesuch) werden inzwischen (Stand 2006) in fast 40 Ländern kopiert. 

Ein Förderer dieser Entwicklung ist der frühere Notenbankpräsident Antonia Frage. Mit einem Investitionsfonds über 4,5 Mrd. $ (2007), der aus gewinnträchtigen Beteiligungen bei McDonald's (700 Mio. $), dem südamerikanischen Unterhaltungskonzern CIE, bei Einkaufszentren, Hafenbetreibern, Ethanolfabriken, Fluggesellschaften (BRA) oder dem Kaffeeproduzenten Ipanema weiter gespeist wird, fördert er die brasilianische Wirtschaft - durchaus auch zum Wohl der Privatkunden, die seinem Investitionsfonds große Teile ihres Vermögens anvertrauen. 

Brasilien ist inzwischen - dank einer zunehmenden Binnennachfrage, die das ursprünglich durch den Rohstoffhunger ausgelöste Wirtschaftswachstum des Landes zunehmend stützt - zu einem bevorzugten Investitionsziel geworden. Alleine deutsche Firmen haben im Jahre 2006 rund 5,3 Mrd. € im Land investiert - mehr als in Russland, China oder Indien. Nach dem MSCI Emerging Markets Index - einem Börsenbaromeer des US-Finanzkonzerns Morgan Stanley Capital International - ist Brasilien seit Ende Februar 2008 inzwischen für die Börsen wichtiger als China, Indien oder Russland. 

Dementsprechend wandelt sich Brasilien zunehmend, aus dem ehemaligen Entwicklungsland, dann Schwellenland ist ein "Kernland" geworden, das für die stabilien Verhältnisse in seiner Region und bei den Nachbarn enorme Bedeutung gewonnen hat.

Die "Wirtschaftsauguren" sind sich auch überwiegend einig, dass Brasiliens Wirtschaftsboom zwar durch die steigende Nachfrage nach Rohstoffen angefeuert wird, das Wachstum aber auch vom starken Konsum, der Inlandsfrage getragen wird. Nach dem "ING Invest Latin Amerca Fonds" ist die starke Binnennachfrage sogar "die treibende Kraft der Wirtschaft". Brasilien ist also bei Weitem nicht so von globalen Entwicklungen abhängig, wie es die auf Rohstoffnachfrage fixierte Analyse nahelegt. 

Mercosur
Wirtschaftlich wird diese "Abnabelung" des Südamerikanischen Kontinents durch den MERCOSUR forciert. Hier entsteht nach dem Muster der Europäischen Union ein supranationaler Rechtsraum. Die Forderungen der USA in Richtung einer gesamtamerikanischen Freihandelszone (ALCA ) sind für die meisten südamerikanischen Staaten nicht akzeptabel, weshalb man sich auch wieder verstärkt auf die eigene Stärke in einem gemeinsamen Wirtschaftsraum besinnt, wohl auch um mehr Gewicht gegenüber den USA und den Internationalen Finanzinstitutionen zu bekommen. 
Kern des Bündnisses sind die "Wirtschaftsmächte" des Kontinents, Brasilien und Argentinien, und deren "Pufferstaaten", Paraguay und Uruguay. Chile, Bolivien und Peru - also die westlich anschließenden "Pazifik-Staaten" haben sich später als "assoziierte Länder" angeschlossen, so dass dieses Wirtschaftsbündnis eine Bevölkerung von 250 Millionen Menschen und ein gemeinsames Bruttoinlandsprodukt von 800 Milliarden Dollar repräsentiert. 
Damit ist die Mercosur-Gruppe nach der EU und dem nordamerikanischen Nafta-Wirtschaftsraum die drittgrößte Wirtschaftszone der Welt, deren interne Zollgrenzen - mit Ausnahme von Zucker und Kraftfahrzeugen - inzwischen aufgehoben wurden.

Interner Link: 
Mercosur - (www.globaldefence.net)



Letztes Update ( Montag, 26 Mai 2008 )
 
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