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Blitzlichter Randprovinzen
Weitere Informationen Interne Links Externe Links Im Schatten des Aufschwungs - Randprovinzen: Die westlichen Investoren bevorzugen als Standorte die großen Städte der südlichen und mittleren Küstenzone - vom Perlflussdelta über Shanghai bis Tianjin, Peking und Dalian; zurück geblieben sind dagegen die ehemaligen Zentren der staatlichen Schwerindustrie in der Mandschurei und im "Industrierevier", den Kohlezechen der Inneren Mongolei. Aber auch die an den Grenzen zu Russland und Zentralasien gelegenen Randprovinzen profitieren inzwischen vom wirtschaftlichen Aufschwung Chinas. Gerade der Handel mit Konsumwaren, die in die zurückgebliebenen Staaten der ehemals sowjetisch gesteuerten Planwirtschaft exportiert werden, lässt die im Inneren gelegenen Randprovinzen Chinas ebenfalls am Aufschwung partizipieren.
Mandschurei: Die Nordostregion - das alte chinesische Ruhrgebiet - war die Heimat der ursprünglich nicht chinesischen Mandschu-Kaiser. Die "große Mauer", die das Reich der Mitte vom barbarischen Norden trennte - begann nördlich von Tianjin an der Bohai-Bucht. Nach der Abschaffung des chinesischen Kaisertums wurde unter japanischer Führung ein Marionettenstaat der Mandschu-Kaiser eingerichtet. Hier hatten die Japaner einst - während des zweiten Weltkriegs - auf Grundlage der enormen Kohlenvorkommen eine Stahl- und Verhüttungsindustrie errichtet, um Kriegsmaterial zu produzieren. Russische und japanische Interessen haben sich hier gekreuzt - und nach dem zweiten Weltkrieg zum Aufbau einer nationalen Schwerindustrie nach sowjetischem Muster geführt. Nach der Niederlage und dem Abzug der Japaner hat der chinesische Staat die Kombinate übernommen, so daß bald 16 % des chinesischen BIP aus Chinas Nordosten kamen, der nur 8 % der chinesischen Bevölkerung stellt. Mit dem Zusammenbruch der maoistischen Wirtschaft gerieten auch die alten Dinosaurier sowjetischen Musters "ausser Tritt". Diese Staatsbetriebe mit ihrer von der Kollektivwirtschaft überzeugten Belegschaft sind offenbar dem Druck der in der Marktwirtschaft "gestählten" freien Betriebe aus den östlichen und südlichen Küstenprovinzen nicht mehr gewachsen. Im Kohle- und Stahlrevier der Mandschurei wiederholt sich im Großen, was den Bewohnern des Ruhrgebietes vor Jahren wiederfahren ist. Der Anteil der Region am BIP ist auf < 9 % gesunken. Ein immer unruhigeres "Industrieproletariat" war die Folge. So kam es im Februar 2000 in Folge von Privatisierungen der Zechen einer Bergarbeiterstadt etwa 400 km nordöstlich von Peking über drei Tage hinweg zu erbitterten Straßenschlachten zwischen Bergarbeitern und der Polizei. Die Regierung muss nunmehr bemüht sein, auch in den Stahl- und Zechengebieten der Mandschurei und in den zurück gebliebenen ländlich strukturierten Provinzen des Inneren alternative Industrien aufzubauen und Arbeitsplätze zu schaffen, um den durch Schließungen bedrohten Belegschaften der staatlichen Kombinate und die hinter dem Aufschwung zurück gebliebenen landwirtschaftlich geprägten Provinzen den "Anschluss" an die allgemeine Entwicklung zu ermöglichen. Seit 2003 wird daher unter der Leitung von Ministerpräsident Wen Jiabao ein Konzept der chinesischen Regierung zur Wiederbelebung der Industriestandorte im Nordosten Chinas umgesetzt, das nach nunmehr 4 Jahren überprüft werden soll. Anscheinend geht der Aufbau oder die Restrukturierung nicht rasch genug voran. Das mag auch an der Bevorzugung der Küstenregionen im Süden durch ausländische Investoren liegen, obwohl vom Nordosten aufgrund der guten Bahnanschlüsse nach Russland (und damit nach Europa wie zum Hafen Wladiwostok) ein schnellerer Gütertransport nach Europa ermöglicht wird als von den (notorisch überlasteteten) Häfen in den Küstenstädten. Chinas Zentralregierung hat ein Milliarden-€ Programm aufgelegt, um den ländlichen Provinzen den Anschluss an die wirtschaftliche Entwicklung zu ermöglichen. Der "5-Jahresplan" von 2006 bis 2010 sieht Investitionen von 21,5 Mrd.€ in die Schulen und Universitäten, 20 Mrd.€ in die Infrastruktur und 2 Mrd. € in die ärztliche Versorgung vor. Inzwischend sind Millionen von Chinesen die Region bis hin zur russischen Grenze neu zu beleben. Wer von Russland aus über die Grenzflüsse nach China blickt sieht eine boomende Wirtschaftsregion - die den russischen Nachbarn armselig und zurück geblieben erscheinen lässt. Die Provinz Jilin mit der Hauptstadt Changchun kann als "typisch" für das ehemalige Schwerindustriegebiet im Nordosten Chinas gelten. Mit 1200 km Grenzlinie zu Nordkorea - und 232 km zu Russland - liegt die Provinz im Brennpunkt der Weltpolitik, der zugleich eine für längere Zeit wirtschaftlich im Abseits gelegene Region markiert. Changchun zählt 2,5 Mio. Einwohner und ist die Heimat von Chinas "First Automobile Works" (FAW), dem ältesten der etwa 80 chinesischen Autofabrikanten. Seit 1953 werden - inzwischen (Stand 2008) in mehr als hundert Niederlassungen mit etwa 100.000 Beschäftigten - diverse Fahrzeugtypen gefertigt. Etwa 200.000 Einheiten und damit 2/3 der Produktion sind Busse und Lastkraftwagen. Die rotchinesische Staatslimousine "Rote Fahne" (Hong Qui) entstammt den Fabriken des Konzerns. Seit 1988 ist FAW Partner von Audi, und der Audi 100 ist das erste in Lizenz produzierte Westfahrzeug des Unternehmens. Seit 1996 wird in einem eigens errichteten Joint-Venture und einem neuen, gemeinsamen Autowerk mit 17.000 Beschäftigten mit modernsten Fertigungsmethoden ein Audi nach dem anderen für China hergestellt - etwas über drei Minuten dauert es, bis ein neu zusammen geschraubter Audi die Fertigungsstraßen verlässt. Nach dem Audi A 6 wird seit 2003 auch der A 4 produziert - und auf dem Gelände entsteht eine völlig neue Fabrikanlage, auf der künftig - unter alleiniger Regie von Audi - unter anderem der kleine Geländewagen Q 5 vom Band laufen wird. Innere Mongolei und Shanxi: Peking liegt historisch gesehen eigentlich am Rande des Riesenreiches. Unmittlbar nödlich der Hauptstadt befindet sich die chinesische Mauer, die über Jahrhunderte hin die wilden Barbaren - insbesondere die Mongolen - vor Einfällen in das Reich der Mitte abhalten sollte. Jenseits der Mauer also das Land der Barbaren - der Mandschu im Nordosten und der Mongolen im Nordwesten Pekings. Tatsächlich wird die Region westlich von Peking noch heute als "Innere Mongolei" bezeichnet - obwohl die Mongolen schon längst eine Minderheit unter den Bewohnern sind. In die ca. 300 km westlich von Peking gelegene öde Kohlestadt Datong (im Herzen der Kohleprovinz Shanxi) mit ihren ca. 1,41 Millionen Einwohnern (2003) im urbanen Stadtzentrum und weiteren 1,57 Millionen Einwohnern in den umliegenden Kreisen und ihrer buchstäblich atemberaubenden Luftverschmutzung verirren sich nur selten Touristen. Dabei locken hier kunsthistorische Schätze ersten Ranges. Die Stadt wurde als Píngchéng (平城) während der Han-Dynastie gegründet. Von 398 bis 494 beherrschten die Könige des Toba-Volks bzw. der Nördlichen Wei-Dynastie von hier aus halb China. 1048 wurde die Stadt in Datong (= Große Einheit) umbenannt und diente vom 10. bis 13. Jh. den Kitan und den Dschurdschen als Nebenhauptstadt. Unter den Ming wurde Datong wieder chinesische Grenzstadt - und hat im letzten Jahrhundert wegen seiner Kohlenvorkommen enorme Bedeutung für Chinas Energieversorgung erhalten. Auch diese Region "baut um". Die MTU-Tochter Tognum wird in Datong mit der China North Industries Group ab 2009 Hochleistungsdieselmotoren für Bergbaulastwagen, Notstromaggregate für Atomkraftwerke und Schiffe bauen.
Xinjiang - Hsinkiang Der "Wilde Westen Chinas" wird mit zunehmendem Interesse Chinas an den zentralasiatischen Staaten aus seinem "Dornröschenschlaf" geweckt. Die Zahl der Uighuren ist in der Autonomen Region Xinjiang (chinesisch: "Neue Grenze") von 92 % (1949) auf 50 % Jahrtausendwende) gesunken. Immer mehr Chinesen strömen in die Städte. Ürümqi - die 3 Mio. Einwohner zählende Verwaltungshauptstadt - wird zu 80 % von ethnischen Chinesen bewohnt, und steht mit ihren Hochhäusern den Boomstädten an der Küste nichts nach. Bereits heute verbinden Straßen, eine Eisenbahnlinie und eine Ölpipeline Kasachstan mit den Küstenprovinzen Chinas - und die Hochgebirgsstraße von Kashgar nach Pakistan stellt eine strategische Alternative zum Nadelöhr an der Straße von Malakka dar. Kashgar wird zu einem Verkehrsknotenpunkt ausgebaut - mit Verbindungen zur Hafenstadt Gwadar am Persisch-Arabischen Golf und nach Zentralasien ("neue Seidenstraße"). Die Shanghai Cooperation Organisation (SCO) bildet die politische Plattform für einen immer engeren Verbund der Staaten entlang der alten Seidenstraße, die durch weitere Infrastrukturprojekte massiv erneuert und modernisiert wird.
Dabei hat die Provinz durchaus selbst "eigene Reichtümer" zu bieten. Im Jahre 2007 wurden 15 Mrd. cbm Naturgas im Tarim-Becken gefördert. Etwa 1/10 des chinesischen Erdölbedarfs und 1/5 des eigenen Erdgasverbrauchs (Stand 2006) werden aus den Vorkommen in der Provinz gedeckt, die seit 2004 über eine mehr als 4.000 km lange Pipeline Shanghai mit Energie versorgen kann. Dazu kommt der Anschluss der Kasachischen Ölfelder von Atasu (seit 2006), der eine Verbindung zu den westsibirischen Feldern ermöglicht und bis zu den reichen Vorkommen am Kaspischen Meer erweitert werden soll. 14 Mrd. cbm Gas haben 2007 diese Leitung nach Westchina durchflossen. Xinjiang - das frühere Hsinkiang - entwickelt sich zur Drehscheibe für die immer wichtigere Versorgung der chinesischen Wirtschaft mit Energie. Neben der bereits vereinbarten Errichtung einer Pipelin durch Kasachstan bis zum Kaspischen Meer könnte bald auch eine "Südpipeline" die Gas- und Ölvorkommen von Turkmenistan und dem Iran für China erschließen. Seit Anfang 2006 ist der Bau einer Gas-Pipeline von Tadschikistan nach Kashgar mit einer Jahreskapazität von 30 Mrd. cbm vereinbart. Nach der Fertigstellung (2009 vorgesehen) lässt sich eine Verlängerung nach Turkmenistan recht leicht realisieren - und dem Anschluss der iranischen Felder am Kaspischen Meer steht dann auch keine technische Hürde mehr im Wege. China, das etwa die Hälfte seines Ölbedarfs über Tankschiffe aus dem Persischen Golf abdecken muss (Stand 2006), wäre damit weniger abhängig von der in Krisenzeiten störanfälligen Schiffspassage durch den Indischen Ozean, die Straße von Malakka und das südchinesische Meer.
Im Gegenzug werden preiswerte chinesische Waren auf die Basare der zentralasiatischen Staaten gepumpt. Die zu hunderttausenden in die Region strömenden Han-Chinesen nützen diese Nachfrage (und die im Gegensatz zu den Küstenprovinzen noch geringen Löhne), um in der Provinz eine preiswerte Konsumgüterindustrie für die zentralasiatischen Märkte aufzubauen. Mit zunehmender Kaufkraft der Bevölkerung Zentralasiens werden auch die dort feil gebotenen chineischen Waren immer komplexer - und teurer. China, so scheint es, holt sich zumindest einen Teil der Investitionen in den Erdölfeldern Kasachstans wieder zurück.
=> siehe auch unser Dossier: Ostturkistan Externer Link: Wirtschaftsförderung in Westchina
Tibet: "Die tibetanischen Gebiete Westchinas verzeichnen nach einer Studie von A.M. Fisher mit die höcshte Armutsrate Chinas, das größte Gefälle zwischen Stadt und Land und mit Astand die schlechtesten Bildungskennzahlen. ... Bis heue sind fast die Hälfte aller Tibeter Analphabeten, 60 % aller Frauen. Die Vereinen Nationen bescheinigen Tibet die schlechteste Bildungssituation aller 31 chinesischen Provinzen. Die chinesische Sprache und Schrift, die in der Schule gelehrt wird, ist nicht die ihre" (FAZ 17.03.2008) Seit dem Ende der neunziger Jahre versucht Peking, den Aufschwung der Küstenprovinzen auch auf die im Hinterland gelegenen Autonomen Regionen auszudehnen. "Tibet darf nicht für immer rückständig bleiben" war die Losung, die der damalige Parteichef Jiang Zemin ausgegeben hat. Rund 40.000 km Straßen wurden - zunächst wohl durchaus auch aus strategischem Interesse - von den Chinesen gebaut, Elektritzitätswerke errichtet (inzwischen verfügen 60 % der tibetischen Haushalte über einen Stromanschluss), der Flughafen von Lhasa erweitert, Milliarden investiert, um die rückständigste Region der Volksrepublik zu modernisieren. Die gerade fertiggestellte Bahnstrecke von Quinghai nach Lhasa ist der Höhepunkt der Bemühungen, zunächst die Infrastruktur zu verbessern und die Region zu erschließen. Die Bahnlinie ermöglicht den industriellen Abbau von Tibets Bodenschätzen wie Eisenerz. Diese Investitionen sind bisher allerdings hauptsächlich den Städten und den dort angesiedelten Han-Chinesen zu Gute gekommen. In den nächsten fünf Jahren sollen die Stromversorgung flächendeckend für alle Tibeter gesichert werden. Tibet wird "verwestlicht" - und mit der wirtschaftlichen Entwicklung verliert die Religion und damit auch die Symbolfigur des Dalai Lama an Bedeutung.
=> siehe auch unser Dossier: Tibet - Vierzig Jahre autonome Region und umstrittene Provinz Chinas - oder besetztes Land?
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